Taktile Sensitivität

Es ist bekannt, dass zum Beispiel bei den Eskimos völlige Nacktheit zwischen Erwachsenen und Kindern innerhalb des Iglu üblich ist, und die Schlafweise sich auszeichnet durch engen Körperkontakt aller Familienangehöriger.

Nach Überwindung puritanischer Körperfeindlichkeit haben auch in industrialisierten Kulturen mehr und mehr Menschen zurückgefunden zur Einsicht in die Wichtigkeit von affektiv motivierten Berührungen, in die Notwendigkeit körperlicher Nähe, nicht nur zwischen Familienmitgliedern.

Wie ich bereits ausführte, haben uns Psychologen und Soziologen darauf hingewiesen, dass ein Zusammenhang zwischen Körperfeindlichkeit und Gewalt besteht, derart dass man die Gleichung aufstellen kann: Mehr Berührung, mehr Nähe, mehr Hautkontakt und körperliche Zärtlichkeit gleich weniger Gewalt.

Das gilt nicht nur kollektiv, sondern auch individuell. Das heißt, es gilt auch für Dein eigenes Leben. In Deinem Leben wird weniger Gewalt und Zwang herrschen, wenn Du Deine taktile Sensitivität erhöhst, indem Du Berühren und Berührtwerden angenehmer findest und öfter positiv erfahren möchtest als bisher. Und wo fängt das an? Es fängt an dabei, wie Du Dich selbst berührst, und was Du dabei empfindest!

Und natürlich spielt auch eine Rolle, was Du darüber denkst. Es spielt vielleicht sogar die Hauptrolle. Ist es für Dich Inzest, wenn ein Vater sein nacktes Töchterchen liebevoll über den ganzen Körper streichelt? Ist es Pädophilie für Dich, wenn ein Mann das gleiche tut, sagen wir mit einem Kindchen aus der Nachbarschaft?

Wenn Du das denkst, oder fühlst, dann ist es in der Tat für Dich so gut wie ausgeschlossen, Deine taktile Sensitivität zu erhöhen. Das ist so, weil Dein Glaubenssystem Dir Taktilität im Grunde verbietet. Und warum? Weil Du Berühren und Berührtwerden, ganz altmodisch, unmoralisch findest, und weil du es offenbar nur sexualisiert erleben kannst!

Berühren und Berührtwerden hat aber nichts mit Sexualität zu tun, weil es nicht ohne weiteres sexuell intendiert ist.

Als inzestuöse oder pädophile Verhaltensweisen können wir natürlich nur solche qualifizieren, die zwischen Erwachsenem und Kind eine sexuelle Verhaltensweise im Wortsinne darstellen, eine solche nämlich, die über bloßen Hautkontakt hinausgeht und allem Anschein nach auf sexuelle Befriedigung bei mindestens einem der Partner ausgerichtet ist!

Bei dieser Abgrenzung nichtsexueller Zärtlichkeit zwischen Erwachsenen und Kindern von sexueller Interaktion kann es nicht nur auf eine solche innere Motivation des Erwachsenen ankommen. Denn eine solche innere Motivation ist praktisch nicht nachweisbar und könnte nur allzu leicht mit einem rein affektiv intendierten Hautkontakt verwechselt werden.

Um ein praktisches Beispiel für diese subtile Abgrenzung zu geben. Es ist bekannt, dass Mütter sexuelle Erregung und sogar Orgasmen erleben, wenn sie ihre Kleinkinder säugen. Solche Mütter deswegen des Inzestes zu bezichtigen erscheint jedem vernünftigen Beobachter zu Recht als abwegig. Stellt man ab auf die äußere Handlung, also dem Stillen, so lässt diese keinen sexuellen Charakter im engeren Sinne erkennen.

Andererseits ist vorstellbar, dass sich ein Erwachsener, der nach den Umständen pädophile Interessen verfolgt, sich mit einem befreundeten Kind nackt in der Wohnung aufhält, badet oder sogar in einem Bett schläft. Wenn es zwischen den beiden zu keiner wirklichen sexuellen Handlung kommt, lässt sich nach der vorgeschlagenen Abgrenzung der Erwachsene nicht eines sexuellen Delikts bezichtigen. Denn würde man seine bloßen pädophilen Interessen oder Absichten in die Waagschale werfen, um ihn zu seinem Nachteil strafrechtlich zu belangen, so liesse man ein rein inneres Faktum genügen, das durch äußere Handlung keinen Ausdruck fand.

Das aber wäre Gesinnungsstrafrecht und widerspricht dem konstitutionellen Grundsatz des nulla poena sine lege. Das heißt, das Parlament könnte ein solches Gesetz wohl machen, es wäre aber verfassungswidrig und könnte vom Bundesverfassungsgericht als null und nichtig erklärt werden.

Im Strafrecht sind nur Tatbestände strafbar, nicht Gesinnungen, Gedanken oder Neigungen! Tatbestände sind fest umrissene Verhaltensweisen und Handlungen, und sie müssen so genau definiert sein, dass sie dem Bestimmtheitsgrundsatz im Strafrecht genüge tun.

Der Bestimmtheitsgrundsatz ist nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts ein durch die Grundrechte direkt abgesicherter Verfassungsgrundsatz.

— Siehe, zum Beispiel die Monographie von Matthias Krahl, Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs zum Bestimmtheitsgrundsatz im Strafrecht (Artikel 103, Absatz 2 Grundgesetz), 1986). Es ist hier speziell Artikel 103 Absatz 2 Grundgesetz, welcher den alten Verfassungsgrundsatz des Nulla Poena für das deutsche Verfassungsrecht formuliert: ‘Eine Tat kann nur bestraft werden, wenn die Strafbarkeit gesetzlich bestimmt war, als die Tat begangen wurde.’

Um es also noch einmal klar zusammenzufassen, Berührungen, sowohl zwischen Erwachsenen, als auch zwischen Erwachsenen und Kindern sind nicht ohne weiteres dem Sexualbereich zuzuordnen, sondern den Bereichen Vertrauensbildung, nonverbale Kommunikation, Affektivität und Kinderpflege.

Das Problem hier ist bei den meisten Menschen Gedankeninhalte, die durch berührungsfeindliche Erziehungsmodelle gelegt wurden und die vom Unterbewusstsein das Denken und Handeln vieler Erwachsener bestimmen, vor allem dann, wenn sie mit Kindern zusammen sind.

Der Inhalt ihres Glaubenssystems ist daher ausschlaggebend dafür, welche Beziehung sie zu ihrem Körper und ihrer Sexualität entwickeln können. Denn aus den vorgenannten Gründen mögen sie sich noch so sehr abmühen, ihre Meinungen zu diesen Fragen zu ändern, innerlich werden sie dennoch blockiert bleiben, einfach deswegen, weil es hier nicht um Meinungen geht, sondern um unsere fundamentale Einstellung dem Leben gegenüber.

Solange wir Angst haben davor berührt zu werden, solange wir Angst haben, selbst andere zu berühren, solange können wir einfach nicht eine natürliche Beziehung zu unserem Körper unterhalten. Warum ist das so?

Das ist so, weil unser Körper sich durch Berühren und Berührtwerden definiert. Er ist taktil intelligent, nicht gedanklich intelligent. Er erfährt die Realität, das Leben, durch den Tastsinn und die anderen Sinne, nicht durch das Denken.

Wir wissen heute, dass viele Jugendliche im Selbstmord enden einfach deswegen, weil sie als Kind nicht genügend berührt worden sind von ihren Eltern. Ein Kind, das nicht berührt wird, kann Liebe nicht erfahren, und wird sich nicht geliebt fühlen, auch wenn es tausendmal am Tag von seinen Eltern gesagt bekommt, sie liebten es. Das ist so, weil Liebe nun einmal durch die Haut geht, und nicht durch den Kopf.

In den letzten Jahrzehnten ist in den meisten Industrieländern, nicht nur im Westen, die Selbstmordrate von Jugendlichen erschreckend angestiegen. Ein Teil der Adoleszenz bevorzugt den schleichenden Selbstmord durch Heroin, ein anderer katapultiert sich in Manien hinein, geil auf soziale Diplome, dem Turbo–Kleinwagen mit Riesenmotor, der gesicherten Existenz mit Hausstand genannt ‘Frau und Kinder,’ und die Lebensversicherung.

Was ist aber Adoleszenz wirklich? Ist es nicht auch die Revolte, die Abkoppelung von der Kindheit, die manchmal überaus frenetische Suche nach Autonomie, nach Identität, und vor allem ein starker Experimentiergeist? Freie Jugendliche sind allerdings kaum die, die alles kurz und klein schlagen wollen, noch die, die nur noch im Computerjargon daher quatschen und sich die Köpfe nach der neuesten Mode zerfetzen lassen, es sind weder die Freaks, noch diejenigen, die Enzensberger ‘die läufigen Mitläufer’ nannte. Es sind aber auch nicht die sexbesessenen Elvis Presley Verschnitte, noch hirnlose Imitate von irgendwelchen Italowestern.

Freie Jugendliche sind ganz einfach solche, die ihre Adoleszenz ausleben und dabei sich selbst bleiben und gar, durch ihren Erfahrungsgewinn, jeden Tag mehr sich selbst werden. Es sind die, die offen sind, emotional und taktil, und die das Leben so annehmen, wie es ist, weil sie sich selbst so annehmen, wie sie sind.

Unsere heutige Sozialordnung muss dem gewandelten Bild des Jugendlichen in der modernen Kultur Rechnung tragen und ihm die Autonomie gewähren, die ihm als Mitglied dieser Ordnung zusteht. Diese Autonomie umfasst auch die sexuelle Selbstbestimmung im Rahmen gewaltloser und konstruktiver Selbstentfaltung, freie Partnerwahl und Respekt vor dieser Wahl.

Demgegenüber sieht die gegenwärtige Situation leider so aus, dass der Jugendliche, obwohl er sich selbst nubil weiß und in den Lebensbereich der Erwachsenen hinein aspiriert, vielfach infantilisiert wird, und dies in einer manchmal geradezu grotesken Weise.

Sexualität wird vielen Jugendlichen einfach zwangsweise oder unter Drohungen jedweder Art untersagt, oder sie wird heimlich und unter ungesunden Bedingungen gelebt, weil sie offiziell eben nicht statthaft ist und weil die Industriegesellschaft sich nun einmal das Idealbild des reinen und arbeitsamen Jugendlichen zurechtgelegt hat — weil er Prototyp des späteren völlig willigen Konsumenten ist.

Sexualität ist nun einmal eine höchstpersönliche Form von Autonomie und passt nicht recht in das Bild des dozilen Bürgers, der seine Bedürfnisse von der Werbung regulieren lässt, die ganz bewusst verdrängte Sexualwünsche merkantil ausbeutet.

In dieser Situation sind Jugendliche oft gezwungen, Sexualität mit Partnern zu suchen, die ihnen affektiv nicht sehr nahe stehen, einfach wegen der guten Gelegenheit oder weil es ausnahmsweise erlaubt ist, während ihnen sexuelle Erfahrungen mit meistens älteren Partnern, die ihnen affektive Sicherheit und Geborgenheit vermitteln würden, infolge der Schutzgesetze und einer denunziatorischen und diabolisierenden öffentlichen Meinung versagt bleiben. Die Frage, ob Schutzgesetze, die sogenannten Gesetze zum Schutze der Jugend sinnvoll sind, oder ob sie nicht eigentlich Hebel sind, Neofaschismus zu stärken, habe ich an anderer Stelle beantwortet und kann hier nur darauf verweisen.

Es geht mir hier mehr darum, dem jüngeren Leser klar zu machen, dass er als Jugendlicher wohl durch eine Phase beachtlicher Selbstentfremdung gehen mag, welche es ihm schwer macht, seinen Körper anzunehmen. Denn diese Entfremdung, die sie wohl in ihrer Kindheit erlebt haben, war weniger eine Entfremdung von ihrem Geist, als eine von ihrem Körper.

Sie war erst in zweiter Linie dann auch eine Entfremdung von ihrem Geist, ihrer individuellen Persönlichkeit, ihren Begabungen, und ihrer Kreativität und Originalität. Weil all das nämlich davon abhängt, wie sie ihrem Körper gegenüberstehen. Sie können die ödipale Verstrickung nur lösen über ihren Körper, oder, sozusagen induktiv, vom Körper zum Geist hin, weil die ödipale Kultur sich gerade dadurch definiert, dass sie Kindern ihre Körper stiehlt und behauptet, die Eltern oder gar der Staat seien die Besitzer dieser Körper.

Diese Situation bringt sie in Konflikt zwischen dem, was von ihnen in ihrem Alter, vor allem im edukativen Bereich, an Verantwortung und Leistung abverlangt wird, und dem, was ihnen an persönlicher und vor allem affektiv-sexueller Autonomie zugestanden wird. Das kann im Einzelfall dazu führen, dass sie nicht nur zu einem solch widersprüchlichen Gesellschaftssystem, sondern auch zu ihnen selbst jedes Vertrauen verlieren. Und ein solcher tiefgehender Vertrauensverlust hat viele Folgen, von leichten Anpassungsproblemen bis zu Delinquenz, Drogenabhängigkeit und Selbstmord.

Ödipale Kultur — das bedeutet auch, dass die Kultur sie nicht darin unterstützte, die psychische Nabelschnur, die sie an den Mutterbauch, die Matrix, bindet, zu kappen. Und diese mangelnde Abnabelung, mit all den Mutterbauchfantasien, die das nach sich zieht, hält sie gefangen in einem Netz aus Träumen und Illusionen, und macht es ihnen schwer, sich einzugliedern in die äußere Realität des täglichen Lebens.

Während natürlich ihr Innenleben, ihre Fantasien, ebenso Realität sind. Das Problem ist nur, dass ihnen diese innere Realität wenig hilft dabei, sich im Leben durchzusetzen und ihren Platz im Gefüge auszumachen.

Oder sie müssen eben den heroischen Weg gehen, den alle Kreativen gehen und gegangen sind, und den auch ich selbst ging: sie müssen ihre innere Realität voll und ganz akzeptieren und sie in der äußeren Realität inkarnieren. Das ist sozusagen der große Weg, während sie natürlich auch den kleinen Weg wählen können, der bedeutet, sich in irgendeinem Job abzurackern, um zu überleben — statt wirklich zu leben.

Ich hole so weit aus, nicht um irgendwas daher zu reden, sondern weil es wirklich so umfassend ist, was sie begreifen müssen, um sich selbst und ihren Körper anzunehmen! Wenn es nämlich so einfach wäre, wie manche Lehrer, Pastoren und Psychologen es hinstellen, würden sich sicher nicht jedes Jahr so viele Jugendliche das Leben nehmen. Man bringt sich nicht um für Lappalien. Das ist einfach so.

Warum es uns so schwer fiel als Generation, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist, hängt mit der Rolle des Vaters zusammen. Während der Vater traditionell die Rolle hatte, das Kind von der Mutter weg, von der Familie weg, in die Gruppe, in das größere soziale Gefüge hinzuführen, wird der moderne Vater dieser Rolle nur noch ungenügend gerecht, einfach weil er meist durch Abwesenheit glänzt.

Das Resultat dieser Situation sind Jugendliche, die Affektion suchen, Aufmerksamkeit, Gehör und Anerkennung, Jugendliche, die etwas vermissen ohne recht zu wissen, was es eigentlich ist das ihnen so sehr fehlt, Jugendliche, die Angst haben vor dem Leben, vor sich selbst, vor Beziehungen, vor dem eigenen oder dem anderen Geschlecht, mit einem Wort, Jugendliche, die sich vor dem Leben verkriechen.

Doch Leben bedeutet ein Verlassen des Stammbaumes und eine Hinwendung zum Baum der Erkenntnis und da dem Menschen das Paradies nun einmal versagt wurde, muss er diesen Baum der Erkenntnis des Hier–Und–Jetzt finden. Es ist der Baum der Selbsterkenntnis und der Erkenntnis unserer irdischen Existenz. Es versteht sich von selbst, dass Initiation in die Erwachsenenwelt für den Jugendlichen nicht bedeutet, ihm mehr Freiheit im Umgang mit seinesgleichen zu geben, sondern mehr Freiheit im Umgang mit älteren oder jüngeren Partnern.

Es geht einfach darum, den Jugendlichen in seinem Verlangen zu wachsen und erwachsen zu werden anzuerkennen und zu fördern. Dies kann eine Gesellschaft nur dann für den Jugendlichen glaubwürdig unternehmen, wenn sie ihm sexuelle Autonomie zugesteht, ihm also den Schutz seiner körperlichen Integrität im großen und ganzen selbst überlässt.

Natürlich ist sexuelle Autonomie nur eine Form von Autonomie und vielleicht nicht einmal die wesentlichste. Aber es ist nicht zu vergessen, in welch hohem Maß die Schutzgesetze eine Art Signalfunktion auf den ganzen Bereich affektiver Beziehungen ausüben. Viele Menschen, vor allem Frauen und Mütter, mit denen ich diese Fragen diskutiere, neigen hier zu lapidaren Antworten wie ‘Aber es ist doch klar, dass sich die Schutzgesetze nur auf Sexualität und auf Sexualität im engeren Sinne beziehen. Es fallen hier also sicher nicht affektive Beziehungen und Freundschaften darunter, und auch nicht Nacktheit im allgemeinen oder der Besuch von Rockkonzerten oder anderen sozialadäquaten Tätigkeiten!’

So offensichtlich ist das aber bei weitem nicht! Und die Grenzen zwischen Sexualität und Affektivität sind hier ebenso wenig offensichtlich, wie sie überhaupt in unserer Gesellschaft sehr wenig offensichtlich sind, und weil die Medien heute eben dazu neigen, Verhaltensweisen, die man jahrtausendelang als der Affektivität zugehörig vermeinte, nun als sexuell oder sexuell intentioniert zu unterstellen.

Um zwei ganz einfache und ich möchte fast sagen banale Beispiele zu geben. Ein Jugendlicher sieht in einem Supermarkt ein kleines Mädchen, mit dem er ein Gespräch anbindet. Er hat dabei im Sinne, eine Spielkameradin zu finden. Als sie zusammen nach der Kasse nach draußen gehen, werden sie von einem Detektiv des Supermarktes abgefangen und der Junge wird befragt, warum er das kleine Mädchen angesprochen habe?

Und egal, wie solche Verhöre dann ausgehen, dass ein Angstmoment zurückbleibt ist ganz klar. Und beim nächsten Mal wird derselbe Junge dann angsterfüllt über ein Lächeln hinwegsehen, das ein kleines Mädchen ihm im Vorbeigehen zuwirft, und nicht darauf reagieren. Und so wird eine Beziehung, die Glück und Segen für beide Kinder hätte bringen können, durch die ‘moralische,’ persekutorische und liebesfeindliche Kultur im Keim erstickt.

Da wird argumentiert von Eltern und Erziehern, wenn sie überhaupt Antwort geben, innerhalb der Schule könnten die Kinder sich schliesslich kennenlernen, und ausserhalb sei es zu gefährlich, und so fort. Wobei es natürlich vollkommener Unsinn ist, von vornherein Gefahren zu sehen in Situationen, wo Kinder nicht potentiell überwacht sind. Ein solch hermetisches Überwachungssystem ist denn auch nicht ein Zeichen von Kinderliebe, sondern ein Signal für kulturell abgesegnete kollektive Paranoia, und das gute Funktionieren des Polizeistaates.

Ein anderes Beispiel, das ich selbst erlebt habe, spielt in einer Universitätsstaat in Georgia, USA. Da verbietet ein Universitätsprofessor seiner sechzehnjährigen Tochter den Besuch von Rockkonzerten mit dem Argument, die obszönen Texte solcher Konzerte könnten die ‘Unschuld des Mädchens verletzen.’ In einer Schulkonferenz wird das Problem besprochen und die überwiegende Mehrheit der Eltern ist der Meinung, er habe richtig gehandelt und Schutzgesetze seien weit und ihrem Sinn gemäß, nicht nur ihrem Wortlaut gemäß, auszulegen. Sonst sei Kinderschutz, so meinen sie, nicht effektiv zu handhaben.

Die sich so liberal glaubenden jungen Frauen und Mütter in Europa vergessen sehr häufig, dass Sittengesetze eine weit über ihren Wortlaut gehende Signalfunktion in jeder Gesellschaft haben. Sich darüber positivistisch hinwegsetzen zu wollen, indem man es einfach leugnet — um sich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen heiklen Fragen zu ersparen — ist ein Zeichen von Ignoranz und oft auch einfach Gleichgültigkeit. ‘Was habe ich damit zu tun, wird gefragt?’

Sehr viel, ist meine Antwort! Sexuelle Normen und Wertungen wirken über das kollektive Unterbewusstsein bis in unsere Knochen hinein, bis in unser Fleisch und Blut.

Untersuchungen in der freiheitlichen San Diego Bay Wohngegend in Kalifornien, die zu über achtzig Prozent von Akademikern und Informatikern bestritten wird, von Menschen also mit einem weit über dem amerikanischen Durchschnitt liegenden Bildungsgrad, ergaben eine absolut erschreckende Quote von Fehlinformation über Sexualität bei Schulkindern, trotz Sexualkunde, trotz aufgeklärtem Elternhaus, trotz freier Kommunikation und trotz liberaler und bewusst nicht-repressiver Erziehung.

Der Grund? Der Einfluss eben dieses ungeschriebenen und unbewusst internalisierten Verhaltenskodexes, wie er vor allem durch Angst übermittelt wird, und die Medien, und so viele Faktoren, die man gemeinhin übersieht, wenn man Dinge nur vordergründig-rational zu beurteilen sucht. Eine natürliche Haltung zur Sexualität kann sich niemals in einem Klima von Denunziation, Hexenjagden und moralischen Kriegen entwickeln und diese Kinder werden wahrscheinlich später unter weitaus grösseren sexuellen Spannungen und Obsessionen zu leiden haben, als ihre Urgroßeltern.

Die meisten Jugendlichen in unseren westlichen Kulturen leben tatsächlich in einer Art von affektivem Ghetto zwangsgeregelter und staatlicherseits immer mehr überwachter Beziehungen mit Eltern, Lehrern und einigen wenigen Freunden, einem affektiven Friedhof, wenn man es vergleicht mit der Vielzahl von Beziehungen und der Freiheit solcher Beziehungen zum Beispiel der Jugendlichen in den meisten Ländern Afrikas, Lateinamerikas oder Südostasiens, und selbst Chinas.

Mit dem Einzug der Kleinfamilie und dem Zerbröckeln ländlich-bäuerlicher Sozialstrukturen wurde die mehr oder weniger ausschließliche Eltern-Kind Beziehung zum Prokrustesbett einer in früheren Zeiten vielleicht doch glücklichen Kindheit, einer Adoleszenz, die einst noch vom Hauch des Abenteuers durchzogen war. Im Leben des neuzeitlichen Jugendlichen westlicher Länder ist auch das Abenteuer reglementiert, das Vergnügen überwacht, sozial abgesegnet oder eben nicht und im letzteren Falle sofort schärfstens ‘zum Wohle des Kindes’ unterdrückt und beseitigt.

So wird das Unkalkulierbare kalkuliert und der letzte Rest von ganzheitlichem Denken aus Kinderköpfen ausradiert, um das zu erschaffen, was offenbar das Ziel ist: das totale, gefühllose und sexlose Robotkind in der Form einer dozilen und leicht manipulierbaren Konsummaschine.

Was Wunder, wenn nach solch affektiver Karenz, und solchen Tantalusqualen aus Einsamkeit, Frust und Routine Wünsche nach Traum, nach Irrationalem, und nach unmittelbar Erfahrbarem erwachen und so stark werden, dass sie für viele Jugendliche in der Heroinspritze enden oder in anderen Risiken für ihre Gesundheit, wenn nicht in der Verzweiflungstat oder ihrer Hamlet’schen Sublimierung in Form der Schizophrenie oder Epilepsie.

Du kannst an diesen Fakten nicht vorbeigehen, ob du es willst oder nicht. Die ödipale Kultur ist in uns, nicht nur um uns herum. Und darum ist es so schwer, die fundamentalen Verhaltensmuster, die sie uns eingeimpft hat in unserer frühen Kindheit, zu ändern.

Und die ödipale Kultur ist vor allem paradox. Sie ist doppelbödig, und lächelt wie Mona Lisa. Sie scheint Ja zu sagen zum Leben, während sie uns das Messer ins Kreuz rennt. Unsere Werbung ist voller Sex. Und Selbstwert wird nicht zuletzt auch dadurch definiert, welche Chancen man erotisch hat. Und doch tut die Gesellschaft alles, um sexuelle Autonomie des Jugendlichen im Keim zu ersticken.

Was ich sagen will, ist, dass dir nichts anderes übrig bleibt, als entweder nachzugeben oder stärker zu sein. Wenn du deine taktile Sensitivität bejahen und kultivieren willst und es ablehnst, entweder eine abgestumpfte Konsumratte oder ein hyperintellektueller Elfenbeinturmgelehrter zu werden, so hast du keine Wahl, als dich selbst, in deiner Verwundbarkeit zu affirmieren! Dann vermeidest du es tunlichst, den Charakterpanzer zu bilden, wie Wilhelm Reich es nannte, und bleibst ganz bewusst offen fürs Leben und dafür, von anderen verletzt zu werden.

Und das kannst du nur dann, wenn du das Wertsystem der ödipalen Kultur — das näher besehen ein Unwertsystem ist — voll und ganz zurückweist und es durch dein eigenes Wertsystem ersetzt.

Wie tust du das in der Praxis? Du ersetzt soziale Werte durch Seelenwerte, indem du eine Liste machst mit allen Seelenwerten, die sie bejahst und für richtig hältst.

Dann wirst du nach und nach erkennen, dass Seelenwerte oft mit sozialen Werten im Konflikt stehen, und dass du dich eben einfach entscheiden musst!

Zum Beispiel, wenn du die emotionale und sexuelle Autonomie des Kindes als Seelenwert anerkennst, siehst du sogleich dass dieser Wert nicht im Einklang ist mit den sozialen Werten, die die ödipale Gesellschaft für das Kind bejaht, einfach weil diese Gesellschaft historisch und psychologisch von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts an jede sexuelle Betätigung des Kindes als abartig, pervers oder einfach nicht existent bezeichnet.

Wie es Susanne Cho in ihrer Doktorarbeit klar nachwies, ist es kein Zufall, dass das Tabu der Kindersexualität mit der industriellen Revolution zusammen fiel, denn es existierte vordem keinesfalls.

— Siehe Susanne Cho, Kindheit und Sexualität im Wandel der Kulturgeschichte, Eine Studie zur Bedeutung der kindlichen Sexualität unter besonderer Berücksichtigung des 17. und 20. Jahrhunderts, Zürich, 1983.

Es ist wirklich so, wie ich es ausdrücke: ‘Kinderschutz ist Konsumnutz,’ denn freie und emosexuell befriedigte Kinder geben schlechte Konsumroboter ab, und das ist der wirkliche Grund des Kinderschutzes, denn mit Moral hat der ganze Rummel nicht das Geringste zu tun!

Wenn du das klar erkennst, bist du weitgehend frei von der ödipalen Zucht zur Konsummaschine, und bleibst ein voller Mensch, trotz des Druckes, den die Gesellschaft auf dich ausübt weil du ein Nonkonformist bist.

Ein Jugendlicher, der seine Sexualität geachtet und anerkannt sieht, ist weniger ein Objekt der Sexualwünsche anderer, sondern in viel höherem Maß Subjekt einer Sexualbeziehung. Er ist wenig geneigt, eine Opferrolle zu akzeptieren und einem Engagement in der Prostitution, wenn das die Sorge mancher Reformgegner ist, denn diese Selbstachtung seiner Körperlichkeit und Sexualität wird Prostitution im Wege stehen. Ein psychisch und körperlich gesunder Jugendlicher braucht keine Leine wie ein kleiner Hund, in Form von ihn infantilisierenden Schutzgesetzen, denn er oder sie weiß sich selbst zu schützen.

Pädagogen, Richter und Parlamentarier können zu dieser Einsicht nur gelangen, wenn es ihnen endlich gelingt, Vertrauen zu fassen in die menschliche Natur, Vertrauen auch in die Intelligenz wohlverstandener Freiheit, und nicht zuletzt Vertrauen in die natürliche Fähigkeit des Menschen für Verantwortung!

Alles, was nicht verantwortlich geregelt wird, entpuppt sich früher oder später als soziales Problem. Denn das Chaosprinzip ist immer noch weitaus intelligenter und bringt sozial gerechtere und tragbarere Lösungen hervor, als jede Art von moralistischer Schmierpolitik.

Wenn du die Forschung Ashley Montagus über Taktilität, die ich im Analyseteil dieses Essays ausführlich besprach, betrachtest, so kannst sie eigentlich keine Argumente finden gegen die Einsicht in die Notwendigkeit einer Erhöhung deiner taktilen Intelligenz und Empfindungsfähigkeit.

Dann siehst du, dass das, was du erreichen wirst durch deine Transformation zu einem sensibleren Wesen, auch der Gesellschaft letztlich zugute kommen wird. Das ist einfach so, auch wenn diese Gemeinschaft heute noch in der Mehrheit aus recht unsensiblen oder besser gesagt abgestumpften Wesen besteht, denn schliesslich waren sie alle als Babys einmal sehr feinsinnig und haben nur später dann dem Druck der ödipalen Kultur nachgegeben und einen Panzer gebildet.

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