Kampf Gegen Wahrheit

Die Publikationen des amerikanischen Neuropsychologen James W. Prescott haben deutlich gemacht, dass eine Interdependenz besteht zwischen Sexualunterdrückung und Gewalt. Je stärker die Sexualunterdrückung in einer bestehenden Kultur, umso größer ist das Maß struktureller Gewalt in dieser Kultur.

Diese Hypothese wurde bereits dreißig Jahre vor Prescott von Wilhelm Reich aufgestellt, aber keiner wollte ihm glauben. Man diffamierte ihn öffentlich als paranoid und seine Schriften wurden im freiheitlichen Amerika der fünfziger Jahre öffentlich verbrannt, nachdem man den schwer herzkranken Arzt als Scharlatan ins Gefängnis geworfen hatte, wo er einem Herzinfarkt erlag.

Dies war also nicht etwa im finsteren Mittelalter, sondern im McCarthy geführten Amerika, wo die typisch amerikanische Kommunismus-Hysterie einen vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Unter Kommunismus wurde und wird in den Vereinigten Staaten so ziemlich alles subsumiert, was den herrschenden, merkantilen und hegemonialen Interessen zuwiderläuft.

Prescott hat deutlich gezeigt, dass einer der Primärfaktoren bei der Entstehung der Gewalt ein tiefgreifender Mangel von Affektion bei der Kleinkindbetreuung ist. Je öfter und intensiver der physische Kontakt zwischen Mutter und Kind, oder zwischen Vater und Kind, umso ausgeglichener wird das Kind später psychisch sein, umso friedvoller auch wird es sein.

In den Vereinigten Staaten stillen nur noch weniger als zwanzig Prozent aller Mütter ihre Babys. Kinder wachsen mit Babysittern auf, weil die Mütter keine Zeit mehr haben für die Familie, und viele sogar einen Ekel empfinden vor dem Stillen und gar vor allem, was eine Hausfrau normalerweise tut und erlebt.

Hautkontakt zwischen Eltern und Kind wurde von einer total lebensfeindlichen Pädiatrie im übrigen auf das strikte Minimum beschränkt. Angesichts der Emanzipation der Frau und neuzeitlichem femininem Drang in die traditionell männlichen Berufe, wundert es nicht, dass der sprunghaft angestiegene Bedarf an Babysittern, Kleinkinderziehern und Pädagogen für behinderte oder autistische Kinder aktuell in den meisten Industrieländern nur noch mit Männern zu decken ist.

Muss nicht als Konsequenz dieser ganzen Entwicklung ein völlig neuer Verhaltenskodex für den männlichen Babysitter und Kleinkindbetreuer geschaffen werden?

Das Kind braucht den Körperkontakt wie das tägliche Brot oder die Flasche. Und es ist der Gipfel moralischer Perversität, kindliebende männliche Babysitter, die das affektive Elend der Kleinen jeden Tag mitansehen müssen, und vor allem auch den Bedarf der Kinder an physischer Affektion, an Hautkontakt, und die die Einsamkeit der meisten Kinder in einer zutiefst kinderfeindlichen Kultur verstehen, in Gefängnisse zu sperren, nur weil sie ihren Beruf in einer Weise ausübten, den die Moral im Moment nicht zulässt, die aber, was immer man denken mag über ihre emosexuelle Ausrichtung, letztlich das tun, was emotional–erotisch intelligent ist und funktionell.

Bei Eskimos, die zu den friedlichsten Völkern auf der Erde gehören, ist der Hautkontakt optimal. Die Mutter trägt ihr nacktes Baby unter dem Parka auf ihren nackten Rücken, sodass Mutter und Kind fast vierundzwanzig Stunden pro Tag in Hautkontakt verbunden sind.

In Ergänzung zu diesen Forschungen sollte man die aufsehenerregende Studie von Ashley Montagu über die Funktion der menschlichen Haut und die Vorgänge beim Hautkontakt heranziehen.

Danach besteht kein Zweifel mehr, dass beim Hautkontakt, ob nun zwischen Mutter und Kind, beim Stillen oder anderweit, oder zwischen Vater und Kind, oder im allgemeinen bei zwei sich in Liebe vereinenden Menschen, ein Energieaustausch statt findet, der bioenergetische Prozesse involviert, die einen Einfluß haben auf die Energiesysteme beider Körper.

Diese Prozesse nun, fand man heraus, sind für die psychosomatische Entwicklung des Kindes von entscheidender Bedeutung. Auch sind sie für die Restituierung der sich durch das Denken verbrauchenden Lebensenergie beim erwachsenen Menschen unbedingt notwendig.

Dieser Zusammenhang zwischen Lust, also Sensualität im weitesten Sinne, und den Ursachen der Gewalt haben zweitausend Jahre christliche Wissensverdammung bewusst unter den Teppich gekehrt. Die von Paulus, und nicht von Jesus von Nazareth, gegründete Machtorganisation mit dem Namen Kirche hat in ihrem Dogma den Baum der Erkenntnis tabuisiert und damit das Wissen um Leben, Liebe, Pulsation der Energie und das Wissen vom Zusammenhang zwischen Sexualität und echter Religiosität verbannt.

Jeder, der Wilhelm Reich gelesen hat, weiß, wie schnell eine Forschung in die Zusammenhänge der Sexualität, und in die Funktion des Orgasmus zur Initiation führt in die Mysterien des Lebens selbst, in die Pulsation aller Materie, allen Seins, der Zelle, wie des Kosmos.

Reich hat die Erkenntnisse der Quantenphysik vorweg genommen, indem er, ohne es vielleicht zu wissen, letztlich auf die orientalische Weisheit im Bereich der Sexualität aufbaute.

Fritjof Capras Tao der Physik (1975/2000) wird für einen Reich-Kenner ebenso bekannt klingen, wie all die vermeintlich neuen Erkenntnisse im Bereich Psychoanalyse und Bioenergetik bis hin zur Nutzung der Sonnenenergie. Dies ist so, weil es sich hier recht eigentlich um sehr alte Kenntnisse handelt, die lediglich wiederentdeckt wurden.

Die Kontroverse Reich-Einstein spiegelte letztlich die Alternative Orgonenergie-Atomenergie nur allzu deutlich wider. Angesichts der systematischen Fehlinformation der Massen seitens Regierungen und ihren Geheimdiensten hätte in der Tat nur die Autorität eines Einstein Reichs revolutionären Entdeckungen die Anerkennung in der offiziellen Wissenschaft verleihen können, die ihnen gebührte.

Prescott stellte fest, dass patriarchalische Gesellschaftsstruktur, phallokratisch-sexistische Unterdrückung der Frau und des Mädchens und die damit einhergehende Abtötung des Weiblichen im Manne, monotheistische Religion, Gewalt, Krieg, Folter und Tortur einhergehen mit einer affektiven und taktilen Vernachlässigung des Kleinkindes einerseits und der starken Repression adoleszenter Sexualwünsche, andererseits. In einer kulturüberschreitenden Analyse, bei der Prescott siebzig von allen Stammeskulturen der Welt miteinander verglich, konnten alle einzelnen Faktoren dieser Hypothese verifiziert werden.

Es geht hier denn auch vor allem um einen Teilaspekt der Forschungen Prescotts, nämlich seine Feststellung, dass psychische und emotionale Schäden, die durch frühkindlichen Mangel an Affektion zustande kommen, durch spätere aktive sexuelle Betätigung in der Jugend wieder behoben werden können. Um dies zu verstehen, sollte die Studie des englischen Neurophysiologen Herbert James Campbell, betitelt The Pleasure Areas (1973), mit herangezogen werden. (Das Buch wurde ins Deutsche übersetzt mit dem Titel ‘Der Irrtum mit der Seele,’ welches nicht nur ein vollkommen unsinniger Titel ist, sondern auch einer der den Inhalt des Buches total verkennt.)

In dieser Studie hat Campbell etwa vierzig Jahre neurophysiologische Erfahrung und Forschung aufbereitet und zusammengestellt und kam zu dem Ergebnis, dass die im menschlichen Gehirn vorhandenen Zentren für Lust und für Gewalt in gegenseitiger Ausschließlichkeit funktionieren. Das heißt praktisch gesprochen, dass ein gegebener Reiz nur entweder das Lust– oder das Gewaltzentrum stimulieren kann, nicht aber beide gleichzeitig.

Campbell stellte nun weiterhin fest, dass bei einer Deprivation von Lust, sei es sensuelle Lust, sei es taktile Lust, sei es sexuelle Lust, in früher Kindheit das Lustzentrum im Gehirn sich durch den Reizmangel immer weiter zurückbildet und seine Funktionen, nämlich das Signal ‘Jetzt empfinde ich Lust’ durch das Gewaltzentrum kompensatorisch übernommen werden. Das hat zur Folge, dass der Mensch, der als Kind zu wenig Lust erfahren hat, als Jugendlicher oder als Erwachsener Gewalt benötigt, um Lust zu empfinden. Die fehlende Lust wird gewissermaßen durch Gewalt kompensiert.

Durch diesen neurologischen Mechanismus findet eine Art von Konditionierung auf Gewalt statt, derart, dass die betreffende Person, wenn sie später Lust erfährt, also zum Beispiel die Möglichkeit zu sexuellem Spiel und Befriedigung hat, darauf nicht mehr in vollem Maß anspricht. Die Person braucht dann, zumindest zusätzlich, Gewalt, um sexuelle Befriedigung zu erlangen. Hier haben wir die phallisch-erobernde Art von Sexualität, wie sie in unserer patriarchalischen Kultur beim Gros aller Männer die Regel ist, bis hin zu Sadismus und Masochismus, aber auch sexueller Tortur während der Inquisition und neueren Verfahren, politische Gefangene zu quälen, Frauen und Kinder in Kriegen und Bürgerkriegen zu vergewaltigen und sexuell zu foltern, und so fort. All dies steht tagtäglich in unseren Zeitungen!

Der Grund dafür ist einfach, dass der Mensch ohne Lust nicht leben kann. Daher war die Operation, der man seinerzeit den Kindesmörder Jürgen Bartsch unterzog, schlichtweg Mord. Da hilft kein vornehmes Drumherumreden und kein moralisches Sich-Entrüsten. Es ist und bleibt Mord. Denn ein Eingriff in das Lustzentrum im Gehirn führt unweigerlich zum Tod des Menschen. Daher sind im Grunde alle sexualfeindlichen Religionen und Moralen historische Zeitbomben. Sie führen zum langsamen, aber sicheren Tode einer Kultur, da ihre Folgen im hohen Maß zerstörerisch sind für das Leben und den Fortbestand des Menschen.

An dieser Wahrheit können alle Geheimdienste der Welt nichts ändern, und wenn sie noch so viele Morde begehen, an Individuen oder an ganzen Völkern oder Volksteilen wegen sogenannter ‘subversiver Umtriebe,’ ‘kommunistischer Unterhöhlung’ oder neuerdings ‘terroristischer Zellen.’

Die Wahrheit ist, dass durch zweitausend Jahre christlicher Lebensverneinung und etwa fünftausend Jahre Patriarchat im menschlichen Gehirn eine solche Perversion stattgefunden hat, dass das Lustzentrum nur noch zu einem Bruchteil funktioniert und das Gewaltzentrum seine Aufgabe fast ganz mit übernommen hat. Dies gilt jedenfalls für die großen

Kulturen der Welt, vor allem für die, die sich auf dem Wege der Hegemonie und des Kolonialismus ausdehnten. Es gilt andererseits sicherlich nicht für die meisten Stammeskulturen und Nomadenvölker, die weiterhin im nahen Einssein mit der Natur leben.

Der neuzeitliche Mensch christlich–okzidentaler Prägung begeht tagtäglich einen Mord an der Liebe und am Leben, indem er die physische Liebe seiner Kinder missachtet und schändet, und indem er sie durch Verbote und Strafen dann langfristig auch verbiegt.

Die herrschende sexualfeindliche Moral ist eine Mordmoral; sie rechtfertigt jede Art der Grausamkeit bis hin zu Folter, Tortur, sexueller und sonstiger Verstümmelung und Völkermord. Sie rechtfertigte die Hexenverbrennungen, die Konzentrationslager und die Ausrottung von ethnischen Gruppen, bis hin zur modernen Geburt im Krankenhaus, bei der das Baby auf unbegreifliche Weise und in vielfacher Art gefoltert wird. Der Mord am Leben beginnt beim Kleinkind. Er beginnt da, wo die Mutter keine Zeit hat für ihr Kind, wo sie sich mehr für ihre Karriere interessiert, als ihren Nachwuchs, wo sie nicht mehr Stillen will, weil sie einen Ekel davor hat.

Dies ist wohlgemerkt keine Anklage der Frau, denn diese Entwicklung ist wiederum nichts anderes als das logische Resultat eines durch Generationen vom Patriarchat angesammelten Hasses gegen die Frau, die, ihrer Rolle als Opfer endlich leid, einen letzten verzweifelten Versuch unternahm, es dem Manne gleich zu tun, zumindest im Beruf. Das Ergebnis ist leider destruktiv, wenn man diesen Elan auch sehr gut verstehen mag, denn durch die taktile und affektive Deprivation des Kleinkindes gerade in den modernsten Industriekulturen wird der Ausbreitung von Geisteskrankheit, Gewalt und Krieg Tür und Tor geöffnet.

Der einzige Weg zurück aus dieser Pervertierung des Menschentieres wäre ein Paradigmenwechsel im Bereich der Emotionalität und der Sexualität. Bereits Wilhelm Reich hat in seinen Sexualberatungsstellen in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts (Sexpol) festgestellt, dass die sexuelle Misere des okzidentalen Jugendlichen zum Himmel schreit!

Gerade im Alter, wo die Sexualität im Menschen zur vollen Blüte herangereift ist, wo sie gleichsam explodiert, wie eine frische Knospe in der Morgensonne, wird sie grausam unterdrückt. Durch Schutzalterbestimmungen, die die sexuelle Mündigkeit mit der Volljährigkeit zusammenfallen lassen, durch einen Jungfrauenkult katholischer Prägung, durch irrsinnige Lehren von Keuschheit und Abstinenz, glaubt man, Jugendliche verantwortlich zu leiten und zu erziehen.

Der menschliche Hass gegen das Leben in allen seinen Formen und gerade gegenüber seiner Urform, der Pulsation des Protoplasmas in der orgastischen Entladung und in der Vibration des Verlangens selbst ist unendlich viel destruktiver als alle vermeintliche Gefahr, die eine freie Sexualität für das Kind mit sich bringen würde.

Ein Ausweg? Er kann nur dann kommen, wenn sich die Zivilisation in ihren Grundprinzipien wandelt, das heißt, wenn in allen Bereichen des Lebens neue lebensfreundliche Paradigmen die alten, die auf Hass, Angst und Gewalt beruhen, ersetzen. Völlige Freiheit einverständlicher Sexualität ab dem Pubertätsalter wäre eine mittelfristige Lösung. Die Abschaffung von Schutzaltergesetzen und völlige Ersetzung einer Sexualgesetzgebung durch eine Sexualberatung — und damit der Entkriminalisierung gewaltfreier Sexualität, unabhängig vom Alter der Beteiligten — wäre die langfristige Lösung.

Menschliche Sexualität, die auf Liebe beruht und gewaltlos ist, muss zwischen allen Menschen möglich sein, ohne dass der Staat darin herumschnüffelt. Auch Kinder können zu sexuellem Vergnügen einwilligen, wie sie zu anderer Art der Lust Jasagen können. Die gegenwärtigen Gesetze in diesem Bereich sind ein Verbrechen an der Menschheit, indem sie die Liebe mit Füssen treten und nur noch mehr Gewalt und Missbrauch hervorrufen. Sie haben denn auch absolut keine rationale Grundlage. Sie sind die Festschreibung der gigantischen Unfähigkeit, das Leben zu verstehen und zu akzeptieren, wie es nun einmal ist.

Wenn die Amerikaner wirklich an ihre Kinder dächten, würden sie nicht bei den Babysittern beginnen, sondern im Pentagon.

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