Die ödipale Falle

So, wie es im Narziss-Mythos um Identität geht, so geht es im Ödipus-Drama um Selbstkenntnis.

Selbstkenntnis ist ein erster Schritt zur Bildung von Identität.

Funktional gesehen ist Identität also die Folge einer Verbindung von äusserer Erfahrung mit innerem Sein. So gesehen ist es kein Wunder, dass im Narziss-Mythos die Mutter dem Kind verbot, in den Spiegel zu schauen. Die abusive Mutter will, dass das Kind sie spiegelt, und nicht umgekehrt, wie es normal wäre, denn sie selbst hat ihren primären Narzissmus nicht überwunden und integriert.

So geht das Kind eben leer aus, denn es ist natürlich so, dass das kleine Kind sich in der Mutter spiegeln möchte, weil dies die Identitätsbildung überhaupt erst in Gang setzt.

Diese Erkenntnis verdanken wir übrigens weniger der Psychoanalyse Sigmund Freuds, als den psychoanalytischen Lehren von Otto Rank, Winnicott und Melanie Klein, später auch Alexander Lowen und Alice Miller.

Darum bringen narzisstische Mütter fast unweigerlich narzisstische Kinder hervor, vor allem, wenn das Kind ein Junge ist.

Mütter wie die von Narziss sind leider heute der kulturelle Standard. Sie haben keine Zeit für ihre Säuglinge, sie sind ‘beschäftigt,’ sie lassen es an Aufmerksamkeit für das Kind ermangeln.

Die Mutter ist jedoch der Spiegel des kindlichen Ego, und wenn die Mutter wegen ihres eigenen Narzissmus diese Spiegelfunktion nicht ausüben kann, dann wächst das Kind mit einem defizienten Ego heran. Aus alledem nun folgt weiterhin, dass Narzissmus notwendigerweise generationell ist.

Das Problem ist besonders dann virulent, wenn alleinstehende Mütter einen einzigen Sohn aufziehen, und wenn der Vater des Kindes entweder für immer oder doch für die meiste Zeit durch Abwesenheit glänzt. In dieser Situation, wie ich dies weiter oben schon anmerkte, nimmt die ödipale Fixierung eine besonders problematische Form an. Wenn der Junge während der ödipalen Phase kein positives männliches Vorbild hat, mit dem er sich identifizieren kann, wird er den Ödipus nicht liquidieren können, das heisst, er wird auf der homosexuellen Entwicklungsstufe stehen bleiben; das Resultat ist, dass seine psychosexuelle Entwicklung hier stagniert, weil sie sich nicht bis in die Genitalität entwickeln kann.

Der Junge wird sich also ungesund und neurotisch an seiner Mutter festklammern, was seine emotionale Entwicklung stark beeinträchtigt.

Was das Problem verschlimmert, ist allerdings, dass die Mutter oft in dieser Konstellation keinen neuen Partner sucht und sich ihrerseits an ihrem Sohn festklammert, welcher ihr als ‘Trostpflaster’ dient. So entsteht eine gegenseitige Dependenz, die dann beide, Mutter und Sohn, in ihrer Entwicklung hindert.

Das Problem ist hier ganz alltäglich so, dass der Junge einfach das Haus nicht oft verlassen möchte, und dass er keine Schritte für eine Partnerwahl unternimmt und als Folge davon eine ziemlich konstante sexuelle Passivität entwickelt, die ihn später fatal daran hindern wird, Anklang beim anderen Geschlecht zu finden.

Eine solche Beziehung, auch wenn die Mutter sich korrekt verhält, ist immer pseudo-inzestuös und hat immer Auswirkungen auf beide, nicht nur den Sohn, sondern auch die Mutter. Denn je mehr sie sich an den Zustand gewöhnt, umso weniger wird sie Schritte unternehmen, einen neuen Partner zu finden; gleichzeitig kommt mehr und mehr Angst bei ihr auf vor dem Alleinsein, denn sie weiss ja, dass der Sohn bald doch ‘aus dem Haus’ gehen wird, mit einer Partnerin seiner Wahl.

Also wird sie entweder ihrem Sohn diese Ängste mitteilen, oder sie für sich behalten, aber der Sohn wird sie in jedem Falle spüren und seinerseits Angst entwickeln, die sich dann nach und nach unterschwellig in seine sexuellen Gefühle infiltriert.

Zu dieser Angst kommen dann natürlich auch Schuldgefühle, denn der Sohn denkt sich natürlich auch, dass er eines Tages doch die Mutter wird verlassen müssen, um selbst eine Familie zu gründen, aber er denkt mit Schaudern daran, wie die Mutter wohl damit fertig werden wird, und ob sie wohl mit Hysterie, mit Trauer oder gar mit Selbstmord darauf reagieren wird? Aus dieser Ambivalenz heraus entwickelt der Sohn dann so etwas wie einen ‘Retterkomplex,’ denn er glaubt in den meisten Fällen, dass seine Mutter hilflos und verwundbar ist in dieser Situation, ohne sich im klaren zu sein, dass die Mutter sehr wohl anders handeln könnte.

Wir haben es hier also mit einer Verschränkung von zwei Schicksalen zu tun, welche umso hartnäckiger wird, als die Mutter die Rolle des Opfers geschickt spielt und dem Sohn nach und nach alle vitale Energie entzieht, indem sie ihm wiederholt ihre ganze unglückliche Lebensgeschichte auftischt.

Dies löst beim Sohn eine unbewusste Zurückweisung seiner eigenen Männlichkeit aus, denn die Mutter trug ja ‘an alledem keine Schuld.’ Es waren ja die bösen Männer, die schlechten Partner, die sie hatte, die alle Schuld trugen — jedenfalls in den Worten der Mutter. Sie kam nämlich schliesslich zu der Einstellung, dass ‘alle Männer Schweine’ sind. Und dazu gehört natürlich auch ihr eigener Sohn, welchem dann jede positive Identifikation mit seiner Männlichkeit buchstäblich zunichte gemacht wurde.

Zur Entwicklung von Homosexualität, von Pädophilie oder zur Impotenz ist es dann nur noch ein Schritt!

Junge Männer, die in einer solchen Konstellation aufwachsen sind gefährdet, denn es wird ihnen später schwer fallen, mit der inneren Wut, der Intuition, schäbig betrogen worden zu sein um Jahre seiner Jugend, und den daraus resultierenden Rachegefühlen fertig zu werden, vor allem, wenn solch eine pathologische Mutter-Sohn Kohabitation über Jahre und Jahre ging.

Typischerweise setzt emotionaler Missbrauch keinerlei sexuelle Interaktion zwischen Eltern und Kind voraus. Im Gegenteil wird eine solche Mutter sich davor hüten, ihren Sohn in irgendeiner Weise zu berühren, und es ist gerade dieses bewusste Nichtberühren, das im Unterbewusstsein des Sohnes eine Alarmglocke läuten lässt.

Warum, fragt sich der Sohn, berührt mich meine Mutter denn niemals, warum nimmt sie mich nicht einmal in den Arm, warum muss ich mein Bad allein nehmen und die Tür abschliessen?

Der Sohn stellt die Frage zu Recht, denn die Frage bleibt hier auf dem Tisch. Es ist eine wichtige Frage.

Die meisten Menschen in unserer unsinnigen Kultur haben sich die Frage niemals gestellt. Sie haben sich die Frage niemals gestellt, warum bei emotionalem Missbrauch Eltern ihre Kinder nicht anrühren. Sie haben das nicht einmal beobachtet, weil es ihnen gleichgültig ist, weil sie solche ‘kleine Details’ des Lebens einfach übersehen. Nur ist es eben kein kleines Detail, sondern ein grosses Detail, wenn Eltern ihre Kinder nicht anfassen. Es ist nicht nur ein grosses Detail, es ist schlechtweg perverses Verhalten, das auf affektiver Konfusion beruht, der Konfusion nämlich zwischen Affektivität und Sexualität, wie sie für unsere moderne Gesellschaft so typisch ist!

Gesunder Körperkontakt findet in funktionalen Familien statt, nicht in dysfunktionalen. Es ist etwas, das natürlich ist für Eltern, die selbst eine gute Partnerbeziehung haben. Was bei Kindern inzestuöse Phantasmen hervorruft, ist nicht natürlicher Körperkontakt und Nacktheit mit ihren Eltern, sondern im Gegenteil das Tabu, über natürliche Vorgänge zu reden, und die Prüderie, welche die Folge einer solchen Einstellung ist.

Es ist gerade die Repression möglicher erotischer Eltern-Kind Anziehung zusammen mit einer possessiven Einstellung dem Kinde gegenüber, die den inneren Konflikt beim Kind begründet und die unbewusste inzestuöse Anziehung zum gegengeschlechtlichen Elternteil hervorbringt.

Was Freud hier als typisch und natürlich ansieht während der ödipalen Phase ist reiner Humbug, was wohl aus meinen Erklärungen hier ohne weiteres ersichtlich wird. Eine solche gegenseitige Verschränkung von Eltern und Kind in einem inzestuösen Dreieck ist die Folge von Neurose, von Pathologie, von der perversen Struktur und Organisation der modernen Kleinfamilie.

Pathologische Kodependenz von Eltern und Kindern hat mit sexuellem Inzest sehr wenig zu tun, denn die sexuelle Komponente ist das am wenigsten entscheidende Kriterium.

Dies sieht man sehr deutlich in Interviews mit Männern, die wirklich mit ihren Müttern geschlafen haben über Jahre hin, und die also wirkliche Partnerbeziehungen mit ihren Müttern gelebt haben, wie dies in einer Reportage im deutschen Fernsehen einmal präsentiert wurde.

Dieses Dutzend von Männern hatten alle später normale Sexualbeziehungen mit Frauen; typischerweise verstanden sich die Freundinnen der Männer dann auch gut mit dem Müttern, ohne jedes Zeichen von Rivalität. Der Inzest war bewusst von Mutter und Sohn begangen worden, ohne Schuldgefühle, aber die Mütter waren durchweg nicht der Typ des ‘Mauerblümchens’ und hatten ihre Söhne nicht als Kompensation für einen fehlenden Partner, sondern als vollen Partner angesehen.

Das ist der entscheidende Unterschied, nicht die sexuelle Komponente, die regelmässig in unserer ignoranten Gesellschaft überbewertet wird.

Der entscheidende Unterschied zwischen diesen Beziehungen und solchen, wo emotionaler Inzest vorliegt, ist der, dass die Mütter nicht possessiv waren und nicht versuchten, ihre Söhne emotional zu manipulieren, oder ihnen die Retterrolle aufzwangen, oder sie davon abhielten, andere sexuelle Beziehungen zu suchen mit gleichaltrigen Mädchen oder anderen Frauen.

Mit anderen Worten, sexueller Verkehr ist eine Form von Kommunikation, welche, wenn sie gewaltlos ist, nur positives hervorruft, und dies gilt wahrscheinlich auch, entgegen allen sozialen Mythen, für die Eltern-Kind Beziehung. Emotionale Manipulation jedoch ist weder Kommunikation noch ist sie gewaltlos; es ist eine Form von Zwang: man versucht, die Psyche und die emotionale Integrität einer anderen Person zu verbiegen, um damit einen Vorteil für sich selbst herauszuschlagen — ob man dies nun bewusst oder unbewusst tut.

Possessivität, das zwanghafte obsessive Verhalten, einen Partner oder ein Kind zu besitzen, ist eine Form von Gewalt, ob das nun in unserer verlogenen Kultur so angesehen wird, spielt keine Rolle. Es ist einfach so, und ist darüber hinaus so, dass Sexualität keine Gewalt darstellt, sondern liebevoller Dialog.

Dass dies in der patriarchalischen Kultur seit fünftausend Jahren nicht gesehen wird, und dass man alle Arten von Mythen geschaffen hat, um die Wahrheit zu ersticken, das ist für jeden kritischen und selbstdenkenden Menschen offensichtlich.

Wenn narzisstische Mütter ihre Söhne beherrschen wie die sprichwörtliche Walküre ihren zu klein geratenen Mann, dann löst das in der Psyche des Sohns einen inneren Widerspruch aus. Wenn der Junge nämlich nach draussen will, um Freunde oder eine Freundin in sein Leben zu ziehen, so wird die Mutter versuchen, ihn zurückzuhalten, indem sie ihm sagt, er sei noch zu ‘jung und unerfahren,’ einfach so auf sich selbst gestellt Erfahrungen zu machen, dass damit Gefahren verbunden seien, oder dass perverse Fremde um die Ecke auf ihn lauerten.

Aber wenn es darum geht, die Mutter aufzupäppeln, wenn sie krank ist, wenn sie depressiv ist, oder einen schlechten Tag hatte, dann ist der Junge gross genug, den Gigolo zu spielen, und zu Füssen der Mutter zu liegen, um ihr jeden Wunsch an den Augen abzulesen, oder zum tausendsten Mal die Geschichte der Mutter anzuhören, die von ‘schlechten Erfahrungen mit Männern’ spricht. Dieser innere Widerspruch bringt bei dem Jungen ganz zwangsläufig eine fast unkontrollierbare Rage hervor, weil er einzusehen beginnt, dass die Mutter ihn manipuliert und Machtspiele mit ihm spielt.

Vom bioenergetischen Standpunkt aus gesehen, ist zu sagen, dass die ödipale Fixierung in jeder Hinsicht traumatisch ist für das Kind wegen der emotionalen und sexuellen Deprivation, die sie mit sich bringt, während sie das Verlangen des Kindes nach sexuellen Erfahrungen dabei noch anreizt und verstärkt.

Es ist eine wahre Tortur für ein Kind, und dies hat die französische Psychotherapeutin Françoise Dolto (1908–1988) auch implizit zugegeben, indem sie gestand, dass Kinder in den meisten Fällen ihr prä-ödipales Gedächtnis verlieren. Dies deutet namentlich darauf hin, dass, entgegen dem, was man gemeinhin hört, die ödipale Phase absolut nicht ‘normal’ ist für ein Kind, sondern ein kulturelles Opfer ist, das dem Kind gewaltsam auferlegt wird. Kinder werden damit sprichwörtlich ihren Eltern geopfert.

In ihrem Buch La Cause des Enfants (1985) schreibt Françoise Dolto: ‘Das Gedächtnis in Erwachsenen löscht alles vor-ödipale Gedächtnis aus. Das ist der Grund, warum in unserer Gesellschaft Menschen so viel Not haben, die kindliche Sexualität zu akzeptieren. In vergangenen Jahrhunderten waren es die Ammen, die davon wussten. Die Eltern jedoch hatten keine Ahnung davon.’ (Id., 29–30)

Freud fand heraus, dass Amnäsie, der Gedächtnisverlust, der auf eine traumatische Erfahrung folgt, in den meisten Fällen als Indikator dient, dass tatsächlich Trauma vorlag. Also schloss Freud, dass wenn wir Kindheitsamnäsie feststellen bei einem Erwachsenen, wir den direkten Beweis haben, dass Kindheitstrauma bei der Person ein Faktor war in ihrer Kindheit.

Das ist nach meiner Meinung der Grund für die starke Aggressivität gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, die Freud bei Kindern während der ödipalen Phase beobachtete. Es ist eine vizerale Reaktion des Biosystems, die die Folge emotionaler, sensueller und sexueller Deprivation ist und ihrerseits ausgelöst wurde durch die Ausschliesslichkeit der Eltern-Kind Beziehung im allgemeinen, und des gesellschaftlichen Verbotes von Kindersex, im besonderen.

Kinder brauchen und wollen ein Sexualleben, ähnlich wie Erwachsene, wenn sie auch in aller Regel noch nicht sexuell kompetent sind, aber das tut der psychosexuellen Bedeutung von Kindersexualität für die Bildung eines strukturierten Ego und einer persönlichen Identität keinen Abbruch.

Wenn Kinder in unserer Kultur davon abgehalten werden, gesunde erotische Beziehungen mit anderen Kindern zu geniessen, so geraten sie in die ödipale Falle: sie werden gerontophil auf ihre Eltern fest genagelt, und damit sexuell auf Erwachsene geprägt.

Wenn unsere Macher der Sozialpolitik das endlich einmal einsähen, dann begriffen sie, warum es für Pädophile im Westen relativ leicht ist, ein Kind zu finden als Partner, und warum dies in nicht-westlichen Kulturen ganz anders ist.

Kinder in westlichen Kulturen sind responsiv gegenüber Erwachsenen, die ihnen Liebe zeigen, responsiv in einem erotischen Sinne, während dies bei nicht-westlichen Kindern eher selten vorkommt. Der Sextourismus hat darüber hinweggetäuscht, indem er den Eindruck erweckt, pädophile Beziehungen seien in nicht-westlichen Kulturen Gang und Gäbe.

Das ist ein grosser Irrtum, denn warum es zu solchen Beziehungen kommt, hat mit den Eltern der Kinder zu tun, und mit der Tatsache, dass sie Geld schlagen wollen aus ihren Kindern und ihnen dies auch recht leicht gelingt. Es mag auch hier und da ohne die Eltern gehen, aber da ist es auch wieder, weil das Kind, Junge oder Mädchen, im Regelfall Geld schlagen will aus der Geschichte, nicht weil er oder sie sich in den Touristen verliebt — obwohl dies durchaus manchmal vorkommen mag.

In westlichen Kulturen, um es zu wiederholen, ist das ganz anders. Da denken die Kinder nicht in erster Linie an Geld, sondern an Liebe, und es ist Liebe, was sie suchen. Und das ganz einfach, weil sie das von ihren Eltern und Erziehern nicht bekommen!

Hätten unsere Politiker das ein einziges Mal verstanden, würden sie begreifen, dass Pädophilie nicht nur einen Grund hat, sondern mehrere, und dass der gewichtigste von allen Gründen der ist, dass dem Kind freie Partnerwahl durch eine tyrannische Sexgesetzgebung versagt wird.

Hier liegt der Urgrund der Pädophilie und nirgendwo anders. Denn gerontophile Neigungen, die Kinder in der ödipalen Kultur entwickeln, verwandeln sich später dann in pädophile Neigungen. Das ist logischerweise so, da es sich bei gerontophiler und pädophiler Anziehung um psychische Energien handelt, die zueinander in einem komplementären Verhältnis stehen.

Darum ist die Aggressivität, die Freud beim ödipalen Kind beobachtete, nicht nur gegen den gleichgeschlechtlichen Elternteil gerichtet, sondern gegen beide Elternteile! Man muss allerdings sehen, dass die Psyche des Kindes hier eine Barriere vorlegt; in aller Regel wird das Kind diese innere Rage verdrängen, weil es von den Eltern vital abhängig ist. Der kognitive Apparat des Kindes wird also nach einem Vorwand oder einer Rationalisierung suchen, welche ungefähr so herauskommen mag:

‘Nun ja, es wird von mir verlangt, meine Eltern zu lieben, und nur meine Eltern zu lieben, da die Gesellschaft es mir nicht erlaubt, andere Menschen zu lieben, wie sie es auch anderen Menschen nicht erlaubt, mich zu lieben, wie meine Eltern mich lieben. Die Gesellschaft sagt, dass es gefährlich ist für mich, freie Beziehungen ausserhalb meiner Familie zu suchen, denn andere Menschen sind vielleicht darauf aus, mich zu entführen und zu töten, da sie mich nicht in der reinen Weise lieben können, wie meine Eltern.’

So ungefähr klingt das System aus Gewalt und Lügen dann aus dem Munde eines Kindes, dessen gesamter kognitiver Apparat durch diesen öffentlichen Betrug am Kinde verbogen und verschlammt wurde; es ist genau mit dieser Art von Schmierargumenten, wie unsere Medien operieren und die monolithisch verblödete Pädophiliedebatte in die Öffentlichkeit tragen.

Und wohin das führt ist, weil Kinder in ihrer Verletzbarkeit ihre Wut gegenüber ihren Eltern und der Gesellschaft nicht offen ausdrücken können, dass sie diese Wut gegen sich selbst richten und dadurch entweder narzisstisch, autodestruktiv oder schizophren werden.

Im schlimmsten Fall begehen sie Selbstmord, und hier, hier allein, liegt der Grund für die hohe Selbstmordrate bei Kindern und Jugendlichen in unserer moralverseuchten Mordkultur. Auch wenn Kinder ausnahmsweise stark genug sind, diese Deprivation und den seelischen Schmerz, der daraus folgt, psychisch zu verarbeiten, so werden sie doch lebenslange Schuldgefühle davontragen hinsichtlich erotischer Liebe und Sexualität.

Ich nehme an, dass Freuds Beobachtungen hier insofern korrekt sind, dass, wenn der gleichgeschlechtliche Elternteil zugegen ist, das Kind einen Teil seiner Aggressivität auf ihn oder sie projizieren kann. Aber hier wird der Impuls dann doch unterdrückt werden, da für das Kind ein wirklicher Angriff auf den Vater oder die Mutter solch fatale Folgen haben könnte, dass das Kind in den meisten Fällen den Impuls gewaltsam unterdrückt.

Dies ist eine prekäre Situation für jedes Kind in jeder Art von Familie, und daher glaube ich, dass Freuds Schlussfolgerungen hier ziemlich theoretisch sind. Im wirklichen Leben halten Kinder zu ihren Eltern, gar durch Biegen und Brechen, und sie respektieren ihre Eltern bis zur Selbstverleugnung, mit Ausnahme einer Minderheit von Kindern, die sehr starke Egos und einen ausgeprägt rebellischen Charakter haben.

Ich habe in der Tat beobachtet, dass die Zahl dieser Art von Kindern über die letzten Jahrzehnte angestiegen ist, aber gleichzeitig wurde die allgemeine Lage des Kindes in der Konsumkultur immer härter, bis zu einem Punkt, dass Kinder heute ebenso unter staatlicher Kontrolle und Überwachung stehen, wie dies für Atomwaffen, Botschaften fremder Länder und Geheimagenten der Fall ist.

Dies ist eine potentiale Wurzel für mehr Gewalt in der Familie, denn Kinder in Häuser und Schulen einzusperren, die eigentlich mehr oder weniger Gefängnisse sind, ist nicht, was ein Wohlfahrtsstaat tut, der die Kinder seiner Bürger liebt. Wir sehen hier einer wirklichen sozialen Pathologie ins Gesicht, wenn wir ihr überhaupt ins Gesicht sehen können, wenn wir sie überhaupt wahr haben wollen!

Ich habe über die letzten zwei Jahrzehnte beobachten müssen, dass die meisten Menschen in unserer Kultur ganz einfach blind sind diesen Dingen gegenüber, entweder, weil sie denken, das gehe nur Psychologen etwas an, oder weil sie wohl hinter die Kulisse schauen, aber entsetzt sind, was wohl die Folgen wären, wenn sie ihr Kind nicht politisch korrekt, sondern in Wahrheit und Autonomie erziehen würden? Hier ist ersichtlich, wie dysfunktional unsere Demokratien heute sind!

Die kulturelle Sichtverengung, unter der Freud litt, ist notorisch und ich brauche keine Seiten zu schreiben, um das darzustellen; es wurde in allen Freud Biographien und rezenter psychoanalytischer Literatur gross und breit dargestellt. Es war dies auch der unterschwellige Grund, warum es zum Streit kam zwischen Freud und Reich, Freud und Jung, Freud und Adler, Freud und Klein, Freud und Rank, und Freud und Fromm.

Diese Auseinandersetzungen waren natürlich vordergründig persönlicher Art, oder fachlicher Art, und es ist bezeichnend, dass keine dieser ursprünglich enthusiastischen Freundschaften gerettet werden konnte.

Dies zeugt nicht nur für Freuds autoritäre Art, sondern auch für was ich die ‘kulturelle Frage’ nennen möchte. Die Auseinandersetzung zwischen Freud und Reich war besonders bedeutungsvoll und signalhaft, denn Reich brachte Freud dazu, Farbe zu bekennen, und seine kulturelle Brille abzunehmen.

Als Reich sich für Kindersexualität offen einsetzte, schrie Freud ihn an, die Kultur gehe vor! Freud wies Reichs Engagement für die freie Sexualität von Kindern und Jugendlichen scharf zurück, obwohl er selbst es doch gewesen war, der als erster in der westlichen Kulturgeschichte die Sexualität des Kindes offen als Tatsache bekannt hatte!

Freud räsonnierte Reich gegenüber, dass es Aufgabe des psychiatrischen Berufs lediglich sei, Menschen, die unter den Pathologien der westlichen Kultur litten zu heilen, nicht aber sozialpolitisch tätig zu werden, um die Kultur zu ändern! Freud glaubte, dass ein solches Engagement von der wohlwissenden Warte der freien Berufe die Gesellschaft ins Chaos werfen würde.

Das ödipale Drama, wie ich die emotionale, taktile, sensuelle und sexuelle Deprivation des modernen Konsumkindes umschreibe, ist wahrhaft ein ödipales Trauma! Es bringt in der Psyche und im Energiesystem des Kindes Verbiegungen hervor, welche Pathologien erzeugen, die sich dadurch auszeichnen, dass sexuelle Lust nicht mehr rein empfunden wird, sondern mit aggressiver Rage, Angst und Wut besetzt ist, welches später im Leben vieler Menschen, vor allem vieler Männer, zu psychopathologischem Sexualverhalten führen kann, und oft tatsächlich auch führt.

Typisch für diese Deviationen ist, dass der Mann nicht mehr zum Orgasmus kommen kann, ohne dass er den Partner in irgendeiner Weise demütigt, schlägt oder ihn vergewaltigt, oder aber passiv masochistisch solche Demütigung oder Gewalt erfahren muss, um zum Höhepunkt zu gelangen.

Dies wird allgemein als sadomasochistische Fixierung bezeichnet, ist aber viel mehr verbreitet in unserer Gesellschaft, als man glaubt.

Es ist lange in der forensischen Psychiatrie bekannt, dass sexuelle Gewaltakte gegenüber Kindern, oder auch nur die Fantasien solcher Akte, in einem ungelösten Ödipuskomplex ihre Ursache haben.

Allerdings ist die Betrachtungsweise der Psychiatrie, wie ich es hier im vorgehenden ausführte, nicht komplex genug, um das Problem wirklich begreifbar zu machen. Darum konnte die Psychiatrie logischerweise auch bis heute den Betroffenen keine Lösungen für das Problem anbieten, während ich solche Lösungen wohl in meiner dreissigjährigen Forschung über Gewalt gegen Kinder gefunden habe.

Der betroffene Mann wird viel grössere Kontrolle über sein Problem mit Sadismus bekommen, wenn er damit beginnt, sein Verhalten zu verstehen, anstatt es moralisch zu verurteilen, und wenn er langsam und permissiv auch die emotionale Konfusion, die unterschwellig seinem Verhalten zugrunde liegt, zu begreifen sucht. Und er wird dann den grundlegenden Unterschied zwischen einem wahren Helden und einem ödipalen Helden erkennen.

Der wahre Held wird sein Verlangen nämlich, so problematisch es auch ist, erst einmal bejahen und zulassen, auch wenn es ein sehr virulentes und schwer zu kontrollierendes Verlangen ist, auch wenn es ein Verlangen ist, das, wenn es ausagiert wird, einem Kind wirklich Leid und Schaden zufügen könnte.

Das bedeutet nicht, dass er es ausagiert, sondern dass er es in seinem Inneren erst einmal als existentiell anerkennt. Es ist nämlich paradoxerweise genau diese Anerkennung des Verlangens, die graduell dahin führt, dass man es sublimieren kann, das heisst, nur in Fantasien und Träumen, oder in der Kunst auslebt, nicht aber in der äusseren Realität!

Um es zu wiederholen, diese Problematik besteht nicht mit dem sexuellen Verlangen selbst, sondern mit den negativen Emotionen, die sich durch erlittenes Leid in der Kindheit nach und nach mit diesem Verlangen verknüpft haben.

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