Eine Definition

Etymologisch kommt das Wort ‘Autonomie’ vom lateinischen auto, selbst, und nomen, Name. Autonom ist also der, der selbst einen Namen hat. Nun muss man weiter sehen, dass in der Antike der Spruch nomen est omen galt: also der Name ist das Schicksal oder im Namen ist das Schicksal enthalten.

Jeder, der die Grundbegriffe der Numerologie versteht, weiß, dass dies fundamental richtig ist. Und jeder Initiierte weiß überdies, dass wir die Namen vom Jenseits mitgebracht haben für die gegenwärtige Inkarnation, wohl wissend, was unser Lebensziel ist. Sehen wir dies nun zusammen mit der vorweg getroffenen Erkenntnis bezüglich des Begriffs der Autonomie, so gelangen wir zu der Schlussfolgerung, dass autonom der ist, der selbst ein Schicksal hat. Was soll das heißen? Nun, derjenige, der selbst ein Schicksal hat, der hat es für sich selbst, für sich ganz allein. Er teilt es nicht mit einem anderen oder, anders gesagt, er teilt nicht das Schicksal einer anderen mit ihm fusionell verbundenen Person. Die etymologische Untersuchung des Begriffs der Autonomie zeigt also, dass er in der Tat Freiheit von Fusion als wesentliches Charakteristikum voraussetzt.

Mit Autonomie assoziieren wir Entscheidungsfreiheit, Willensfreiheit, Freiheit der Partnerwahl, also Liebesfreiheit, Rede– und Kunstfreiheit, Freiheit der Lebensgestaltung, das sogenannte Selbstbestimmungsrecht, die Freiheit der Berufswahl und der Religion, alles in allem den Schatz von Grundfreiheiten einer neuzeitlichen demokratischen Staatsverfassung.

Doch bereits im Vorfeld dessen ist Autonomie eigentlich eine psychische Qualität von Freiheit: daher der Ausdruck der inneren Freiheit. In Anlehnung an die Arbeiten Carl-Gustav Jungs, insbesondere über die Beziehungen zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, ist sicher auch richtig, im Rahmen der inneren Freiheit die Integration unterbewusster Bewusstseinsinhalte mit zu umfassen: hier insbesondere die Integration derAnima oder des Animus in das bewusste Ich.

Autonomie ist demnach ein Zustand innerer Freiheit, der durch die Integration des Unbewussten, die Lösung der psychischen Fusion mit der Matrix und das Leben in der Gegenwart als Frucht der Überwindung der Projektionen in Vergangenheit und Zukunft sich auszeichnet.

Auf äußerem Niveau zeichnet sich Autonomie durch größtmögliche Selbstbestimmung innerhalb der Beziehungen mit anderen aus. Doch am deutlichsten wird ein autonomes Individuum daran erkennbar, dass es eben wirklich individuiert ist, und seiner eigenen Bestimmung folgt, seiner Berufung gehorcht und die Aufgaben erfüllt, die ihm sein Schicksal aufgibt.

Autonomie im Glauben, oder gestützt auf die eigene Philosophie, die eigene Wahrheit, ist dabei nicht ein Zustand, der separiert, oder zurückweist und isolierend wirkt. Es ist vielmehr höchste Konzentration auf die eigene Lebensmission, das Schwingen im eigenen Kontinuum sozusagen, wobei jedoch gleichzeitig die eigene Relativität, das Schwingen des Selbst in einer Höheren Ordnung, sehr bewusst empfunden wird. Es ist also nicht ein Verabsolutieren des eigenen Standpunktes oder der eigenen Philosophie. Das wäre gerade das Gegenteil von Autonomie und stellte gerade fusionelles Verhalten dar, eine verzweifelte Abwehr fusioneller Neigungen durch intellektuelle Separativität (und Arroganz).

Eine freiheitlichere, tolerantere und friedvollere Welt entsteht in dem Masse, in dem immer mehr Menschen zu Individuen werden, zu ganzheitlich orientierten Wesen nämlich, die Freiheit in ihrem Inneren erlangt haben. Der Weltfrieden hängt davon ab, dass die Gruppe der Menschen, die diese höhere Form des Bewusstseins erreicht haben, immer größer wird und schließlich dabei mithilft, nicht nur das Bewusstsein, sondern auch die äußere Welt in veränderter Weise zu gestalten.

Der Prozess der Befreiung kann dabei weder ein politischer, sozialer oder sensationeller Umsturz der äußeren Formen und Strukturen sein. Alle solche Revolutionen im Äußeren führen nur zu mehr Chaos, zu mehr Blutbädern, zu mehr Herrschaft der Ignoranz und des Machthungers. Die einzig mögliche Veränderung ist die graduelle, friedliche und innere Änderung: die unseres Bewusstseins. Jeder Einzelne ist dabei aufgerufen, an dieser Veränderung, durch die eigene Transformation, mitzuwirken.

J. Krishnamurti hat uns mit Klarheit und Überzeugungskraft den Weg zu dieser psychologischen Revolution gewiesen. Doch spirituelle Evolution ist nicht möglich, ohne dass jeder Einzelne frei wird auch von der Nabelschnur, die ihn mit der Matrix fusioniert, und in der Illusion eines Zustandes von ewigem Paradies gefangen hält. Das Leben akzeptieren heißt nicht, wie man Freud missverstehen könnte, das Lustprinzip völlig durch das Realitätsprinzip zu ersetzen, sondern das Verlangen in Form des Bedürfnisses in ein solches zu transformieren, das unsere individuellen Lebensmission ins Leben ruft und nährt, und damit Freiheit schafft.

Die innere Arbeit als Voraussetzung dieser Transformation muss sich daher in erster Linie mit unseren Fusionsproblemen auseinandersetzen, ohne deren Lösung wir den Zustand eines wahrhaft erwachsenen Bewusstseins, das heißt eines solchen, das die Verantwortung für unsere Teilnahme am Gesamtprozess des Lebens zu übernehmen bereit und in der Lage ist, nicht erreichen können.

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