Fusion ist nicht Liebe


Konfusion hat, wie das Wort selbst sagt, mit Fusion zu tun. Der Begriff der Fusion bedeutet verschmelzen, vermischen oder, salopp formuliert, in einen Topf werfen.

Überall in unseren fusionellen westlichen Kulturen, sei es nun zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Partnern, können wir Reaktionen beobachten, die davon zeugen, dass Fusion mit Liebe gleichgesetzt wird.

Jeder Versuch, Autonomie zu erlangen und die Fusion oder Symbiose zu verlassen, wird als Liebesentzug gewertet und sanktioniert mit Wut, Eifersucht oder gar Hysterie. Oder es kommt bei demjenigen Partner, der sich in seinem Bedürfnis nach Fusion alleingelassen sieht, weil der andere sein natürliches Recht auf Autonomie geltend macht, ein Gefühl tiefer Verlassenheit auf, das die Verlassenheitsängste der frühen Kindheit reaktiviert und ins Bewusstsein fördert.

Dieser Prozess, wird er bewusst erlebt und als Trauerarbeit verstanden, ist äußerst positiv für die Evolution der betreffenden Person, sowohl was ihre Liebesfähigkeit angeht, als auch im Hinblick auf die Entwicklung der individuellen Kreativität. Wird eine solche Bewusstwerdung jedoch verdrängt—weil sie vielleicht zu große Ängste heraufkommen lässt und therapeutische Hilfe fehlt—so führt das dazu, dass die Person sich wieder nach einem neuen Fusionspartner umschaut, das heißt wieder eine Beziehung anfangen wird, die nicht dauerhaft sein kann, weil sie auf einer Illusion beruht.

Das Ende der Fusion ist zugleich das Ende dieser Illusion und der Beginn der Realisierung des eigenen Selbst. Im Zustande der Fusion ist das Selbst in seinem Ausdruck gehindert. Es ist nicht fähig zur Autonomie, da es sich selbst stets ‘in Beziehung zu’ definiert und alle seine Regungen, gleich einem Stein, den man in einen stillen Teich wirft, in erster Linie Wellen erzeugen im Energiefeld des Fusionspartners.

Es ist dies also auch ein bioenergetisches Problem. In jeder Fusion kommt der Hauptteil der Lebensenergie des einen Fusionspartners dem anderen Fusionspartner zugute. Wir haben es hier mit einer Art geschlossenem System oder geschlossenem Energiekreislauf zu tun.

Das realisierte, von der Fusion befreite Selbst, schwingt hingegen in sich selbst; es genügt sich selbst und ist daher für alle verfügbar. Um dies zu verdeutlichen, sollte man sich einen Heiligen oder Eremiten vorstellen, der, ohne Familie und direkte Bezugspersonen, weitab vom ordinären Leben, in der Zurückgezogenheit lebt.

Ein solcher Eremit, hat er sein Selbst verwirklicht, ist nicht etwa getrennt von allem, sondern—dies erscheint nur auf den ersten Anblick paradox—verbunden mit allem. Indem das Selbst nur noch in Beziehung steht mit sich selbst, ist es in Wahrheit mit allem in Beziehung, mit dem ganzen Kosmos.

Affektive Konfusion ist die Vermischung von Ich und Du, die den Austausch von Affektion unmöglich macht. Denn Austausch setzt ein Mindestmaß an Distanz voraus, an Autonomie. Geben und Nehmen erfordern einen gewissen Abstand. Wer an einem anderen klebt, kann ihm seinen Arm nicht mehr ausstrecken, um ihm etwas zu geben oder etwas von ihm zu erhalten.

Diese Wahrheit ist im Evangelium auf eine unmissverständliche Art zum Ausdruck gebracht, da nämlich, wo Jesus diejenigen, die ihm folgen wollen, auffordert, alle Bindungen an Eltern, Kinder und auch Verstorbene, an denen man hängt, abzubrechen. ‘Lasst die Toten die Toten begraben,’ sagte er.

Dies bedeutet, auf uns übertragen, nicht, dass wir tatsächlich jede Art von Beziehungen und Familie aufgeben sollen, um unserer Berufung zu folgen, sondern, dass wir innerlich frei sein sollten von solcher Anhaftung, die uns davon abhält, in Freiheit unsere spirituelle Lebensmission zu erfüllen.

Das ist dem einen sehr wohl möglich mit Familie, dem anderen jedoch nicht. Wer frei ist von fusioneller Anhaftung, kann von Menschen umringt sein und in vielfältigen familiären und außerfamiliären Beziehungen zu anderen Menschen stehen: er ist dennoch innerlich frei und ungebunden, und autonom.

Fusion finden wir nicht nur in intimen oder familiären Beziehungen, sondern auch in kollektiven Formen der Anhaftung, wie der völligen Inkorporierung einer Person in eine Sekte oder eine Firma oder ein politisches System oder Partei. Davon zu unterscheiden ist die Hingabe an einen Guru oder an eine Aufgabe.

Hingabe erfordert, wie das Wort sehr schön zeigt, einen Akt des Gebens, einen willentlichen Akt also, der ein Geben zum Inhalt hat. Geben setzt eine Distanz voraus. Es ist nicht Inkorporierung, sondern ein Geben vom Standpunkt der Autonomie aus. Der Schüler, der die Leitung eines Guru annimmt, kann natürlich Fusion erstreben. Aber in diesem Falle missverstünde er die Rolle eines spirituellen Ratgebers. Denn wer einen Ratgeber sucht, muss sich zuvor bereits grundlegende Fragen zum Sein gestellt haben.

Und solche Fragen können nur einer Person ins Bewusstsein treten, die bereits einen gewissen Grad an Autonomie erreicht hat. Die Rolle gewisser Menschen, denen wir in unserem Leben begegnen, ist gerade, uns aus fusionellen Denkformen herauszuführen.

Diese Menschen, die uns zu unserer wahren Aufgabe, zu unserem wirklichen Verlangen hinführen, sind Heiler, Therapeuten und Gurus. Solche Personen müssen ihrerseits ihre fusionellen Probleme ins Licht des Bewusstseins gezogen haben und zu wirklich oblativer Liebe fähig und bereit sein. Solche Liebe sieht im anderen nämlich immer das Beste, das Ideal und die höchstmögliche Existenzform.

Es gibt jedoch auch Menschen, die sich ihrer Rolle insoweit kaum bewusst sind und dennoch, durch den hohen Grad an egofreier Liebe, die sie realisiert haben, einen gleichwohl heilenden Einfluss auf andere ausüben.

Eifersucht ist im Grunde ein Fusionsproblem. Wer glaubt, einen anderen Menschen besitzen zu können oder wer annimmt, Liebe setze gar solchen Besitzinstinkt an einem anderen Menschen voraus, verwechselt Liebe mit Fusion.

Liebe als höchste Form des Respekts vor der Verschiedenheit des anderen, als höchste Anerkennung seiner Autonomie, kann nicht Eifersucht erzeugen. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass Liebe, in unreiner Form gewissermaßen, mit Eifersucht, oder fusionellen Tendenzen vermischt erscheint.

Das ist sogar der Regelfall—was allerdings nicht heißt, dass es der Idealfall ist—bei dem, was man gemeinhin unter Liebe versteht. Es gibt hier daher, wie überall, ein mehr oder weniger. Selten trifft man hingegen auf Beziehungen, die ausschließlich fusionell oder autonom sind.

Denkbar sind hier namentlich zwei Entwicklungsmodelle. Das eine könnte davon ausgehen, dass jede Beziehung, als Fusion gewünscht und angelegt, sodann die beidseitige Autonomie der Partner wachsen lässt und sich so auf ein Maximum wahrhaft gebender Liebe hinentwickelt. Das andere Modell könnte phasen– oder zyklenartige Fluktuationen in Beziehungen postulieren, wobei der Grad an Abhängigkeit einerseits und der Grad an Autonomie der Partner, andererseits, als variabel anzusehen wäre. Es kann von Fall zu Fall durchaus verschieden sein, welches der beiden Evolutionsmodelle einer Beziehung zugrunde liegt.

Diese Überlegung bringt mich zur Frage, welchen Einfluss Liebe in einer Beziehung hat. Ist sie fusionsbegründend oder fusionslösend?

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