Gewalt ist kein natürliches menschliches Verhalten, sondern die Antwort des Biosystems auf die Deprivation von Lust beim Kinde und beim Jugendlichen


Inhalt

Einleitung
Die friedvollen Trobriander
Freuds Antwort auf Trobriand
Hautkontakt ist Gewaltprävention
Folgen des Lustprinzips


Einleitung

Fakten sind auf dem Tisch

Das einzige Geschöpf auf Erden, das in Unfrieden, Chaos, Gewalt und Krieg lebt, ist der Mensch. Unsere grossen und heiligen Religionen haben daran nicht einen Deut geändert. Sie haben es nur schlimmer gemacht.

Die Natur hat ein Friedenssystem eingebaut ins Leben. Der Mensch hat dies verleugnet, wie er die Natur als solche verleugnet und verunglimpft hat seit etwa dem Beginn des Patriarchats, vor etwa fünftausend Jahren. Vor dieser Zeit, wie wir von neueren Forschungen wissen, hat der Mensch wohl im Einklang mit der Natur gelebt und war nicht gewalttätig; er wurde dies erst später, mit dem Beginn des Patriarchats und der grossen Religionen.

Dies wissen wir auch von anthropologischer Forschung her, seit etwa dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Die meisten Eingeborenenvölker leben in Einklang mit der Natur. Sie haben wohl Stammeskriege, aber nichts im Stile neuzeitlicher Massenmorde und Holocausts, nichts im Stile systematischen Völkermords, nichts im Stile der Massenpersekutionen, Folterungen und Hinrichtungen des Mittelalters, und der jetzt wieder im Schwange befindlichen, nichts im Stile der beiden Weltkriege, die Millionen Menschen das Leben kosteten und Staatsfinanzen ruinierten in allen grossen Industrienationen.

Die Antwort auf die Frage, warum der Mensch nicht in Frieden lebt, ist nicht schwierig zu beantworten. Hingegen ist es wohl schwierig und komplex, von der Situation wie sie sich nun darbietet, radikal Abstand zu nehmen und zurückzukehren zu einem wirklichen Schwingen mit der Natur, das auf einem spirituellen und ökologischen Verständnis des Lebens beruht.

Und die grossen Weisen wie Krishnamurti, die viele von meiner Generation noch persönlich gekannt haben, und in die man so viel Hoffnung setzte, haben auch keine Lösung gefunden. Wie weit ist es her mit Krishnamurtis sogenannter ‘psychologischer Revolution?’

Wir werden es weiter diskutieren, aber die Antwort liegt bereits jetzt auf dem Tisch. Das war auch eine Scheinlösung neben so vielen anderen, denn die Lehre des Weisen ist einer Minderheit bekannt, weniger als einem einzigen Prozent der Weltbevölkerung, und von denen haben sie nur eine Handvoll wirklich verstanden.

So ist denn theoretisch betrachtet der Weg klar. Es ist der Weg zurück zur Natur, der Weg, die Natur zu respektieren, statt sie zu verleugnen und es paranoiden Religionen zu überlassen, sie zu ‘regulieren’ nach dem Rezept ihrer ‘heiligen Bücher.’

Die einzigen Ausnahmen vom religiösen Wirrwarr sind die Religionen der Eingeborenen wie zum Beispiel die Huna Religion der Ureinwohner Hawaiis, der Kahunas und die sehr ähnlichen Religionen der nordamerikanischen Indianervölker, wie zum Beispiel der Cherokee und der Hopi. Diese Religionen sind weder ideologisch, noch autokratisch, noch bilden sie monolithische Glaubenssysteme. Huna ist nach den Forschungen von Max Long und Erika Nau bekannt als wirklich ‘wissenschaftliche Religion;’ sie hat die Lebensenergie erforscht und einen Wissensschatz gebildet, der der westlichen Wissenschaft bis vor kurzem noch weit überlegen war. Auch dem täglichen Leben gegenüber hat Huna einen funktionalen, nicht–moralistischen und wissenschaftlichen Ansatz.

— Siehe Max Long, Geheimes Wissen hinter Wundern: Die Entdeckung der Huna–Lehre (1953/2006) und Erika Nau, Selbstbewusst durch Huna (1989).

Die Publikationen des amerikanischen Neuropsychologen James W. Prescott haben deutlich gemacht, dass eine Interdependenz besteht zwischen Sexualunterdrückung und Gewalt. Je stärker die Sexualunterdrückung in einer bestehenden Kultur, umso größer ist das Maß struktureller Gewalt in dieser Kultur.

Bei Eskimos, die zu den friedlichsten Völkern auf der Erde gehören, ist der Hautkontakt optimal. Die Mutter trägt ihr nacktes Baby unter dem Parka auf ihren nackten Rücken, sodass Mutter und Kind fast vierundzwanzig Stunden pro Tag in Hautkontakt verbunden sind.

In Ergänzung zu diesen Forschungen sollte man die Studien von Ashley Montagu und Michel Odent über die Funktion der menschlichen Haut und die Vorgänge beim Hautkontakt heranziehen.

— Ashley Montagu, Körperkontakt (1995) und Michel Odent, Die Wurzeln der Liebe (2001).

Danach besteht kein Zweifel, dass beim Hautkontakt ein Energieaustausch stattfindet, der bioenergetische Prozesse involviert, die einen Einfluss haben auf die Energiesysteme beider Körper. Diese Prozesse nun, fand man heraus, sind für die psychosomatische Entwicklung des Kindes von entscheidender Bedeutung. Auch sind sie für die Restituierung der sich durch das Denken verbrauchenden Lebensenergie beim erwachsenen Menschen unbedingt notwendig.

Der Zusammenhang zwischen einem Mangel an Sensualität und den Ursachen der Gewalt ist vielleicht die wichtigste wissenschaftliche Entdeckung der Neuzeit.

Prescott stellte fest, dass patriarchalische Gesellschaftsstruktur, phallokratisch–sexistische Unterdrückung der Frau und des Mädchens und die damit einhergehende Abtötung des Weiblichen im Manne, monotheistische Religion, Gewalt, Krieg, Folter und Tortur einhergehen mit einer affektiven und taktilen Vernachlässigung des Kleinkindes einerseits und der starken Repression adoleszenter Sexualwünsche, andererseits.

In einer kulturüberschreitenden Analyse, bei der Prescott siebzig von allen Stammeskulturen der Welt miteinander verglich, konnten alle einzelnen Faktoren dieser Hypothese verifiziert werden. Es geht hier denn auch vor allem um einen Teilaspekt der Forschungen Prescotts, nämlich seine Feststellung, dass psychische und emotionale Schäden, die durch frühkindlichen Mangel an Affektion zustande kommen, durch spätere aktive sexuelle Betätigung in der Jugend wieder behoben werden können.

Um dies zu verstehen, sollte die Studie des englischen Neurophysiologen Herbert James Campbell, betitelt The Pleasure Areas (1973), mit herangezogen werden.

— Die deutsche Übersetzung des Buches wurde vom Scherz Verlag in München 1973 unter dem völlig verfehlten Titel ‘Der Irrtum mit der Seele’ herausgegeben.

In dieser Studie hat Campbell etwa vierzig Jahre neurophysiologische Erfahrung und Forschung aufbereitet und zusammengestellt und kam zu dem Ergebnis, dass die im menschlichen Gehirn vorhandenen Zentren für Lust und für Gewalt in gegenseitiger Ausschließlichkeit funktionieren. Das heißt praktisch, dass ein gegebener Reiz nur entweder das Lust– oder das Gewaltzentrum stimulieren kann, nicht aber beide gleichzeitig.

Campbell stellte nun weiterhin fest, dass bei einer Deprivation von Lust (sei es sensuelle Lust, sei es taktile Lust, sei es sexuelle Lust) in früher Kindheit das Lustzentrum im Gehirn sich durch den Reizmangel zurückbildet und seine Funktionen, nämlich das Signal Jetzt empfinde ich Lust durch das Gewaltzentrum kompensatorisch übernommen werden. Das hat zur Folge, dass der Mensch, der als Kind zu wenig Lust erfahren hat, als Jugendlicher oder als Erwachsener Gewalt benötigt, um Lust zu empfinden. Die fehlende Lust wird gewissermaßen durch Gewalt kompensiert.

Durch diesen neurologischen Mechanismus findet eine Art von Konditionierung auf Gewalt statt, derart, dass die betreffende Person, wenn sie später Lust erfährt, also zum Beispiel die Möglichkeit zu sexuellem Spiel und Befriedigung hat, darauf nicht mehr in vollem Masse anspricht. Die Person braucht dann, zumindest zusätzlich, Gewalt, um sexuelle Befriedigung zu erlangen.

Hier haben wir die phallisch–erobernde Art von Sexualität, wie sie in unserer patriarchalischen Kultur beim überwiegenden Gros aller Männer die Regel ist, bis hin zu Sadismus und Masochismus, aber auch sexueller Tortur während der Inquisition und neueren Verfahren, politische Gefangene zu quälen, Frauen und Kinder in Kriegen und Bürgerkriegen zu vergewaltigen und sexuell zu foltern, und so fort. All dies steht tagtäglich in unseren Zeitungen!

Durch zweitausend Jahre christliche Lebensverneinung und fünftausend Jahre Patriarchat mag nun im menschlichen Gehirn eine solche Perversion stattgefunden haben, dass das Lustzentrum nur noch zu einem Bruchteil funktioniert und das Gewaltzentrum seine Aufgabe fast ganz mit übernommen hat. Diese Hypothese gilt jedoch sicherlich nicht für die meisten Stammeskulturen und Nomadenvölker, die weiterhin im nahen Einssein mit der Natur leben.

Der neuzeitliche Mensch christlich–okzidentaler Prägung begeht tagtäglich einen Mord an der Liebe und am Leben, indem er die physische Liebe seiner Kinder missachtet und schändet, und indem er sie durch Verbote und Strafen dann langfristig auch verbiegt. Die sexualfeindliche Moral ist eine Mordmoral; sie rechtfertigt jede Art der Grausamkeit bis hin zu Folter, Tortur, sexueller und sonstiger Verstümmelung und Völkermord. Sie rechtfertigte die Hexenverbrennungen, die Konzentrationslager und die Ausrottung von ethnischen Gruppen, bis hin zur modernen Geburt im Krankenhaus, bei der das Baby auf unbegreifliche Weise und in vielfacher Art gefoltert wird. Der Mord am Leben beginnt beim Kleinkind. Er beginnt da, wo die Mutter keine Zeit hat für ihr Kind, wo sie sich mehr für ihre Karriere interessiert, als ihren Nachwuchs, wo sie nicht mehr Stillen will, weil sie einen Ekel davor hat.

Dies ist wohlgemerkt keine Anklage der Frau, denn diese Entwicklung ist wiederum nichts anderes als das logische Resultat eines durch Generationen von Patriarchat angesammelten Hasses gegen die Frau, die, ihrer Rolle als Opfer endlich leid, einen letzten verzweifelten Versuch unternahm, es dem Manne gleich zu tun, zumindest im Beruf. Das Ergebnis ist leider destruktiv, wenn man diesen Elan auch sehr gut verstehen mag, denn durch die taktile und affektive Deprivation des Kleinkindes gerade in den modernsten Industriekulturen wird der Ausbreitung von Geisteskrankheit, Gewalt und Krieg Tür und Tor geöffnet.

Ein Ausweg? Er kann nur dann kommen, wenn sich die Zivilisation in ihren Grundprinzipien wandelt, das heißt, wenn in allen Bereichen des Lebens neue lebensfreundliche Paradigmen die alten, die auf Hass, Angst und Gewalt beruhen, ersetzen.

Die Friedvollen Trobriander

Die Feldforschungen Bronislaw Malinowskis

Vor allem in seinem Buch Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral (1932/1972), nahm Wilhelm Reich Bezug auf die Trobriand Feldstudien Bronislaw Malinowskis. Die Trobriander in Nordwest Melanesien sind eine der seltenen rein matriarchalischen Kulturen, die es heute noch gibt.

— Siehe zum Begriff der matriarchalischen Kultur vor allem die ausgiebigen Untersuchungen von Johann Jakob Bachofen in ‘Das Mutterrecht’ (1948).

Bereits 1929 publizierte Malinowski seinen Bericht über das Sexualleben der Trobriander, in welchem vor allem die Sexualität der Kinder und Jugendlichen die Aufmerksamkeit des polnisch–amerikanischen Anthropologen erregt hatten.

Es war vor allem die sexuelle Permissivität in dieser Kultur, die Malinowski damals, nicht ohne Erstaunen, konstatierte. Vor allem hinsichtlich der Kindererziehung bei den Trobriandern, vermerkte er die totale Abwesenheit einer Moral, die Sexualität bei Kindern verdammt.

Im übrigen, und was vielleicht noch wichtiger ist, werden Kinder in dieser Eingeborenenkultur nicht bestraft. Wenn sie etwas angestellt haben, redet man ihnen ernsthaft zu, so wie man mit einem Erwachsenen reden würde. Die Trobriander lehren Kindern keine Moral. Sie leben diese Moral. Sie lehren ihren Kindern keinen Respekt. Sie haben Respekt vor ihnen.

— Bronislaw Malinowski, The Sexual Life of Savages in North West Melanesia (1929), Sex and Repression in Savage Society (1927/1985), 76.

Manche Forscher und Soziologen behaupten, diese Erkenntnisse hätten keine oder nur unwesentliche Bedeutung für unsere Kultur, da sie nicht zu verallgemeinern seien. Eine solche Argumentation geht indessen davon aus, dass der Mensch, je nach kultureller Formung und evolutionärem Niveau, grundlegend verschieden sei.

Es ist sehr fraglich, ob dies richtig ist. Denn die biologischen Grundlagen sind bei allen Menschen die gleichen. Wenn alle anthropologischen und psychologischen Erkenntnisse nur auf eine jeweilige Kultur bezogen wären, wie hätte dann die Psychoanalyse, die doch im Westen und für Westeuropäer als Patienten entstand, einen so großen Erfolg nicht nur in den Staaten, sondern auch in den Industriekulturen Südamerikas haben können?

Freuds Antwort auf Trobriand

Freud und die Kindersexualität

Sigmund Freud, der sich durch die Erforschung des sogenannten Ödipuskomplexes verdient gemacht hat, schrieb in einer Sprache, die jeder einigermaßen gebildete Mensch lesen kann. Erst in der Folge wurde die Psychoanalyse zu einer Art hermetisch verklauselter Freimaurerei der Psychologie.

Schon früh nahm sich Freud der Ödipussage an und machte sie später zum Grundpfeiler seiner Theorie von der infantilen Sexualität. Es ist jedoch sehr fraglich, ob Freuds Theorie von der ödipalen Entwicklung der kindlichen Sexualität wirklich universell ist, oder ob sie letztlich die Kultur der westlichen Zivilisation zu stützen beabsichtigte?

Denn es ist wohl offensichtlich, dass ohne die kulturelle Ausblendung der freien Sexualität unter Kindern eine sexuelle Prägung von Kindern auf ihre Eltern einfach nicht stattfinden würde.

Dies ist einfach eine psychoenergetische Tatsache, die die Forschungen von Wilhelm Reich und später der Kinsey Report und Masters & Johnson zu Tage gefördert haben.

Melanie Klein hat zudem aufgezeigt, dass die Theorie Freuds einen Haken hat, zumindest da, wo er das Superego, also die Internalisierung moralischer Werte erst nach der ödipalen Phase einsetzen lässt. Melanie Klein in ihrer speziellen Psychoanalyse von Kindern hat klar herausgestellt, dass das Überich lange vor dem Einsetzen der ödipalen Phase gebildet ist, also vor dem vierten Lebensjahr.

Das hat weitgehende Konsequenzen. Denn wenn moralische Sexualverbote in der Familie bestehen, kann das Kleinkind keinen wertfreien und natürlichen Bezug zur Sexualität bilden, ganz einfach weil die moralische Erziehung weitgehend vor der sexuellen Bewusstheit die kindliche Psyche vereinnahmt. Das heisst nun ganz konkret, dass in einer repressiven Familie das Kind ganz und gar keinen natürlichen Bezug zu seiner Sexualität finden kann, wie auch immer es vorgeprägt sein mag, sondern zwangsläufig sexuelle Strömungen und Verlangen nur beladen mit Schuld und Scham erleben kann.

Dann ist also die Neurose eigentlich vorprogrammiert in jeglichem Milieu, wo Kirche und Keuschheit die obersten Lebensprinzipien sind.

So könnte man denn durchaus argumentieren, dass unsere Kultur eine ‘ödipale Kultur’ ist, weil sie fundamental auf der Verleugnung der kindlichen Sexualität beruht und dadurch, und in keiner anderen Weise, das ödipale oder inzestuöse Problem erst geschaffen hat. Somit beruht die ödipale Kultur auf der Verirrung und Verwirrung des Kindes.

Verirrung und Verwirrung haben viel gemeinsam. Die Techniken, mit denen man sie erreicht, gleichen sich ebenso. Die effektivste Technik, um das Kind kulturell zu dressieren, bedient sich der Einpflanzung eines tiefen Selbstzweifels in die kindliche Psyche durch die endlose Variation des Themas Sei nicht, was du bist!

Dem Kinde wird aufgegeben, Rollen zu spielen, um den Eltern zu Gefallen zu sein. Die Hauptrolle in diesem Drama des begabten Kindes, wie die schweizerische Psychoanalytikerin Alice Miller es ausdrückte, ist die Rolle des Kindes als Vater oder Mutter seiner Eltern. Das Kind wird also dressiert zum Sei, was du nicht bist!

— Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes (1983), sowie Am Anfang war Erziehung (2008) und Du Sollst nicht Merken (2005).

Diese Erziehung, die ich die ‘Erziehung zum narzisstischen Komödianten’ nenne, ist verbreitet in unserer westlichen Industriekultur. In dieser Art der Erziehung werden dem Kinde verschiedene psychologische Befehle verbal oder mittels von Körpersprache erteilt. Einige davon sind:

  • Sei anpassungsfähig bis zur Selbstaufgabe!
  • Enttäusche deine Eltern niemals!
  • Verhalte dich unkindlich!
  • Sei reif in der Unreife!
  • Begreife, was deine Eltern nicht begreifen!
  • Sei logisch und unkompliziert!
  • Achte deine Eltern, missachte dich selbst!
  • Misstraue deiner Intuition!
  • Folge der Autorität, ohne nachzudenken!

Viele Eltern, die sich heute als aufgeklärt, großzügig und verständnisvoll erklären, sind im Grunde Tyrannen, weil sie ihre Kinder auf subtile Weise zum passiven Konsumenten und fusionellen Partner hin abrichten. Unbewusst handeln solche Eltern als Handlanger multinationaler Konzerne, deren Konsumwerte sie unterschwellig in die Hypnotisierung ihrer Kinder einfließen lassen.

Es erscheint daher auch nach wie vor als die größte Herausforderung und gleichsam revolutionär, Kinder in Wahrheit und Autonomie zu erziehen. Wohlgemerkt bedeutet die Erziehung des Kindes zur Selbstverantwortung nicht, es emotional zu überfordern. Aber das gegenteilige Extrem der überprotektiven Erziehung bringt wahrscheinlich grössere psychische Schäden beim Kind hervor. Es erscheint fraglich, ob dem Kinde gedient ist mit einer Erziehung, die das Kind dem ‘totalen Spielen’ überantwortet, denn solches bedeutet, sie in ihrer Qualität als Mitglieder eines Gemeinwesens als ‘vollkommen unnütz’ zu erklären. Es erscheint denn auch sehr fraglich, wie ein Kind, das seine Kindheit solchermassen als ‘Hauskönig’ durchmachte, ein verantwortlicher Staatsbürger werden soll?

Erziehung zur Autonomie beruht auf der Anerkennung der Wahrheit des Kindes, auch und gerade, wenn diese Wahrheit der herrschenden Klasse zuwider läuft. Und dies ist immer der Fall. Warum? Weil die Tatsache des Kindes als autonomem Wesen der Industriekultur ein Dorn im Auge ist, da das körperorientierte Kind nicht konsumorientiert ist. Konsum bedeutet denn auch nichts anderes als die Ersetzung von Körperlust (Sein) durch Ersatzkörperlust (Haben), um es im Begriffsschema Erich Fromms auszudrücken.

Ersatzkörperlust ist die Lust an allem, was Körperlust ersetzt, also in erster Linie das Spielzeug. Wohlgemerkt nicht das selbstfabrizierte und daher in einem Zusammenhang mit dem Körper stehende Spielzeug, sondern das industriell produzierte und dem kindlichen Körper völlig fremde Spielzeug. Typischerweise ist dieses Spielzeug (auf dem eine gigantische weltweite Industrie beruht) aus Materialien, die dem Körper fremd sind. Während nämlich der Körper warm ist, sind solche Materialien kalt, während er biegsam ist, sind solche Materialien starr. Es sind dies in erster Linie Plastik und Metall.

Unbewusst wird das Kind auf die Charakteristiken seiner Spielzeuge hin konditioniert. Sei Plastik! Sei gefühllos und artifiziell. Sei Metall! Sei hart und mechanisch. Dies sind die Charakteristiken der Kultur, in der du aufwächst!

Techniken der Verwirrung, um auf unsere Ausgangsfrage zurückzukommen und zusammenzufassen, sind alle die Suggestionen und Erziehungsweisen, die das Kind seiner eigenen Wahrheit entfremden. Und diese Wahrheit ist die seiner spirituell–körperlichen Einheit.

Das Kind denkt vom Körper zum Geist hin, also gewissermaßen induktiv, während der konditionierte Erwachsene deduktiv denkt, vom Geist zum Körper hin. Es spielt dabei keine Rolle, welches dieser beiden grundsätzlichen philosophischen Konzepte nun das richtige ist, denn das Kind kann und darf als unkonditioniertes Wesen sein eigenes Weltbild als das einzig richtige erachten.

Dies bedeutet, grob ausgedrückt, dass das Kind die Wahrheit in erster Linie als die Wahrheit seines eigenen Körpers definiert und erfährt. Jede Wahrheit, die diesen seinen Körper missachtet oder an ihm vorbei regiert, wird vom Kind nicht als Wahrheit angesehen. Das ist der Grund, warum Kinder moralistische Erziehungskonzepte, die den Körper denunzieren oder glattweg leugnen, nicht anerkennen und erkenntnistheoretisch gesehen nicht erkennen können.

Erst vom siebenten Lebensjahr an, dem Alter nämlich, von welchem an Piaget die intellektuelle und kollektive Öffnung des Kindes beginnen lässt und Freud den Beginn der Latenzphase setzt, ändert sich dies. Daher können wir sagen, dass sich das Entscheidende im Leben des Kindes vor der Vollendung seines siebenten Lebensjahrs abspielt. Die fundamentale Konditionierung findet beim Menschen während der ersten sieben Lebensjahre statt. Was danach kommt, ist lediglich Makulatur. Aber die Weichen für die Zukunft werden im ersten Jahrsiebt gestellt.

Hautkontakt ist Gewaltprävention

Lob der Haut

Die Haut ist für unsere Körper in der Tat universell: sie umfasst uns ganz. Und sie wird meist übersehen, da sie so offensichtlich ist. Übersehen wohlgemerkt nicht vom Liebenden, der sein geliebtes Objekt anschaut und sprichwörtlich von Haut und Haar angezogen ist, wohl aber von der hehren Wissenschaft, die Jahrhunderte brauchte, um die offenbaren Wohltaten der Hautstimulation für unsere psychosomatische Gesundheit und der Intaktheit unseres Immunsystems anzuerkennen.

Ohne Haut wären wir so etwas wie Fässer ohne Böden. Die Haut ist die Hülle unserer Leiber, die im Grunde Wassersäcke sind, da unser Körper zu über 90% aus Wasser besteht. Darüber hinaus ist die Haut unsere Wärmedecke, unser Temperaturregulator — so ähnlich wie dem Astronauten sein Raumanzug. Aber neben dieser Schutz– und Erhaltungsfunktion kommt unserer Haut eben auch eine ganz wichtige Rolle zu bei unserem Wohlbefinden und unserer Gesundheit. Wenn wir massiert oder gestreichelt werden, wenn wir ‘mit Liebe angefasst’ werden, dann fühlt sich das gut an, und wir empfinden ein tiefes Wohlsein.

Ashley Montagu hat in über dreißig Jahren Forschung die überragende Wichtigkeit taktiler Stimulation des Kindes und Jugendlichen belegt. Sein Buch Körperkontakt (1995) ist denn auch ein Wegweiser für die einschlägige Literatur auf dem Gebiet der Hautforschung.

Dieser Wissenschaftler belegt mit vielen Beispielen, wie schädlich Berührungstabus sind vor allem für Kinder, und welch hohes Mass von Ungleichgewicht mangelnder taktiler Lustgewinn im psychosomatischen System des Kindes erzeugt. Ausgehend von Untersuchungen im Tierreich, stellte Montagu fest, dass bei Säugern das mütterliche Gelecktwerden überlebenswichtig für die Jungen ist. Dabei ist auffallend, dass die Mutter gerade auch die Genitalien des Jungen leckt, genauer gesagt, die Zone zwischen Anus und Genitalien. Experimente, welche pränatales Lecken bei Versuchstieren unterbanden, führten dazu, dass die solcher Zärtlichkeit beraubten Jungen schwerwiegende oder gar zum Tode führende Infektionen im urino–genitalen Trakt oder im gastro–intestinalen Bereich bekamen.

Ashley Montagu folgerte aus diesen Forschungen, dass das Lecken der Tiere nicht nur Reinigungszwecken diente, sondern eine kutane Stimulation der geleckten Hautregionen bei den Jungtieren darstellte und dass diese Stimulation für das gesunde Funktionieren der unter der Haut befindlichen Organe von ausschlaggebender Bedeutung ist.

Allerdings, so fand Montagu weiter heraus, findet Lecken bei den Primaten und den Menschen in weit weniger großem Ausmaß statt. Bei Menschen fand Montagu nur einen Eskimostamm, die Ingalik, wo die Mutter Gesicht und Hände des Babys leckt, um sie zu reinigen, bis das Baby alt genug ist, um aufrecht zu sitzen.

Die taktilen Bedürfnisse des Kleinkindes scheinen in einem Korrespondenzverhältnis zu stehen zum Verlangen der Eltern, diese Taktilität in Form von Zärtlichkeiten wie Küssen, Streicheln, An–Sich–Drücken zu geben oder nackt zusammen mit den Kindern zu schlafen und diese während des Schlafes in enger Umarmung zu halten, was sehr gebräuchlich ist bei den Eskimos und vielen Indianerstämmen.

Im Laufe der Industriezivilisation hat sich dies bekanntlich sehr gewandelt. Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis etwa in die 90er Jahre empfahlen moderne Kinderärzte dem Kinde ein eigenes Bett an und hatten ausgesprochen die Tendenz, Kinder und Eltern körperlich zu trennen. Daher kam dem Zivilisationskind viel weniger taktile Stimulation zu als dem Kinde aus natürlichen und körperfreudigen Stammeskulturen.

Ashley Montagu und James W. Prescott fanden, obwohl von verschiedenen Blickwinkeln aus, dass das Ausmaß der taktilen Stimulation des Kindes entscheidende Auswirkungen hat auf unsere individuelle und kollektive Gesundheit.

So wurde ein direkter Zusammenhang entdeckt zwischen früher taktiler Stimulation des Kindes und dem Funktionieren des Immunsystems beim Kinde. Dieser Zusammenhang wurde von dem französischen Arzt Michel Odent ebenfalls bestätigt. So schreibt Odent in seinem Buch La Santé Primale (1986):

Es ist noch nicht ganz begriffen, dass eine sensorielle Empfindung am Anfang des Lebens eine Weise sein kann, das ‘primäre Gehirn’ zu stimulieren, zu einer Zeit, wo das ‘System der primären Anpassung’ noch nicht zu seiner Reife gelangt ist. Konkret besagt das, zum Beispiel, dass, wenn man ein menschliches Baby oder ein Tierbaby streichelt, man auch sein Immunsystem stimuliert.

— Id, 24. Übersetzung meine

Montagu stellt fest, dass Liebe beim Menschen definiert wurde als Harmonie zweier Seelen und zweier Häute. In diesem Sinne ist das neuerdings endlich auch pädiatrisch befürwortete peau à peau zwischen Mutter und Baby oder allgemeiner zwischen Eltern und Kindern grundlegend für ein gesundes Heranwachsen der Kinder, für das gute Funktionieren ihres Immunsystems und nicht zuletzt auch für das frühe Entstehen von wichtigen Neuronenverbindungen im Gehirn und damit für das gesunde und harmonische Heranreifen der kindlichen Intelligenz.

In seinen Forschungen mit Rhesusaffen machte Montagu erstaunliche Feststellungen: nahm man den Neugeborenen die Mutter für eine gewisse Zeit weg und ließ sie in einem ‘nackten’ Käfig, starben sie. Tat man jedoch dasselbe in einem Käfig, der mit einer Art von Veloursteppich ausgelegt war, so überlebten die Jungen, wenn sie auch später mehr oder weniger psychosomatisch geschädigt waren. Ging man noch einen Schritt weiter und ersetzte die Mutter durch eine ‘Veloursmutter,’ die im Käfig hing, überlebten die Jungen nicht nur, sondern ihre Schädigungen durch frühen Mutterentzug waren wesentlich geringer.

Für Montagu war vor allem der erste Schritt des Experimentes interessant: dass die Jungen überlebten durch die bloße Tatsache, dass der Käfig mit einem Velours ausgelegt war. Durch genauere Beobachtungen fand er heraus, dass die Affenjungen den ‘Teppich’ dazu nutzten, ihre Körper taktil zu stimulieren und damit eine Art Surrogat dessen erhielten, was sie normalerweise von der Mutter bekamen. Das Interessante ist gerade, dass es weder die Anwesenheit der richtigen Mutter war, noch deren Milch, noch deren Sorge, sondern deren bloße Taktilität, die das Überleben der Affenjungen sicherte. Der Velours war ähnlich dem Fell des Muttertiers und überdies natürlich warm im Gegensatz zu einem kalten Metallkäfig.

Durch diese Untersuchungen mag man eine Idee erhalten dafür, wie wichtig taktile Stimulation beim Säuger ist, und um wie viel mehr beim menschlichen Baby, das nach übereinstimmender Meinung der Geburtsforscher und Psychologen die frühe Symbiose mit der Mutter benötigt, um gesund aufzuwachsen!

Noch nach Ablauf des Mittelalters war es üblich, dass Menschen verschiedenen Geschlechts und unterschiedlichen Alters nackt in einem Bett schliefen, so wie das heute noch bei den Eskimos und bestimmten Eingeborenenvölkern der Fall ist. Die körperlichen Berührungen und gelegentlichen Zärtlichkeiten, die sich dabei mehr oder weniger unwillkürlich ergaben, wurden gemeinhin nicht als sexuell oder sexuell intentioniert angesehen.

Heute jedoch würden in unserer Kultur viele es als unüblich angesehen, Kinder sich nackt gegeneinander kuscheln zu lassen, oder dass sich gar Kinder und Erwachsene gemischt in einem Bett oder auf einer Matte tummeln. Und paradoxerweise wo wir nun endlich auch von der Wissenschaft her die Bestätigung erhielten, dass direkter Hautkontakt, Wärme, Zusammensein, Zärtlichkeit, Nacktheit, Streicheln und Massage für Menschen aller Altersgruppen gleichermaßen wichtig und lebensnotwendig sind.

Verschiedene Forscher haben die Folgen einer Deprivation von Liebesnahrung näher untersucht und kamen zu überraschenden und eigentlich alarmierenden Folgerungen. Leider waren solche Forschungen häufig auf die Affenwelt bezogen, obwohl man aus Gründen genetischer Ähnlichkeiten solchen Untersuchungen ihren Wert nicht gänzlich absprechen kann. Aber dennoch scheint es viel naheliegender, gleich beim Menschen solche Phänomene zu beobachten.

Die Pädiatrie und vor allem die neuere Kinderpsychologie haben uns hier gute Dienste erwiesen. Denn alle diejenigen Fachleute, die sich mit Kindern beschäftigen, sind sich einig, dass Kinder, die lieblos aufwachsen, wesentlich größere Anpassungsprobleme und Lernschwierigkeiten aufweisen, als Kinder, die mit Liebe und Wärme, und vor allem auch mit Hautkontakt während ihrer jungen Jahre aufgewachsen sind.

Erstere Kinder sind insbesondere diejenigen, die man als rastlos oder zappelig kennzeichnet, die in der Schule durch schwaches Konzentrationsvermögen auffallen und die relativ kontaktarm sind, oder aber sich durch unkooperatives Verhalten leicht von der Gruppe ausschließen lassen. Sie werden häufig als schwierig abgetan oder gar als delinquent herabgewürdigt.

Was aber ist eigentlich das spezifisch Pathologische an ihrem Verhalten und in den Umständen, die dieses Verhalten hervorgebracht haben? Was ist, mit einem Wort gesagt, eine Familie ohne Zärtlichkeit? Ist es nicht in allererster Linie eine, die ihre Kinder nicht anrührt, in der Kinder nicht berührt werden?

Man könnte nun weitergehen und die Auffassung vertreten, dass nicht nur für das Kleinkind, sondern auch für größere Kinder und Jugendliche eine solche taktile Stimulation lebenswichtig ist. Denn dafür spricht vieles. Babymassage, wie Frederick Leboyer sie in Indien kennen lernte und gleich einem Yogi der Geburtshilfe im Westen propagierte, ist denn auch nur eine mögliche Form von taktiler Stimulation, von Hautkontakt.

— Frederick Leboyer, Sanfte Hände (1979), Weg des Lichts (1991) und Geburt ohne Gewalt (1981).

Liebe geht bekanntlich durch die Haut! Hautkontakt ist uns ein spontanes Verhalten, um Liebe mitzuteilen. Die Eltern streicheln ihr Baby und küssen es. Liebende umarmen sich. Kleine Kinder wollen mit den Eltern schlafen und Geschwister teilen ganz natürlich ihr Bett, jedenfalls bis zu einem gewissen Alter. Hier spielen natürlich gesellschaftliche Erwartungen eine überlagernde Rolle.

Historisch war es so, dass Hautkontakt als völlig natürlich anerkannt war und dass auch sexuelle Kontakte in bestimmten institutionalisierten Formen bis zu den ersten Zeugnissen menschlichen Lebens zurückzuverfolgen sind.

— Siehe nur die Dissertation der Universität Zürich von Susanne Cho, Kindheit und Sexualität im Wandel der Kulturgeschichte (1983).

Die menschliche Geschichte ist ein Wechselspiel von Zeiten größerer und geringerer Toleranz. Augenscheinlich ist, dass alle moderne Wissenschaft, alle Aufklärung und aller guter Wille nicht verhindern konnten, dass heute wieder, in sensiblen Bereichen des Lebens, eine Art dunkles Mittelalter angebrochen ist, eine Zeit paranoischer Ängste und abergläubischer, zum Teil abstrus lebensfremder Vorstellungen.

Meine Auffassung ist, dass Wissenschaft uns nicht lehren kann, was Liebe ist. Nur die Liebe selbst kann es. Mit anderen Worten: wer selbst als Kind Liebe, Wärme und Hautkontakt erfahren hat, wird solchen Erfahrungen auch später, und auch bezüglich seiner eigenen Kinder oder allgemein Kindern gegenüber, offen und positiv gegenüberstehen.

Das Problem, so scheint es, ist nicht, dass die meisten Menschen nicht genügend informiert oder nicht wissenschaftlich interessiert sind, sondern dass sie sich im Gegenteil bei ihren Werturteilen zuviel auf das stützen, was sie von anderen hören oder von gewissen als Autorität angesehenen Instanzen erfahren, als auf ihren eigenen Körper zu hören, auf ihren eigenen Tastsinn, auf ihre eigene Haut!

Es hat wenig Sinn, Kreuzzüge gegen Kreuzzüge zu unternehmen. Es erscheint klüger, diejenigen, die sich im Kampf gegen die Liebe befinden, in ihrer Erstarrung zu belassen und selbst seine Beweglichkeit nicht zu verlieren — und seinen Tastsinn. Niemand möchte angefasst werden von jemandem, den er nicht mag. Und jeder sucht Kontakt, Hautkontakt, mit demjenigen, den er liebt. Unsere Haut ist ein Prüfstein, ein Signalgeber. Sie ist auch das Tor zum Inneren unseres Körpers.

‘Das fühlt sich gut an,’ sagen wir, wenn wir etwas als angenehm auf unserer Haut empfinden. Unser Körper, und vor allem unsere Haut, signalisiert uns, mit welcher Person wir engen Kontakt wünschen. Hörten wir darauf, und respektierten unsere Haut und deren Signale, bräuchten wir keine Rezepturen der Liebe, noch Liebeskodexe, die unsere taktilen Bedürfnisse zu kanalisieren trachten.

Um ein dem Leben und unserem natürlichen Verlangen nach Liebe, Wärme und Körperfreude angemessenes Wertsystem zu finden, müssen wir wieder lernen, in natürlichen Begriffen zu denken, das heißt, wir müssen wieder lernen zu fühlen und die Osmose unserer Haut für die Liebe zuzulassen.

Folgen des Lustprinzips

Mehr Lust heisst Weniger Gewalt

Wie bereits erwähnt, fand Herbert James Campbell, ein renommierter englischer Neurologe, in fünfundzwanzigjähriger Forschungsarbeit ein universelles Prinzip, das unser Gehirn beherrscht: das Lustprinzip.

Campbell konnte durch neurologische Fakten nachweisen, dass unser gesamtes Leben und Trachten in erster Linie von Lustgefühlen geleitet und bestimmt wird. Lust nicht nur im taktil–sensuellen oder sexuellen Sinn, sondern auch als nicht–sensuelle, intellektuelle oder spirituelle Lust. Damit verlor die alte theoretische Kontroverse, ob der Mensch eher biologisch oder spirituell angelegt ist, im Grunde ihre Spitze.

Die Antwort ist, dass wir beides sind. Oder anders gesagt, möchte ich behaupten, dass Lust immer auch spirituell ist, in dem Sinne nämlich, dass es in erster Linie unser Luststreben ist, das uns bestimmte Interessen eingibt und bestimmte Wege einschlagen lässt. Und damit ist es unser Luststreben, und nichts anderes, das uns letztlich zu all dem Guten und Nährenden hinführt, das wir brauchen, um uns zu realisieren in unserer Inkarnation. Die Idee, Lust sei pervers, oder eine menschliche Schwäche ist unwissenschaftlich; darüber hinaus ist es eine Lebenslüge, die die Natur einfach wegleugnet.

Während des Wachstumsprozesses und je nach den uns von außen zukommenden Stimuli, werden im Gehirn bevorzugte Neuronenverbindungen gelegt, die dem Informationsfluss im Gehirn dienen und deren Anzahl bestimmend ist für unseren Intelligenzquotienten. Je mehr dieser bevorzugten Verbindungen bestehen, umso lebhafter ist der Mensch und umso interessierter und intellektuell agiler und flexibler ist er.

Umso schneller auch gelingt es ihm, neue und unbekannte Zusammenhänge in bereits Bekanntes einzuordnen, um so eher kann er sich auch an verschiedene und neue Situationen anpassen. Es ist nämlich so, dass wir alles Wissen, das wir erlangen, nur dann in unserem Langzeitgedächtnis behalten können, wenn wir es an bereits bekanntes Wissen gewissermaßen anknüpfen können.

Wenn es, Campbells Forschungen folgend, wahr ist, dass das Gehirn so funktioniert, dass wir grundsätzlich aus Lustgefühlen heraus motiviert werden zum Lernen und zur geistigen und spirituellen Evolution, dann ist die Repression von Lust, wie der Mensch sie seit einigen Jahrtausenden betreibt, evolutionshindernd und destruktiv für die menschliche Psyche und Gesundheit.

Biologen, Neurologen und Gynäkologen, machten sich, wie wir zuvor sahen, Gedanken über die Folgen einer Deprivation dieses frühen taktilen Lustgewinns beim Kleinkinde.

Die Forschungen des Neuropsychologen James W. Prescott gehen jedoch noch weiter, und bleiben nicht bei der Analyse stehen: sie zeigen die immens akuten politischen Implikationen dieser Fakten auf. Prescotts Forschungen erregten die die Weltöffentlichkeit seit 1975 durch die präzise Darlegung der Zusammenhänge zwischen Kinderbetreuung, Sexualverhalten und Gewaltpotential in verschiedenen Kulturen der Welt.

In seinem Artikel Body Pleasure and the Origins of Violence (1975) nutzte Prescott R.B. Textor’s suprakulturelle Statistiken, um diesen Zusammenhang und seine kollektiven und politischen Auswirkungen wissenschaftlich nachzuweisen.

Quintessenz dieser Forschungen ist die These, dass bestimmte Kulturen, fahren sie weiterhin damit fort, Kinder in einer liebesarmen, taktilnutritiv deprivierten Umgebung und Moral aufzuziehen und voreheliche Sexualität zu verbieten, in einem wahren Chaos von Gewalt ertrinken werden. Denn Gewalt, so stellte Prescott wissenschaftlich fest, entsteht durch eine Kompensationsreaktion des Gehirns für mangelnde (taktile) Lust.

Wird nun solcher Lustgewinn verhindert, so kompensiert das menschliche Gehirn diesen Mangel durch eine Stimulierung des Gewaltzentrums im Hirn. Lustzentrum und Gewaltzentrum stehen neurologisch gesehen in einem Verhältnis gegenseitiger Ausschließlichkeit. Je mehr das Lustzentrum aktiviert wird, umso untätiger wird das Gewaltzentrum sein — und umgekehrt.

Man kann von daher sagen, dass Liebe und Gewalt sich ausschließen. Je liebevoller, zärtlicher und taktilnutritiver jemand aufwuchs, je mehr Liebe, Körperfreude und Lust er/sie bereits als Kind erfahren hat, umso weniger gewalttätig wird er/sie später im Leben sein. Erstaunlich ist die weitere Feststellung Prescotts, dass taktilnutritive Mangelerscheinungen in der Kindheit nicht zwangsläufig zu einem gewalttätigen Charakter führen, sondern dass sie wieder ausgeglichen werden durch spätere voreheliche sexuelle Aktivität.

Gerade hierin liegt vielleicht der besondere friedenspolitische Appell dieser Forschungen, die Freiheit kindlicher und jugendlicher Sexualität unangetastet zu lassen und sie auch gesetzgeberisch anzuerkennen. Leider ist der Bekanntheitsgrad dieser Forschungen nicht sehr hoch, obwohl sie doch von einer für die Zukunft der Menschheit und einen zukünftigen Weltfrieden nicht zu unterschätzender Bedeutung sind.

Schon in den dreißiger Jahren war Wilhelm Reich den weitverbreiteten Thesen entgegengetreten, sadistische und destruktive Tendenzen des Menschen seien inhärent in seiner Natur. Er erklärte, dass diese Triebe vielmehr sekundärer Art seien, eine Folge der Repression des menschlichen Sexualverlangens mit der Folge einer Art von kollektiver Neurose des Menschentieres.

Reichs Hypothesen scheinen durch die Forschungen Prescotts nun bestätigt, die die offensichtliche Malleabilität des menschlichen Individuums durch seine frühkindlichen taktilen Erfahrungen oder deren Mangel bezeugen.

Rezente Untersuchungen stützen die These, dass die Deprivation von körperlicher Lust ein entscheidender Faktor bei der Entstehung von Gewalt darstellt. Die übliche Assoziation von Sex mit Gewalt stellt ein Schlüssel dar zum Verständnis dieses Zusammenhangs. Obwohl körperliche Lust und körperliche Gewalt zwei verschiedene Welten darzustellen scheinen, besteht wohl eine subtile Verbindung zwischen ihnen. Bis wir die Beziehung zwischen Lust und Gewalt verstanden haben, wird Gewalt eskalieren. Es ist richtungsweisend, was Prescott bereits in der Einleitung zu seiner Studie schreibt:

Bis wir die Ursachen der Gewalt isoliert und behandelt haben, werden wir in einer Welt von Angst leben. Leider wird oft Gewalt als Lösung für Gewalt angeboten. Viele Gesetzesvollstrecker befürworten drakonische Methoden als beste Verfahren zur Bekämpfung der Gewalt. Leute ins Gefängnis zu sperren, was man diesbezüglich meist tut, wird das Problem nicht lösen, weil die Ursachen der Gewalt in unserem Wertsystem liegen und der Art, wie wir unsere Kinder und Jugendlichen aufziehen. Körperstrafen, Gewaltfilme und Gewalt im Fernsehen lehren unsere Kinder, dass Gewalt normal ist.

— James W. Prescott, Body Pleasure and the Origins of Violence (1975), 10–11 (Übersetzung meine).

Im einzelnen fand Prescott bemerkenswerten Zusammenhang zwischen Lust und Gewalt. Gestützt auf Laborexperimente mit Tieren, konnte er feststellen, dass eine Art von reziprokem Zusammenhang zwischen Lust und Gewalt besteht, dass die Anwesenheit von Lustgefühlen Gewalt hindert, und umgekehrt. So schreibt Prescott:

Ein Tier, das in Rage ist und gewalttätig reagiert, wird sich sofort beruhigen, wenn man mittels Elektroden die Lustzentren in seinem Hirn stimuliert. Ebenso kann die Stimulation der Gewaltzentren im Gehirn des Tieres seine sensuelle Lust und friedliches Verhalten verhindern. Wenn die Schaltkreise der Lust des Tieres ‘angedreht’ werden, sind die Schaltkreise der Gewalt ‘abgestellt’ und umgekehrt. Beim Menschen wird eine an Lust gewöhnte Person selten Gewalt ausüben oder aggressiv reagieren, und eine gewalttätige Person hat nur wenig Fähigkeit, sensuell gratifikative Tätigkeiten zu tolerieren, zu erfahren und zu genießen. Wenn entweder Gewalt oder Lust zunehmen, wird die andere abnehmen.

— Id.

Weitergehend fand Prescott, dass ein direkter Zusammenhang besteht zwischen Kindererziehung und dem Grad der Gewalt in einer spezifischen Kultur. Im einzelnen fand er heraus, dass Kulturen, die dazu neigen, Kinder eher spartanisch und lustfeindlich und taktil deprivativ erziehen, in ihrem allgemeinen Wertsystem Gewalt gutheißen, in Kriegen ihre Feinde foltern, Sklaverei praktizieren, Frauen und Kindern einen niedrigen sozialen Status einräumen, Vielweiberei betreiben und eine relativ hohe Verbrechensrate aufweisen. Es ist überdies interessant, was Prescott bereits in der Einleitung zu seiner Studie schreibt:

Ein weiterer gewalterzeugender Parameter einer Gesellschaft, so fand Prescott heraus, ist physische Gewalt gegenüber Kindern als Körperstrafen. Außerdem spielt die Toleranz der Sexualität des Kindes und Jugendlichen, oder deren Repression eine entscheidende Rolle bei der Frage, ob eine gegebene Kultur ein niedriges oder hohes Gewaltpotential aufweist:

Bei Gesellschaften, die physische Affektion bejahen, ist die Möglichkeit physischer Gewalt gering. Ebenso, wenn physische Affektion und Lust während der Adoleszenz, als auch der frühen Kindheit gewalttätig unterdrückt werden, finden wir direkte Beweise einer bezeichnenden Beziehung zwischen der Bestrafung von vorehelichem Sex und verschiedenen Stufen von Kriminalität und Gewalt.

— Id., 13, Übersetzung meine.

Als Resultat seiner eminent wichtigen Forschungen befürwortet Prescott die Abschaffung der körperlichen Bestrafung des Kindes, die Erhöhung des gesellschaftlichen Status der Frau, die Reinstitution der Großfamilie und Reintegration der alten Menschen, sowie die Erhöhung der Bedeutung des Mannes bei der Kindererziehung und der Gewährung von physischer Affektion des Vaters oder Erziehers dem Kinde gegenüber.

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