Was ist das Selbst?


Einleitung

Diese Frage wird in der spirituellen Literatur auf verschiedene Weise beantwortet. Ich möchte mich diesem Problem später in dieser Kontemplation widmen, denn zunächst geht es einmal darum klarzustellen, was man im gewöhnlichen Sprachgebrauch unter Begriffen versteht, die in bestimmter Weise mit dem Selbst zu tun haben.

Sowohl Spiritualisten wie Psychologen oder Psychiater mögen mir Ungenauigkeiten in der Terminologie und ihrem Gebrauch, sowie fachliche Unkorrektheiten verzeihen. Es kommt mir hier auf eine systemische oder integrierte Zusammenschau verschiedener, bislang getrennt diskutierter Bereiche an, ganz besonders im Sinne der Psychologie Jungs, davon ausgehend, dass Psychologie und Religion letztlich nur verschiedene Projektionssysteme derselben ewigen Wahrheit darstellen.

Ich beginne mit einer negativen Definition. Ich teile nicht die allgemeine Missachtung, dem das Selbst vonseiten des Buddhismus teilhaftig wird. Der Buddhismus, indem er das Selbst und das Ego gleich stellt, isoliert und erstickt menschliche Kreativität. Ich sympathisiere eher mit dem Begriff desatman im Hinduismus, wonach das Selbst oder Höhere Selbst als Ausfluss des unendlichen Logos angesehen wird. Es ist diese Idee des Selbst, die der Lehre Maharshis zugrunde liegt, und die auch dem Begriff des Selbst in meinen eigenen Schriften nahe kommt. Meine Auffassung vom Selbst wurde zudem stark von der Tiefenpsychologie Carl–Gustav Jungs beeinflusst.

In der Psychologie von Jung ist das Selbst der Begriff, der die ganze Persönlichkeit repräsentiert. Es steht für Einheit, Ganzheit und Integration. Als solches umfasst es sowohl das Bewusstsein, als auch das Unterbewusstsein.

Man kann das Selbst nicht positivistisch definieren, so als sei alle psychische Dynamik begreifbar, logisch erfassbar und erklärbar, denn das ist nun einmal nicht der Fall. Das Konzept des Selbst ist leider ungefähr so schwammig und unpräzise wie das Konzept der Seele. Und doch, als Bewusstseinsforscher hat man damit jeden Tag zu tun. So schreibt Jung:

Es besteht nur wenig Hoffnung, dass wir eines Tages eine auch nur annähernde Vorstellung vom Selbst haben; wieviel wir auch davon bewusst machen, es wird immer einen undefinierten und undefinierbaren Rest von unterbewusstem Material geben, welches zur Totalität des Selbstes gehört. (Carl-Gustav Jung, Zwei Essays zur Analytischen Psychologie).

Jung präzisierte in diesem Zusammenhang, dass das Selbst das Lebensziel ist, ‘denn es ist der vollkommenste Ausdruck dieser schicksalhaften Kombination, die wir Individualität nennen’ (Id.).

Es ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig, den Unterschied zu sehen zwischen dem Selbst und dem Ego. Das Selbst umfasst weit mehr als das Ego. Jung drückt dies durch die Formel aus, dass Individuation einen ‘nicht von der Welt ausschließt, sondern dass umgekehrt man die Welt in sich hineinzieht’ (Jung, Die Struktur und Dynamik der Psyche).

Also kommt Jungs Konzept des Selbstes dem atman Konzept des Hinduismus nahe. Im übrigen war dies im alten Ägypten bereits ausgedrückt durch den Begriff von Ba–soul; die Griechen nannten es den inneren daimon; die Römer sprachen vom persönlichen genius. In Urkulturen ist das Selbst oft vorgestellt als Schutzgeist, der durch ein Tier oder einen Fetisch symbolisiert wird.

Die Römer glaubten an den Genius als eine gottgleiche Kraft, die die Person nach dem Tode ins nächste Leben mitnimmt. Es wurde vorgestellt als eine lebende Einheit, die vom Familienvater von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Der Genius des Vaters war dargestellt in der Kunst als Vorfahre.

Selbstachtung

Um Klarheit zu erlangen, was dieser wichtige Begriff besagt, ist es ratsam, sich einige Handlungsweisen zu vergegenwärtigen, die Selbstachtung, beziehungsweise deren Mangel, zum Ausdruck bringen. Stellen wir uns vor, ein Mann fühlt sich zum Künstler berufen, hat auch ganz klare Fähigkeiten für eine künstlerische Tätigkeit, sagen wir zum Malen oder dem Spielen eines Instrumentes. Nun ergreift dieser Mann aber wegen des besseren finanziellen Auskommens oder wegen des höheren sozialen Status einen sogenannten bürgerlichen Beruf, sagen wir, er wird Rechtsanwalt. Hat dieser Mann, indem er so handelte, sich selbst geachtet? Mitnichten.

Die weitere Frage wäre, ob er auch ein guter Rechtsanwalt sein wird? Das will ich bezweifeln, da man nichts mit Erfolg ausüben kann, wovon man nicht überzeugt ist und wofür man nicht in der Seele eine Neigung verspürt. Dieser Mann wird wohl ständig hin– und herpendeln zwischen ‘Pflicht und Neigung’, so wie Goethe, von dem dieses Wortspiel stammt. Goethe selbst war bekanntlich zerrissen zwischen seinem Beruf als Jurist und seiner Berufung als Künstler.

Ein weiteres Beispiel. Jemand hält sich für einen »barmherzigen« Menschen und lässt sich von anderen das letzte Hemd vom Halse reißen. Andere kommen zu ihm und nehmen sich einfach, was sie wollen. Sie fragen nicht einmal. Hat dieser Mensch, der andere so gewähren lässt, Selbstachtung? Schwerlich, denn ganz offensichtlich hält er sich für so wenig wert, dass er anderen Rechte einräumt, die im Grunde Unrechte sind. Nicht nur achtet sich dieser Mensch nicht, er achtet auch die anderen nicht, denn indem er ihr unrechtes Verhalten duldet, segnet er es ab und unterstützt die anderen noch in deren falschem Verhalten. Das Bild, das er von sich hat, also das eines barmherzigen Menschen ist eine Maske, hinter der er seinen tiefgreifenden Minderwertigkeitskomplex vor sich selbst und anderen zu verbergen sucht.

Welches aber ist nun ein Handeln, das von Selbstachtung zeugt? Dazu fällt mir ein Beispiel ein, das das Verhältnis zur Religion oder, allgemeiner ausgedrückt, zum Glauben, betrifft. Jemand bekommt über einen Freund Kontakt zu einer religiösen Sekte, Leuten, die bestimmte Formen der Erkenntnis oder des Wissens als gefährlich ablehnen, Leute, die ihr Leben auf starre Dogmen gründen, die sie als universell gültig ansehen und missionarisch verbreiten wollen.

Nun steht dieser Mensch in einem Konflikt, da er fürchtet, den Freund zu verlieren, wenn er ihm offen darlegt, dass er seinen Glauben nicht teilen kann, weil er selbst einen anderen, freieren und offeneren Glauben hat. Dieser Mann achtet sich selbst, wenn es ihm gelingt, seinem Freund den Glauben zu lassen und ihm seine eigene Anschauung klar zu machen, ohne die Überzeugung des Freundes herunterzumachen oder negativ zu beurteilen. Ein solches Handeln ist auch insoweit angebracht, da die Reaktion des Freundes zutage fördern wird, ob er wirklich ein Freund ist. Denn jemand, der Kontakte zu anderen nur deswegen eingeht, um sich selbst und seine Meinungen im anderen gespiegelt zu sehen und das Anderssein des Nächsten nicht erträgt, kann in Wahrheit kein Freund sein. Es fehlt ihm die nötige Distanz zum Nächsten und sein Glaube beruht auf Angst, nicht auf Freiheit. Er benötigt sein »missionarisches« Tun als Angstabwehr und zur Kompensation seines Mangels an Selbstachtung.

Handeln, das von Selbstachtung geprägt ist, kann an der Reaktion auf einen Zornausbruch aufgezeigt werden. Anstatt Zorn mit Zorn zu beantworten, kann man gewissermaßen von einer höheren Warte aus handeln, das heißt schweigen oder physische Distanz zu der in Wut befindlichen Person suchen. Man kann auch versuchen, mit ruhigen Worten seinen Standpunkt darzulegen. Welche dieser Verhaltensweisen im Einzelfall die richtige ist, hängt natürlich ganz von der Lage ab.

Alle vorgeschlagenen Handlungsalternativen haben gemeinsam, dass sie von Selbstachtung geprägt sind und daher vermeiden, auf das niedrige Niveau der Reaktion der anderen Person zu sinken. Denn wie man andere behandelt, so behandelt man sich selbst; und umgekehrt. Und weiterhin gilt: Wie man andere behandelt, so wird man selbst von anderen behandelt.

Allgemein formuliert lässt sich also feststellen, dass Selbstachtung eine Einstellung ist, die die eigene Person achtet, das eigene Selbst achtet, indem sie es anerkennt und positiv bewertet. Selbstachtung ist immer dann zu verzeichnen, wenn man aus einer Position der Stärke handelt. Diese Stärke ist das Resultat der Akzeptierung der eigenen Ich–Bin–heit, des sogenannten göttlichen Funkens in uns. Diese Stärke geht über die Begrenzungen des Ich oder der Person hinaus.

Selbstachtung ist eine der Qualitäten eines reifen und stabilen Ich. Ein solches Ich handelt nur so, wie es auch selbst von anderen behandelt werden will. Immanuel Kant formulierte dies als sogenannten kategorischen Imperativ: »Handle immer so, dass dein Handeln als allgemeines Gesetz gelten könnte!« Es ist offensichtlich, dass Kants ethische Forderung letztlich Selbstachtung als allgemeines Prinzip festschreibt.

Selbstbewusstsein

Unter Selbstbewusstsein versteht man umgangssprachlich die Fähigkeit, sich selbst zur Geltung zu bringen. Als selbstbewusst bezeichnet man eine Person, die sich ihrer selbst bewusst ist, das heißt ihre Ansprüche ans Leben und ihre Umwelt genau kennt; eine solche Person kennt sich also selbst und weiß, welches ihre Position und Aufgabe ist im Leben. Selbstbewusstsein setzt also Selbstkenntnis voraus.

Schon die Philosophie der griechischen Antike beharrte auf dem Grundsatz der Selbstkenntnis als Grundlage allen spirituellen Bestrebens. Auf dem Apollo Tempel in Delphi findet sich die Aufschrift: Kenne dich selbst!

Eine selbstbewusste Person macht auf ihre Umgebung den Eindruck, ein hohes Energiepotential zu besitzen, was auch tatsächlich der Fall ist, und sich im Leben behaupten zu können. Andere Menschen neigen dazu, sich solchen Personen anzuschließen, um von ihnen Rat zu erlangen oder Hilfe oder sie suchen Freundschaft und Nähe, einfach weil energiegeladene Menschen eine angenehme Ausstrahlung auf ihre Umgebung besitzen.

Nun kann Energie natürlich positiv oder negativ sein. Positive Energie ist gewissermaßen geradegerichtet; sie äußert sich als Liebe, Anmut, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit, Toleranz, Freude und Hingabe. Negative Energie könnte man auch als verzerrte oder retrogradierte, auf den Kopf gestellte positive Energie ansehen. Sie kommt durch Blockaden im Fluss der psychischen Energie zustande und äußert sich in Gefühlen wie Zorn, Hass, Ärger, schlechte Laune, Böswilligkeit, Eifersucht oder Neid. Die chinesischen Taoisten und Alchemisten sprachen von negativer, perverser oder abgeirrter Energie.

Mancher wird nun, wenn er diese Zeilen über die Definition des Selbstbewusstseins ließt, an schlechte Erfahrungen denken mit Menschen, die sich allem Anschein nach im Leben behaupten und gegenüber anderen durchsetzen, die dies aber in einer den Nächsten erniedrigenden und herabsetzenden Weise tun und die ein arrogantes Verhalten zeigen. Man gesteht solchen Menschen wohl einen großen Willen zu, aber man bezeichnet sie als kalt oder kaltschnäuzig. Diese letzteren Formulierungen des Volksmundes stimmen ziemlich treffend mit der energetischen Betrachtungsweise überein: eine verzerrte oder auf den Kopf gestellte Energie ist kalt, eine gerade gerichtete und natürliche Energie wird hingegen als warm empfunden, und eine liebevolle Person als warmherzig.

Nun sollte man nicht dem Irrtum unterliegen zu glauben, dass solche negativ wirkenden Menschen, die sich zwar im Leben zu behaupten scheinen, andere Menschen aber wie Untergebene behandeln, selbstbewusste Menschen sind. Selbstbewusstsein setzt nämlich Selbstachtung voraus. Eine wahrhaft selbstbewusste Person ist eine solche, die sich selbst achtet und die daher auch andere Menschen respektvoll behandelt. Ein solcher Mensch wird automatisch von seiner Umwelt geachtet, denn es ist nun einmal so, dass es aus dem Walde herausschallt, wie man hineinruft.

Menschen, die andere herabsetzen, um sich selbst immer an die erste Stelle zu erheben, mangelt es an Selbstachtung. Um diesen Mangel, diese innere Unsicherheit zu überspielen, trumpfen sie gegenüber ihrer Umwelt auf und kompensieren damit ihre Gefühle der Minderwertigkeit sich selbst gegenüber.

Selbstsicherheit

Nach dem bereits Ausgeführten lässt sich das, was man unter Selbstsicherheit versteht, ziemlich schnell eingrenzen und definieren. Es handelt sich um die innere Sicherheit, die sich ganz automatisch ergibt, wenn man sich selbst achtet und seiner selbst bewusst ist. Es ist hierbei wesentlich, dass es sich um eine Sicherheit handelt, die einzig und allein im eigenen Selbst verankert ist, im eigenen Innern, und nicht etwa in äußeren Umständen oder anderen Personen. Sie unterscheidet sich daher essentiell von der Sicherheit, die ich als emotionale Sicherheit bezeichnen möchte. Ich meine damit die Sicherheit, die das Kind durch die Eltern bezieht oder die Personen, die es großziehen.

Das Kind ist auf diese Art der Sicherheit angewiesen, sie ist für es lebenswichtig. Der Erwachsene zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er diese Art der Sicherheit nicht mehr braucht. Obwohl viele Erwachsene, mangels ausreichender Abnabelung von den eigenen Eltern, Sicherheit suchen in Beziehungen, handelt es sich hier in Wahrheit um infantile Beziehungen symbiotischer Art. Solche Beziehungen vermitteln eine trügerische Sicherheit, weil jeder im anderen das sucht, was ihm selbst fehlt: Sicherheit.

Wahre Sicherheit für den Erwachsenen ist innere Sicherheit. Sie beruht auf Selbstachtung und der Erkenntnis, wer man eigentlich ist. Sie setzt den Respekt vor dem eigenen Wesen voraus und ist daher der Grundstein für den Respekt vor anderen Menschen, vor dem Partner. Eine Beziehung, wo jeder der Partner innere Sicherheit besitzt, zeichnet sich dadurch aus, dass bei aller Intimität jede der beiden Personen innerlich abgegrenzt ist; dies bedeutet, dass sich beide Partner bewusst sind, wo ihre Person endet und die der anderen beginnt.

Das hört sich selbstverständlich an, ist es aber nicht. Die symbiotische Art der Beziehung, wie sie viele Erwachsene mit ihren Partnern oder Freunden unterhalten, ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass die Grenzen zwischen den Personen gewissermaßen fließend sind; es mangelt daher an Respekt in den Interaktionen, es gibt gegenseitige Interferenzen in die persönlichen Angelegenheiten, die das Vertrauen unterhöhlen und es besteht die Tendenz, den anderen zu manipulieren und seine Gefühle zu steuern, um die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Solche Beziehungen, obwohl sehr häufig in unseren Tagen, und dies ungeachtet der Tatsache, dass man sie als Liebesbeziehungen bezeichnet, sind nicht auf Liebe gründet, sondern auf gegenseitige Bedürfniserfüllung. Sie sind ihrem Charakter nach egozentriert und oft auch materiell orientiert. Sie sind im Endeffekt destruktiv für beide Partner.

Innere Sicherheit ist die Voraussetzung für die Fähigkeit, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist (weil man sich selbst akzeptiert) und daher auf seine Manipulation zu verzichten. Sie ist daher die Voraussetzung für Respekt und öffnet die Tür zur Liebe.

Selbstliebe

Selbstliebe ist nicht möglich ohne Selbstachtung, Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Sie ist sozusagen die affektive Seite dieser positiven Einstellungen dem eigenen Selbst gegenüber. Man könnte ganz einfach sagen, dass Selbstliebe der Ausdruck des vollen und vorbehaltlosen Akzeptierens der eigenen Person ist. Man nimmt sich, wie man ist, wie man war und wie man sein wird.

Es ist augenscheinlich, dass jede Art von Herabsetzung der eigenen Person durch Schuldgefühle, Gram und Krittelei am eigenen Sein und Handeln der Selbstliebe im Wege steht. Selbstliebe ist gewissermaßen die Überwindung all dieser negativen Einstellungen uns selbst gegenüber, es ist das, was die spirituelle Sprache Gnade nennt. Diese Gnade wird uns aber nicht, wie viele meinen, von irgendeinem Retter, nenne man ihn nun Christus, Buddha, Krishna oder anders, vermittelt, sondern ist permanent in uns. (Allerdings können uns solche erleuchtete Personen durch ihr Beispiel auf die in uns befindliche Gnade hinweisen). Diese Gnade ist unser eigenes Selbst. Diese Gnade steht uns daher offen. Viele von uns sind ihr verschlossen, einfach weil sie sich in endlosen Schuldkomplexen und Selbstverurteilungen abmühen und vergessen, dass Gnade vor Recht ergeht.

Selbstliebe öffnet den Weg zu dieser Gnade, den Weg zum eigenen Selbst. Selbstliebe wiederum kann nicht erreicht werden ohne Verzeihen, sich selbst und anderen gegenüber. Gnade ohne Verzeihen ist nicht möglich.

Selbstverwirklichung

Selbstverwirklichung ist der äußere Ausdruck und sozusagen die Erfüllung der Selbstliebe. Eine Person, von der man umgangssprachlich sagt, dass sie sich selbst verwirklicht im Leben, wird von den Menschen oft spontan ein glücklicher Mensch genannt. Man sagt, dieser oder jener sei besonders gut dran im Leben, habe es gut getroffen, sei zu beneiden, habe die Chance, das zu tun in ihrem Dasein, was ihr Freude mache, was ihr Erfüllung bringe, was sie ganz befriedige. Man denkt dann meist schablonenartig an Künstler und Schriftsteller, an kreativ tätige Menschen.

Stattdessen sollten wir uns fragen, warum wir nicht alle kreativ sind? Warum erfüllen wir uns nicht alle in unserem Dasein? Warum glauben wir, irgendwelche nebulösen Verpflichtungen oder Zwänge hielten uns davon ab, das zu tun, was uns Freude macht? Warum sind wir das Opfer von Selbstverleugnung. Selbstverleugnung ist leider oft das Resultat manipulatorischer und freiheitsfeindlicher Erziehungsformen. Aber wir sind nicht das Produkt unserer Erziehung und niemand zwingt uns zu irgendetwas im Leben. Wir sind frei, uns von erlittener Konditionierung zu lösen. Alle sogenannten Sachzwänge sind in Wahrheit Vorwände, Blockaden, die wir uns selbst errichten, weil wir zweifeln an uns selbst, weil es uns an Selbstliebe fehlt, weil wir ein negatives Bild haben von uns, weil wir nicht glauben wollen, dass die Bestimmung des Menschen ein lichtvoller und freudiger Weg sein kann.

Wir sind niemandem zu etwas verpflichtet, außer uns selbst: wir sind verpflichtet, als Erwachsene verantwortlich zu handeln. Und das können wir nur, wenn wir uns selbst achten und lieben, wenn wir unser Freund und nicht unser Feind sind. Liebe gegenüber uns selbst und gegenüber anderen ist eine natürliche Gemütsbewegung, eine fließende und harmonische Energie. Dieses artifizielle Gefühl jedoch, was wir als »Verpflichtung« anderen gegenüber empfinden, ist nicht Liebe, sondern dient der eigenen Bedürfniserfüllung, obwohl es oft die stolze Aura sogenannter »Nächstenliebe« trägt. Es ist letztlich egozentrischer Art. Die spirituelle Bestimmung des Menschen, sein Weg der Liebe und der Freude, sind nicht vereinbar mit irgendwelchen Zwängen oder Verpflichtungen, denn Liebe ist spontan und blüht dort, wo Freiheit ist, nicht da, wo Zwang herrscht.

Selbstverwirklichung bringt Kreativität hervor. Nur einer verwirklichten Person ist es möglich, wahrhaft kreativ zu sein, original und einzigartig. Wir sind alle ursprünglich einzigartige unverwechselbare Individuen; es ist lediglich die standardisierende nivellierende Erziehung, die uns in Schablonen und Schemata presst, die uns in das Prokrustesbett dessen zu pressen suchte, was man Durchschnittsbürger nennt: jenes mehr oder weniger sich selbst entfremdete Automaton.

Selbstverwirklichung ist das Gegenteil angepassten Rollenspiels. Es ist allerdings auch nicht permanente eigensinnige Revolte gegen die sozialen Regeln. Dem reifen und verwirklichten Ich, also dem Ich, das im Selbst ruht, gelingt es gerade, die eigene Originalität zu wahren und dennoch in einer von Normen und Schablonen geprägten Gesellschaft zu leben.

Selbstverwirklichung ist daher immer konstruktiv. Dies kann nicht anders sein, da sie auf Selbstachtung und Selbstliebe beruht, also auf einer positiven und konstruktiven Einstellung der eigenen Person gegenüber.

Selbstverwirklichung hat sowohl die totale Anpassung als auch die Revolte überwunden. Es ist ein harmonischer Zustand und gleichzeitig dynamisch. Denn ständige Entwicklung und Transformation ist ihre Charakteristik. Es ist eine Art Schwingen mit dem Leben und zugleich ein Schwingen im eigenen Selbst, in der eigenen Mitte.

Eine verwirklichte, in ihrem Selbst ruhende Person ist daher zugleich ein Gewinn für das Kollektiv, da sie ihren Beitrag leistet zum Ganzen, ihren originalen und oftmals unkonventionellen, aber nichtsdestotrotz konstruktiven Beitrag. Durch verwirklichte Menschen entwickelt sich die Gesellschaft, während sie durch bloß angepasste stagniert und durch revoltierende aus dem Gleichgewicht gerät.

Die Verwirklichung des eigenen Selbst ist daher der ideale Beitrag, den das Individuum leisten kann zum Gesamten, zum Kollektiv, zur Gesellschaft, zur Welt—obwohl es dies nicht in erster Linie als Ziel verfolgt. In der Selbstverwirklichung verbinden sich und konkordieren persönliche und kollektive Ziele und verschmelzen zu einem harmonischen Ganzen, einem dynamischen Gleichgewicht, einem konstruktiven Dialog, einer fruchtbaren Wechselwirkung.

Ichverwirklichung?

Nun sollten wir eine Abgrenzung vornehmen. Unterscheidet sich Selbstverwirklichung von bloß ichbezogenem, egozentrischem Handeln? Um dies zu verstehen, müssen wir zuerst herausfinden, was eigentlich das Ich darstellt und was man gemeinhin unter dem Selbst versteht.

Wir sind uns alle bewusst, dass wir denken. Was sind Gedanken? Wo kommen sie her? Wo Gedanken sind, ist ein Denker. Wer ist dieser Denker? Wenn wir, in einer kontemplativen Innenschau, diesen Fragen auf den Grund gehen, gelangen wir zum Ich, zum Denker. Wenn wir uns nun die Frage vorlegen, Wer ist der Denker? und weiter in uns forschen, werden wir etwas Erstaunliches erleben. Es wird uns nicht gelingen, den Denker zu fassen, zu begreifen, zu definieren. Wir verbleiben am Ende unserer Suche mit einer Art Vakuum zurück, indem wir feststellen, dass der Denker, sobald wir ihn dingfest machen wollen, gleichsam verschwindet. Es tritt ein Moment der Stille ein im Geist.

Was hat sich ereignet? Was ist diese Stille? Wenn die Gedanken, wie wir beobachteten, mit dem Denker verschwinden, wo kommt dann die Stille her? Wir empfinden intuitiv, dass sie eine Art ursprünglicher Zustand im Geist ist. Ihr korrespondiert ein warmes strömendes Empfinden im Körper. Wir fühlen uns mit einem Mal eins mit uns selbst und der ganzen Schöpfung. Dieser Zustand ist die Ruhe im Selbst. In diesem Zustand, so können wir sagen, ist das Ich im Selbst aufgegangen. Es ist ein Gnadenzustand.

Noch einmal. Der Denker, das sind die Gedanken. Der Denker ist ein Konglomerat von Gedanken; der Denker existiert lediglich durch die Gedanken. Hören die Gedanken auf, verschwindet der Denker.

Wir werden uns bewusst, dass der Denker, das Ich, eine Fiktion ist. Erreichen wir, durch Kontemplation, diese Einsicht, haben wir den Denker, das Ich, überwunden. Wir befinden uns dann automatisch im Selbst, in unserem wahren Ich. Was folgt nun aus alledem für unser Handeln?

Beobachten wir zunächst, was ichhaftes, egozentriertes Handeln ist, Handeln, das von unserem Ego ausgeht, das vom Denker erzeugt wird, das als Folge von Gedankenprozessen entsteht. Solchem Handeln liegt, wie offen ersichtlich, immer eine Motivation zugrunde.

Man handelt ‘um zu … ,‘ also um dies oder jenes zu bezwecken, sagen wir, um reich zu werden, soziale Anerkennung zu finden, karitativ tätig zu sein, die Welt zu verbessern, soziale Missstände zu beseitigen und so fort. Solchermaßen vom Ich motiviertes Handeln ist zwangsläufig Ich–bezogen, denn es geht von Interessen aus, verfolgt Ziele und Absichten und ist gesteuert vom Willen auf Erfolg. Der Erfolg ist die Prämie, die das Ich sich aussetzt zur eigenen Gratifikation.

Es lässt sich also festhalten, dass Ich–motiviertes Handeln in der Regel von einer erwarteten Gratifikation abhängt. Solches Handeln ist nicht das, was man als selbstloses (eigentlich müsste es heißen: ichloses) Handeln bezeichnet. Im Zentrum des Handelns steht das Ich, da es das Ich ist, was das Handeln motiviert und erzeugt.

Man darf sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Handeln, was sogenannte Ideale verfolgt und altruistisch ausgerichtet ist, sehr wohl ichhaft sein kann—und meist auch ist. Ein Ideal ist ein Produkt von Gedanken. Es setzt einer meist negativ empfundenen Realität etwas gegenüber, was man als besser bewertet, als richtiger, und das man eben Ideal nennt. Es ist aber nichtsdestotrotz eine Konstruktion von Gedanken, es wird vom Denker, vom Ich, erzeugt. Das Ideal ist also, auch wenn es noch so schön und hehr dahergeht, egozentrischer Art. Es dient dem Ego, dem Ich.

Das Verfolgen von Idealen bringt daher einen Konflikt hervor zwischen der Realität, so wie sie gesehen oder empfunden wird, zum einen, und dem Ideal zum anderen. Dieser Konflikt ist zunächst einmal ein innerer, er spielt sich in unserem Denken ab. Wir sehen die Realität, finden sie »schlecht«, erfinden ein »gutes« Ideal, das wir der Realität gegenübersetzen—und befinden uns zwangsläufig in einem Konflikt zwischen beiden. Dieser Konflikt bringt unser Denken in Bewegung, regt es an, verstärkt das Ich und die ichhaften Motivationen und damit, in einer Art Teufelskreis, den Konflikt im Denken.

Das Ideal bringt also in unserem Inneren Unfrieden statt Frieden hervor, Konflikt statt Beruhigung, innere Unsicherheit statt innerer Sicherheit. Kann aber aus unfriedlichem konfliktreichen Denken ein friedliches konstruktives Handeln folgen? Konstruktivität beruht, wie wir gesehen haben, auf innerer Harmonie, auf Frieden, Freiheit und Selbstliebe. Ideale zu verfolgen scheint also nicht der geeignete Weg zu sein, zu wahrhaft integriertem harmonischem Handeln zu gelangen.

Woher kommt dann also solch ganzheitliches Handeln? Wenn es nicht aus dem Ich, aus dem Denker kommen kann, woher kann es dann kommen?

Kann man das Ich verwirklichen?

Wir haben vordem bereits festgehalten, dass das Ich, der Denker, lediglich eine Fiktion ist, das Produkt seiner Gedanken nämlich. Man kann schwerlich etwas verwirklichen, was ein Nicht–Seiendes ist. Im Ich zu leben und zu handeln bedeutet ich–zentriert zu leben. Dies ist eine Art traumhaftes Leben. Es ist nicht weniger traumhaft als die Träume, die wir des Nachts alle haben. Träume sind bildhafte Gedanken.

Der Begriff ‘verwirklichen’ führt uns auf die Spur. Verwirklichen heißt soviel wie Wirklichkeit werden lassen, Realität werden lassen. Dies kann nicht im Ich geschehen, wie wir gesehen haben, da das Ich unreal ist. Ein Leben in der Realität, in der wirklichen Form von Sein, kann daher nur aus dem Selbst entspringen. Es ist diese Art von Leben, das die Evangelien anschaulich mit ewigem Leben bezeichnen, das der Buddhismus Nirwana nennt und für das überhaupt alle Religionen und spirituellen Lehren ihre eigene Bezeichnung besitzen.

Das Selbst hat kein Anfang und kein Ende. Es kennt keine Geburt und keinen Tod. Nur das Ich, die Gedanken, entstehen und vergehen. Sie sind zeit– und raumgebunden. Das Selbst ist unabhängig von Raum und Zeit. Daher ist es bezüglich des Selbst sinnvoll, von Verwirklichung zu reden. Denn das Selbst ist immer, unzeitlich, ewig, es ist in uns, wir sind das Selbst—auch wenn wir uns seiner nicht bewusst sind. Das Selbst ist bei den meisten von uns gewissermaßen vernebelt vom Ich, vom Denken. Es manifestiert sich aber dennoch, als Schicksal, als Intuition, als Eingebung—es kann auch durch Träume zu uns reden. Dies, obwohl Träume als solches Gedanken sind; aber das Selbst kann alle möglichen Ausdrucksweisen verwenden, um sich uns mitzuteilen.

Dies kann auch dadurch geschehen, dass wir Menschen kennen lernen, die uns auf neue Wege führen, uns Hinweise geben und uns Liebe entgegenbringen. Andere Menschen, die wir kennen, sind Inkarnationen unseres Selbstes. Jeder Mensch, den wir kennen, steht in einem gewissen inneren Bezug zu uns, zu inneren Vorgängen und Zuständen in uns selbst, in unserem spirituellen Herzen.

Selbstverwirklichung ist das bewusste Verweilen im Selbst. Sie setzt die Kenntnis des Selbst voraus (Selbstkenntnis und Selbstbewusstsein), die Achtung des Selbst (Selbstachtung) und die Liebe zum Selbst (Selbstliebe). Selbstverwirklichung ist die Erkenntnis, dass nur das Selbst wahrhaft ist und dass es nur diese eine Kraft gibt, diese Kraft, die Ich Bin heißt und die wir Gott oder göttliche Kraft zu nennen pflegen. Man könnte diese Kraft auch einfach Realität nennen. Oder unendliche Kreativität. Oder allumfassende Liebe. Oder Frieden. Oder Glück und Erfüllung. Oder Serenität. Oder Weisheit. Oder Barmherzigkeit und Güte. Alles dies und vieles mehr. Unendlichkeit.

Selbstverwirklichung führt zu Demut. Nur wer sich selbst liebt, kann Demut bezeugen. Demut ist die natürliche Folge, wenn der Denker aufgehört hat zu sein. Demut ist eine Ausdrucksform der Weisheit. Sie hat nichts mit Unterwürfigkeit zu tun, sondern ist eine sehr aufrechte Einstellung zum Leben, sich selbst und anderen gegenüber. Demut ist von der Gewissheit geprägt, dass man geführt wird und nicht selbst tätig ist. Laotse, der große chinesische Weise der Antike, drückte das so aus: Nichthandeln ist Handeln. Nichthandeln ist dabei nicht zu verwechseln mit müßiger Untätigkeit oder Tagtraum. Im Gegenteil ist sie eine äußert vigilante Einstellung, deren Energie allerdings nicht aus dem Ich, sondern aus unserem wahren Zentrum hervorquillt: aus dem Selbst. Selbstverwirklichung ist wirkliches Handeln.

Das Wesen des Selbstes

Kommt wahrhaft heilvolles Handeln aus dem Selbst? Was ist das Selbst? Um was für eine Art des Handelns geht es?

Wir wollen damit beginnen, uns zu fragen, was das Selbst ist. Was geschieht, wenn wir den Denker aufgespürt haben? Er verschwindet oder anders ausgedrückt, wir werden uns bewusst, dass der Denker, das Ich, eine Fiktion war.

Wer wird sich nun dessen bewusst?

Es kann nicht das Ich sein noch der Denker, denn dieser ist gerade aufgelöst worden. Es kann also nur das Selbst sein, unser Höheres Selbst. Es ist dies eine Art Oberste Instanz in uns, eine Art Beobachter. Was ist dieses Selbst, welche Natur hat es?

Aus Gedanken kann es nicht bestehen, denn wir stellten fest, dass die Gedanken mit dem Denker verschwinden. Das Selbst manifestiert sich also im Zustande des Nicht–Denkens, der Stille. Dies spüren wir durch Intuitionen, die uns zwischen zwei Gedanken erreichen: solche Intuitionen sind Botschaften des Selbst.

Das Selbst kann sich überhaupt in allen Bewusstseinszuständen mitteilen, in denen das Ich (unser Wachbewusstsein) teilweise herabgesetzt ist, also in Schlaf, Hypnose, Rausch, Trance, Meditation. Auch durch sogenannte Omen, synchronistische Alltagsereignisse und durch die üblichen Formen der Divination übermittelt es Botschaften. In Momenten der Inspiration, der Kreativität, wenn wir spontan die Lösung für ein lange überdachtes Problem finde—kommt dies aus dem Selbst.

Die meisten der großen Genies, Erfinder, Entdecker, Erneuerer, Künstler haben ganz bewusst auf die überragenden Fähigkeiten ihres Höheren Selbst vertraut. Sie legten sich abends mit dem Problem oder der Frage in Gedanken zu Bett, fest darauf vertrauend, am nächsten Morgen nach dem Erwachen die Lösung zu wissen.

Einstein hatte die Gewohnheit, kleine Nickerchen zu machen, wie er es nannte, und nutzte auf diese Weise ganz bewusst sein Unterbewusstsein, sein Höheres Selbst, um neue kreative Lösungen zu finden. Churchill pflegte sich, wie man weiß, stundenlang im heißen Badewasser aufzuhalten, um in diesem angenehm entspannten Zustand auf neue Ideen zu kommen und Lösungen zu schwierigen politischen Problemen zu finden. Edison, der Erfinder der Glühbirne, war sich der nahezu unbegrenzten Fähigkeiten seines Höheren Selbst voll bewusst und nutzte sie entsprechend für seine Erfindungen. Das Zitieren solcher Beispiele ließe sich seitenlang fortsetzen. Stattdessen wollen wir uns nun fragen, worin sich Selbstverwirklichung und Ichverwirklichung unterscheiden?

Wir haben gesehen, dass das Ich lediglich die Agglomeration von Gedanken ist. Gedanken sind aber niemals neu, sie bauen auf Vergangenem auf, sie sind sozusagen das Produkt der Vergangenheit. Sie sind daher das Opfer aller Konditionierungen und Muster, die es absorbierte. Das Denken konditioniert sich seinerseits selbst wieder. Jeder Gedanke wirkt konditionierend auf andere, ähnliche, Gedanken, jede Erfahrung bestätigt oder widerlegt frühere Erfahrungen und bestärkt oder schwächt frühere Konditionierungen. Der Denker, als das Produkt seiner Gedanken, ist also ein von seiner gesamten Vergangenheit geprägtes, und daher ziemlich limitiertes Etwas.

Es ist ersichtlich, dass Handeln, welches das Produkt des Denkers ist, der Gedanken, limitiertes, konformes, vergangenheitsorientiertes und konditioniertes Handeln ist. Denn das Handeln kann in seiner Natur nicht verschieden sein von dem Teil in uns, der handelt. Aus dem Ich fließendes Handeln ist imitativ, gestützt auf frühere Erfahrungen und Einsichten und daher sehr wenig originell. Solches Handeln ist etwas, was man als geistige Buchhaltertätigkeit bezeichnen könnte. Es ist das tägliche Routinehandeln. Es ist sicherlich nicht originelles, neues und kreatives Handeln. Es ist unser gewöhnliches egozentriertes Handeln, das auf Gewinn, Erfolg und Effizienz ausgerichtet ist.

Wo kommt nun selbstloses Handeln her? Eigentlich müsste man sagen ichloses Handeln, denn es ist gerade das Handeln, das aus dem Höheren Selbst heraus erfolgt, das wahrhaft selbstlos ist. (Eines der zahlreichen Paradoxa unserer Sprache, die alle mehr oder weniger unsere Konfusion aufzeigen angesichts solcher essentieller Lebensfragen).

Solches Handeln ist seiner Natur nach spontaner Art; es ist gerade nicht das Produkt gedanklicher Planspiele und Strategien. Es kommt sozusagen aus dem Herzen und nicht aus dem Kopf. Es ist nicht motiviert, da jede Motivation, wie wir gesehen haben, dem Denken angehört und eine Art Rechtfertigung des Denkers darstellt. Ich denke, also bin ich! Diese Maxime von Descartes ist die Verabsolutierung des Denkens und die Glorifizierung des Denkers. Diese Maxime ist nicht nur immens destruktiv, sondern ganz einfach falsch. Denn nur die Existenz des Denkers hängt vom Denken ab. Die Existenz unseres Höheren Selbst aber, unserer Seele, ist gerade unabhängig vom Denken. Wäre dem nicht so, müssten wir sterben während der Meditation und in jedem Bewusstseinszustand, in dem das Denken sein Ende gefunden hat.

Kein Widerspruch zur Psychiatrie

Nun sollten wir abschließend noch die Rolle des Ich in unserem täglichen Leben und auch bei der spirituellen Suche klarstellen.

Nach dem Gesagten könnte sich der falsche Eindruck einstellen, dass die hier dargelegte sozusagen spirituelle Betrachtungsweise innerer Vorgänge in unsere Psyche mit derjenigen der herkömmlichen Psychiatrie im Widerspruch stünde. Die Psychiatrie sieht das Ich als den wesentlichsten Teil der Person an, da es das Ich ist, das die Urtriebe (Es) und die moralischen Instanzen (Über–Ich) in uns harmonisiert und es der Person damit erlaubt, in eine dynamische und konstruktive Wechselwirkung zu ihrer Umwelt und ihrem soziokulturellen Umfeld zu treten. Das Ich ist also die Instanz, die Harmonie und Synthese in der Psyche ermöglicht. Je stärker das Ich, umso größer ist seine Flexibilität in der Bewältigung dieses dynamischen Anpassungsprozesses. Je schwächer das Ich, umso größer ist die Tendenz zu psychischen Störungen, zur sogenannten Psychose.

Nun ist es einleuchtend, dass es sich bei diesem Ich in Wahrheit um das Selbst handelt oder, genauer gesagt, um ein bereits geläutertes Ich, ein Ich, das im Selbst ruht und vom Selbst gesteuert wird. Ein solches Ich nimmt die Realität in einer anderen Weise wahr, als das Ich, das von seinen mentalen Kämpfen und Emotionen hin– und hergerissen wird und den Zustand der Stille noch nicht verwirklicht hat. Das geläuterte Ich ist friedlich und kann die Realität mit einer gewissen (relativen) Objektivität wahrnehmen und ohne von Emotionen aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden.

Dabei geht es jedoch nicht darum, Emotionen zu unterdrücken, sondern im Gegenteil darum, alle Emotionen anzuerkennen, sie aber gleichzeitig in ein Gleichgewicht mit der Vernunft (Geist) und der Intuition (Seele) zu bringen. Bei dem vom Selbst gesteuerten Ich handelt es sich also um eine Instanz, die von einer Höheren Weisheit gelenkt wird und uns den Zugang zu höheren spirituellen Energien erlaubt.

Es klingt eigentlich paradox, dass man ein starkes Ich haben muss, um das Ich im Selbst aufgehen lassen zu können. Dieser Widerspruch hängt zusammen mit der komplexen Struktur der menschlichen Psyche. Im Prozess der individuellen Erziehung und Reifung entwickelt das Kind sein Ich, sozusagen als Kontrollinstanz zwischen dem Es (seinen Trieben), und dem Über–Ich (den ihm durch Eltern und Gesellschaft auferlegten Normen, Verboten und Tabus).

Das Selbst jedoch bringt jeder Mensch vom Jenseits mit; es wird nicht geboren und stirbt auch nicht. Es ist immer. Es ist die unsterbliche Seele. Müsste der Mensch sich nicht in einem Körper inkarnieren, stellte sich das Problem nicht. Das Selbst würde sich direkt und unmittelbar manifestieren. Die Inkarnation der Seele aber bringt das mit sich, was die heiligen Schriften die Erbsünde nennen: es ist die Geburt des Denkers. Die Sünde im Sinne einer Abkehr vom ewigen göttlichen Einssein und Gutsein, kann nur durch das menschliche Denken erfolgt sein. Nur das Denken bringt Spaltung und Zweiheit hervor.

Die Bibel drückt dies gleichnishaft als das Essen vom Baum der Erkenntnis aus. Der sich selbst erkennende Mensch ist der denkende Mensch. Man braucht nur wieder an den bekannten Ausspruch Descartes zu denken, um sich diese Wahrheit vor Augen zu führen. Der im Selbst ruhende Geist erkennt sich nicht selbst. Er ist einfach. Um sich selbst kontemplieren zu können, müsste er sich spalten. Manche Heilige haben diese Wahrheit übertragen auf ihr Verständnis Gottes und erklärten die Schöpfung mit dem schönen Bild, Gott habe sie geschaffen, einzig und allein um sich darin selbst kontemplieren zu können, da ihm dies wegen seiner Allgegenwart anders nicht möglich gewesen sei.

In der Literatur wird das Ruhen im Selbst oft mit dem Schwimmen in einem Ozean verglichen. Oder es heißt, das Ich, das im Selbst aufgeht, gleiche dem Fluss, der ins Meer mündet. Das Selbst ist nicht individualisiert. Es ist sozusagen kosmisch, weit und universal, jenseits von Raum und Zeit. Es ist mit Gott verbunden, eins mit Gott.

Abschließend lässt sich also bezüglich dieser mehr psychiatrischen Betrachtungsweise feststellen, dass das Ich sozusagen ein Fahrzeug ist zum Selbst, zu seiner Verwirklichung. Obwohl das Ich der Selbstverwirklichung unmittelbar im Wege steht, ist es dennoch unbedingt erforderlich für unsere geistige Entwicklung.

Um beim Beispiel zu bleiben: Der Fluss benötigt ein Flussbett, um bis zum Ozean zu gelangen. Ohne Flussbett würde er sich im Lande verlieren, aufstauen und Überschwemmungen hervorrufen. Nur durch das Flussbett hat sein Strom eine Zielrichtung und kann schließlich den Ozean erreichen.

Das Wasser in diesem Beispiel ist die Lebensenergie. Sie wird durch das Ich kanalisiert und geleitet, wie das Flussbett den Fluss kanalisiert und leitet. Im Ozean angelangt, ist sie mit der kosmischen Energie vereint.

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