Das ödipale Drama

Seit langem trage ich mich mit der Idee, ein Phänomen zu analysieren, das in unserer Kultur kaum in seiner problematischen Dimension erkannt wurde.

Es betrifft die Generation derjenigen, die während des Babybooms der 60er und 70er Jahre geboren wurden — und die daher kaum oder überhaupt nicht gestillt wurden als Säuglinge! Ich bin einer von ihnen.

Wir waren als Kind die Opfer stringenter taktiler und sensueller Deprivation, denn eine lebensverneinende und ignorante Pädiatrie verordnete autoritativ, dass Eltern im wahrsten Sinne des Wortes ihre Finger vom Kinde zu lassen haben. Während das affektive Kontinuum die Kohabitation von Kindern mit ihren Eltern als den natürlichen Zustand ansieht, verbot die Pädiatrie das nun und dämonisierte solches Verhalten als unnatürliches ‘Verwöhnen’ des Kindes, wenn nicht gar im Zuge neuer Forschungen über emotionalen Kindesmissbrauch natürlicher Körperkontakt zwischen Eltern und Kindern als ‘verdeckter Inzest’ angesehen wurde.

Ich möchte in dem Zusammenhang nur auf die wichtige Studie von Jean Liedloff hinweisen, die den Titel trägt, Das Kontinuum Konzept: Auf der Suche nach dem Verlorenen Glück (1977/1986), denn sie wurde genau zu dieser Zeit veröffentlicht. Dieses Buch hat denn auch einen Wendepunkt markiert, denn es zeigt mit gewichtigem anthropologischem Hintergrund, dass die westliche Kultur ganz klar in den Abgrund steuert mit ihrer berührungsfeindlichen Kindererziehung.

Dieses naturfeindliche Erziehungsparadigma war natürlich Made in USA, wie so ziemlich aller neuzeitlicher Irrsinn, der nun vom Westen weltweit exportiert wird. Es wurde denn auch geflissentlich übernommen und ideologisch integriert in Kulturen wie Großbritannien, Australien, Deutschland oder Frankreich, wiewohl es nur in minderem Maß in Italien, Spanien oder Griechenland Fuss fassen konnte, weil diese Kulturen traditionell eine positiv-sensuelle Kindererziehung pflegten.

Die Mittelmeerkulturen haben Sensualität und positive Berührung in der Eltern-Kind Beziehung niemals verdammt, und sie sind denn auch erotisch intelligenter als die meisten angelsächsischen Kulturen, in denen seit vierhundert Jahren lebensfeindlicher Puritanismus den Ton angibt …

Noch heute wird Dr. Benjamin Spocks Lehrbuch der Säuglingspflege gut verkauft, obwohl es klar ist, dass dieses Buch die ehernen Prinzipien natürlicher Kindererziehung verrät und verkauft!

Der Zufall will es, dass es auch in der bekannten Fernsehserie Raumschiff Enterprise einen Dr. Spock gibt, der mit dem Verfasser des Buches nicht wenig gemein hat. Beide plädieren sie für die Priorität und Superiorität des Intellekts und machen emotionale Intelligenz herunter, oder spotten gar darüber.

Das Skript des Filmes erklärt, dass die Vulkaner sich als ‘zu emotional’ bezeichneten, und dass diese starke Emotionalität viele Probleme in ihrem Leben, ihren politischen Angelegenheiten und in ihren Beziehungen hervorgebracht habe.

Als ein Resultat dieser Analyse haben sie nach einem Gegenmittel gesucht für ihre zu spannungsreiche Emotionalität. Die Frage ist denn auch, ob rein logische Denkfähigkeit die Intelligenz des Körpers überhaupt nur erfassen oder erahnen kann? Ganz offenbar doch nicht, denn es handelt sich um zwei verschiedene Ebenen, in welchen sich menschliche Intelligenz manifestiert. Aber die Lösung der Vulkaner war eben ein Konzept, das auf mentaler Gehirnwäsche beruhte.

Sie dachten simplistisch. Ursache und Wirkung. Wir sind zu emotional, also müssen wir weniger emotional sein, also müssen wir rationaler sein. Sie entwickelten also einen Lebensstil, der dem der alten Spartaner sehr ähnlich war, und welche Rationalität als den höchsten Wert setzt.

Diese Orientierung, obwohl sie doch eine Faust war ins Gesicht der Frau und der Feminität, positionierte den Intellekt als die ultimative Kontrolle über Emotionalität. Dies fand dann natürlich auch Ausdruck in der Körpersprache. Gesichtszüge, und die gesamte Kommunikation, verbal oder nonverbal, drückt diese Einstellung klar aus.

Die Sprache der Vulkaner ist kurzangebunden und scharf, Bemerkungen sind zielgerichtet, Empathie ist eine von höflicher und kalkulierter Zurückgezogenheit, Kritik ist scharf und brillant. Spocks ganze Erscheinung lässt es schnell offenbar werden, dass er intellektuell jeden in der Umgebung aussticht, einfach deswegen, weil er seine natürliche Verletzbarkeit vollkommen verleugnet und durch eine gekünstelte Überheblichkeit ersetzt.

Aber solches Gebaren kennen wir sehr wohl auch unter uns Menschen! Es ist genau das Gebaren des ödipalen Helden, über das ich in diesem Essay reden werde. Wie man sich gibt, wie man sich verhält, ist immer Ausdruck einer Gestalt, und als solches reich an Signalen.

Ich möchte nun hier beginnen und dies als den Anfangspunkt setzen für meine Untersuchung, was eigentlich ödipale Kultur bedeutet, und welche Rolle der ödipale Held in dieser eigenartigen Geschichte spielt.

Ich möchte dabei erhellen, was es eigentlich mit dem Ödipus Drama auf sich hatte, das bekanntlich von Sigmund Freud als eine Metapher für die psychosexuelle Entwicklung des Kindes geprägt wurde.

Um es vorweg zu sagen, habe ich nicht nur allgemeine, sondern ganz spezifisch begründete Einwendungen gegen Freuds Theorie, über die ich verschiedentlich publizierte. Allerdings gehe ich über Freud hinaus. Ich gehe auch über Ödipus hinaus. Ödipus war nicht der Anfangspunkt der Menschheitsgeschichte. Er war eher der Anfangspunkt des Untergangs der Menschheitsgeschichte.

Das Drama begann vor Ödipus’ Geburt. Sein Vater bekam das eigenartigste Orakel, das man sich denken kann; dass er von seinem eigenen Sohn umgebracht werden würde. Der Mann war natürlich entsetzt und setzte das Baby auf einem Berg aus.

Aber ein Hirte fand es dann und nahm es mit, und durch seine gute Tat landete das Kind, wiederum durch die Verkettung von Umständen, in einer königlichen Familie in Korinth, wo es wohl hingehörte, da es ja selbst von königlichem Blut gezeugt war.

Das furchtbare Schicksal war, dass König Laius, um dem fatalen Orakel zu entgehen, es geradezu in Gang setzte. Nun, das ist eine Betrachtungsweise. Eine andere würde sagen, es wäre ohnehin erfüllt worden, was auch immer er getan hätte.

Aber das wissen wir nicht …

Und Spekulation hilft uns nicht. Es war wie es war. Er wollte das Schlimmste verhindern und gab das Kind auf. (Es wäre wohl interessant, eine Umfrage zu starten, wie viele Menschen so gehandelt hätten wie er in dieser Situation, und wie viele etwas anderes getan hätten — und was?)

Ich möchte es einmal so formulieren. ‘Und was ist die Moral von der Geschicht?’ Die Moral ist, dass es keine Moral gibt.’ Anders ausgedrückt, nicht Moral lässt Menschen richtig handeln, sondern Liebe! Ein liebender Vater hätte sich nämlich gesagt, na ja, also wenn das so ist, dann werde ich das Kind aufziehen und dann sehen, ob es das wirklich tut? Sollte mich doch der Teufel holen, wenn ich einen Sohn liebevoll aufziehe und er mir dann den Garaus macht? Wenn das der Fall sein wird, dann sind alle kosmischen Gesetze falsch. Also lass uns das einmal herausfinden …

Die Wahrheit ist eben, dass es Angst ist, die uns falsch handeln lässt, während Liebe richtig handelt. Und wo Angst ist, kann Liebe nicht sein.

Was erzeugt Angst? Liebesverbote. Was ist die Ursache von Flüchen wie dem, der auf dieser Familie lag? Es ist die Ursache von patriarchalischem Wahnsinn, der in Kategorien denkt, die sehr fern sind von Liebe, weil sie voller Gewalt sind, und voller Tradition. Und Tradition, im Patriarchat, ist eben Gewalt!

Eine psychologische Interpretation der Sage lässt uns erahnen, was Karma eigentlich wirklich bedeutet.

Um es vierkantig zu sagen: niemand bekommt fatale Weissagungen, wenn er nicht Dreck am Stecken hat! Also, wer hat das schlechte Karma? Der Vater, vor allem. Hier ist der Schlüssel zur Moral der Geschichte. Wir haben hier einen Vater und einen Sohn. Jeder sagt, der Sohn ist schlecht, aber der Fluch wurde durch den Vater in Gang gesetzt, nicht durch den Sohn! Kein Fluch kommt von nichts. Karma ist Ursache und Wirkung.

Und hier sind wir dann am Urgrund dessen angelangt, was ich den Ödipalen Helden nenne. Er ist der Retter seiner Eltern. Indem er sie von ihrem Unglück rettet, von ihrem Familienkarma befreit oder von ihrer Verzauberung erlöst oder ihrem Narzissmus, und ob er dies nun bewusst oder unbewusst tut, er kreiert damit Karma. Und diese seine Mission, seine Eltern zu retten, ist sein — missverstandener — Heroismus.

Jetzt sollte es eigentlich in Ihrem Ohr läuten, lieber Leser oder Hörer, denn es ist offensichtlich von diesem Punkt meiner Erklärungen an, dass die ödipale Fixierung ohne weiteres zu Narzissmus führt, und hier weiche ich von der herkömmlichen Psychiatrie ab.

Der Unterschied zwischen der herrschenden Meinung und meiner eigenen Analyse des Problems besteht darin, dass ich eine Verknüpfung, eine Verbindung sehe zwischen den antiken Tragödien des Ödipus und des Narziss, welche ich bislang nicht in irgendeiner psychologischen oder psychiatrischen Publikation, noch in der Mythologie, erwähnt fand. Denn diese beiden Mythen werden gewöhnlich als apart und von einander gesondert behandelt, als der Ausdruck zweier voneinander unterscheidbarer Formen psychologischer Komplexität.

Tatsache ist, dass die Perspektive, die ich entdeckte, eine Anzahl von Türen öffnet, denn von dem Moment wird es dem Forscher dann offenbar, warum unsere postmoderne Industriekultur in solchem Grade befangen ist mit dem Problem von Kodependenz zwischen Eltern und Kindern, einem weitverbreiteten Kindesmissbrauch, Liebesverboten, Gewalt, Selbstentfremdung, Narzissmus und mehr oder weniger akzeptierter sozialer Schizophrenie.

Der ödipale Held leidet unter genau demselben Syndrom von ‘verpasster Kindheit’ wie der Pädophile, mit dem einzigen Unterschied, dass er seine Neigung unterdrückt und auf andere projiziert.

Der Ausweg aus der Pädophilie ist nicht die Anti-Pädophilie, weil dies einfach die falsche Fragestellung ist. Die richtige Fragestellung ist, ob Repression der kindlichen Emotionalität und des kindlichen Sexuallebens Kindern irgendetwas von Wert bringt, oder ob es nicht eher Permissivität ist, die Kindern wahre Unterstützung gibt für ihr positives psychisch-emotionales Wachstum?

Sowohl der ödipale Held, als auch der propagandistische Pädophile sind blind gegenüber der Tatsache, dass die einzig haltbare und abgesicherte Ätiologie sowohl des ödipalen Heldentums als auch der Pädophilie die emotionale, taktile, sensuelle und sexuelle Deprivation von Kindern und Jugendlichen ist, wie sie seit etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts in unserer Kultur um sich griff.

Dann endlich, und mit systemischer Logik, wenn wir das soziale und legale Umfeld als Resultat unserer Einsicht in die emosexuelle Integrität des Kindes geändert haben, sind wir endlich in der Lage, unsere Verantwortung für Gewaltlosigkeit in allen unseren Kontakten mit Kindern einzusehen, und dann ist in unserer gesamten Kultur der Boden bereitet für eine Ära, in welcher der Mensch sich voll realisieren kann — denn Gewaltlosigkeit ist die Hauptbedingung dafür.

Und dann werden die Probleme von Homosexualität, Pädophilie oder Sadomasochismus keine Probleme mehr sein.

Ich möchte nicht behaupten, dass diese Erscheinungsformen menschlichen Sexualverhaltens einfach aussterben werden; aber eine Gesellschaft, die endlich das Kind, und das innere Kind, akzeptiert hat, wird in der Lage sein, sexuelle Diversität ebenso zu dulden, wie sie ethnische, rassische oder soziale Diversität duldet.

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