Selbstregulierung

Wenn Du die vorgenannten beiden Schritte schon umfangreich genug findest, so bleibe ich da nicht stehen. Wenn auch Sexualität und Taktilität sehr wichtige Bereiche sind, so sind sie doch nur zwei von allen möglichen Lebensbereichen. Oder nicht? Wenn sie auch sozusagen hineinstrahlen in alle anderen Lebensbereiche, so ist es doch eine Tatsache, dass wir zwei Drittel des Lebens im Schlaf verbringen und achtzig Prozent der verbleibenden Zeit mit Arbeit.

Für Sexualität und Taktilität bleiben also nur ein paar Prozent unserer Lebenszeit.

Das klingt wohl recht statistisch, kalt und positivistisch und ich möchte auch nicht, dass Du das wörtlich nimmst. Ich möchte damit sagen, dass es eine Technik geben sollte, wie wir auch den überwiegenden Teil unserer Lebenszeit besser verbringen können, effektiver, angenehmer und intelligenter.

Diese Technik gibt es in der Tat, und nicht ich habe sie erfunden, sondern die Natur selbst: es ist Selbstregulierung.

Schon Wilhelm Reich, aber vor allem die neuere Systemforschung haben Selbstregulierung in allen natürlichen Prozessen entdeckt.

Während die traditionelle menschliche Gesellschaft alles durch Kontrolle und Zwang regelte, hat sich die Natur immer in einem freien Spiel komplementärer Kräfte selbst reguliert. Das Wetter, alle Zyklen des Lebens von seiner Entstehung bis zu seinem Ende, der Prozess von Gesundheit und Krankheit — unterliegen der Selbstregulierung. Alle diese Prozesse laufen von selbst ab, nach einer Art Programm, das die Natur dafür vorsieht und das gleichzeitig sehr einfach und sehr komplex ist.

Wilhelm Reich fand ebenfalls heraus, dass unsere Emotionen der Selbstregulierung unterliegen. Nach der Wut kommt Freude. Aber wenn die Wut gewaltsam unterdrückt wird, wird sie nur noch schlimmer, weil der natürliche Mechanismus der Selbstregulierung durch das Aufstauen der Emotion blockiert wurde.

Und schließlich kennen wir Selbstregulierung von der Marktwirtschaft her. Die freie Marktwirtschaft beruht auf Selbstregulierung aller am Markt teilnehmenden Kräfte, insbesondere Angebot und Nachfrage. Alle historische Erfahrung, vor allem mit dem staatsbürokratischen kommunistischen Modell, das eine wahrhaft totale Fehlleistung war, haben gezeigt, dass es keine Alternative gibt zur Selbstregulierung im Marktgeschehen, welches Modell man auch immer für die Zukunft entwickeln mag.

Dass der Kapitalismus negative Seiten hat, ist uns allen klar, aber was daran nicht negativ ist, ist das Prinzip der Selbstregulierung, auf dem er beruht.

Nun, wenn die Natur selbst und unsere Marktwirtschaft auf Selbstregulierung beruhen, warum beruht dann unser tägliches Leben so wenig darauf?

Die Antwort ist, dass unsere traditionelle Erziehung von der Natur abgespalten ist und grundlegende natürliche Wirkprinzipien ableugnet. Daher führen die meisten Menschen Leben, die voller Stress sind, voller Konflikt und voller ungesunder Extreme. Selbstregulierung bedeutet hingegen, ein Mittelmaß zu halten zwischen den Extremen, einen Weg der Mitte zu gehen, wie es Buddha ausdrückte.

Nun, wie eingangs ausgeführt, ist dies nicht nur ein philosophisches Essay, sondern, jedenfalls auch ein praktischer Ratgeber, und daher möchte ich nun vom Allgemeinen zum Konkreten übergehen und aufzählen, wie Du Selbstregulierung im Alltag anwenden kannst, um mehr im Einklang zu sein mit Deinem natürlichen Geist–Körper Kontinuum.

Ich habe dies übrigens selbst herausgefunden als Jugendlicher und mit einigem Profit angewandt seit meiner Zeit am Gymnasium. Ich schnitt immer gut und sehr gut ab in der Schule und auf der Universität, trotz der Tatsache, dass ich so gut wie nichts gearbeitet hatte, denn auf dem Gymnasium interessierten mich die Mädchen mehr als die Schulfächer, und während des Jurastudiums verbrachte ich die meiste Zeit im Konservatorium und spielte Klavier, statt die Vorlesungen über Kaufrecht oder Strafprozessrecht zu hören.

Wie also meisterte ich das Abitur, meine beiden Diplome als Volljurist, und meine Doktorarbeit im internationalen Recht in Genf? Durch Selbstregulierung meiner Arbeit und meiner gesamten Kreativität. Und so bis heute.

Hier sind die konkreten Ratschläge, die ich aus dieser nun vierzigjährigen Erfahrung geben kann.

— Gehe mit den Hühnern schlafen und stehe mit dem Krähen des Hahnes auf. Das heißt, jedenfalls vor Mitternacht zu Bett gehen und vor Sonnenaufgang aufwachen.

— Entwickele ein persönliches Meditations– und Fitnessprogramm, das Dir soviel Freude macht, dass Du es gerne tust jeden Morgen für 15 bis 20 Minuten. Nur ein vollkommen gesunder und natürlich biegsamer Körper ist voll und ganz selbstregulierend, und Dein Geist kann nur dann vollkommen selbstregulierend arbeiten, wenn es Dein Körper ebenfalls kann.

— Iß nur das, was Du gerne isst, und nur soviel davon, wie Du magst. Vergiss alles, was man Dir diesbezüglich beibrachte in der Kindheit. Dein Körper ist der beste Koch: er sagt Dir intuitiv, was Du essen solltest, und wieviel davon.

— Studiere das, und nur das, arbeite das, und nur das, was Dir wirklich Freude macht! Wähle die Karriere, die Dir wirklich Freude und Erfüllung bringt und in der Du Dein grösstes Talent vollkommen realisieren kannst, und Dich voll und ganz als Du selbst fühlst. Alles andere zählt nicht.

— Arbeite nur an dem, was Dich im Moment fesselt und motiviert, und nur dann, wenn Du Lust hast. Arbeite nur so lange, als Dich die Arbeit ganz erfüllt und so lange Du damit voll konzentriert bist und die Arbeit Dich voll und ganz absorbiert. Wenn Deine Konzentration und Motivation abnehmen, wechsele zu einem anderen Projekt über, das Dich dann ganz und gar erfüllt.

— Arbeite an all Deinen Projekten gleichzeitig, nicht sequentiell. Wenn die Arbeit an einem Projekt keine Freude mehr macht, arbeite an dem weiter, wonach Dir der Sinn steht. So arbeitest Du immer effektiv und optimal, und tust immer das, was Dir Freude macht.

— Wenn ein Termin zur Vorlage einer Arbeit aussteht, habe keine Angst und vertraue auf Deine Inspiration! Du wirst rechtzeitig den inneren Anstoß bekommen, das dafür zu arbeiten, was wirklich notwendig ist, und wenn es nur einen Tag vor dem Termin ist. Über achtzig Prozent dessen, was die meisten Leute für Prüfungen lernen, ist ewig für die Katz!

— Lerne, diagonal zu denken und zu arbeiten, und immer mindestens vier Tätigkeiten zur gleichen Zeit zu tun. Einfaches Beispiel. Heute morgen schreibe ich dieses Essay fertig, gleichzeitig lese ich zwei Fachbücher, studiere die dritte Händel–Suite auf dem Klavier und bringe Ordnung in meine CD–Sammlung.

— Entwickele einen Sinn für Effektivität in allem, was Du tust, und sei es die banalste Sache, wie Zimmer auskehren, Geschirr spülen, Toilette putzen, Keller aufräumen oder Müll bündeln und wegbringen, und tue alles, was Du tust, so gut, wie Du es nur irgend kannst, und mit Freude. Wenn es Dir lästig ist, höre sofort damit auf und tue etwas anderes. Klage über nichts! Keine Arbeit ist dumm oder lästig, denn bei allem lernen wir.

Was ist eigentlich wirklich Effektivität? Es ist angewandte Selbstregulierung.

— Bringe Seele in alles, was du tust! Das bedeutet, dass du Freude empfindest, wenn Du so handelst.

Es heißt darüber hinaus, dass Du ein Gefühl bekommst für die Vitalenergie, die in Dir strömt, und Dich umgibt. Wenn Du beginnst, sie zu spüren, wirst Du feststellen, dass wenn Du mit Seele handelst, die Energie in Dir und um Dich herum viel höher ist! Dein Körper ist dann typischerweise durchflutet von warmer Energie und fühlt sich sehr lebendig an.

— Wenn Du alles, was Du tust, mit Seele tust, hast Du Freude dabei, und was Du tust wird gelingen, und zwar brillant gelingen, mit einer Perfektion, die Du vorher nicht für möglich gehalten hättest.

Ich kann aus Erfahrung sagen, dass es gar so ist, dass Du Dich gewöhnen wirst daran, wenn Du es nur ein einziges Mal wirklich erlebt hast, und dann wirst Du eine heilige Abscheu haben, Dinge mittelmäßig zu tun! Du wirst dann nämlich alles perfekt tun wollen, aber nicht perfekt im Sinne einer harten, mechanischen Perfektion und eines harten Arbeitens.

Nein, im Sinne einer spielerischen Leichtigkeit, die einfach immer das Beste hervorbringt. Das ist so, weil unsere Seele oder unser höheres Selbst verbunden ist mit dem ganzen Kosmos und allen Energien darin und es die anzapft, die es braucht, um uns zu helfen bei unseren Aufgaben.

— Tue nur das, was sich gut anfühlt für Dich! Ohne jeden Moralismus meine ich damit, dass wir nur das tun sollten, was uns ethisch als gut und nobel erscheint. Wenn Du ein kribbelndes Unbehagen spürst in der Magengrube oder einen Druck im Herzen oder ein Angstgefühl im Unterbauch, jedes Mal, wenn Du etwas Bestimmtes tust, dann tue es nicht und lege das Projekt beiseite. Und, natürlich, wenn einige der Ratschläge, die ich hier für Dich niederkritzelte, in Widerspruch treten mit Deiner eigenen Selbstregulierungsfunktion, so sei Dir bewusst, dass das normal ist. Nimm dies dann zum Anlass, Deine eigenen Routinen zu entwickeln und achte immer darauf, dass man nichts regelmässig tun sollte, was in mechanisches Handeln ausartet.

— Es gibt Entwicklungsprozesse, die Regelmäßigkeit und Training erfordern. Wenn Du im Bereich Fremdsprachen, im Sport, in asiatischer Kampfkunst oder in der Vorführung von Musik oder Theater etwas erreichen möchtest, musst Du regelmäßig üben. Aber auch dafür gilt, was ich vorher sagte, wenn Du dieses Üben mit Seele tust, wirst Du weniger Übungsstunden brauchen, und das Endresultat wird besser sein als bloß mittelmässig.

Selbstregulierung ist fantastisch, weil man immer das tut, was man gern tut zu einem bestimmten Zeitpunkt; daher tut man es eben auch optimal und effektiv.

Ich bin überzeugt, dass, wenn nur dreißig Prozent der Weltbevölkerung diesem Prinzip folgten, sich das Welteinkommen durch eine Verzehnfachung der Effektivität aller Arbeitsprozesse explosionsartig erhöhen würde. Darüber hinaus würde sich ergeben, dass die meisten Menschen weitaus glücklicher und friedlicher wären, und damit wäre dem Weltfrieden dann auch gedient!

Bis heute ist es nur in einigen wenigen Berufen möglich, selbstregulierend zu arbeiten, wie zum Beispiel als freischaffender Künstler oder als Schriftsteller, und das ist so, weil unsere Volkswirtschaft zwar begriffen hat, dass der Markt Selbstregulierung braucht, nicht aber, dass die am Markt Beteiligten dasselbe benötigen …

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