Die öffentliche Wunde

Ödipale Helden tragen ihre Wunde mit Vorzug in die Öffentlichkeit, so wie man ein Amulett trägt; dies ist heute vor allem der Fall in den Vereinigten Staaten und ihrer Medienwelt. Narzissmus, da die ganze Nation davon befallen ist, wurde ein Kriterium von ‘Klasse.’

Thomas Moore schreibt in seinem Buch Care of the Soul (1994), dass Amerika ein grosses Verlangen danach hat, eine Welt von Möglichkeiten und einen moralischen Leuchtturm für die ganze Welt zu repräsentieren.

Weiter schreibt er: ‘Es sehnt sich danach, diese narzisstischen Selbstbilder zu erfüllen. Gleichzeitig schmerzt es zu sehen, wie weit das Bild doch von der Realität entfernt ist. Amerikas Narzissmus ist gewaltig. Er wird vor der Welt paradiert. Wenn wir die Nation auf die Couch lägen, würden wir wohl feststellen, dass Narzissmus ihr markantestes Symptom ist. Und doch beinhaltet dieser Narzissmus ein Versprechen, dass dieser wichtige Mythos seinen Weg ins Leben finden kann. Mit anderen Worten, Amerikas Narzissmus ist sein verfeinerter puer-spirit authentisch neuer Vision. Der Trick ist es, einen Weg zu finden zu diesen transformativen Wassern, wo harte Selbstbezogenheit sich in liebenden Dialog mit der Welt verwandelt.’ (Id., 62)

In gewisser Weise leiden Narzissten nicht nur unter ihrer eigenen emotionalen Ausgehungertheit und ihrem inneren Liebeshunger, sondern sie leiden auch, wichtiger noch, unter der Liebe und den Emotionen, die sie in anderen angreifen, invalidieren und heruntermachen.

Dieser furchtbare Reduktionismus bringt Destruktivität hervor, für die sie, je älter sie werden, durch ihren wachsenden Nihilismus und ihre Depressionen bezahlen.

Ganz in diesem Sinne bemerkt Moore, ‘Narzissmus hat keine Seele. In Narzissmus nehmen wir die Substanz, das Gewicht und die Bedeutung der Seele, und reduzieren sie zu einem Echo unserer eigenen Gedanken. Es gibt keine Seele. Sagen wir. Es ist nur das Gehirn, das elektrische und chemische Veränderungen durchmacht. Oder es ist lediglich Verhalten. Oder nur Gedächtnis und Konditionierung.’ (Id., 58–59)

Die Autorinnen der Mythic Journey (2000) bemerken dass ‘Das unglückliche Liebesleben mancher Berühmten spricht für den gewaltigen Liebesdurst, der für sie das ersetzen soll, was sie früh im Leben vermissten — das Gefühl als Selbst real zu sein.’ (Id., 130)

In einer Gesellschaft, die lange vergessen hat, was Liebe eigentlich ist, weil sie die Liebe gemordet hat, ist es kein Wunder, dass es eine Mode wurde, Liebe als Konzept anzusehen, und dass hinter diesem Konzept lediglich Rhetorik am Werk ist, und dass was Religionen als Liebe ansehen, keine ist.

Viele Männer in unserer sensuell deprivativen postmodernen Neopatriarchie glauben, dass Liebe lediglich ein Konzept ist, ein Wort, eine religiöse Idee, oder eine rosafarbene Geburtstagskarte, weil sie wirklich niemals gespürt haben, was Liebe ist. Als Kinder wurden sie nicht geliebt, nicht gewünscht, weil ihre Eltern ständig mit Geldverdienen beschäftigt waren, und mehr Interesse hatten für Wissenschaft, oder Bankwesen, als für die Kinder, die sie gezeugt hatten.

Daraus resultiert ihre riesige narzisstische Verwundung, da sie in ein kaltes liebloses Leben hineinwuchsen und fühlen mussten, dass ihre Eltern ewig in Gedanken waren, wenn sie ihre Wärme brauchten, ihre Küsse und Streicheleinheiten, die Liebe, die man mit dem Körper ausdrückt — und nicht die, die man daherredet in schön klingender Phraseologie.

Viele hatten als Eltern wahrscheinlich diese Monster aus amerikanischer Werbung, die in einer Minute mit falschem Lächeln ganze Salven von Banalitäten heraussprudeln, und die dann auch noch als die Modelleltern der Nation ausgegeben werden.

Diese Exemplare sind die Figuren, nach denen sich die Masse gehirnarmer Konsumenten modelliert; und in ihren Hinterköpfen geistert das Berührungstabu, denn sie haben die kulturelle Konfusion voll absorbiert in ihrem Aberglauben, jede Art der Berührung sei ‘doch irgendwie sexuell.’

Sie inkarnieren den politisch korrekten amerikanischen Vater, der seine Hände sicher in den Hosentaschen hat! Noli me tangere!

Es käme einem Wunder gleich, wenn in einer solchen Kultur eine Familie ausnahmsweise einmal nicht gewalttätig wäre, nicht schizophren wäre, nicht berührungsfeindlich wäre, und wo ein Kind ausnahmsweise wirklich einmal in gesunde und freudvolle Autonomie und Eigenmacht heranwachsen könnte! Das Kind möchte ich sehen!

Man möge danach suchen, wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen.

Denn natürlich ist eine Gesellschaft, die sich aus männlichen und weiblichen ödipalen Helden zusammensetzt, nicht Ihr üblicher Weinkeller. Es ist ein Irrenhaus.

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