Freud’s Verschnitt

Freud ist vorzuwerfen, dass er die Ödipus-Sage zusammengeschnitten hat und sie damit herausriss aus ihrem systemischen Zusammenhang. Tatsache ist, dass die Sage in einen grösseren epischen Zyklus eingebettet ist, welchen man gemeinhin in der Mythologie als die ‘Tragödie des Hauses von Theben’ bezeichnet. Um den karmisch-schicksalhaften Zusammenhang der Sage zu verstehen, muss man namentlich mit einer Generation vor Ödipus beginnen und mit einer Generation nach ihm enden.

Ohne den Familienfluch zu sehen, wie könnten wir auch nur annähernd Oedipus’ augenscheinlich unverdientes Leid und Tragödie verstehen? Und wenn wir das nicht verstehen, wie es Freud offenbar nicht verstand, wie können wir dann das Leid und die Tragödie des Kindes in der ödipalen Kultur verstehen?

Die Ödipus Sage ist eine Menschengeschichte, eine Familiengeschichte, die Geschichte eines Fluches, der auf einer ganzen Familie lastete. Es geht um das, was die alten Griechen als einen ‘Angriff gegen die Götter’ bezeichneten, was Christen, Juden und Moslems Sünde nennen, und was wir in moderner Sprache als Kindesmissbrauch bezeichnen.

Der Aspekt eines Familienfluchs ist besonders auffallend in dieser Sage, weil mehrere Generationen unter der skandalgeräucherten und gewalttätigen Konstellation litten.

Natürlich ist der Ausdruck Familienfluch ebenso approximativ und neben der Sache, wie alle anderen Explikationen menschlichen Verhalten es sind; er suggeriert, dass all das Leid, all die Morde und all die Gewalt die Folgen ‘äusserer Umstände’ waren. Ich glaube, das zu unterstellen ist ein Irrtum, der auf einer dubiosen Interpretation von dem beruht, was man gemeinhin ‘Schicksal’ nennt, so als ob man nachgerade dazu verurteilt sei, solche Dinge einfach hinzunehmen.

Nein, es ist sehr gut möglich, wenn man die Familiengeschichte analysiert, genau heraus zu finden, welche Schuld wen traf zu welcher Zeit und innerhalb welcher Beziehung, und wie das, was sie taten, ein negatives Echo im Universum hervorrief. Und das Paradox ist eben, dass wenn man das nicht tut, man nicht verstehen kann, warum Ödipus das tat, was er tat, und nicht im Traume bewusst war, was überhaupt vorging in seinem Leben.

Wenn man nämlich nur sein eigenes Schicksal betrachtet, kann man die Antwort nicht finden, und das ist präzis der Grund, warum Freud sie nicht fand und daher die Sage völlig falsch interpretierte — mit den fatalen Folgen, wie wir sie heute erkennen, wenn wir den hanebüchenen Unsinn sehen, den Tiefenpsychologen aus dem Ödipus Komplex machen, zum Leidwesen nämlich des Konsumkindes.

Wiewohl ich zugeben muss, dass diese Sage besonders extrem ist in ihrer wilden Blutrünstigkeit, und weswegen das Karma ganz besonders negativ war, so ist es doch lediglich eine Lehrfabel. Sie zeigt das Prinzip auf. Liz Greene und Juliet Sharman-Burke schreiben in The Mythic Journey (2000): ‘Die mythische Geschichte des Hauses von Theben ist eine dunkle, und beginnt vor Ödipus selbst. Sünde folgte auf Sünde in dieser Familie, schlimmer als in einer Fernsehoperette, und die Linie ist geplagt von den Flüchen verschiedener geschändeter Götter. Das Haus von Theben ist die ultimative ‘dysfunktionale Familie.’ (Id., 51)

Meine Hypothese ist, dass Freud die Ödipus-Sage wählte als eine Metapher für die psychosexuelle Entwicklung des Kindes, das auf dem Sprung ist zur Genitalität, weil er wusste, dass unsere Kultur abgründig inzestuös und abusiv ist Kindern gegenüber, und zwar in ihren Wurzeln, vor allem in der Eltern-Kind Beziehung! Wie hätte sonst ein vernunftbegabter Mensch die abscheulichste, zynisch-gewalttätigste und bluttriefendste Sage der gesamten Mythologie gewissermassen auf den Buckel jedes unschuldigen kleinen Kindes kleben können? Und hier klingelt das Wort ‘unschuldig’ wahrhaft in meinen Ohren — weil es falsch klingt.

Wenn die Mythologie Recht hat, dann waren wir niemals unschuldig, nicht einmal als Kleinkinder, da wir, jeder von uns, nicht nur für unser eigenes Karma, sondern auch für unser Familienkarma mit verantwortlich sind. Dies ist so, ob wir es anerkennen oder nicht, denn Karma ist kein Glaube, sondern kosmisches Gesetz. Ich werde hier kein Urteil abgeben, ich werde zu keinen schnellen Schlussfolgerungen kommen, sondern die Frage offen lassen.

So weit ich sehe, hat nur eine einzige philosophische Schule dieser zeitlosen Weisheit widersprochen. Es ist die Philosophie von Jean-Jacques Rousseau mit ihrer Idee, dass ein Kind als ‘tabula rasa’ zur Welt komme. Die Idee mag nicht einmal von Rousseau selbst stammen und viel älter sein. Natürlich war zu der Zeit diese Lehre eine Faust ins Gesicht der Kirche, und daher alles in allem eine sehr gewagte Theorie.

Heute ist davon nicht mehr viel übrig, da nun sogar total mechanistische Biologen die Tatsache, dass wir gewisse Eigenschaften aufgrund unserer Seelennatur mitbringen, nicht mehr abstreiten können.

So möchte ich dieser unfruchtbaren Frage auch nicht weiter nachgehen, sondern mir die Details der Sage einmal genauer anschauen, und sehen, ob wir daraus Wasser ziehen können für die Frage, ob Freuds Theorie vom Ödipuskomplex psychoanalytischer Unsinn ist, oder doch im Grunde Sinn macht?

Die vorgenannten Autorinnen schreiben in The Mythic Journey (2000): ‘Diese Sage hat damit zu tun, was die Griechen einen Familienfluch nannten — das Schänden eines Gottes, welches über mehrere Generationen bestraft wird. In modernem psychologischem Jargon würde man das als genetische Fortpflanzung ungelöster Familienprobleme ansehen. Womit unsere Eltern nicht fertig wurden, wird uns aufgetischt, und diese ‘Sünden der Väter’ sind dann eben der nächsten Generation anheim gestellt, wenn wir nicht imstande waren, damit zu Rande zu kommen.’ (Id., 58)

Nun wollen wir uns doch erst einmal die Fakten näher ansehen. Laius, der König von Theben, erhält vom Delphischen Orakel eine Prophezeiung, er werde von seinem eigenen Sohn ermordet werden. Dies könnte ihn eigentlich wenig bekümmert haben, da er ja kinderlos war; es war gerade sein Kinderwunsch, der ihn nach Delphi berief. So hätte er sich denn sagen können, na ja, dann war es ja gut so wie es war. Aber was tat der Mann? Er warf seine Frau aus dem Haus. Da sie nicht wusste, warum ihr Mann sie plötzlich los werden wollte, machte sie ihn eines abends betrunken und erzwang ein Kind von ihm.

Das klingt eigenartig, wo doch das Ehepaar solange zuvor kinderlos gewesen war, aber hier sehen wir die unsichtbaren Fäden des Schicksals eben schon am Werk!

Dann war Laius natürlich voller Angst und als das Kind geboren war, tat er den nächsten chaotischen Schritt, und erfüllte damit unbewusst das Orakel: er setzte das Baby auf einem Berg aus, durchbohrte einen seiner Füsse mit einem Nagel und liess es dort allein, allen möglichen Gefahren ausgesetzt.

Übrigens, und nicht zufälligerweise, ist der Schutzherr des Delphischen Orakels der Gott Apollo, und die Schutzgötter der Kinder bei den Griechen sind ebenfalls Apollo und seine Schwester Artemis. Sie waren nun ernsthaft wütend angesichts Laius’ grausamem Verhaltens und es war denn auch diese Tat, die alle folgenden Tragödien nach sich zog. Die Götter sanden einen Hirten, der das Baby fand und es mitnahm: er nannte das Kindchen spontan ‘Ödipus,’ was im Griechischen so viel bedeutet wie ‘geschwollener Fuss.’ Durch einen weiteren Schicksalszug gelangte das Kind in die Arme der Königsfamilie von Korinth, wo es eine gute und standesgemässe Erziehung genoss.

Eines Tages begann Ödipus seine Ursprünge zu erahnen und begab sich nach Delphi, um das Orakel über seine Zukunft zu befragen; er bekam von Apollo die furchtbare Voraussage, er werde seinen Vater ermorden und seine Mutter heiraten. Ödipus war so entsetzt, dass er nicht nach Korinth zurückkehrte, entschlossen, dem Gott die Stirn zu bieten. Er hielt natürlich seine Adoptiveltern für seine wahren Eltern und dachte, wenn er nicht mehr um sie sei, könne er das Schicksal verhindern.

Apollo war wütend und das nächste Ereignis im Leben des Ödipus erfüllte den ersten Teil der Weissagung. Es war eine sehr eigenartige Verkettung von Umständen, als Ödipus durch Zufall den Weg von Laius kreuzte, der mit seiner Karosse nach Delphi fuhr. Ödipus war im Wege und König Laius gebot dem jungen Mann von der Kutsche aus, den Weg zu räumen. Ödipus gab eine rüde Antwort, und der König liess die Karosse über Ödipus’ Fuss fahren, was die alte Wunde wieder aufriss.

In entsetzlicher Wut zog Ödipus Laius von der Kutsche in den Dreck, schwang sich selbst obenauf und trieb die Pferde über seinen Vater, den er solchermassen brutal ermordete.

Zudem, was ein besonders grosses Verbrechen war im alten Griechenland, liess er die Leiche des Ermordeten am Ort der Tat zurück, ohne sie sogleich zu beerdigen. Doch hier erscheint der Mythos kaum noch glaubhaft. Wenn wir uns vorstellen, dass Laius ein König war, wie konnte er so leichtfertig von einem jungen Kerl angegriffen und ermordet werden, ohne dass sein Geleit irgendetwas dagegen unternahm?

Eine andere Koinzidenz ist bemerkenswert. Das Ziel der Reise des Laius nach Delphi war nämlich, dass er inneren Frieden suchte, nachdem er einen Jungen entführt hatte, um Sex mit ihm zu haben. Daraufhin sandten die Götter ein Monster, welches sich am Stadttor ansiedelte und jeden, der in die Stadt wollte, die Frage stellte: ‘Welches Geschöpf, das nur eine Stimme hat, hat manchmal zwei Füsse, manchmal drei und manchmal vier, und ist am schwächsten, wenn es die meisten hat?’

Ödipus, der nach Theben strebte gleich nach dem Mord an seinem Vater, erriet die richtige Antwort und sagte: ‘Der Mensch, weil er als kleines Kind auf allen Vieren läuft, dann in seinen jungen Jahren auf zwei Beinen geht, und im Alter sich eines Stockes bedient.’

Das Monster verschwand, Ödipus wurde als Retter gefeiert und er bekam die ausgesetzte Belohnung, die Hand der Königin. So kam es, dass Ödipus Jokaste, seine eigene Mutter ehelichte, obwohl er natürlich keine Ahnung von der Wahrheit hatte.

Allerdings hielt sein Sieg nicht lange an, denn ein blinder Seher kam eines Tages an den Hof und erklärte öffentlich, dass König Ödipus der Mörder von Laius gewesen sei.

Keiner glaubte ihm, aber die Königin von Korinth gab dann die wahren Ursprünge von Ödipus kund. Jokaste beging Selbstmord, und Ödipus blendete sich und, von den Furien verfolgt, verfluchte er seine Söhne und Brüder Eteokles und Polyneikes, und ging ins Exil.

Und hier sehen wir, wie der Fluch auf die nächste Generation übertragen wird. Nach vielen Jahren Herumwandern in der Welt, wobei er von seiner Tochter und Schwester Antigone begleitet war, starb Ödipus, aber kein Friede kam für das Haus von Theben.

Sowohl Eteokles als auch Polyneikes starben in einem Krieg, der über die Nachfolge des Throns von Theben ausbrach.

Antigone wurde zu Tode verurteilt, weil sie gegen die Anweisung ihres Vaters Kreon Ödipus beerdigt hatte. Polyneikes’ Sohn versuchte den Thron zu usurpieren, aber er verlor den Kampf und Theben wurde überwältigt.

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