Trauer ist eine sehr wichtige Emotion


Sie hat den Zweck, uns mit unserem tiefsten Innern zu verbinden, uns unser ganzes Selbst fühlen zu lassen. Zugleich dient sie dazu, uns von etwas, sei es einer Person, sei es eine Sache, an der wir uns angehaftet haben, zu befreien.

Anhaftung, sei es die an Personen oder materielle Dinge, hat immer die Tendenz, uns von uns selbst wegzuziehen, uns zu entfremden von unserem wahren Selbst. Dabei will ich nicht so weit gehen zu sagen, dass jede Art der Anhaftung oder jeder Grad von Anhaftung diese Folge nach sich trägt. Dies wäre eine wohl etwas extreme Ansichtsweise, obwohl sie von den meisten der spirituellen Lehrer wie Ramana Maharshi oder J. Krishnamurti vertreten wird.

Es mag als Lebensziel durchaus erstrebenswert erscheinen, sich von jeder Art der Anhaftung zu befreien. Indessen kann uns eine Verabsolutierung von Wahrheit auch zu Extremhaltungen verleiten, die nicht oder noch nicht unserem Wesen entsprechen und daher mehr Schaden als Nutzen bringen. Anhaftung, die zwangsweise, ohne die notwendige Trauer und zu hastig durchtrennt werden soll, würde in einer ziemlich arroganten Selbstisolation enden; diese Isolation würde nicht nur unsere Umgebung befremden, sondern, was schlimmer ist, in unserem eigenen Inneren eine Barriere errichten zu unserem Selbst.

In jedem Prozess und jedem Umstand des Lebens liegt ein Sinn. Wenn wir diesen Sinn nicht erfassen, können wir nicht konstruktiv–gestaltend auf unser Leben einwirken. Jede Einwirkung würde sich dann störend oder hemmend auf den Entwicklungsprozess des Lebens auswirken.

So liegt auch in der Anhaftung ein Sinn. Bei vielen Jugendlichen und Erwachsenen, die in symbiotischer Anhaftung oder Kodependenz mit anderen leben, projizieren auf ihre Lieben das Ideal einer nicht ausgelebten oder gar nie erlebten frühkindlichen Fusion mit der Mutter und versuchen auf diese Weise, ihr Fusionsproblem zu lösen. Anhaftung, als Prozess der Loslösung verstanden, kann also zu persönlicher Autonomie führen. Das klingt paradox, sicherlich. Aber es ist möglich. Dazu ist erforderlich, dass die Fusion bewusst gelebt wird.

In der Tat lässt sich Fusion nicht lösen wie der gordische Knoten, obwohl das Schicksal es für uns tut, indem es die Trennung gleichsam durch das Damoklesschwert vollzieht, zum Beispiel durch unerwarteten Tod eines Angehörigen, Freundes oder Partners. Denn dies ist die Antwort des Universums auf unsere Weigerung, die Fusion als Übergangsstadium zu dem anzusehen, was unser wahrer Seinszustand ist: persönliche Autonomie und geistig–spirituelle Unabhängigkeit.

Dies spielt in vielen Lebensschicksalen eine Rolle, da nämlich, wo Menschen zu großen Aufgaben ausersehen sind, die sie ganz allein angehen müssen, sich aber stattdessen, oft aus Unkenntnis ihrer wahren Bestimmung, an andere Menschen anhängen. Zwei markante Beispiele sind George Gershwin und J. Krishnamurti, die beide einen fusionell geliebten Bruder verloren, genau in dem Moment, als sie sich auf ihre Weltmission vorbereiteten.

Abgesehen von solchen Sonderfällen jedoch ist es nicht generell ungesund, in Anhaftung an andere Menschen oder Dinge zu leben, soweit und solange wir uns dieser Anhaftung wirklich bewusst sind und diesen Prozess der Anhaftung passiv beobachten. Tun wir dies, beachten wir nämlich die Anhaftung als einen Prozess und nicht als einen Daseinszustand; damit zeigen wir dem Universum, dass wir innerlich offen sind für eine, wenn auch graduelle, Transformation der Symbiose in einen Zustand persönlicher Autonomie.

Autonomie ist deswegen unser natürlicher Seinszustand, weil wir erst bei Verwirklichung unserer individuellen Autonomie die ganze Verantwortung für unser Sein, und für unsere derzeitige Inkarnation, übernehmen. Andernfalls schieben wir immer einen Teil dieser Verantwortung auf die Wesen ab, mit denen wir in Kodependenz leben.

Um zur Trauer zurückzukommen, wird nun vielleicht verständlich, warum der Trauer als Emotion eine solch große Bedeutung zukommt. Trauer hilft uns nämlich, unsere Autonomie, unser Zentrum zu finden und die Verantwortung für unser eigenes Sein zu übernehmen.

Aus jedem Trauerprozess gehen wir in gewisser Weise als »neugeboren« hervor, also als von Grund auf verändert. Jeder Trauerprozess befreit uns von Schalen oder Häuten, die uns mehr mit Schein als mit Sein verbanden, die etwas Fremdes oder auch der Vergangenheit Angehörendes darstellten. Oft ist es nämlich so, dass wir uns innerlich weiter entwickeln, ohne dabei die ganze Konsequenz auch im äußeren Leben zu tragen. Wir bleiben äußerlich angehaftet an Personen oder Gegenstände, die wir der inneren Entwicklung gemäß, die wir durchgemacht haben, nicht mehr brauchen oder die gar unserer weiteren Evolution im Wege stehen.

Dabei sollten wir verstehen, dass wir in keiner Weise verpflichtet sind, mit irgendwelchen Personen oder Dingen verhaftet zu bleiben. In Beziehungen und Partnerschaften ist es oft so, dass ein Partner glaubt, aus Verpflichtung dem anderen Partner gegenüber bei diesem bleiben zu müssen, obwohl dieser Zustand nicht seinem inneren Willen entspricht. Ein solches Gefühl der Verpflichtung beruht hingegen auf einem Missverständnis. Es wird dabei zunächst einmal das eigene Bedürfnis mit dem des Partners verwechselt. Eine solche Verwechslung oder Vermischung von Bedürfnissen einer Person mit denen einer anderen ist gerade typisch für Kodependenz. Aber vor allem wird übersehen, dass eine Beziehung zwischen zwei Menschen sich gründet auf einen Konsens der beiden Partner, die Beziehung aufrecht zu erhalten. Fällt der Wille eines Partners zur Weiterführung der Beziehung weg, ist ein solcher Konsens nicht mehr gegeben.

Darüber hinaus sollten wir beachten, dass es im Universum ein Gesetz der Anziehung gibt, das nicht nur für die gegenseitige Anziehung zwischen Personen, sondern ebenso für die Anziehung oder Abstoßung von Gegenständen im Bezug zu Personen gilt. Mit einem Wort: alles, was sich in unserem Geiste an Vorstellung und Wille befindet, ziehen wir uns im äußern Leben an Umstand oder Begegnung an. Fehlt nun die Attraktion einer Person für eine andere, oder ist sie im Laufe einer Beziehung weggefallen, zum Beispiel durch innere Evolution eines Partners, die der andere Partner nicht mitvollzogen hat, so fehlt es generell an der Attraktion zwischen diesen beiden Menschen. Es ist, als habe der Magnet, der einst diese beiden Menschen zueinander hinzog, mit einem Male seine Wirkung verloren.

Dabei spielt es keine Rolle, dass nur ein Partner dieses Phänomen empfindet und signalisiert. Es ist ein Phänomen, das beide Partner angeht, weil es der Beziehung selbst angehört. Fehlt es also an der Attraktion auf einer Seite einer Beziehung, ist es so, dass der Beziehung als solcher die Basis fehlt. In diesem Falle muss der Partner, der das Fehlen der Attraktion nicht empfindet und sich weiterhin an den anderen binden möchte, obwohl der andere diese Bindung nicht mehr wünscht, einen Trauerprozess vollziehen, um sich mit sich selbst, seinem eigenen Zentrum, in Bezug zu setzen und von diesem Zentrum aus die Wahrheit bezüglich der Beziehung, die ihm nun problematisch erscheint, zu erfassen.

Die Trauer führt den Betreffenden aus der Entfremdung heraus, welche die Anhaftung an die andere Person für ihn zur Folge hat und bewirkt eine Zentrierung der Person auf ihre innere Wahrheit. Das ist so, weil Trauer die Emotion ist, die die Fähigkeit loszulassen lehrt. Sie lehrt uns das Loslassen und der schmerzliche Effekt der Trauer nimmt in dem Masse ab, in dem wir das Loslassen zulassen.

Trauer ist eine Emotion, die in einem inneren Zusammenhang steht mit der Melancholie. Nicht der Melancholie als pathologischer Erscheinung, sondern dem, was man als kreatives Tagträumen bezeichnen könnte. Derjenige, der es akzeptiert, sich innerlich möglichst frei zu halten von zu starken oder ausschließlichen Bindungen und sich nicht wehrt gegen das Loslassen, flüchtet sich nicht in übertriebene Aktivität, sondern nimmt seine Zeit, um den inneren kreativen Reifeprozess einfach sein zu lassen.

Trauer ist verknüpft mit der Fähigkeit zu lieben. Nur wer loslassen kann, kann lieben. Nur wer trauern zulässt, reinigt sich immer wieder von allem, was in uns der Realisierung der Liebe im Wege steht. Daher ist Trauer nicht, wie viele Menschen glauben, eine negative Emotion. Sie ist im Gegenteil sehr positiv.

Trauer ist ein Zustand, der nur dann möglich ist, wenn, wie bei der Liebe, die Lebensenergie frei fließt. Alle Abwehr der Trauer, durch die Suche nach Zerstreuung oder der Flucht in Aktivitäten oder, im schlimmsten Falle, der Trauerabwehr durch Bitterkeit, Hass oder Frivolität, stellt eine Blockade der Trauerenergie dar und damit eine Blockade gegen das Leben selbst.

Alle natürlichen Emotionen haben einen Sinn und führen uns immer wieder zurück zu unserem wahren Sein, unserer Ganzheit. Sie verbinden uns mit unserem innersten Selbst und lassen uns das Leben wahrhaft mit Fleisch und Blut empfinden—und nicht nur mental erleben.


©2015 Peter Fritz Walter. Some rights reserved.
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