Vom Wesen des Glaubens


Als Musterbeispiel möchte ich die Autobiographie von Dr. Edmond Bordeaux–Szekely hier anführen. Die Lebensgeschichte dieses Abenteurers der Gesundheit ist die Laufbahn eines modernen Helden und erinnert in mancher Hinsicht an die bewegten, hindernisreichen, doch letztlich gloriosen Abenteuer von Märchengestalten und Persönlichkeiten der alten Mythen.

Auf der Suche, nicht so sehr der verlorenen Zeit, sondern der verlorenen Gesundheit, reiste Dr. Bordeaux in die entlegensten Gebiete der Erde, um durch den Kontakt mit naturnahen Volksstämmen das Geheimnis des Lebens, oder, um es zeitnaher auszudrücken, des Überlebens, zu ergründen.

Doch beschränkte sich das Wirken dieses außergewöhnlichen Mannes nicht auf die Forschung. Er setzte alle seine Erkenntnisse sogleich in die Tat um, und half dabei einer Unzahl von Menschen, Gesundheit, Lebenskraft und Harmonie zu finden oder wiederzufinden.

Seine Lehren und die Anwendung der Lebensweisheiten der Essener, deren Schriften er in der Bibliothek des Vatikan entdeckte und 1928 erstmals als Friedensevangelium der Essener veröffentlichte, brachten ihm nicht nur Freunde, sondern auch Gegner, Hindernisse und Schwierigkeiten ein.

Mehrmals war sein Leben in Gefahr, sei es, dass er nach einer Strandung auf einer wasserlosen Insel überleben musste, sei es, dass er eine Wüste ohne alle Hilfsmittel, und vor allem ohne Wasser, durchquerte, sei es durch einen verstimmten Inselgouverneur, der ihm ein Ultimatum stellte und die Kanonade seines Schiffes androhte, weil er auf der Insel Leprakranke mit der Weisheit essenischer Naturkenntnis behandelt hatte.

Es ist, als habe dieser Mann selbst ein Märchen gelebt oder einen Mythos begründet. Doch darin steht er nicht allein. Man denke an den anderen großen Edmond, Edmond Kaiser, den Begründer von Terre des Hommes. Man stelle sich nur einmal vor, wie man selbst, als die Gräuel in Biafra geschahen, vor dem Fernseher saß und sich die Bilder von verhungerten oder massakrierten Kindern ansah, und die Zahlen vernahm, wie viele Kinder pro Tag dort ihr Leben verloren. Dieser Herr Edmond Kaiser blieb nicht, wie die meisten von uns, still vor dem Fernseher sitzen. Er nahm sein letztes Barvermögen, setzte sich ins Flugzeug, flog nach Biafra, nahm so viele Kinder auf, wie es ihm möglich war, brachte sie mit in die Schweiz, ließ sie ärztlich versorgen, um sie schließlich von Familien adoptieren zu lassen.

So entstand Terre des Hommes. Oder vielleicht bereits vorher, als der kleine Sohn Edmond Kaisers in einen Brunnen fiel und ertrank. Dieser Schock markierte Kaiser so sehr, dass er die ganze Liebe, die er für diesen einen Sohn in seinem Herzen trug, künftig allen Kindern zugute kommen ließ. So machte er aus der »Not eine Tugend«, wie es die Volksweisheit ausdrückt und wurde zu dem unermüdlichen Kämpfer für die Sache der Kindheit, wie wir ihn heute kennen.

In allen Märchen ist der Held eine Person, die durch die mutige Überwindung aller möglichen Hindernisse zu innerer Einheit und schließlich auch äußerem Ansehen und Erfolg gelangt. Alle diese Helden haben eine Idee, für die sie kämpfen, repräsentiert meistens durch eine schöne Königstochter, deren Hand sie am Ende der initiatorischen Reise erhalten. Die eheliche Verbindung, Liebe und auch sexuelle Erfüllung sowie Kindersegen stehen symbolisch für den élan vital, die Lebenskraft, die den Helden bei seinem manchmal dornenreichen Weg durchströmt und leitet, die ihm Kraft und Mut verleiht und die gerade durch positives Vorwärtsstreben sich immer wieder erneuert und verstärkt.

Und Glauben in dem hier verstandenen Sinne ist Glaube an sich selbst, an das Selbst, an die eigene Bestimmung. Es ist Selbstvertrauen. Was ist eigentlich dieses Selbstvertrauen? Ist es nicht die Basis alles wahren Optimismus? Ist es Vertrauen in das Ich, das Ego, die menschliche Singularität, oder ist dieses Vertrauen in Wahrheit Glaube, Vertrauen in eine Art von Höherer Leitung?

Schauen wir uns das Wort Selbstvertrauen an, so sehen wir, dass es zerlegbar ist in die Bestandteile ‘Selbst’ und ‘Vertrauen’, also: Vertrauen in das Selbst. Das Selbst, so lehrt uns unter anderem Ramana Maharshi, ist unsere Höhere Instanz, unser wahres Ich–Bin, es ist, christlich formuliert, Gott in Form des Heiligen Geistes, der den Gläubigen animiert, leitet und schützt und mit Kraft, Mut und Zuversicht füllt. Selbstvertrauen ist also durchaus nicht eine Art von Eitelkeit oder Selbstüberschätzung, sondern schlichtweg Glaube.

Was Märchen und Mythen lehren, ist letztlich das, was auch die Religionen den Menschen nahelegen: sich ganz auf diese Höhere Leitung zu verlassen, oder, wie es heißt, sein Haus nicht auf Sand, sondern auf einen Felsen zu bauen und im Vertrauen auf diese Kraft sein Brot zu essen, also seine Aufgaben, sein Lebensideal zu erfüllen.

Die Selbstprogrammierung durch positive Affirmationen ist der einfachste und beste Weg, diesen Glauben ständig zu nähren und zu verstärken. Glaube ist selbst Bestandteil des »Heiligen Geistes«, oder jedenfalls ein Weg, der uns dieser Höheren Leitung öffnet, der uns von allem befreit, was uns von ihr abhält, also Angst und Zweifel. Glaube ist dabei jedoch nicht Verneinung von Angst und Zweifel, denn das würde bedeuten Verneinung der menschlichen Natur und wäre wiederum eine Reaktion der Angst, sondern Annahme unserer menschlichen Schwächen im Glauben, das heißt mit der festen Überzeugung, trotzdem zu siegen, weil Glaube unsere Schwächen in unsere wahre Stärke verwandelt (‘Die Letzten werden die Ersten sein’, ‘Stehe auf und wandle’, ‘Dein Glaube hat dich geheilt’).

Woraus besteht eigentlich unser Leben? Ist es nicht ein magischer Kreis, der uns dazu dient, bestimmte Aufgaben zu erfüllen, um daran zu wachsen, zu reifen und uns so weiter zu entwickeln? Und dienen nicht alle sogenannten Hindernisse dazu, uns immer wieder selbst zu übertreffen?

Liest man Märchen, wird einem sehr schnell klar, in welch hohem Masse sie initiatorisch sind. Es ist bezeichnend, dass die meisten Märchen dort enden, wo der Held sein Lebensziel erreicht, seinen persönlichen Traum erfüllt hat. Dann brechen sie meistens ab mit der Bemerkung »Und lebten glücklich und in Freuden bis ans Ende ihrer Tage«. Märchen zeigen uns den Weg auf, zu diesem Glück zu gelangen.

In allen Märchen geht es um einen Schatz, den es zu erobern gilt. Dieser Schatz ist jedoch—wir erwähnten es bereits—nicht rein materieller Art. Es ist immer ein geistiges Ziel, auch wenn es äußerlich materiell erscheint. Wäre die Hand der Königstochter lediglich symbolischer Ausdruck für die Erfüllung von Sexualität, so hätte dies der Held, das macht uns das betreffende Märchen immer auf die eine oder andere Weise klar, auf viel einfachere Weise erlangen können. Um dies jedoch zu verstehen, muss man die Symbolik der Märchen zu interpretieren wissen.

Es geht vielmehr immer um eine höhere Weise der Erfüllung von Verlangen und niemals, und dies ist die Absage an alle kastratorischen Religionen oder Doktrinen, um die Unterdrückung der Triebe. Märchen zeigen vielmehr das auf, was das I Ging den Himmelsweg nennt, oder das Evangelium die »enge Pforte« durch die nur wenige gelangen.

Da ich hier nicht den initiatorischen Gehalt der Märchen, sondern den Sinn und die Anwendung positiver Affirmationen behandele, werde ich nicht weiter auf die vielfältigen Aspekte und Lernmöglichkeiten eingehen, die Märchen uns vermitteln. Ich verweise insoweit auf meine Analyse des Grimm–Märchens vom Tapferen Schneiderlein.

Wichtig ist lediglich festzuhalten, dass Märchen uns vor allem zur Stärkung des Glaubens an uns selbst, an unser Selbst helfen und ermutigen. Das ist der Grund, warum Märchen, obwohl sie durchaus auch für Erwachsene von Interesse sind, so heilsam und empfehlenswert für Kinder und Heranwachsende sind—wie es der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim immer wieder betonte.

Es gibt allerdings noch einen zusätzlichen Grund, warum Märchen ideal in die Welt der Kinder passen. Dies hängt mit ihrer Sprache zusammen, mit ihrer Ausdruckswelt. Märchen sind geschrieben oder werden erzählt in einer Sprache, die nicht die Sprache unseres Alltags ist. Es ist nicht eine rationelle, sondern eine poetische Sprache. Die Sprache der Märchen ist die Sprache des Unterbewusstseins, der Träume, die Sprache der Dichter—und es ist dies eben auch die Sprache der Kinder oder der Kindheit.

Diese Sprache ist in hohem Masse symbolreich, obwohl sie grammatikalisch sehr einfach, um nicht zu sagen rudimentär ist; zudem ist sie suggestiv und koloriert. Es ist dies auch die Sprache der alten Orakel, der Mythen, der Sagen.

Diese Sprache, wenn man sie liest, klingt sehr organisch, kraftvoll und einfach. Aber jeder, der einmal versucht hat, in der Sprache der Märchen zu schreiben, weiß, wie schwer es ist, diese Welt des Traums und der okkulten Mythologie des Lebens mit Worten zu beschreiben. Der Volksmund behauptet bekanntlich, man müsse »zum Dichter geboren« sein und das ist sicher im Kern auch wahr. Aber es wird von vielen Menschen, die entweder eine Psychoanalyse mitgemacht haben oder aber durch Meditation und Gebet zur inneren Stille fanden, berichtet, dass die Sprache der Poesie, der Mystik, der Mythologie spontan aus ihnen sprudelte, wie ein Quell, der sozusagen ihr wahres Wesen an die Erdoberfläche beförderte.

Es ist heilsam, in Phasen der Depression und der Einsamkeit selbst einmal Märchen zu schreiben, auch wenn dies am Anfang ziemlich schwierig erscheint. Begibt man sich, eventuell mit Hilfe entspannender Musik, in den Alphazustand und lässt einfach los, sind die Chancen groß, dass man sich ein kleines oder großes Märchen zusammenspinnt. Und nachher mag man sich mit Staunen fragen, warum man gerade dieses Thema als Stoff der Handlung gewählt hat und nicht jenes andere, warum der Held gerade dieses Abenteuer erleben wollte oder sollte und nicht ein anderes, und so fort.

Die Themen und Inhalte unserer solchermaßen »selbstgebastelten« Märchen können uns überraschenden Aufschluss geben über tief im Unterbewussten befindliche Ängste und Hoffnungen, über die Grundproblematik unserer gegenwärtigen Lebenssituation. Daraus wiederum können sich intuitive Einsichten ableiten, die uns konkrete Auswege aus Irrwegen und Sackgassen liefern, nach denen wir lange vergebens suchten. Was wir auf diese Weise tun, ist ganz einfach, unser Unterbewusstsein, unsere Höhere Intelligenz zu Rate zu ziehen, um zu einem reicheren, erfüllteren und liebevolleren Leben zu evoluieren.

Die Kraft unserer Intuition, aller nicht–rationalen Fähigkeiten des Menschen wird leider in unserer mechanistischen und intellektbetonten Kultur ziemlich verkannt oder gar missachtet. Wirklich kreative und originelle Menschen wissen jedoch, dass diese Kultur letztlich auf einem fundamentalen Irrtum beruht, einem Irrtum, der nicht erst durch die Industrialisierung der beginnenden Neuzeit entstand, sondern so alt ist, wie der Mensch selbst. Schon der »Turmbau zu Babel« der Bibel spricht davon und jeder Initiierte weiß überdies, dass das Schicksal des untergegangenen Atlantis sich in der gegenwärtigen Technologiekultur einige Jahrtausende später wiederholt.

Es ist wichtig zu erkennen, dass die immanent positive Haltung der Märchen dem Leben gegenüber keine moralistische Züge trägt. In Grimms Märchen vom Tapferen Schneiderlein heißt es nicht, dass der Schneider ein gerissener Angeber war, als er die Geschichte von den Siebenen auf einen Streich dem etwas dümmlichen Riesen auftischte, und er selbst hatte ebenfalls keinerlei Skrupel, die Kräfte des Lebens zu seinen Gunsten auszunutzen. Im Gegenteil erscheint es evident, dass diese Kräfte ihm gerade deswegen zu Hilfe kamen, weil er mutig und geradezu unbekümmert voran ging in seinem Ideal, nach der Devise Hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Aber dennoch blieb der Schneider irgendwie auf dem Boden. Er wollte nie selbst ein Riese werden und fand es wohl auch nicht besonders erstrebenswert, einer zu sein. Er mokierte sich über die Dümmlichkeit und Prahlerei des Riesen, obwohl er es ihm momentweise darin gleichtat—allerdings nur, um ihn zu besiegen.

Was wir aus Märchen lernen können, und worin ihre im weitesten Sinne des Wortes therapeutische Funktion liegt, ist die Tatsache, dass sie uns zu einem unerschütterlichen Optimismus anhalten und uns Durchhaltevermögen ans Herz legen, das sich auf einen echten Glauben an unser Ideal und uns selbst gründet.

Bruno Bettelheim
Kinder brauchen Märchen
Frankfurt/M: DTV, 2002

Edmond Bordeaux Szekely
Das Friedensevangelium der Essener
Saarbrücken: Neue Erde/Lentz, 2002

Die unbekannten Schriften der Essener
Saarbrücken: Neue Erde/Lentz, 2002

Ramana Maharshi
Sei was du bist!
München: O.W. Barth, 2001

Nan Yar? Wer bin ich?
München: Kamphausen, 2002

Advertisements