Orestsage und Kindopfer

Die Legende von Orest und der Verwünschung der Atriden ist einer der wichtigsten Mythen der griechischen Antike. An seinem Ursprung steht der Kampf zwischen dem Vaterprinzip und dem Mutterprinzip.

Wir haben es hier also mit einer Art von Schlüsselmythos zu tun, der uns die Lösung zum Rätsel der Sphinx geben mag, welches am Ursprung der ödipalen Verstrickung stand.

Die ödipale Kultur ist denn auch, wie bereits angedeutet, keine rein patriarchalische Kultur, sondern eine eigenartige Mischkultur aus patriarchalischen und matriarchalischen Elementen, die irgendwie nicht zusammen zu passen scheinen. Und es ist vielleicht gerade das Spannungsverhältnis zwischen diesen heterogenen Elementen, das die Explosivität und hohe strukturelle Gewalt dieser Kultur zur Folge hat.

Die Orestsage macht deutlich, wie destruktiv Moral letztlich ist, und sie stand vielleicht am Scheideweg einer zivilisierten Menschheit, die sich von gesunder Unmoral zu ungesunder Moral hin entwickelte, und damit ihren letzten wahren Bezug zur Natur verlor.

Der Fluch auf dem Schicksal der Atriden begann mit einem Verbrechen des Königs Tantalus von Lydien, der so hochmütig wurde, dass er über die Götter sich zu mokieren das Recht zu haben glaubte: er schnitt seinen kleinen Sohn in Stücke und bot ihn den Göttern bei einem Festmahl zu Ehren der Unsterblichen als Speise an, um ihre Weisheit zu prüfen! Für diesen barbarischen Akt und die begangene Beleidigung der Götter verdammten letztere Tantalus und seine Abkunft.

So erscheint am Anfang des traurigen Loses der Atriden ein falscher Gebrauch des Verstandes, des zweischneidigen Schwertes, das den Menschen einerseits über das Tier hinaushebt, zum anderen aber zu einer wahrhaft perversen Destruktivität befähigt.

Orest, der junge Prinz von Argos, ist durch die Qual der Wahl mit der Verwünschung seiner Familie konfrontiert. Orest war der Sohn von Agamemnon und der Königin Klytämnestra von Argos.

Der Fluch kam von väterlicher Seite, vom Großvater Agamemnons. Als der trojanische Krieg ausbrach, schickte Agamemnon seine Flotte aus, um mit den anderen griechischen Fürsten zusammen Troja auf dem Seewege anzugreifen.

Durch seine Großsprecherei erregte Agamemnon den Zorn der Göttin Hekate (Artemis) und diese schickte einen schrecklichen Sturm, der die Schiffe im Hafen einklemmte. Das Orakel informierte Agamemnon, dass er Buße tun und seine eigene Tochter, Iphigenie, auf dem Altar der Göttin in Aulis opfern müsse, da er sonst auf den Ruhm, Troja zu besiegen, zu verzichten habe.

Für ihn war sein Ansehen als Krieger wichtiger als sein Kind, das für ihn ‘nur ein Mädchen’ war, und ausserdem hatte er noch die kleine Elektra; so täuschte er seine Gattin Klytämnestra, indem er ihr ankündigte, dass Iphigenie sich in Aulis verheiraten wolle. Man schickte das Mädchen zum Lager Agamemnons, wo sie ermordet wurde.

Als Klytämnestra die Wahrheit erfuhr, war Agamemnon schon auf See Richtung Troja.

Die griechischen Truppen siegten über Troja und Agamemnon kehrte als Held in die Heimat zurück.

Während seiner Abwesenheit aber hatte Klytämnestra Mittel und Wege erdacht, den Mord an ihrer Tochter zu rächen. Mit ihrem Geliebten Egistus heckte sie ein Komplott zur Ermordung des Königs aus.

Als Agamemnon im Palast erschien, empfing ihn Klytämnestra mit Pomp und ließ ihn ein Bad nehmen. Dort tötete sie ihn zusammen mit Egistus und sie zerteilten ihn in Stücke. Um lästige Zeugen auszuschließen, hatte Klytämnestra Vorsorge getroffen, ihren Sohn Orest nach Phozien zu schicken, um ihm jede Kenntnis des Verbrechens unmöglich zu machen.

Aber der Gott Apollo erschien Orest und offenbarte ihm seine heilige Pflicht, den schmachvollen Tod seines Erzeugers zu rächen. Orest war entsetzt und widersprach zunächst vehement, denn dies hätte bedeutet, dass er seine eigene Mutter ermorden müsse. Apollo drohte dem Zögernden mit Wahnsinn und den schlimmsten Strafen. Schließlich akzeptierte der junge Prinz das Ultimatum und gab sich in die Hände des Gottes.

Wenn auch das patriarchalische Prinzip den Mord an der Mutter rechtfertigte, so würde ein solcher Akt doch die Verfolgung durch die Furien bis zu Wahnsinn oder Tod nach sich ziehen. Denn für diese schrecklichen Rachegöttinnen war der Muttermord das schlimmste Verbrechen, das ein Mensch auf Erden begehen konnte. Angesichts dieser in jeder Hinsicht unvorteilhaften Wahl begab sich Orest verzweifelt auf die heimliche Reise nach Argos.

Als er in der Stadt ankam, wurde er zunächst durch seinen Hund erkannt, dann durch seine Schwester Elektra, die ihrerseits ein Mittel suchte, den Mord an ihrem Vater zu rächen. Sie vereinigten ihre Ziele und ermordeten Egistus, dann Klytämnestra. Apollo war also zufriedengestellt, aber die Furien stürzten sich sofort wütend auf Orest, der halb verrückt wurde und in ganz Griechenland herumirrte.

Erschöpft und verzweifelt suchte er Zuflucht im Sanktuarium der Athena, die Mitleid mit ihm hatte: der junge Mann, der keines Moralverbrechens schuldig war, war Opfer von destruktiven und sich widerstreitenden Kräften geworden. Athena setzte eine Jury von zwölf Personen zusammen, um über diesen ungewöhnlichen Fall zu richten.

Bei der Abstimmung entschieden sechs für Apollo und das Vaterprinzip, die sechs anderen für das Mutterprinzip. Athena musste den Ausschlag geben, der die Waage zugunsten des Orest neigen ließ. Die Göttin beruhigte die Furien, indem sie ihnen und ihren Anbetern ihre eigenen Tempel zur Verfügung stellte, und Orest wurde von dem alten Fluch der Atriden befreit.

Dieser Mythos findet metaphorisch als archetypischer Bewegungsablauf auf Sittenprozesse Anwendung, wenn es um eine gesellschaftlich nicht akzeptierte, und als verbrecherisch qualifizierte Liebeswahl geht. Denn hier redet die Gesellschaft hinein durch ihre Moralvorstellungen, die, je nachdem, ob man dem matriarchalischen oder dem patriarchalischen Prinzip anhängt, sehr unterschiedlich sind und sich widersprechen.

Die Sage findet auch archetypische Anwendung auf den Fall eines Kindopfers im metaphorischen Sinne. Es ist nämlich einfach nicht wahr, wenn gesagt wird, in unserer sogenannten zivilisierten Kultur gäbe es keine Kindopfer mehr. Es mag sie nicht mehr geben in einem wörtlichen Sinne, wohl aber stets in metaphorischem Sinne.

Ein Kind wird oft den beruflichen Ambition seiner Eltern geopfert, dadurch, dass sie keine Zeit für es haben und es praktisch von der Amme erzogen wird; oder einem Kind wird seine Berufswahl verboten.

Oder seine Sexualität. Oder seine künstlerische Begabung. Oder all dies zusammen. Oder es muss ein vollkommen logisches und gehorsames Kind werden und seine Emotionen und träumerhafte Natur verleugnen. Oder es muss gar so verständig sein, dass es seinen Eltern Eltern ist.

Viele Kinder durften und dürfen alles sein, nur eines nicht: Kind. Bei den Griechen oder bei den Mayas hat man Kinder wirklich abgeschlachtet. Bei uns tut man es auf feinere Art. Was eigentlich nur besagt, dass die Griechen und die Mayas ehrlicher waren, als wir, und weniger heuchlerisch. Bei uns hat man daher auch Sündenböcke in Form von sogenannten Pädophilen nötig, auf die man all das projizieren kann, was man als gute und moralische Gesellschaft unter den Teppich kehren möchte.

Denn es nicht ein sprachlicher Zufall, dass man sagt, das Kind sei Opfer in einer sexuellen Beziehung mit einem Erwachsenen. Dieser Begriff passt hier genau, und gibt Auskunft über die Art der Projektion, um die es hier geht: die Gruppe der Pädophilen dient als Sündenbock genau mit dem Ziel, zu okkultieren, dass das Kind in unserer angeblich so kinderfreundlichen Kultur nichts anders ist als das: Opfer.

Doch sehen wir uns die Orestsage einmal ganz ohne kulturelle Brille an. Was passiert da eigentlich wirklich? Da werden eine Reihe von abscheulichen Morden begangen, und noch dazu an Mitgliedern der eigenen Familie oder Ehepartnern, und all das im Namen irgendwelcher Götter, irgendwelcher Mythen oder Kräfte, Geister oder Energien, die Menschen zu diesen Akten trieben.

Wie würden wir so etwas heute nennen? Ohne Zweifel, Paranoia. Wir haben es hier mit einer Reihe von Verrückten zu tun, denn auch nur halbwegs naturverbundene Menschen tun solche Dinge einfach nicht. Und das ist so, und nicht anders, und darüber kann man nicht diskutieren.

Und das fing erst an so zu sein, als der Mensch die Moral erfunden hatte und glaubte, Götter und Dämonen schaffen zu müssen, die ihm sagen, was er alles nicht tun sollte. Nur Verrückte dekretieren Dinge, nicht tun zu wollen, die man natürlicherweise ohnehin nicht tut! Nur Menschen, die von der Natur eben so weit entfernt sind, dass sie die Selbstregulierung durch ihre eigene innere Natur beharrlich und dauerhaft blockiert haben, können auf solche Gleise gelangen.

Wilhelm Reich und zwischenzeitlich auch neuere Forscher und Heiler haben gezeigt, dass Mordimpulse immer und ohne Ausnahme Sekundärimpulse sind, die durch die Repression und Perversion natürlicher Impulse zustande kommen.

Und daher, weil Moral eben solche Sekundärimpulse systematisch im Menschen heranzüchtet, ist die ödipale Kultur eine Mordkultur, wie ich dies in anderen Schriften näher ausgeführt habe, und sie hat Perversionen regelrecht gezüchtet, und braucht sich daher heute nicht über sogenannte ‘Perverse’ aufzuregen, denn diese sind das absolut reguläre und adäquate Resultat kultureller Dressur.

Meine Definition von Perversion ist im Einklang mit bioenergetischen Erkenntnissen, sowohl denen, die Wilhelm Reich experimentell und therapeutisch affirmierte, als auch denen, die grundlegend sind für neuere Therapien wie Rolfing oder Alexander Technik, und die bereits vor langer Zeit Bestandteil waren der traditionellen Hochkulturen der Menschheit.

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