Die Rolle unserer Emotionen


Warum sind wir nicht nur denkende, analysierende und rationale Wesen? Warum haben wir Gefühle? Gefühle, Emotionen, Affekte, erlauben uns, die Realität auf eine andere Art zu erleben, als sie durch unseren Intellekt begreifbar ist. Emotionen setzen uns in direkten Kontakt mit der Realität. Man spricht manchmal von einem Erlebnis, das einem bis in die Knochen ging. Gemeint ist damit, dass die Intensität des Gefühls, mit dem wir das Erlebnis wahrgenommen haben, sehr tief war. Wir haben unsere äußere Realität, in einem solchen Moment, gewissermaßen mit dem ganzen Körper empfunden.

Kontrolle der Emotionen darf daher nie zu weit gehen. Denn das würde das Absterben des Körpers bedeuten, oder das Krankwerden von Organen, von Teilen des Körpers, der selbst wiederum nur ein Teil unserer Geist–Körper Einheit ist. Krebs ist eine emotionale Erkrankung. Sie kommt zustande durch jahrelanges Nicht–Fühlen von Emotionen. Krebs ist ein langsamer innerer Tod, ein Absterben des Lebens in uns. Dies kommt zustande durch eine Hypertrophie unseres inneren Richters, der Instanz in uns, die alles besser weiß und die meint, durch Kontrolle ließen sich alle Probleme lösen, der Instanz, die glaubt, alles beherrschen zu müssen, damit es in Ordnung ist. Krebs ist die Apotheose der Kontrolle.

Wir sollten daher nicht von Kontrolle der Emotionen reden, sondern von ihrer Integration. Das bedeutet, dass wir unsere Emotionen in einem ersten Schritt der Bewusstwerdung beobachten und annehmen. Es heißt, dass wir ihre innere Realität bejahen, ihre Existenzberechtigung. Daraus folgt, dass wir die Bereicherung erkennen, die unser Leben durch Emotionen erfährt.

Haben wir schlechte Erfahrungen gemacht mit Emotionen, haben wir andere verletzt durch einen Ausbruch von Wut oder Ärger, oder sind wir oft launisch und gereizt, so ist daran nicht etwa schuld die Tatsache, dass wir emotional sind, sondern dass wir den Teil in uns, der emotional ist, missachten, dass wir unseren Gefühlen nicht genügend Respekt entgegenbringen. Der Grund ist also nicht, dass wir zu emotional sind, sondern dass wir zu wenig emotional sind.

Mehr oder weniger unkontrollierte Ausbrüche von Emotionen sind immer die Folge eines vorherigen Aufstauens der betreffenden Emotion. Emotionen sind Ausdruck von Bioenergie und diese Energie kann entweder frei fließen, oder aber sich akkumulieren. Im Idealfall fließt sie frei und Emotionen stehen, wie wir bereits sahen, in einem Wechselspiel miteinander. Man könnte sie sich als die Farben eines Spektrums vorstellen, die auf einem Bildschirm eine nach der anderen projiziert werden. Sehen wir zu lange eine bestimmte Farbe, ermüdet unser Auge oder die Farbe (zum Beispiel rot) lässt in uns einen Widerwillen oder gar Aggressivität entstehen, einfach weil sie uns zu lange vor Augen gehalten wird.

Mit den Emotionen ist es ebenso. Sind wir zu lange auf eine bestimmte Emotion fixiert, weil wir das Kaleidoskop der Emotionen in uns blockieren, weil wir bestimmte Emotionen festhalten wollen und andere zurückweisen, ist der Energiefluss, der den Wechsel der Emotionen bewirkt, behindert. Das hat zur Folge, dass wir uns mit der Emotion, die wir fixiert haben, herumschlagen müssen, weil wir dann natürlich verzweifelt suchen, sie loszuwerden. Je mehr wir uns aber gegen sie wehren, umso stärker wird sie, wie ein Fisch, den man mit der Hand fangen will, immer stärker hin– und herzuckt und schließlich, gerade als wir ihn am festesten hielten, unserem Zugriff entweicht und aus unser Hand glitscht.

Integration der Emotionen bedeutet also, ihre Existenz und ihren Fluss anzuerkennen und zu beobachten, ohne jedoch in ihn einzugreifen. Wir haben alle beobachtet, dass eine Emotion, manifestiert sie sich zum ersten Mal, relativ harmlos erscheint. Unterdrücken wir sie aber, so wird sie sich beim nächsten Anlass stärker bemerkbar machen. Und dies so lange, bis wir die Existenzberechtigung der Emotion anerkennen, bis wir verstehen, dass sie uns etwas mitteilen will, bis wir einsehen, dass es einen Mangel an Selbstrespekt darstellt, unsere Gefühle zu missachten.

Nun bedeutet die Tatsache, dass wir eine Emotion als solche anerkennen und beobachten, nicht, wie man missverständlich meinen könnte, dass wir uns erlauben sollten, zu explodieren und uns gegenüber unseren Mitmenschen völlig ungezügelt gehen lassen sollten.

Um es an einem Beispiel aufzuzeigen. Wenn jemand uns in Wut versetzt hat, so sollten wir nicht diese Wut herunterschlucken, noch sie wegleugnen, noch ihr andererseits völlig nachgeben. Denn letzteres könnte destruktive Folgen haben für den anderen, aber auch für uns selbst. Es geht darum zu lernen, unsere Emotionen in konstruktiver Weise auszudrücken. Im vorliegenden Falle könnten wir also zum Beispiel unserem Gegenüber sagen, dass wir wütend auf ihn oder sie sind, weil er oder sie uns dies oder jenes gesagt oder angetan hat. Durch die Kommunikation unserer Emotion erkennen wir diese als berechtigt an und wählen gleichzeitig ein konstruktives Mittel, sie auszudrücken.

Es erfordert ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung und auch Übung, Emotionen weder zu akkumulieren, noch sie völlig unkontrolliert »loswerden« zu wollen (indem man sie ohne Rücksicht auf Verluste abreagiert), sondern sie, wie auch immer die Situation geartet ist, konstruktiv auszudrücken.

Indem wir die Sprache verwenden, um unsere Emotionen anderen Menschen mitzuteilen, humanisieren wir jede Art von Gefühl, so negativ wir es auch empfinden oder qualifizieren mögen. Denn Sprache ist uns gegeben, nicht nur um Gedankeninhalte und Ideen mitzuteilen, sondern auch um auszudrücken, was unser Herz bewegt. Kultur im wahren Sinne ist eben dies: die Fähigkeit, Gefühle und Verlangen, auch und gerade solche, die als unsozial angesehen werden, durch Kommunikation und sprachlich–künstlerischen Ausdruck zu humanisieren.

Zu einer inneren Einheit zwischen Denken und Fühlen können wir nur gelangen, indem wir unsere Emotionen anerkennen, respektieren und situationsbedingt in angemessener Wiese ausdrücken und mitteilen. Dafür sind Intuition und Einfühlungsvermögen erforderlich, sowie der Respekt vor der Person, der gegenüber wir unser Gefühl äußern. Und dabei sollten wir die goldene Regel beachten, dass wir niemandem etwas antun, was wir nicht wollen, dass man es uns antut.

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