Von der Fusion zum eigenen Selbst


Das Leben anzunehmen bedeutet, sich selbst annehmen.

Es bedeutet nicht, eine bestimmte Art zu sein zu übernehmen, die kollektiv befürwortet wird oder herrschend ist. Denn je mehr man sich mit kollektiven Persönlichkeitsmerkmalen identifiziert, umso mehr entfremdet man sich von seiner Eigenheit.

Das Leben anzunehmen bedeutet also vor allem, die eigene Verschiedenheit zu bejahen. Denn es ist gerade unsere Verschiedenheit, die uns singularisiert, individualisiert und aus dem Meltpot des Kollektiven heraushebt. Es ist unsere Eigenheit, die uns aus der Fusion mit dem Massengeist befreit. Dies, obwohl doch die meisten Menschen in solcher Art von Fusion leben und Sicherheit und Geborgenheit bei anderen suchen. Dabei sind alle fusionellen Beziehungen, alles Gruppendenken, das Individualität leugnet, lediglich Verlängerungen der primären Fusion, der mit dem Mutterbauch, der Matrix, dem Nest, dem Stammbaum. Freiheit von Angst, von aller Angst, ist nur möglich, wenn diese Pseudofusion, wie ich sie nenne, ein Ende hat und der Mensch seine wahre originäre Einheit wiedererlangt hat. Dazu ist Einsamkeit oft der beste Weg.

Grundaussage dieses Essays ist, dass wir Autonomie und Selbstverantwortung, sowie freie Realisierung unseres kreativen Potentials nur erlangen können, wenn wir unsere Grenzen bestimmt haben, uns abgegrenzt haben gegenüber unserer Genealogie, ohne diese zu verleugnen, und unsere eigene Berufung im vollen Vertrauen ins Leben akzeptieren. Dies können wir jedoch nur dann, wenn wir wissen, wer wir sind. Wir müssen uns selbst kennen. Das aber ist erst dann möglich, wenn wir uns erhören, wenn wir unsere Bedürfnisse erkennen und anerkennen, sie uns selbst gegenüber zugeben, und auch unserer Umwelt mitteilen. Missachten wir unsere Bedürfnisse, so ist es uns nicht möglich, die Belange anderer Menschen zu verstehen und zu achten. Respekt, den wir uns nicht selbst zuwenden, können wir auch anderen nicht geben. Liebe Deinen Nächsten! sollte daher umformuliert werden in Lerne, Dich selbst zu lieben!

Wir können zu einer fruchtbaren dialektischen Integration ins Kollektiv nur gelangen, wenn wir uns individualisiert haben, also wahrhaft uns selbst geworden sind. Der Entwicklungsprozess, der uns dahin führt, erstreckt sich über drei verschiedene Stadien. Er lässt sich umreißen mit den Schlagworten:
—Fusion
—Individuation
—Integration

Bevor ich auf diese einzelnen Stadien der Selbstwerdung näher eingehe, möchte ich zur Veranschaulichung ein Bild aus der Natur betrachten: die Zellteilung. Aus einem Ganzen teilt sich ein neues Ganzes ab. Das neue Ganze ist nicht etwa Teil des alten Ganzen, sondern ein vollständiges neues Ganzes. Dies ist deshalb biologisch möglich, weil, wie man heute weiß, alles in der Natur in Hologrammen programmiert ist. Das bedeutet, dass in jeder Zelle die Information des Ganzen enthalten ist, dass jeder Partikel einer größeren Einheit das gesamte genetische Programm der Einheit enthält. Auf diese hochintelligente Weise ist es der Natur möglich, äußerst komplexe Lebensstrukturen zu erschaffen, da vielfältige Zellteilungen keinen Verlust an genetischer Information mit sich bringen.

Dieses Bild aus der Genetik soll uns helfen, den Vorgang der Individuation im menschlichen Wachstumsprozess zu begreifen. Alles entsteht aus der Fusion, durch anschließende Separation. Und im Schöpfungsmythos der Bibel lesen wir, dass Gott die Wasser schied. Im antiken chinesischen Volksglauben schieden sich Himmel und Erde, also Yang und Yin voneinander, damit das Leben entstehen konnte.

Rein biologisch gesehen stellt das Durchschneiden der Nabelschnur das Ende der Fusion des Fötus mit der Matrix dar. Jedoch ist das menschliche Baby im Unterschied zu anderen Warmblütern noch nicht lebensfähig. Es bedarf vielmehr einer fortbestehenden symbiotischen Bindung an die Mutter oder einen Mutterersatz, um überleben und sich psychomotorisch voll entwickeln zu können.

Alles neue Leben ist angelegt auf autonome Bestimmung und trägt in sich einen Willen, diese Autonomie zu erlangen. Dieser Wille ist bereits im Kleinkind angelegt. Wird er von den Eltern respektiert, entwickelt sich das Kind zu dem, was es als Individuum tatsächlich ist, weil Autonomie den Weg zur Selbstkenntnis ganz natürlich öffnet. Respektieren die Eltern und die Umgebung des Kindes diesen Willen nicht, so bleiben dem Kinde nur zwei Möglichkeiten. Entweder affektiv zu sterben, also alle Emotionen, die von seinen Eltern nicht toleriert werden, in sich zu unterdrücken oder aber seine Emotionen zu verfremden, das heißt sich affektiv vor seinen Eltern zu prostituieren.

Autoritäre Erziehung verlangt von Kindern in aller Regel eine solche Art von affektiver Prostitution, ein ständiges auf den Goodwill ihrer erwachsenen Umwelt abzielendes Unterwerfungsverhalten. Ich brauche nicht ausdrücklich zu erwähnen, wie destruktiv sich dies auf das Selbstwertgefühl des Kindes auswirkt. Kinder hingegen, denen das Recht auf Individualität zugestanden wird, die also innerhalb des Umfelds elterlicher Affektion und Sorge eine persönliche Autonomie entwickeln und ausdrücken dürfen, werden später kaum Probleme haben bei der Wahl ihres Berufs oder ihres Partners. Denn sie wissen, was sie wollen. Und wer weiß, was er will, der hat größere Chancen, es zu erhalten, als der, der sich ständig fragt, was er eigentlich will, weil ihm das Wollen bereits in den Kinderschuhen von unverständigen oder infantil gebliebenen Eltern ausgetrieben wurde.

Das sogenannte Problem der heutigen Jugend ist im Grunde ein uraltes, nämlich die Unkenntnis darüber, wer man ist, was man will und, demzufolge, was eigentliche Sinn des Daseins ist. Die neuzeitliche Erziehung vermittelt keine wirkliche Bildung, welche nämlich Selbstbildung wäre. Mechanistische Erziehung, wie sie heute überall üblich ist, kann diese Kenntnis des eigenen Selbst nicht vermitteln. Keine organisierte Religion kann den Sinn geben, den man nicht in sich selbst entdeckt hat, da nämlich, wo er liegt: im eigenen Herzen.

Fusionelle Beziehungen, mit all ihrer selbstentfremdenden Dynamik, finden nicht dadurch ein Ende, dass man Schluss macht, das heißt, die Beziehung, aus welchem äußeren Anlass auch immer, aufkündigt. Denn auf das Ende wird ein Anfang folgen. Eine Nabelschnur wird durch eine andere ersetzt werden. Einfach, weil man das Bedürfnis hat nach Fusion, weil man sich im anderen verlieren will. Wer nicht von seiner Matrix abgenabelt ist, wird immer versuchen, diese auf seine Partner zu projizieren. Es ist offenbar, dass die Folgen solchen Verlangens nach Fusion noch schädlicher sind, wenn die eigenen Kinder als Partner für die Fusion gewählt werden. Denn in dem Falle ist dem Kinde das Erlangen von Autonomie fast unmöglich und die Affektion der Eltern oder des fusionellen Elternteils wird vom Kinde als persekutorisch und in hohem Masse beängstigend empfunden.

Die hier angeschnittene Problematik stellt letztlich einen Aspekt der ewigen Suche nach dem Paradiese dar. Doch nicht umsonst wurden die ersten Menschen aus dem Paradiese verjagt.

Denn versteht man diesen biblischen Mythos richtig, so liegt seine tiefe Wahrheit klar auf der Hand. Adam und Eva mussten das Paradies verlassen, um autonom werden zu können.

Paradiese haben, wie alles, zwei Seiten. Sie gewähren einerseits die fast vollkommene Illusion von Sicherheit und befriedigen alle nur erdenklichen Bedürfnisse. Aber sie haben auch eine andere Seite. Sie stellen im Grunde Gefängnisse dar. Denn der Baum der Erkenntnis und des Lebens war den ersten Menschen auch im Paradiese versagt.

Um wahrhaft leben zu können, mussten sie der Weisheit der Schlange folgen. Durch Essen des Apfels erkannten sie sich als Mann und Frau und verließen ihre Kindheit.

So muss jeder Mensch das Nest seines Paradieses verlassen. Ein Fötus, verbliebe er im Mutterleib, weil er sich das Trauma der Geburt ersparen möchte, stürbe im Mutterleib. Im menschlichen Leben wird das Nest, durch den Stammbaum versinnbildlicht. Er ist das Symbol für die hereditären Wurzeln der Person. Er ist jedoch zugleich das Gefängnis des Individuums, das Grab seiner Eigenheit.

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