Narziss und Ödipus

Narziss, nach der Legende, verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild. Schon in seiner Kindheit wurde seine Schönheit von aller Welt bestaunt und bewundert. Narziss selbst jedoch, der niemals sein Spiegelbild gesehen hatte, war seine Identität verborgen.

Eines Tages, als er an den Ufern eines Teichs wandelte, aus dem noch kein Tier getrunken, in den noch kein Vogel getaucht und in den noch kein Zweig eines Baumes gefallen war und welchen darüber hinaus noch kein Mensch gesehen hatte, fühlte er sich plötzlich von einer Mattigkeit befallen. Er setzte sich an den Rand des Teichs und beugte sich über das Wasser, um zu trinken.

Da sah er sein Doppel, durch den Teich gespiegelt. Zuerst wollte er das göttliche Bild erfassen und küssen — aber dann erkannte er, dass er sein eigenes Antlitz erblickt hatte. In sich selbst verliebt, verbrachte er Stunden in Melancholie und im Bedauern, diese Zwillingsschwester, die sein eigenes lebendes Abbild war, niemals besitzen zu können.

Schließlich konnte Narziss die Agonie dieser unmöglichen Liebe nicht mehr ertragen. Er stieß sich einen Dolch ins Herz mit dem Schrei, ‘Adieu, schöne Liebe, die keine Hoffnung hat!’

An der Stelle, wo sein Herzblut den Boden netzte, wuchsen weiße Narzissen mit roten Herzen. Soweit die Legende.

Auf den ersten Blick könnte man geneigt sein anzunehmen, dass Narziss lediglich ein Bild ist für die Eitelkeiten der Eigenliebe. Aber in Wahrheit stellt dieses Bild die Entdeckung des eigenen Ich dar. Einen anderen lieben zu können, setzt voraus, dass man die eigene Person erkannt hat und den eigenen Wert, also Selbsterkenntnis und Selbstwertgefühl erlangt hat.

Denn in einem anderen Menschen das zu suchen, was man in sich selbst noch nicht entdeckt hat, ist ein gefährliches Unterfangen, das keine Frucht trägt. So ist der offenbare Egozentrismus von Narziss in Wirklichkeit der Anfang der Aufdeckung der Gründe, warum er liebenswert ist. Die Eigenliebe führt also zur Fähigkeit, andere lieben zu können.

Diese Tatsache muss zusammen gesehen werden mit der Erziehung des kleinen Kindes und dessen Verhältnis zur Mutter. Es ist kein Zufall, dass es im Mythos heißt, die Mutter von Narziss habe alle möglichen Vorkehrungen getroffen, um zu verhindern, dass ihr Kind sich in einem Spiegel entdecken konnte!

So, wie die Mutter von Narziss, sind alle Mütter, die keine Zeit, Gedanken oder Aufmerksamkeit für ihr Kind haben. Die Mutter ist der Spiegel für das Ich des Kindes. Dieses Ich kann sich nur bei einem Kinde entwickeln, dessen Mutter die Spiegelfunktion zu erfüllen bereit ist und tatsächlich auch erfüllen kann.

Einer narzisstisch fixierten Mutter wird dies nicht gelingen; denn sie hasst sich selbst! Regelmässig sind solche Mütter ebenso verraten worden von ihren eigenen Müttern als sie Säuglinge waren!

Eine solche Mutter wird nämlich bei ihrem Kind suchen, was sie bei ihren Eltern nicht gefunden hat, das heißt, sie versucht sich im Kinde zu spiegeln, sie vertauscht die Rollen, sie bürdet dem Kinde Elternqualitäten auf, mit einem Wort: sie überfordert es völlig. Das hat wiederum zur Folge, dass die Egoentwicklung bei ihrem Kind ebenso unvollständig ablaufen wird, wie dies bei ihr selbst als Kind der Fall war.

Hier ist also ein gewisser Teufelskreis mit im Spiel: das Kind wird als Erwachsener ein ebenso defizientes Ego aufweisen.

Tritt diese Problematik bei alleinstehenden Müttern auf, das heißt in Familien, wo ein Vater dem Kind fehlt, entweder weil er starb oder die Eltern sich getrennt haben, kompliziert sich das Problem.

Fehlt ein Vater, mit dem sich der Junge identifizieren kann, oder macht die Mutter eine solche Identifizierung unmöglich, indem sie den Vater in den Augen des Sohnes herabsetzt, so kann zusätzlich zur narzisstischen Problematik eine ödipale Fixierung treten, das heißt eine sexuelle Fixierung des Sohnes auf die Mutter.

Wie ich bereits weiter oben ausführte, tötete Ödipus, nach der Sage, seinen Vater und heiratete seine Mutter. Er tat dies beides allerdings unbewusst, denn er kannte seine Eltern nicht. Eine solche ödipale Fixierung wird für den kleinen Jungen besonders dann zu einem akuten Problem, wenn die Mutter sich verführerisch ihm gegenüber verhält. Eine solche ödipale Bindung zwischen einem Elternteil und einem Kind geht jedoch in aller Regel nicht mit einer Ausführung des Inzests einher.

Vielmehr ist gerade kennzeichnend eine gewisse Püdibonderie zwischen den Familienmitgliedern und ein auffälliger Mangel an Hautkontakt und körperlicher Nähe.

Es ist gerade dieser Konflikt zwischen Unausgesprochen-Verdrängtem, mangelnder sexueller Aufklärung des Kindes und Prüderie einerseits, und durch unbewusste Handlungen, Gesten oder offen possessives Verhalten des Elternteils ausgelöstes sexuelles Verlangen des Kindes nach dem Elternteil, andererseits, die den ödipalen Konflikt auslösen.

Bei ausgeführtem Inzest gäbe es keinen psychischen Konflikt. Die ödipale Situation ist gerade so quälend für das Kind, weil die Trieberfüllung versagt wird. Das erzeugt auch die Aggression gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, die, wenn sie verdrängt wird, zu starken Schuldgefühlen oder gar autodestruktivem Verhalten beim Kind führen kann.

Um beim Beispiel der Mutter-Sohn Beziehung zu bleiben: der ödipal an die Mutter fixierte Sohn, der keinem Vater gegenübersteht, da dieser abwesend ist, hat natürlich keinen Vater aus dem Weg zu räumen, um sexuellen Zugang zur Mutter zu haben. Umso schwieriger wird für ihn das ödipale Problem sein.

Gerade nämlich, weil Konflikt mit dem Vater nicht besteht. Bestünde er nämlich, so könnte er gelöst werden durch das Ausleben der Rivalität mit dem Vater. Denn bei verführerischem Verhalten der Mutter, steht der Ausführung des Inzestes eigentlich nichts entgegen — bis auf das Tabu.

Für den kleinen Jungen aber, der von diesem Tabu in aller Regel nichts weiß, bedeutet der mangelnde Wille der Mutter für Sex ein Signal mangelnder Liebe. Daher wird der kleine Junge, der seine Mutter sexuell begehrt, die Aggressionen, die er im Normalfall auf den Vater projizieren könnte, gegen sich selbst richten, was in entsetzlichen Schuldgefühlen endet und letztlich einer Verurteilung des sexuellen Verlangens als solchem.

Dies wird in der Psychoanalyse Kastrationskomplex gennant. Versucht die Mutter, wegen der Abwesenheit des Vaters, diesen zu ersetzen, indem sie besonders streng ist zu ihrem Sohn, obwohl gleichzeitig verführerisch wegen ihres eigenen ungelösten ödipalen Dilemmas, so wird der Sohn die Aggressionen teilweise auf sich, teilweise aber auch gegen die Mutter richten.

Dies verursacht einen besonders schweren Schaden in seiner Psyche, denn auf diese Weise koppeln sich sexuelles Verlangen, Aggressivität und Angst aneinander, was dazu führen kann, dass später Sexualität nur noch in angstbesetzt-sadistischer Weise erlebt werden kann.

Diese wenigen Ausführungen zeigen deutlich, dass man mit Bestrafung und Hass in diesem ganzen Problembereich nichts Positives ausrichten kann. Unser veraltetes rein punitiv-rächendes Strafsystem wird solchen Fällen nicht gerecht. Auf diese Weise straft man eigentlich Kinder für die Fehler ihrer Eltern. Das wurden sie aber im Grunde schon als Kind, da die Eltern ihnen das vorenthielten, was sie unbedingt zu ihrer gesunden Entwicklung benötigten, nämlich ungeteilte Aufmerksamkeit, Zeit und Affektion.

Abschließend möchte ich meiner Überzeugung Ausdruck geben, dass die ödipale Problematik nicht so universal ist, wie von den meisten Anthropologen und Psychologen angenommen. Sie ist nämlich meiner Ansicht nach ein Kulturphänomen und kommt dadurch überhaupt nur auf, weil dem Kinde seine natürliche Sexualität in unserer judeochristlichen Kultur seit einigen Jahrhunderten versagt wird.

Das Kind ist nicht von Natur aus inzestuös veranlagt! Wer Freud so versteht, versteht ihn falsch. Freud hat diese Fragen ganz bewusst vor dem Hintergrund unserer kulturellen Verbote und Tabus belichtet. Denn es ist bezeugt, dass, als Wilhelm Reich ihm von den anthropologischen Forschungen Malinowskis bei den Trobriandern berichtete, Freud darauf konterte:

— Die Kultur geht vor!

Für Freud war eine Psychoanalyse, die die freie Sexualität der Kinder bejahte, nicht undenkbar. Freud selbst hatte in der Hinsicht ziemlich liberale Ansichten, was viele seiner Nebenbemerkungen wie auch Briefe und andere biographische Zeugnisse deutlich machen. Und da sollte heute mancher verbissener Freudianer, wie zum Beispiel Lloyd DeMause einmal nachsehen, bevor er Kindersexualität in Bausch und Bogen verurteilt und als pädophile Projektion abtut.

Der Grund, warum Freud freie sexuelle Beziehungen von Kindern — mit anderen Kindern — nicht als die Norm ansah, war einfach unsere Kultur und Tradition in dieser Hinsicht.

Freud war sich im klaren, dass seit dem Ende des 17. Jahrhunderts hier eine deutliche Wende stattgefunden hatte, vor allem in der Bürgerschicht, während vor dieser Zeit kindliche Sexualität ziemlich frei war, jedenfalls in agnostischen Kreisen. Und das sowohl bei Familien, die, wie Freud, dem aufgeklärten Judentum angehörten, wie bei Familien, die zwar dem Namen nach christlich waren, wo aber das Bekenntnis in keiner orthodoxen Weise gehandhabt wurde und es bei der Erziehung vor allem darum ging, dem Kind Liebe zu geben und es glücklich zu sehen.

Vor diesem kulturellen Ausgangspunkt, den Freud einfach nahm wie er ist und respektierte, beobachtete er korrekterweise, dass eine libidinöse Ausrichtung des Kindes auf die eigenen Eltern zur Regel wurde, wo sie in Kulturen wie Trobriand, wo Kinder ein volles Sexualleben mit anderen Kindern leben, eine seltene Ausnahme darstellt, oder gar völlig undenkbar ist.

Wenn heute Psychoanalytiker proklamieren, dass Kinder, die sexuell frei aufwachsen, psychische Schäden davontrügen, oder dergleichen Unsinn, so können sie sich meinetwegen auf den heiligen Geist berufen, aber jedenfalls nicht auf Freud, den Begründer der Psychoanalyse!

Dass Freud und Reich nicht miteinander auskamen, weil Reich sich aktiv politisch für die sexuelle Befreiung des Kindes einsetzte, bedeutet nicht, dass Freud aus sozusagen fachlichen Gründen gegen die Sexualität des Kindes gewesen sei, sondern dass er das Kindersextabu unserer Gesellschaft als kulturbegründend ansah.

Die Spannungen zwischen Freud und Reich stellten also eine kulturbedingte Meinungsverschiedenheit dar, nicht eine fachbedingte.

Und in der Sache haben nicht nur die Feldforschungen Malinowskis und Margaret Meads bei den Trobriandern und anderen Tribalkulturen, sondern auch die Erfahrungen mit freier Kindersexualität in den Kommunen der 70er Jahre gezeigt, dass Kinder, die früh sexuell aktiv sind, erstaunlich hohe manuelle Kapazitäten und ein höheres Verantwortungsgefühl besitzen, und dass sie gesundheitlich stärker sind, mit einem weit effektiveren Immunsystem, als Kontrollkinder aus traditionellen Familien, die Sexualität entweder gar nicht oder nur verschämt-heimlich leben können.

— See, for example, Larry L. & Joan M. Constantine, Treasures of the Island: Children in Alternative Lifestyles (1976) and Where Are the Kids? (1977), Floyd M. Martinson, Sexual Knowledge, Values and Behavior Patterns (1966), Infant and Child Sexuality (1973), The Quality of Adolescent Experiences (1974), The Child and the Family (1980), The Sex Education of Young Children, in: Sex Education in the Eighties, 1981, 51 ff., The Sexual Life of Children (1994), Children and Sex, Part II: Childhood Sexuality, in: Bullough & Bullough, Human Sexuality (1994), Bronislaw Malinowski, The Sexual Life of Savages in North West Melanesia (1929), Margaret Mead, Sex and Temperament in Three Primitive Societies (1935), Albert Moll, Das Sexualleben des Kindes (1909), Hedy S. Porteous, Sex and Identity (1972), Alayne Yates, Sex Without Shame: Encouraging the Child’s Healthy Sexual Development (1978).

Diese Untersuchungen haben zu der Beobachtung geführt, dass bei sexuell freien und permissiv erzogenen Kindern keine oder nur sehr schwache sexuelle Gefühle für die Eltern oder einen Elternteil bestehen. Diese Kinder leben ihre Sexualität in aller Regel ausserhalb der Familie, mit Kindern ihres Alters und auch mit Erwachsenen, mit denen sie Liebesbeziehungen unterhalten.

Françoise Dolto (1908–1988), die französische Kindertherapeutin, selbst Freudianerin, hat dies klar bestätigt. In ihrem Buch La Cause des Enfants (1985) schreibt sie: ‘Heutzutage ist die Verdrängung in unserer Gesellschaft höher als je zuvor. Auch bei Kindern. Es scheint, dass in früheren Zeiten nicht dieselben Verbote bestanden gegenüber freiem sexuellem Spiel zwischen Kindern, ausgenommen zwischen Brüdern und Schwestern, und zwischen Kindern und Erwachsenen, ausgenommen den Eltern.’ (Id., 30)

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