Lust und Bisexualität

Im Gegensatz zum Hauptstrom in der Psychoanalyse und der Sexualwissenschaft sehen viele Menschen heute Sexualität nicht nur dann als normal an, wenn sie aufs andere Geschlecht gerichtet ist, und welche man Heterosexualität zu nennen pflegt, sondern auch dann, wenn sie auch das eigene Geschlecht umfasst, also Bisexualität, oder sich exklusiv dem eigenen Geschlecht zuwendet, also Homosexualität.

Weiterhin in reger Diskussion ist der Bereich der Pädophilie und der sexuellen Betätigung innerhalb der Familie; hier kann man wohl heute sagen, dass sich die Mehrheit einem Prinzip strikter Linie verschreibt, das Volljährigkeit als alleiniges Kriterium für sexuelle Mündigkeit ansieht und ansonsten Sexualität mit Minderjährigen, und erst recht innerhalb der Familie, strikt und meist auch ziemlich aggressiv verneint.

Was hat es nun aber auf sich mit dieser sogenannten Normalität oder Natürlichkeit von Sexualität?

Zur Rechtfertigung traditioneller Sexualanschauungen wird häufig aufs Tierreich verwiesen, wo doch angeblich alles so normal sei. Abgesehen von der Tatsache, dass neuere Untersuchungen erbracht haben, dass auch bei Tieren homosexuelles oder pädophiles Verhalten unter bestimmten Umständen auftreten mag, mutet der Verweis aufs Tierreich komisch an, kommt er doch meist gerade von Leuten, die die Spiritualität des Menschen lauthals unter Beweis stellen wollen.

In einem Atemzug behaupten sie, der Mensch sei in der Schöpfung dem Tier überlegen und habe mehr Freiheit erhalten als dieses, doch wenn es um den Bereich der Sexualität geht, wenden sie schnell angstvoll ein, alles, was der Mensch in diesem Bereich tue und das vom angeblich so normalen, da tierischen ‘Männchen hüpft aufs Weibchen’ abweiche, schlechthin pervers und abartig sei.

Haben sich Menschen, die eine solche Argumentation ernsthaft vertreten, schon einmal gefragt, ob es wohl unter den Tieren eine Rasse gibt, die Waffen hergestellt hat, die es ihr erlaubt im Zeitraum einer Minute alle Exemplare ihrer Rasse viertausendmal vom Erdboden zu blasen?

Der Mensch ist ganz offensichtlich das einzige Lebewesen auf Erden, das genügend Perversität besitzt, um zu solchen wahrhaft unnatürlichen Handlungen fähig zu sein.

Anders gefragt, warum sollte die Sexualität des Menschen eigentlich so sein, wie die des Tieres? Auch die Ernährung des Menschen und seine gesamte Lebensweise unterscheiden sich schließlich nicht wenig von der der meisten Vertreter des Tierreiches.

Schon die Stellung dieser Frage zeigt, wie absurd sie im Grunde ist.

Geht es also in Wahrheit nicht vielmehr darum, eine auf den Menschen zugeschnittene, also humane Sexualität zu schaffen oder anzuerkennen, als den Menschen in einer seiner persönlichsten Ausdrucksformen der Imitation tierischen Verhaltens zu unterwerfen? Humane Sexualität ist eine solche, die ganz auf den Menschen zugeschnitten ist und von vergleichbaren Vorbildern aus dem Tierreich befreit ist.

Humane Sexualität geht von der Wahrheit aus, dass der Mensch eine sich vom Tier unterscheidende Natur besitzt, ob man diese nun als spirituell qualifiziert oder nicht, und grundsätzlich nicht, wie das Tier, durch Instinkte gebunden ist. Humane Sexualität erkennt die grundsätzliche kreative Freiheit des Menschen beim Ausdruck seiner sexuellen Wünsche an. Sie geht davon aus, dass Sexualität eine Form von Kreativität ist und ihren Platz in jedem erfüllten und freudvollen Menschenleben besitzt.

Humane Sexualität ist das Sexualverhalten des Menschen der Zukunft. Sie weltweit zu realisieren bedeutet ein Entwicklungsfortschritt der gesamten Menschheit hin zu mehr Humanität und Spiritualität, zu mehr Menschlichkeit und Wahrheit in allen Beziehungen.

Humane Sexualität ist affektive Kommunikation in körperlichem Ausdruck zwischen Menschen mit dem Ziel sexueller Befriedigung, also orgastisch-energetischer Entladung. Dieses energetische Phänomen der Sexualität, das das lustfeindliche Patriarchat und sein Exekutivorgan, die Kirche, ausblendeten mit allen Mitteln, ist es, warum wir sexuell aktiv sind und sein sollten bis ins hohe Alter. Es ist nicht etwa, wie immer behauptet wird von fundamentalistischen Religionen, die prokreative Funktion der Sexualität.

Der Natur geht es darum, dass wir glücklich sind, nicht dass wir Kinder anhäufen wie Kleiderbügel im Schrank.

Die Überbevölkerung der Erde hat hier ihren Grund, in diesem materialistisch-patriarchalischen Wertsystem, das mit seinem ‘seid fruchtbar und mehret euch,’ gleich einer hypnotischen Formel in die Bibel und andere heilige Bücher geschrieben wurde.

Und es hat dies mit Spiritualität nichts, aber auch gar nichts zu tun. Es ist die Frucht von rein materialistischem Denken, das das Kind als Besitz des Vaters ansieht, das zu diesen und anderen irrsinnigen Sprüchen führte, von denen alle heiligen Bücher der Welt strotzen.

Sicher, wo mein Kind mir Besitz ist, kommt es mir darauf an, möglichst viele von den Dingern zu haben, und nicht nur gerade eines. Das ist der wahre Grund, warum die Person des Kindes, vieldiskutiert, bis heute nicht respektiert wird in unserer Gesellschaft.

Die bereits erwähnten Studien von Malinowski und Mead bei sexuell hoch permissiven tribalen Kulturen ergaben zudem, dass diese Kulturen natürliche Verhütungsmittel kennen, von denen zivilisierte Völker gemeinhin keine Ahnung haben.

Und sie nutzen diese Verhütungsmittel, sie gebrauchen sie, auch Jugendliche, und nicht wie in den meisten unserer Entwicklungsländer, wo alle millionenschweren Kampagnen zur Empfängnisverhütung bis heute nichts genutzt haben. Denn der Grund, warum sie nichts genutzt haben liegt darin, dass sie das hypnotische Gebäude, das die heiligen Schriften all dieser Länder errichtet haben, nicht niederreißen können.

Ich weiß, dass es nicht einfach ist, mit seiner Sexualität zu Rande zu kommen, wenn man unter dem schwarzen Kreuz christlicher Sexualverneinung erzogen wurde. Unsere Gesellschaft ist hermetisch in dieser Hinsicht, und es ist gemeinhin recht schwer, das nötige Vertrauen zu bilden zu einem Ratgeber, zumal das Arztgeheimnis in den psychiatrischen Berufen in angelsächsischen Ländern seit ein paar Jahren nicht mehr besteht, wenn es sich um sogenannten sexuellen Kindesmissbrauch handelt (child sexual abuse).

Den entscheidenden Schritt, deine Sexualität anzunehmen, musst du denn auch selbst tun, und da kann dir keiner, kein Freund, kein Arzt und kein Psychologe helfen. Du musst das Verlangen als solches akzeptieren lernen, bevor du über die spezifische Art und Ausrichtung deiner Sexualität nachdenkst.

Denn da hakt es meist: das Verlangen nach Lust wurde uns durch eine starrsinnige Erziehung zum christlichen Opferlamm mehr oder weniger gründlich ausgetrieben.

Wie war das mit dem Körper, mit unserem Körper? Empfanden wir ihn wirklich als uns gehörend? Oder gehörte er, oder bestimmte Teile davon, der Mutter, dem Vater oder — dem Teufel? Oder waren bestimmte Körperteile als schmutzig oder unrein empfunden worden?

Wie war das mit Schnecken, die einen Schleim abgaben auf den Strassen wenn es geregnet hatte, oder mit Regenwürmern? Hatten wir Angst davor? Zertraten wir in schneller Wut dieses Getier, das uns eine so eigenartige Malaise einflößte? Wie war das mit Mäusen, die ein kleines Pelzchen haben? Oder mit dem Austernessen? Oder Spinnen? Wie war es mit Körpergeruch, war er unangenehm oder aufregend? Sollte er verhindert werden mit dreimal Duschen am Tag, Deo oder tonnenweise Seife beim Waschen draufgeschmiert?

Dachte man als Kind an Deodorant? Oder liebte man den Geruch, der einen abends im Bett unter der Decke einhüllte?

Alle diese Fragen betreffen unseren Körper, der doch einerseits so vernachlässigt wird in einer Kultur mit christlichem Moralsatz, aber andererseits von der Werbung und allen Medien in auffallend narzisstischer Weise dargeboten wird — was bringt uns dieser Widerspruch? Bringt er uns Sicherheit oder Unsicherheit oder fühlen wir uns gar gezwungen, aus Gründen der Mode und des Zeitgeschmacks diese Vergötterung des Körpers mitzumachen, während wir in Wirklichkeit — ich meine abends, wenn wir müde sind und nackt vor dem Spiegel stehen, oft denken:

— Oh dieser Körper! Man könnte ganz gut ohne ihn auskommen. Er bringt doch nur Arbeit mit sich, und dann immer dieses Verlangen, dieses quälende unstillbare Verlangen, das nach Befriedigung verlangt, und diese Not, sich einen Partner suchen zu müssen, dieses Gezwungensein, die Ansprüche dieses Körpers zu erfüllen!

Existiert die Dualität Geist–Körper wirklich? Oder ist sie Kreation des Denkens? Sind Geist und Materie getrennt oder sind sie eins? Sind sie nicht vielmehr komplementär? Oder verschiedene Aggregatzustände von Energie — von Lebensenergie?

Wie ist es mit unserer Energie, unserer Vitalenergie, unserer sexuellen Energie? Fühlen wir sie? Wo fühlen wir sie? Im Unterbauch und nur im Unterbauch? Oder sitzt da viel mehr eine Art Block, eine Art Kloß aus erhärteten Muskeln? Oder leben wir nur mit dem Kopf, mit dem Geist, und sollte uns egal sein, was wir fühlen? Ist uns das alles egal, weil wir auf der Universität arbeiten oder einen sogenannten geistigen Beruf haben?

Diese Fragen sind als Türöffner gedacht, und sie verlangen daher nicht eine konkrete Antwort. Sie sprechen Deine Intuition direkt an! Du solltest, lieber Leser, einfach mit der Frage bleiben, und dein Unterbewusstsein antworten lassen! Die Antworten kommen, aber es braucht meist ein paar Tage, manchmal auch länger. Und plötzlich ist die Antwort da, intuitiv, als Gedankenblitz.

Es würde nichts nützen, wenn ich hier Antworten gäbe, denn diese würden nur für mich gelten. Denn zu diesen Fragen gibt es keine allgemeingültigen Antworten. Wir sind sexuell alle verschieden.

Daher sind auch die Antworten zu diesen Fragen subjektiv verschieden, weil es Objektivität nur in unserem abstrakten Denken gibt. Unser Körper, über den wir hier reden, ist aber immer subjektiv, immer real und niemals ein abstraktes Konzept — auch wenn leider viele Ärzte ihn als solches ansehen.

Wenn ich also einige dieser Fragen beantworte, so tue ich dies in meinem Sinne und kann es nur in meinem Sinne tun. Habe ich dann, wenn ich dies tue, eine Meinung ausgedrückt? Oder ist es nicht vielmehr eine Wahrheit? Die Wahrheit? Oder eine subjektive Wahrheit, eine private Wahrheit, eine intime Wahrheit? Ist eine subjektive Wahrheit keine Wahrheit, oder eine Abart von Wahrheit. Oder eine Meinung von Wahrheit?

Meiner subjektiven Meinung nach, ist es eine Wahrheit, die aber dadurch, dass wir darüber reden, zu einer objektiven Wahrheit wird.

Zur Wahrheit eben, der Wahrheit unseres Gefühls, unseren Körper und unsere Lust zu erleben, gewissermassen unter uns und ohne Fernseher, der aufgibt, was wir zu empfinden haben, und was nicht.

Ist das nicht alles ziemlich einfach — wenn wir es ohne Gedanken, ohne Konzepte und ohne Vorurteile angehen?

Und ist es nicht ziemlich schwierig, wenn wir unehrlich bleiben wollen gegenüber uns selbst, all dies nicht wahrzunehmen, all dies nicht zu empfinden, all dies nicht zu fühlen, es also zu vergessen, zu verdrängen, zu überspielen, wegzurationalisieren?

Erfordert es nicht ziemlich viel Energie, diese Verdrängung zu bewerkstelligen, und auf Dauer aufrechtzuerhalten, statt sich unserer Wahrheit zu stellen?

Die Folgen dieser Verdrängung kennen wir alle. Kompensationen. Zigaretten, Alkohol, schnelle Autos, Drogen, eine tolle Ehefrau, ein toller Ehemann, und tolle Kinder, mit denen man sich umgibt wie mit Fahnen, die anzeigen, dass man an dies und das glaubt, und Bildung, Kultivierung, Wissen, Macht, Erfolg und Ruhm besitzt. Und wenn all das auch nichts hilft? Selbstmord.

Wenn wir ehrlich sein wollen und wir begegnen der Angst in uns — und denken an die Schnecken, Mäuse und Spinnen unserer Kindheit, oder an unsere Eltern und das, was sie uns verboten oder uns anmahnten über eine gewisse Unreinheit, oder gewisse Spiele, die dem Gott Vater nicht gefällig sind und all der Rest von hypnotischen Suggestionen, die das abtöten im Kinde, was im reduktionistischen Weltbild der Eltern keinen Platz hat, weil es Angst erzeugt … was passiert dann?

Die Angst setzt sich an den Platz, wo vorher das Gefühl war, das Verlangen, die Lust, die Freude. Und es wird diese Angst gekoppelt an die Lust und auch so empfunden. Das heißt, jedesmal, wenn das Verlangen kommt, die Lust, kommt auch die Angst. Und dann ist die Angst eben Bestandteil unseres emosexuellen Lebens geworden und wir bilden, wie unsere Eltern zuvor, ein reduktionistisches Weltbild, wo die direkte Wahrheit eben ausgeblendet ist und bleibt — und damit die Angst. Denn Angst ist unangenehm. Sie hindert uns, sie saugt uns Energie ab, sie reduziert unser kreatives Potential beachtlich.

Dann machen wir vielleicht eine Therapie mit. Und was passiert? Die Angst kommt dann wirklich ganz hoch, sie wird so stark, dass man glaubt, sie stranguliere einen. Ganz einfach, weil man sie dann nicht mehr verdrängt, sondern zulässt.

Ist diese Angst dann, die man also zulässt und die, weil man sie fühlt, viel stärker und bedrohlicher erscheint, ist diese Angst, die bis dann in unserem Unterbewusstsein geschlummert hat und uns nur in unseren Alpträumen bedrängte oder bisweilen Impotenz oder Frigidität hervorrief, ist diese Angst dann realer, ist sie greifbarer — und dadurch vielleicht heilbarer? Einen Feind, den man nicht sieht und nicht hört, oder von dessen Existenz man nichts weiß, weil man nichts davon wissen will, einen solchen Feind kann man schwerlich angreifen oder sich wehren gegen ihn.

Man kann die Angst nicht besiegen, aber man kann mit ihr leben. Man kann sie ansehen, beobachten, fühlen. Und so gewöhnt man sich an sie. Man freundet sich mit ihr an. Man beginnt, sie zu verstehen, zu lieben. Warum? Weil man erkennt, dass diese Angst Teil von uns selbst ist und nicht getrennt werden kann von uns.

Wenn du dahin gelangst, dein Verlangen zu akzeptieren, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, auch deine natürliche Bisexualität zu begreifen und mit ihr zu leben und sie als eine Form von persönlicher Kreativität anzusehen. Dass dabei sich deine Beziehungen ändern werden, ist klar. Aber sei versichert, sie werden sich positiv dabei verändern!

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