Summerhill. La Maison Verte.

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Summerhill

Alexander S. Neill war wohl vertraut mit den meisten der in dieser Publikation zitierten Forschungen oder ihren Vorgängermodellen.

— Siehe Alexander S. Neill, Theorie und Praxis der Antiautoritären Erziehung (1960/1969). Hier, wie so oft, ist der deutsche Titel in höchstem Masse verfehlt, denn Neills Erziehungsansatz war keinesfalls ‘antiautoritär.’ Neill war nicht ‘anti’ irgendetwas. Summerhill besteht auch heute noch und die Erziehung in dieser Schule ist nicht autoritär; aber es ist deswegen keine Erziehung, die Kinder ‘zum Gegner’ irgendwelcher Ideen macht. Der englische Titel in deutscher Übersetzung wäre: ‘Ein radikaler Ansatz zur Kindererziehung.’

Als er 1921 die erste Summerhill School in Leiston, Suffolk, einem Dorf in der Nähe von London, gründete, wusste er, dass sein Hauptfeind der Hass sein würde, der Hass gegenüber dem Leben und der kindlichen Emotionalität, den Neills lebenslanger Freund Wilhelm Reich die ‘emotionale Pest’ nannte.

Summerhill ist eine freie Schule. Das bedeutet, dass die Schule davon absieht, irgend eine Form von Moralerziehung zu verabreichen oder das Kind zu strafen. Insbesondere ist die Körperstrafe völlig ausgeschlossen. Darüber hinaus ist die Erziehung permissiv im Hinblick auf die Sexualität des Kindes. Masturbation wird nicht unterdrückt, sexuelles Spiel nur insoweit, als es prokreative Folgen hätte haben können. Auf der anderen Seite wird darauf verzichtet, das Kind intellektuell zu dressieren und mit Wissen zu überladen, wie es im Montessori Konzept üblich ist, oder das Kind spirituell zu dressieren, wie manche Steiner Schulen das virtuos betreiben.

Manch einer denkt, dass auch die Montessori und Steiner Schulen Kindern eine repressionsfreie Erziehung zukommen lassen. Dem ist jedoch durchaus nicht so. Jedenfalls nicht in der Praxis, denn ich gestehe schon zu, dass in der Theorie diese Konzepte wunderbar und ideal sind. Im Grunde handelt es sich aber um verschiedene Ansätze an Erziehung, verschiedene Philosophien im Hinblick auf das Kind und auf die Gesellschaft als solche.

— Siehe insbesondere Maria Montessori, Das Kreative Kind (1973/2007) und Rudolf Steiner, Die Erziehung des Kindes (1907/2003). Siehe auch die Monographien von Wilfried Böhm, Maria Montessori (1991) und Hildegard Holstiege, Montessori Pädagogik und soziale Humanität (1994).

Neill war von Anfang an gegen die Montessori Methode, die er als eine zwar mildere und mehr intellektuelle, nichtsdestotrotz aber autoritäre Form von Kindererziehung ansah. Es besteht indessen kein Zweifel daran, dass Maria Montessori die Erziehung revolutionieren wollte und sie leistete sicherlich einen beeindruckenden Beitrag zu mehr Humanität und Respekt Kindern, und vor allem kleinen Kindern gegenüber. Ihre Lehren änderten in der Tat vieles, nicht nur in ihren eigenen Schulen. Eine ihrer Erfindungen war die kindergerechte Bestuhlung des Kindergartens, die wir heute so vertraut finden, die aber vor ihr nicht existierte.

Ausgangspunkt von Maria Montessori ist die Tatsache, dass das kindliche Hirn eine seine Umgebung wahrhaft absorbierende Eigenschaft besitzt.

In ihrem Buch Das kreative Kind (1973/2007) zitiert sie psychologische Untersuchungen, die zeigen, dass das Kind in den ersten drei Lebensjahren relativ gesehen mehr lernt, als Erwachsene in sechzig Jahren harter Studien. Obwohl sie gegen Erziehungsprogramme war, entwickelte Maria Montessori doch eine Art von Trainingsmethode für kleine Kinder; dies ist ein vor allem auf die intellektuelle Entwicklung des Kindes gerichtetes Training.

Vor allem mittels eines ausgeklügelten Systems von verschiedenen Spielen, wie sehr komplizierten Puzzles oder Baukastenspielen wird das Kind intellektuell hochgeschaukelt.

Im Vordergrund steht dabei der Anspruch, dass das Kind die Welt rationell begreifen lernt. So ist denn die Initiation in die Wissenschaft und die Kunst in Montessori Schulen auch keine Frage des Alters.

Daneben werden die Kinder in Hausarbeit eingeführt. Sie lernen sehr schnell und problemlos, mit Zerbrechlichem umzugehen, sowie Schuhputzen, Bügeln, Waschen. Auch nimmt man sogenannte gefährliche Gegenstände wie Scheren oder Messer, Kerzen und Streichhölzer nicht von ihnen weg.

In der Praxis sieht das so herrlich klingende Konzept jedoch anders aus. Die Montessori Schulen, die ich besichtigte, waren ziemlich humorlose Orte.

Zum ersten war es sehr schwierig, überhaupt eine Besichtigungserlaubnis zu erhalten, zum zweiten bekommt man strikte Auflagen, zehn Minuten höchstens, keine Videos und jedes Gespräch mit den Kindern ist verboten!

Die Kinder schienen ohne Leben. Sie arbeiteten, Robotern gleich, ihre Spiele durch, nach der Uhr, bis zur Pause. Währenddessen wurden sie mit Beethoven aus einem Kofferradio berieselt. Während der Pause saßen sie so isoliert auf der Kinderbestuhlung, wie sie vorher gearbeitet hatten: ohne Kontakt zueinander, ohne Geselligkeit, ohne Humor, ohne Konversation, ohne Kommunikation. Ernst, schweigend, anständig und dumpf in die Gegend starrend.

Ich war sehr seltsam berührt durch diesen Einblick in das Montessori–System, von dem ich mir von der Theorie her so viel versprochen hatte. Es schien mir eine Art von Kinder–Abrichtung zu sein, eine Art von Zirkus, allerdings ein so seriöser, dass noch nicht einmal Platz für Clowns darin ist.

Neills Erziehungsansatz hat mit älteren Erziehungsmodellen wie zum Beispiel dem von Jean–Jacques Rousseau oder dem des Philosophen John Locke gemeinsam, dass er sich auf die generell gute Natur des Kindes gründet, was bedeutet, dass er der christlichen, und hier vor allem der kalvinistischen Auffassung diametral entgegengesetzt ist.

— Jean–Jacques Rousseau, Émile ou de l’éducation (1762/1964), John Locke, Gedanken über Erziehung (1690/1986).

Das Ziel Summerhills war nicht, Konformisten heranzuzüchten, sondern Erwachsene mit hohem Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, starkem Willen, Respekt und einem unbeschädigten Emotionalleben.

Dabei war eine der Hauptaufgaben der freien Schule, Hassgefühlen konstruktiv zu begegnen, da die gesamte Menschengeschichte gekennzeichnet ist vom Problem des Hasses als einer Hauptursachen für die menschliche Zerstörungswut, sowie Intoleranz, Gewalt, Krieg, Sklaverei und anderer Zivilisationssünden. Neill kannte die Ursachen dieses Hasses, mit dem alle der neuen Schüler ankamen, Kinder, die aus Privatschulen und Elternhäusern zu ihm kamen und die bisweilen beängstigende Symptome von Zerstörungswut und Gewalt aufwiesen.

Neill wusste auch, dass das autoritäre Erziehungskonzept total versagt hatte im Hinblick auf das Problem des Hasses. Er zeigte auf, dass das ganze Konzept der sogenannten schwierigen Kinder falsch war, dass diese Kinder einfach unglücklich waren, emotional blockiert, enttäuscht und einsam, dass sie oft Verlassenheitsgefühle hatten und sich unterdrückt fühlten, Kinder auch, die meist vernachlässigt worden waren und vonseiten der Erwachsenen, die sie gekannt hatten, nichts als autoritären Druck erfuhren, statt Liebe.

In diesem Sinne sind fast alle Kinder aus autoritär–repressivem Milieu schwierig, denn wenn sie einmal frei sind von dem gewalttätigen Druck, mit dem man sie wie wilde Tiere zu bändigen suchte, werden sie explodieren.

All diese Folgen des autoritären Systems beweisen, dass es ein falsches System ist, falsch, weil unmenschlich, weil unintelligent und die menschliche Würde zutiefst missachtend. Falsch auch, weil es keine Ahnung davon hat, wie der Mensch innerlich programmiert ist, wie das Gehirn arbeitet und wie der individuelle Mensch seine persönliche Realisierung und Lebensglück findet, in dem er seine Emotionen, seine Wünsche, und seine Arbeitsenergie integriert.

Neill wusste, dass einzig eine Erziehung, die auf Liebe gegründet ist, die gewalttätigen Symptome einer hasserfüllten Gesellschaft überwinden kann.

Denn der Weg aus der Gewalt ist der Kampf gegen ihre Ursachen: Liebesmangel, Mangel an positiver Ermutigung, Mangel an Respekt gegenüber Kindern. Freiheit bedeutete für Neill nicht etwa ein regelloses Sich–Gehenlassen, wie es viele der Gegner der sogenannten anti–autoritären Erziehung den freien Schulen unterstellen (ohne meist zu wissen, wovon sie reden), sondern gegenseitiger Respekt, gleiche Rechte für alle.

Es ist bezeichnend, aber verfehlt, dass man Neills Summerhill Buch im Deutschen unter dem Titel Theorie und Praxis der anti–autoritären Erziehung veröffentlichte. Dieser Begriff beinhaltet bereits eine totale Verkennung, denn die freie Erziehung A.S. Neills war wohl nicht–autoritär, nicht aber anti–autoritär. Das ist ein bedeutender Unterschied. Summerhill war gegründet auf eine von Repression und Autorität möglichst freie Erziehung, nicht aber darauf, soziale Terroristen aufzuziehen.

Es ist bezeichnend, dass diese falsche Übersetzung des Konzepts der freien Schule gerade aus dem deutschsprachigen Raum kam, wo doch hier die Strukturen der Autorität und Repression im Laufe der Geschichte immer besonders ausgeprägt waren.

Es klingt, als ob Freiheit tabu sei und man setzte lieber dem Zwang zur Autorität einen Gegenzwang entgegen, dem nämlich zur Anti–Autorität, um im gewohnten Begriffs– und Gefühlsschema zu bleiben, weil man sich sicher darin fühlte. So waren denn die sogenannten anti–autoritären Schulen in Deutschland ebenso zwanghafte Antisysteme, wie ihre systemtreuen Originale. Von Freiheit war auch da keine Spur, denn Freiheit umfasst eben auch die Freiheit zur Anpassung, die Freiheit zum Konformismus, die Freiheit zur Anerkennung von Autorität.

Sich auf Wilhelm Reich beziehend, stellte Neill fest, dass eine moralische Erziehung nicht nur den Denkprozess negativ beeinflusst, sondern auch den physischen Körper, in dem sie die Muskulatur und Körperhaltung auf die Dauer nachhaltig schädigt.

Ebenfalls übereinstimmend mit Wilhelm Reich, wandte Neill in Summerhill das Prinzip der Selbstregulierung an. Kindern etwas intellektuell oder moralisch beizubringen, wurde auf Summerhill aufgegeben.

Neill glaubte vielmehr daran, dass Kinder nur das wirklich aus ganzem Herzen tun werden, was sie auch begriffen haben, was sie nach ihrer Meinung glauben, dass es getan werden sollte.

Eine solche Einstellung setzt natürlich voraus, dass man davon überzeugt ist, dass Kinder, alle Kinder, als Menschenwesen vernunftbegabt sind, und diese Vernunft auch, ganz unabhängig von ihrem Alter, einsetzen werden. Bezeichnenderweise ist es gerade dies, was moralistisch motivierte Erzieher zutiefst bezweifeln.

Oft verbirgt sich bei Konzepten wie dem von Maria Montessori hinter der intellektuellen Fassade ein im Grunde moralistisches Konzept, das religiös motiviert ist. Das ist bei Montessori zweifelsohne der Fall, ähnlich auch bei Waldorf–Steiner. Die Unterdrückung der Emotionen im Kinde hat viele Namen und manifestiert sich unter anderem auch in der intellektuellen Dressur des Kindes. Wer nur denkt, fühlt wenig, oder weniger.

Oft sind sie Erzieher nicht bewusst, dass sie mit ihrer zur Schau getragenen intellektuellen Arroganz einen Graben ziehen zwischen Kindern, auf der einen Seite, und Erwachsenen, auf der anderen. Denn während sie doch anerkennen, dass der Mensch als solches vernunftbegabt ist, sprechen sie dem Kinde diese Vernunft weitgehend ab. Im Grunde bedeutet das, dass sie das Kind das Menschsein als solches absprechen und es dem Tier näher stellen, als dem Menschen. Und in der Tat finden sich Räsonnements in kalvinistischen Schriften, die eben dies nahelegen!

Eine freie Kindererziehung ist nicht denkbar, ohne dem Kinde Freiheit zu geben auch im Hinblick auf seine natürlichen erotischen und sexuellen Gefühle. Nur ein sexuell freies und befriedigtes Kind kann sein ganzes Potential an Liebe und Arbeitsenergie entwickeln.

Dazu gehört, dem Kinde das Gefühl des Akzeptiertseins zu vermitteln, damit es sich selbst akzeptiert, so wie es ist, in seiner Ganzheit, die seine Sexualität und Emotionalität natürlicherweise mit umfasst. Das ist der einzige Weg, auch weltweit zu mehr Toleranz, Verständnis und Mitgefühl für andere zu gelangen. Denn nur diejenigen von uns, die gelernt haben, sich selbst anzunehmen, sind im Stande, andere anzunehmen, zu akzeptieren, wie sie nun einmal sind, in ihrer Verschiedenheit.

Das Summerhill–Konzept realisierte einen ersten Schritt zu mehr Humanität auf dieser Erde, indem es humanere Menschen heranzog. Im Hinblick auf die Karrieren von Summerhill–Abgängern, stellte Neill denn auch fest, dass sein eigener Maßstab von Erfolg die Fähigkeit sei, mit Freude zu arbeiten und positiv zu leben. Nach vierzig Jahren Erfahrung mit Summerhill konnte Neill resümieren, dass unter dieser Definition, die meisten Summerhill–Abgänger erfolgreiche Menschen wurden.

La Maison Verte

Die Maison Verte (franz. für ‘grünes Haus’) wurde von Françoise Dolto (1908–1988), der bekannten französischen Kindertherapeutin und Buchautorin, in Paris gegründet. Françoise Dolto war eine Pionierin auf dem Gebiete der Psychoanalyse kleiner Kinder und Babys und hat auf diesem Gebiet bis heute einzigartige Entdeckungen gemacht und Heilerfolge erzielt.

Die Maison Verte ist kein Kindergarten im herkömmlichen Sinne. Es ist vielmehr ein Ort, wo Kinder mit ihren Eltern kommen, um anderen Kindern und Eltern zu begegnen, und um psychoanalytischen Rat zu erhalten, wenn sie dies ausdrücklich wünschen. Es ist in erster Linie ein sozialer Treffpunkt, und die Frauen und Männer, die dort arbeiten, werden denn auch einfach Empfangspersonen genannt, obwohl sie professionelle Psychotherapeuten sind.

Die Philosophie dieser Institution ist ganz auf das Kind ausgerichtet. Es ist ein Platz, wo Kinder mit ihren Eltern, nicht einer, wo Eltern mit ihren Kindern kommen. Das ist ein wichtiger Unterschied nicht nur in der Formulierung, und in der Tat betonte Françoise Dolto immer wieder die Bedeutung der Worte und Formulierungen, die wir gebrauchen, gerade dann, wenn wir mit Kindern umgehen, unseren eigenen oder fremden.

In der täglichen Praxis der Maison Verte wird zum Beispiel das Kind als erstes begrüßt, dann seine Eltern. Das Kind kommt und bringt seine Eltern mit, pflegte Françoise Dolto zu sagen. Die Eltern bleiben übrigens anonym, ein wichtiges Detail zum guten Funktionieren der Institution. Sie sind die ‘Mama von Jacques’ oder der ‘Papa von Vincent.’

So wurde auf sehr einfache, aber effiziente Weise die Anonymität der Eltern mit einem kindorientierten Sprachsystem verbunden. Ohne diese Anonymität wäre es den meisten Eltern aus naheliegenden Gründen nicht möglich, in der Gruppe über dieses oder jenes Familienproblem zu sprechen.

In der Maison Verte wird in erster Linie zu dem Kind und mit dem Kind gesprochen, und erst in zweiter Linie mit seinen Eltern. Das Baby, wenn es zum ersten Mal kommt, wird herumgeführt und man zeigt ihm die Einrichtung des Hauses, die Spiele, der Ort, wo man ihm die Windeln wechseln wird, wo die Toilette sich befindet, und so fort. Dies ist völlig unabhängig vom Alter oder den Sprachkapazitäten des Kindes: das Kind, das Baby, ist der Konversationspartner. Einen alten Brauch in Europa wieder einführend, wird das Kind auch gesiezt und etwa nicht geduzt, wie dies doch heute fast überall üblich ist.

Konsequenterweise werden Kinder von Empfangspersonen weder geküsst noch gestreichelt, noch mit Bezeichnungen wie süß oder herzig oder dergleichen versehen. Zärtlichkeiten, so lautet die Philosophie, ist einzig eine Affäre zwischen Eltern und Kind. Der verbale Kontakt mit dem Kind ist ernsthaft und wahrhaftig. Es werden dem Kind niemals Lügen erzählt über seine Abkunft. Wenn ein Kind zum Bespiel sagen würde, es habe keinen Vater, weil der Vater Frau und Kind einfach verlassen hat, würde die Antwort etwa so lauten:

‘Aber natürlich hast du einen Vater, auch wenn du ihn nicht kennst. Deine Eltern haben dich gezeugt, beide zusammen, deine Mutter und dein Vater. Dein Vater nahm an deiner Zeugung teil mit seinem Körper. So, du siehst, dass du sicherlich einen Vater hast.’

Es gibt keine Lebenswahrheiten, die man vor den Kindern zu verheimlichen sucht. Ebenso wird vermieden, dubiose Anspielungen zu machen, indem man Dinge, Motivationen oder Verhaltensweisen nicht beim Namen nennt.

Auch wenn Eltern ihre Probleme besprechen, werden Kinder nicht abgelenkt oder weggeführt. Dies wird ganz bewusst getan, um zu vermeiden, dass Dinge ‘über den Kopf des Kindes hinweg’ diskutiert und beschlossen werden, sowohl zwischen den Eltern, als auch zwischen Psychotherapeut und Eltern. In vielen Fällen ist es schon diese respektvolle, rationale und pragmatische und angstfreie Art des Umgangs in der Maison Verte, die zu bisweilen erstaunlich schnellen Verhaltensänderungen bei Eltern und Kindern führte und fixierte Rollenspiele auflöste. Die Presse sprach manchmal von mirakulösen Resultaten.

Natürlich geht das Personal in der Maison Verte mit den Eltern der Kinder in einer gleichermaßen respektvollen Weise um. Dies umfasst die Freiheit von einer Zahlungsverpflichtung. In der Lokalität ist eine kleine Schachtel für freiwillige Beiträge, von der die meisten Eltern auch gern Gebrauch machen. Die Psychotherapeuten, die als Empfangspersonen arbeiten, verrichten ihre Dienste auf reiner Volontärbasis.

— Alle Empfangspersonen müssen zumindest psychoanalysiert sein. In der Praxis sind die meisten ausgebildete Psychotherapeuten. Als ich Frau Dr. Dolto im Jahre 1986 besuchte und interviewte, und sie fragte, ob ich in der Institution mitarbeiten könne, sagte sie, ich müsse mich zunächst psychoanalysieren lassen.

Dieser Respekt vor den Eltern umfasst die Freiheit, stumm zu bleiben und jeden verbalen Kontakt abzulehnen. Es gibt Eltern, die mit ihren Kindern für einige Stunden kommen, um passiv dazusitzen und wieder zu gehen. Manche tun dies auch wiederholt, bis sie eines Tages wegbleiben, oder aber, auf Grund ihrer eigenen Entscheidung Kontakt aufnehmen mit anderen Eltern oder einer Kontaktperson.

Das Wichtige bei dieser Freiheit ist, dass die Eltern von vornherein den Eindruck haben, dass keiner sie zwingen wird, über ihre Probleme zu reden und dass keiner ihnen irgendwelche Ratschläge aufdrängen wird oder sie gar kritisiert für dies oder jenes Verhalten gegenüber ihren Kindern. Andere wiederum werfen sich regelrecht in die Diskussion und breiten in kurzer Zeit all ihre Probleme offen aus und suchen nach Rat. Auch ein solches Verhalten wird akzeptiert und man reagiert darauf konstruktiv.

Eines der Hauptziele der Maison Verte ist, kleine Kinder auf den Kindergarten vorzubereiten, auf die Trennung von der Mutter. Es wurde nämlich herausgefunden, dass einer der Hauptgründe für frühe Kindheitstraumata in einer brüsken und unvorbereiteten Trennung von der Mutter beruhen. Eine solche brüske Trennung, so förderte die Psychoanalyse gestörter Kinder hervor, ist der größte emotionale Schock, den ein kleines Kind überhaupt erfahren kann.

Während in den meisten Kindertagesstätten ein Zeitfaktor eingebaut wird, um das Kind nach und nach an die Trennung von der Mutter zu gewöhnen, hat man in der Maison Verte eine andere Einstellung. Nicht die Anpassung an die Trennung sei das wichtige, sondern die Reife von Mutter und Kind für diese Trennung.

Sehr häufig, so wurde nämlich herausgefunden, seien die Kinder reif für diese Trennung, die Mütter jedoch nicht, Grund, warum die Trennung fehlschlug und das Kind traumatisch reagierte. Die Mutter hatte dem Kind widersprüchliche Botschaften gegeben. Äußerlich: ich trenne mich jetzt von dir; innerlich aber: ich will mich nicht von dir trennen, weil ich dies nicht aushalte. Auf der anderen Seite gab es Kinder, die nicht reif waren für die Trennung, wo die Mutter jedoch aus äußeren Umständen heraus das Kind in die Tagesstätte zu geben sich gezwungen sah.

Die Maison Verte arbeitet daraufhin, dass beide, Mutter und Kind reif sind für die Trennung voneinander. Gerade in der heutigen städtischen Kleinfamilie ist dies zu einem Problem geworden, da sich die Kinder fast ausschließlich auf ihre Eltern fixieren und der Einfluss von anderen Erwachsenen, Großeltern, Tanten, Onkels, etc. sehr viel geringer geworden ist.

In ihrem Buch La Cause des Enfants (1985) schreibt Françoise Dolto denn auch, dass viele der heutigen Probleme in der früheren Großfamilienstruktur nicht existierten oder auf viel einfachere Art gelöst werden konnten.

Bibliographie

Böhm, Wilfried

Maria Montessori
2. Auflage
Bad Heilbronn: Julius Klinkhardt, 1991

Dolto, Françoise

La Cause des Enfants
Paris: Laffont, 1985

Mein Leben auf der Seite der Kinder
Ein Plädoyer für eine kindgerechte Welt
Hamburg: Lübbe Verlagsgruppe, 1993

Praxis der Kinderanalyse. Ein Seminar.
Hamburg: Klett–Cotta, 1985

Alles ist Sprache
Kindern mit Worten helfen
Berlin: Quadriga, 1996

Über das Begehren
Die Anfänge der menschlichen Kommunikation
2. Auflage
Hamburg: Klett–Cotta, 1996

Kinder stark machen
Die ersten Lebensjahre
Berlin: Beltz Verlag, 2000

Holstiege, Hildegard

Montessori Pädagogik und soziale Humanität
Freiburg: Herder, 1994

Locke, John

Gedanken über Erziehung
Ditzingen: Reclam Verlag, 1986
Erstveröffentlichung London, 1690

Montessori, Maria

Das Kreative Kind
Der absorbierende Geist
Freiburg: Herder, 2007
Erstveröffentlichung 1973

Neill, Alexander Sutherland

Neill! Neill! Birnenstiel!
Berlin: Rowohlt, 1973

Theorie und Praxis der Antiautoritären Erziehung
Das Beispiel Summerhill
Berlin: Rowohlt Verlag, 1969

Das Prinzip Summerhill
Berlin: Rowohlt, 1971

Ollendorf-Reich, Ilse

Wilhelm Reich
Vorwort von A.S. Neill
München, Kindler, 1975

Reich, Wilhelm

Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral
Frankfurt/M: Fischer, 1981

Die Funktion des Orgasmus
Sexualökonomische Grundprobleme der biologischen Energie
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1987

Die Entdeckung des Orgons II
Der Krebs
Frankfurt/M: Fischer, 1981

Die Massenpsychologie des Faschismus
Frankfurt/M: Fischer, 1974

Die sexuelle Revolution
Frankfurt/M: Fischer, 1966

Frühe Schriften 1
Aus den Jahren 1920–1925
Frankfurt/M: Fischer, 1983

Frühe Schriften 2
Genitalität in der Theorie und Therapie der Neurose
Frankfurt/M: Fischer, 1985

Leidenschaften der Jugend
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1984

Menschen im Staat
Frankfurt/M: Nexus, 1982

Zeugnisse einer Freundschaft
Der Briefwechsel zwischen Wilhelm Reich und A.S. Neill (1936–1957)
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1986

Rousseau, Jean–Jacques

Émile ou de l’Éducation, 1762
Neuveröffentlichung, Paris: Garnier, 1964

Steiner, Rudolf

Die Erziehung des Kindes
Dornach: Rudolf Steiner Verlag, 2003
Erstveröffentlichung 1907


©2015 Peter Fritz Walter. Some rights reserved.
Creative Commons Attribution 4.0 International License.

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