Über die politische Rolle des Internets


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Inhalt

Frust bringt Lust
Self-Publishing
Unity.com
Wirtschaft, Handel und Weltfrieden
Bereich Schule und Erziehung
Die politische Ebene
Kritischer Rückblick


Frust bringt Lust

Alle grossen Erfindungen waren motiviert und initiiert von Frustration wegen eines klar erkennbaren Mangels, das tiefe Gefühl von Unlust, das sich einstellt, wenn man sieht, dass ein Bedarf, den viele Menschen haben, nicht erfüllt ist. Das gilt nicht nur für die Erfindung der Glühbirne, sondern für eine Vielzahl von Erfindungen, die unsere heutige Umgebung ausmachen, und unser tägliches Leben bestimmen.

Das Interessante an Erfindungen ist, dass sie uns recht viel über die menschliche Natur erzählen. Wenn ein Mensch etwas erfindet, sind da doch Millionen andere, die unter demselben Mangel leiden, aber sie akzeptieren den Frust, ohne zu murren. Also bleiben sie unkreativ. Es war und ist immer nur eine Hand voll Menschen, die den Mangel entdecken, und die dann sofort handeln, um die Menschheit um einen Traum reicher zu machen.

Doch sie bleiben nicht dabei, den Traum zu formulieren, was ja auch bereits Imagination und Kreativität erfordert, sondern sie gehen dann auch noch daran, diesen Traum praktisch zu realisieren. Dann kommt die Erfindung als das Endresultat dessen, was wir nun als einen Prozess identifizieren können.

Es ist ein Prozess, wiewohl die Erfindung selbst als ein Zufall oder gar ein Unfall erscheinen mag. Der Zufall oder Unfall war nur ein solcher, wenn man es mit den Augen des Alltags anschaut; in Wahrheit nämlich ist jede Erfindung ein Prozess der Kreation, der lange vor der materiellen Realisierung des Gewünschten ihren Anfang fand, und zwar im Bereich des Unsichtbaren — im Unterbewusstsein.

So können wir feststellen, dass historisch gesehen menschlicher Fortschritt doch recht eigentlich und in aller Regel das Verdienst von Individuen war, und ganz selten einmal von Gruppen. Das ist doch merkwürdig, wenn man es zusammen sieht mit der Tatsache, dass die tiefe Frustration über eine Notlage oder einen Mangel offenbar immer noch einige wenige affektierten, während doch die Mehrheit sich mehr oder weniger bequem oder fatalistisch hinein fügt ins grosse und ganze, seufzend: ‘Na, eigentlich könnte es ja alles besser sein, aber man muss sich eben abfinden.’

Man muss nicht. Ich habe dies betitelt mit ‘Frust bringt Lust,’ weil ich der Überzeugung bin, dass unsere grossen Erfinder und alle anderen, die durch ihre persönliche Kreativität das Los der ganzen Menschheit verbessern, grössere Lebenslust haben. Ja, ich wage zu behaupten, dass die wahre Lebenslust überhaupt von nichts anderem herrührt, als seine persönliche Tatkraft dem Guten der ganzen Menschheit zu Dienst zu machen.

Sogar sexuelle Lust, die wohl Wenige als banal und uninteressant ansehen würden, kommt nicht an gegen das tiefe und ekstatische Lustgefühl, das solchen zuteil wird, die dem Dienste der Menschheit sich verschreiben.

Darum haben wir Pioniere. Sie waren alle sehr unzufriedene Leute, und sie taten etwas, um diese Unzufriedenheit in Lust zu verwandeln. Das ist es, warum es uns allen besser ging und geht. Und so wird es wohl auch eines Tages so weit sein, dass wir in einer Welt des Friedens und der Fülle leben, weil es einfach unsere natürliche Art ist als Menschen, weil es unser Geburtsrecht ist.

All meine Leser, die wie ich die Hürde genommen haben, um publizierte Autoren oder Komponisten zu werden, wissen, wovon ich rede, wenn ich sage, dass heute mehr als je zuvor die Verlagsindustrie ein Channeling in der falschen Richtung ist. Ich spreche hier natürlich vom traditionellen Publizieren, ein Buch zu veröffentlichen mit einem Verlag, der das Buch aus kommerziellen Gründen herausgibt, also aus Profitgier. Während doch Veröffentlichen dem Sinne nach ein Teilhaben–Lassen ist, sei es nun das Teilhaben an einer Idee, einer ästhetischen Kreation, eines Lebensstils, oder einer Erfahrung. Daher hat Publizieren eine zutiefst ethische Grundlage.

Demokratie ist nur denkbar, wenn ein konstanter Informationsfluss potentiell jeden Bürger in einem Gemeinwesen erreicht. Das hatte Gutenberg erkannt, als er die Druckerpresse erfand und die Bibel herausgab. Und er übernahm ein gewisses Risiko, wie es jeder Verlag übernimmt, der für den Inhalt seiner Publikationen verantwortlich steht. Dazu gehört Mut, vor allem dann, wenn es um Themen geht, die öffentlich als Tabu angesehen werden. Verlage, die im Mittelalter die Bücher von Alchemisten herausgaben, waren gefährdet, und konnten von der Inquisition der Kirche verfolgt werden.

Was ich hier herausstellen möchte, ist die Tatsache, dass Gutenberg die Bibel druckte, um der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen, nicht um Geld damit zu verdienen.

Daher bestehe ich darauf, dass Publizieren, das Verlagswesen, etwas ist, dass ganz tiefe Wurzeln hat im demokratischen Denken; diese Vernetzung ist solcher Art, dass eine Demokratie ohne ein freies Verlagswesen undenkbar ist. Und nicht für nichts haben alle Diktatoren und Führer die freie Presse als erstes verboten, bevor sie überhaupt zum ersten Tagespunkt ihrer Agenda übergingen. Nichts steht Tyrannei so sehr im Auge, wie freie Meinungsäusserung und ihre Verbreitung.


Self–Publishing

Das Internet begann als Computer–Experiment für das amerikanische Militär. Dann wurde etwas daraus, das völlig unvorhergesehen war: der grösste E–Buch Verlag der Welt, der grösste Audiobuch–Verlag der Welt, der grösste Filmproduzent der Welt, der produktivste Fotograf der Welt, und der grösste Blogautor der Welt. Das lustige hinsichtlich dieser Firmen ist, dass sie alle keine Unternehmensleitung haben, und dass sie völlig autoreguliert und selbstorganisiert funktionieren. Diese Firmen setzen sich aus Millionen von Individuen zusammen, die alle vernetzt sind.

So sieht das aus jetzt, obwohl einige hochangesehene Kritiker anfangs von ‘Urwald’ und ‘Affenhorde’ sprachen, als das Internet begann. So weitsichtig sind unsere Experten! Aber die Schwarzseher waren wie immer im Unrecht; heute ist das Internet ein alternatives Verlagssystem von gigantischen Ausmassen.

Die Gründe sind klar. Es ist erst einmal der dramatische Wandel, wie Information gechannelt wird, und die Möglichkeit, alles, was elektronisch publizierbar ist, auch zu publizieren.

Zum anderen ist es die Herausforderung, wirklich kreativ zu werden und Information direkt multimedial herauszubringen, nicht nur als Text eben, sondern mit Ton und Bild, und Videos versehen. Was daraus entsteht, ist so etwas wie ein Gesamtkunstwerk — und dieses ist dann direkt publizierbar, ohne einen Verlag zu fragen, ob ihnen das denn nun gefällt oder nicht. Die Frage ist nur, wie man seine Produktionen bekannt macht. Der Buchhandel hat sein Verteilungsnetzwerk, die Musikproduktion hat ihrs, aber wie ist es mit Online–Produktionen?

Nach fast zwanzig Jahren Selbstpublizieren habe ich zwar nicht meinen Enthusiasmus verloren, aber doch meine Illusionen. Für den akademischen Bereich, und den Bereich Belletristik kann ich keinen Absatzmarkt auf dem Internet feststellen. Es fehlt eben am Verteilungsnetzwerk, das die relative minoritäre Schicht der Gebildeten und Kunstinteressierten erreicht.

Die grosse Masse ist weder an akademischen noch belletristischen Produktionen interessiert.

Anders sieht es aus im Bereich der Handbücher und Fachliteratur, besonders der, die erklären, wie man Software handhabt, Computer bedient, oder Hauselektronik einfach und sinnvoll erklärt. Auch die Do–It–Yourself Literatur, und Bücher für Haus– und Gartenpflege oder wie man Haustiere betreut haben ihre Marktnische. Aber auch in diesen Bereichen, obwohl sie potentiell Erfolg bringen können, muss man als Webautor sein Marketing tun, denn sonst klappt es nicht.

Vor ein paar Jahren war es noch fraglich, ob das Internet sich wirklich als Publikationsmedium qualifizieren würde. Fachleute sprachen vom ‘Business–Internet,’ vom ‘Marketing–Internet’ oder vom ‘Corporate Internet.’ Gemeint war, dass auf kurze Sicht das Internet sich ideal anbot für Werbung, und viele sahen denn auch in Werbung die einzige Nützlichkeit des WWW. Aber sie hatten eine viel zu enge Sicht, wie es nun deutlich zu erkennen ist.

Worauf ich hier besonders eingehen möchte, sind die politischen Zukunftschancen des Internet. Dass es ein Riesengeschäft ist, wissen wir. Dass es ein ideales Werbemedium ist, wissen wir. Dass es ein Publikationsforum ist, wissen wir.

Aber wissen wir, glauben wir, ahnen wir, erträumen wir, oder stellen wir uns vor, dass das Internet vielleicht morgen oder übermorgen unser Weltparlament sein wird? Nun, lassen sie mich diesen vielleicht ungewöhnlichen Gedanken ein wenig weiter ausführen.


Unity.com

Wenn wir das Internet mit einer anderen globalen Institution, den Vereinten Nationen, vergleichen, so können wir mindestens zwei grosse Unterschiede erkennen. Die Vereinten Nationen waren der Nachfolger des sogenannten Völkerbundes, einer zwischenstaatlichen Organisation, die als Folge des Versailler Vertrages, 1910–1920 gegründet worden war.

Es war eine Kreation der Staaten; es waren Regierungen, die hier tätig wurden, nicht Völker, es war nichts, das aus dem Urboden der beteiligten Länder gewachsen war. Man möchte sagen, es war ein Haus, das lediglich aus einem Dach bestand.

Und wie stabil ein Haus ist, das weder Fundament noch Wände, sondern lediglich ein Dach, das mag man sich gern bildlich vorstellen! Es war, salopp ausgedrückt, ein Eliteclub, der in seiner grössten Ausdehnung, in den Jahren 1934–1935, gerade einmal 58 Mitglieder hatte. Die Privilegien oder Vorteile, die dieser Club gewährte, er gewährte sie den Regierungen seiner Mitglieder, nicht deren Untertanen. Mit den Vereinten Nationen ist es ebenso.

Das Individuum geniesst weltweit nur einen minimalen Schutz, den man im Völkerrecht als minimum standard bezeichnet. Menschenrechte, Gleichheit vor dem Gesetz und Freiheitsrechte für Minoritäten sind lediglich gewährt im Rahmen besonderer zwischenstaatlicher Abkommen oder internationaler Konventionen, und diese müssen, um gültig zu sein, nicht nur von den Staaten unterzeichnet, sondern auch ratifiziert sein. Dies bedeutet in aller Regel, dass nach der Aushandlung des Vertragstextes durch Bevollmächtigte und der Unterzeichnung durch die Staatsoberhäupter der Vertrag dann auch durch die nationalen Parlamente in einem formellen Gesetzgebungsverfahren abgesegnet wurde.

In einigen Ländern ist dafür ein sogenannter Volksentscheid oder Referendum erforderlich. Es dauert oft Jahre, bevor internationale Konventionen ratifiziert sind von allen Vertragsparteien. Aber selbst, wenn all dies der Fall ist, so ist das keine Garantie dafür, ob und wieweit die Mitgliedstaaten einer Konvention diese dann auch anwenden und respektieren.

Der zweite und vielleicht wichtigere Unterschied zwischen Internet und den bestehenden internationalen Organisationen ist, dass die letzteren sich heute aus politischen Gründen intern immer mehr aufspalten in regionale Interessengruppen.

Es ist kein Zufall, dass die Europäische Union letztlich ein Ast desselben Baumes ist, denn auch sie war umfasst von der globalen Vision der frühen Philosophen wie Rousseau und Kant, in ihren Friedensplänen. Auf der anderen Seite hat die EU aber auch, als das kleinere Produkt einer ursprünglich viel grösseren Idee, Wasser in den Wein eines weltweiten föderativen Zusammenschlusses geschüttet.

Als Kant und Rousseau ‘Weltfrieden’ gesagt haben, meinten sie, die ganze Welt, nicht, was wir heute Europa nennen, sondern was damals Europa war.

Heute also muss man diese Friedenspläne im Grunde gegen die EU und für eine Weltregierung auslegen — wenn man es ganz genau nehmen will!

Es mag einer argumentieren, dass regionale Zusammenschlüsse immer etwas Gutes in sich tragen, weil man dann später ‘ja nur die regionalen Organisationen zusammenschalten muss,’ und weil man sich das als viel einfacher vorstellt, als wieder von vorn zu beginnen und alle einzelnen Staaten zu einem Zusammenschluss zu bewegen.

Aber das ist ein trügerischer Schluss, denn regionale Organisationen haben ihren Stolz und sind in aller Regel nicht bereit, sich einem globalen Gefüge ‘unterzuordnen.’ Sie stehen also einer globalen Integration mehr im Wege, als sie diese fördern.

Nun können wir sehen, dass das Internet eine ganz aussergewöhnliche Neuheit ist, denn es hat reichlich wenig mit den bisherigen internationalen Zusammenschlüssen zu tun. Ich sehe im Internet eine ganz grosse politische Gelegenheit, obwohl das ein Gesichtspunkt ist, der sehr ungewöhnlich erscheint, und den ich offen gesagt bisher nirgendwo geäussert fand.

Das Internet hat dem Individuum wahrhaft gedient, und das ist der entscheidende Unterschied zu den Elitärorganisationen, die gross tönen, wie sehr sie doch den Völkern dienen. Natürlich tun sie dies, denn sie müssen die Gelder rechtfertigen, die horrenden Summen, die dazu nötig sind, diese aufgeblähten und grossenteils total ineffektiven Bürokratien aufrechtzuerhalten.

Wenn man genau hinsieht, tun sie herzlich wenig für die Völker, und sehr viel für deren Regierungen. Denn unter dem Namen von ‘Humanität’ kann man dann letztlich jede Intervention in die territorialen Rechte anderer Staaten rechtfertigen. Wenn dies nicht so wäre, warum schickte dann die Militärjunta in Myanmar die amerikanischen Sanitäter zurück, nach dem grossen Sturm im Jahre 2008? Es waren doch nur Sanitäter.

Das ist es eben, was der Laie nicht versteht, und warum heutzutage mit NGOs so viel Schindluder getrieben werden kann, warum sie subtil dazu benutzt werden können, andere Staaten zu kontrollieren, paramilitärisch zu erobern und ‘einzugliedern.’ Die Naivität, die der Laie hier gewöhnlich aufweist, wenn es um ‘menschliche Hilfe’ geht, ist einfach fehl am Platz, denn sie ist nicht an der Tagesordnung in solchen Organisationen, jedenfalls nicht auf dem Niveau der Führungsspitze. Worum es geht, ist Macht — und nichts anderes.

Es ist heute Alltag zu sehen, dass auf dem Internet jeder und jede, gleich welchen IQs, gleich welcher nationaler oder ethnischer Zugehörigkeit, sein eigenes Unternehmen aufbauen und führen kann, sein eigenes Marketing tun kann, seinen eigenen Handel betreiben kann, seine eigenen Werke veröffentlichen kann, und seine eigene Marktnische finden kann.

Daraus schliesse ich, für meinen Teil, dass das Internet dem einzelnen Menschen, das Individuum, mehr Macht und Autonomie gegeben hat, und damit, und das hört man dann weniger gern, im gleichen Masse den Staaten, die über diese Individuen regieren, Macht weggenommen hat!

Im grossen und ganzen haben sich die Freiheitsrechte des Individuums erhöht durch das Internet. Ich weiss, das klingt provokativ, aber es ist nicht so gemeint. Es ist einfach ein Faktum. Und also, so möchte ich hier einmal in einem Zwischenergebnis festhalten, ist das Internet die erste internationale Organisation, die wirklich funktioniert im Sinne der res publica, wie die alten Römer politisches Bewusstsein nannten.

Das hat ganz konkrete Folgen, rechtlich, von denen ich eine hier aufführen möchte. Der Schutz von Minoritäten, im Zusammenhang mit der Freiheit der Rede, und der Versammlungsfreiheit, hat sich durch das Internet ganz klar ausgedehnt. Das ist so, weil es vom 19. Jahrhundert her eine Klausel im öffentlichen Recht gibt, die man je nach Jurisdiktion ‘public order’ (ordre public) oder ‘public morals’ nennt.

Das ist so etwas, wie eine Generalklausel, die es der Exekutive erlaubt, die Grundrechte der Redefreiheit und der Versammlungsfreiheit empfindlich einzuschränken, wenn nur der ‘öffentliche Raum’ in Frage steht. Konkret gesagt, wenn unsere kleine Chaotentruppe sich daheim versammelt, kann sie das gerne tun, wenn sie aber auf die Strasse geht und da ihre Slogans verbreiten will, muss sie vorher eine polizeiliche Erlaubnis anfragen — sonst können sie alle verhaftet werden. So freiheitlich geht’s bei uns zu! (Woanders auch).

Nun, die Situation ändert sich voll und ganz, wenn unsere Chaoten aufs Internet gehen und da ihre Slogans auf einer Webseite röhren, und von mir aus auf hundert Webseiten gleichzeitig, da kann ihnen keiner was tun.

Warum? Weil ‘öffentlicher Raum’ im Sinne des Gesetzes keinen virtuellen Raum umfasst. Daran kann auch eine extensive Interpretation dieser Klausel nichts rütteln, denn diese Gesetze wurden alle lange vor dem Entstehens des Internet gemacht, in der Regel vor dem Anbeginn der Neuzeit. Es sind denn auch in Gesetze distillierte steinzeitliche Denkweisen.

Wir können also bis hierhin festhalten, dass das Internet mehr Demokratie geschaffen hat, indem es mehr persönliche Meinungsäusserung, für Individuen, und für Gruppen, erlaubt hat. Nun, mehr Freiheit aber bedeutet aber auch mehr Verantwortung.

Es gibt schon so etwas wie eine Internetpolizei, und manche Staaten, und Deutschland ist hier ganz vorn in der Linie, haben es sich in den Kopf gesetzt, hier gross Reine zu machen — was eigentlich sehr unwillkommene Erinnerungen weckt! Lassen wir es einmal dahingestellt sein, ob dies nun ein rationales und faktisch gerechtfertigtes Anliegen ist, Tatsache ist, dass ein Überspannen der neu gewonnen Freiheit ziemlich unwillkommene Folgen haben könnte.

Man muss, wie gewöhnlich, einen Schritt weiter denken. Wenn also die grosse Repression kommt, dann kommt auch die grosse Revolte dagegen; das ist sicher so, und die Revolte könnte sehr wohl noch schlimmere Folgen haben als die Repression. Sie könnte namentlich dazu führen, dass internationaler Fundamentalismus, gleich welcher Seite, wirklich das Internet unter seine Klauen bekommen könnte. Dann würde das natürlich wieder die Geheimdienste auf den Plan rufen, und Freiheit im Internet wäre dann, gelinde gesagt, eine schöne Erinnerung an oh’ welch schöne, doch vergangene Zeiten!

Ich glaube, ich brauche es nicht weiter auszuführen, denn wir alle wissen, dass es Legionen von frustrierten Heinis, Freaks und missgeleiteten Gruppen gibt, die nur darauf warten, endlich einen Grund zu haben, um richtig loszudonnern. Und wenn das passiert, dann ist das Ende des Internet nicht mehr weit. Das bedeutet, als ein Anliegen der res publica, das uns alle angeht, dass wir die Freiheiten, die das Internet gewährt, verantwortlich gebrauchen.

Was heisst das in der Praxis? Es heisst, dass man Dinge wie möglichst objektive Berichterstattung, das heisst, wenn man über andere redet oder über Ereignisse, ernst nimmt. Es heisst auch, dass man Urheberrecht ernst nimmt, und nicht einfach seine ganze Bibliothek digitalisiert und ‘aufs Web setzt.’

Wir müssen uns allgemein ausgedrückt der Werte bewusst werden, auf denen freies Online Publizieren beruht. Diese Werte sind gleich für uns alle, denn wenn einer seine Freiheit missbraucht, leidet sein Nachbar darunter. Das ist einfach so und war immer so, seit dem Bestehen der Menschheit. Daher sind diese Werte, wie Achtung, Respekt, und Ehrlichkeit, gleich für uns alle. Unsere ganze menschliche Kommunikation beruht auf ihnen.

Wir können also festhalten, dass Menschen, Gruppen, oder Regierungen, die, über diese Grundwerte und Prinzipien der gegenseitigen Achtung hinausgehend, auf eine strikte Regulierung des Internet warten, irgendwo ideologisch fixiert sein müssen. Sie sind dem alten Paradigma verhaftet, leben gewissermassen auf ewig im Fischezeitalter, und sind daher eigentlich bereits Fossilien. Alles im Recht, und im internationalen Verkehr, beruht auf den beiden Grundsätzen der Gegenseitigkeit und der Verhältnismässigkeit.

Anders formuliert, bedeuten diese Grundsätze der Gegenseitigkeit und der Verhältnismässigkeit, die wir vom Staatsrecht her kennen, und die tatsächlich im diplomatischen internationalen Verkehr Anwendung finden, dass wir die Dinge mit einem nüchternen Auge betrachten sollten.

Nach Reglementierung des Internet zu rufen gleicht nicht wenig dem Ruf nach dem ‘starken Mann;’ ein solches Verhalten, gleich wer es an den Tag legt, ist als irrational und ineffektiv zu qualifizieren. Es ist keine Lösung für ein irgendgeartetes Problem. Es ist kein Ausweg, sondern, wie wir alle wissen, eine Falle. Es kann also nicht darum gehen, Organisationen ins Leben zu rufen, die dafür zeichnen, das Internet global zu kontrollieren.

Wenn wir das tun, um es zu wiederholen, handeln wir unverhältnismässig, und damit in gewissem Sinne gegen das wohlverstandene Interesse aller Internetnutzer.

Das alte Paradigma

Um es zusammenzufassen, möchte ich die Charakteristika der beiden Paradigmen noch einmal kurz schlagwortartig ins Gedächtnis rufen.

Das alte Paradigma war ein Glaubenssystem, das von der Voraussetzung ausging, dass alle Menschen sich naturgegeben feindlich gegenüberstehen und daher Täuschung und Strategie verwenden, wenn sie miteinander verkehren und kommunizieren. Typisch für das alte Paradigma waren eine ganze Reihe von Vorurteilen und das Phantombild des äusseren Feindes bei Menschen, die einer Gruppe angehörten, gegenüber denen, die ausserhalb der Gruppe sich befinden.

Ebenfalls kennzeichnend für das alte Paradigma ist der Glaube an die Knappheit von Ressourcen, der Glaube an Mangel, der sagt, nur ein paar Wenige könnten einen Platz an der Sonne haben, und die anderen hätten dafür eben zu darben. Wiewohl jeder, der die Natur beobachtet hat, sieht, dass es wirklich überall Fülle und Überfluss gibt, leben diese Menschen in einem von den meisten Religionen ordentlich geschürten Aberglauben, dass es zu wenig gibt, und immer zu wenig gab.

Diese Leute sind klar erkennbar im Alltagsleben. Es sind die, die nahezu ununterbrochen nach Leitung, nach Schutz, nach Absicherung rufen, weil ihr innerer Frieden von einem tiefsitzenden Selbstzweifel unterhöhlt wird, der der Spiegel ihrer emotionalen Unsicherheit ist. Diese Leute sind auch die, die fest an Darwinismus in seiner ganzen grotesken Destruktivität glauben, und diese Idee übertragen sie auf den Alltag, wo sie überall Kampf und Streit, Gewinner und Verlierer sehen, und wo sie in all dem Wirrwarr ihres eigenen Geistes, den Helden, den Übermenschen suchen, der für ihr eigenes kleines, beschädigtes und narzisstisch verklemmtes Ego kompensieren soll.

Diese Menschen denken vierkantig, und in Schablonen. Da ist man selbst, da ist die Familie, da sind Freunde — und alles andere sind eben Fremde, Ausländer, Immigranten, das heisst solche, die potentiell gefährlich sind. Die innere Sicherheit dieser Individuen ist sehr gering, um nicht zu sagen, rudimentär, und sie sehen die Welt als ein Schlachtfeld von gegensätzlichen Interessen, gegensätzlichen Verlangen, als ein im Grunde vollkommen disharmonisches und fragmentiertes Ganzes.

Deshalb ist es diesen Menschen so eminent wichtig, dass es Grenzen gibt, der Gartenzaun, die Landesgrenze, die Grenzen zwischen Freunden und Feinden, zwischen Familie und Gesellschaft, zwischen Untertan und Herrscher, Bürger und Staat, zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein, zwischen männlich und weiblich. Es ist typisch für diese Individuen, dass alles zweckvoll und organisiert sein muss. Man versammelt sich mit dem Zweck, etwas gemeinsam zu unternehmen — nicht etwa, um sich zu freuen am schönen Tag. Man trifft einen Partner, um zu heiraten und eine Familie zu gründen, nicht etwa, um sich gut zu unterhalten oder Sex miteinander zu haben.

Es sind diese Menschen, die für immer mehr Polizei und immer mehr Gefängnisse, die für immer mehr Aufrüstung und immer grössere Militärgewalt sind, und die nach immer stärkerer Kontrolle rufen. Es sind die, die überall und nirgends Verschwörungen und Komplotte sehen, oder Geheimregierungen, und die prinzipiell gegen Minderheiten sind, weil sie sich immer und überall in der Mehrheit dünken.

Das war auch bis vor kurzem so, denke ich. Diese Menschen, die Wilhelm Reich, die ‘kleinen Männer’ nannte, waren tatsächlich die Mehrheit in den meisten Ländern der Welt. Ob das heute noch so ist, möchte ich bezweifeln. Wir sind ungefähr genau im Auge des Orkans, und darum ist alles so ruhig geworden, und so geregelt, aber das täuscht, denn das schwelende Gewaltpotential der Anhänger des alten Paradigmas ist nicht zu unterschätzen.

Das Neue Paradigma

Das neue Paradigma ist ein Glaubenssystem, das davon ausgeht, dass alle Menschen von Natur her Freunde und Brüder sind, und dass dies das natürliche Denken ist, wie man es zum Beispiel bei Kindern spontan ausgedrückt findet.

Die Anhänger des neuen Paradigmas hinterfragen, warum Menschen sich mit Feindseligkeit begegnen, oder warum sie neuen Erfahrungen gegenüber verschlossen und ängstlich gegenüber stehen. Sie versuchen namentlich herauszufinden, was die Gründe sind für Argwohn, Hostilität und Angst, weil sie wissen, dass eine solch negative Haltung nicht bei natürlich aufgewachsenen und emotional ausgeglichen Menschen zu beobachten ist.

Was Kommunikation angeht, so sehen diese Menschen es als Herausforderung und Bereicherung an, wenn sie mit anderen austauschen können, die verschieden sind; das ist so, weil sie einfach jede Gelegenheit für eine neue Beziehung positiv werten.

Typischerweise sind diese Menschen dann auch offen, mit Menschen ausserhalb ihres Kulturkreises in Erfahrungsaustausch zu treten, und gar mit solchen, die ihnen feindlich gegenüberstehen. Das ist der vielleicht einzige Grund, warum diese Menschen, im Gegensatz zu den Anhängern des alten Paradigmas, in der Tat alte zwischenmenschliche Konflikte bereinigen und Streit schlichten können.

Zu ihren Eigenschaften gehören daneben auch Mut, Neugierde, Offenheit und ein allgemeiner Pioniergeist, der pragmatisch statt ideologisch eingestellt ist, und der es in der Regel den Versuch wert findet, wenn es darum geht, den ersten Schritt zu tun.

Nicht erstaunlicherweise sind diese Menschen dann auch in der Lage, mehr Befriedigung zu erfahren im Leben, mehr Erfüllung, mehr Liebe, mehr Freundschaft, mehr Verständnis und gegenseitige Hilfe. Das ist einfach so, weil sie all das erst einmal geben, bevor sie es erhalten, während die Anhänger des alten Paradigmas klagen und seufzen über all das, was sie nicht haben aber gerne hätten, ohne es jedoch erst einmal geben zu wollen.

Ohne Frage sind es die Anhänger des neuen Paradigmas, die das Internet gegründet haben und die es forttreiben durch ihren Enthusiasmus und ihre weite Vision einer kreativen und auf friedliche Koexistenz ausgerichteten Menschheit der Zukunft. Sie sind leicht erkennbar an ihrem Verhalten, Organisationen und Ideologien zu hinterfragen, die kollektives Handeln über individuelles Handeln stellen, und die menschliches Verhalten standardisieren auf Pauschalreaktionen und es reduzieren wollen auf ‘Triebe’ und ‘Instinkte.’

Sie sind der Robotgesellschaft gegenüber kritisch eingestellt und sehen Diversität als höherrangigen Wert an als Uniformität. Sie sind nicht nur technischen Neuerungen gegenüber offen einstellt, sondern auch einer neuen Art von Beziehungen, sei es im professionellen oder im privaten Bereich. Sie geben menschlicher Spontaneität und Kreativität mehr Raum, und sind dafür, dass die Kindererziehung kreativer wird und mehr auf die Individualität des einzelnen Kindes Rücksicht nimmt.

Während die Anhänger des alten Paradigmas dazu neigen, ihre Kindheitserfahrungen zu verabsolutieren und allgemein den Menschen als ein Produkt von karmischer, familiärer und gesellschaftlicher Konditionierung ansehen, neigen die Anhänger des neuen Paradigmas dazu, alle Konditionierung zu hinterfragen; sie weisen denn auch auf neueste neurologische Untersuchungen hin, die klar aufzeigen, dass das neuronale Netz im Gehirn nicht unabänderlich ist, sondern neuronale Verbindungen gelöst und neue Verbindungen erstellt werden können durch Meditation und positive Neuprogrammierung.

Im übrigen sind diese Individuen dankbarer dem Leben gegenüber und neigen dazu, ihren Fokus auf ihre positiven Erfahrungen zu richten — was natürlich bewirkt, dass sie dadurch mehr positive Erfahrungen anziehen als die Anhänger des alten Paradigmas, die ihren ganzen Fokus immer und immer wieder auf ihre negativen Erfahrungen richten und sie damit verstärken.

Aus all diesen Gründen heraus sind die Anhänger des neuen Paradigmas diejenigen, die den sprichwörtlichen ‘Anfängergeist’ des Zen besitzen und daher stets am Lernen sind. Unter ihnen befindet sich eine kleine Gruppe von Intellektuellen, welche leider in keiner Weise organisiert sind. Sie sind in der Regel Einzelkämpfer, aber ihre Anstrengungen sind, ob ihnen das nun bewusst ist oder nicht, vernetzt in einer Netzwerkgesellschaft. Viele von ihnen sind namentlich in Internetberufen tätig, im Fernsehen, im Buchwesen, in der Medienproduktion und in der Presse.

Hinsichtlich ihrer beruflichen Vision unterscheiden sie sich von den Anhängern des alten Paradigmas durch ihren Glauben an die ‘Demokratie des Knowhow,’ die es dem erlaubt, mehr zu verdienen, der mehr weiss und besseren Service gibt.


Wirtschaft, Handel und Weltfrieden

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt hinsichtlich des Internet ist der Impact, den es hatte auf unsere Wirtschaft; es hat neue Formen von Handel und Gewerbe geschaffen.

Wir können schwerlich ableugnen, dass menschlicher Fortschritt auch eine wichtige materielle Dimension besitzt. Wer, wie ich selbst, jahrelang in Entwicklungsländern gelebt hat, weiss, wie fundamental wichtig es ist, dass Menschen Zugang zu erzieherischen und technologischen Ressourcen haben. Ja, man könnte fast sagen, dass dies heute in den meisten Ländern heisst, dass Erziehung technologisches Knowhow bedeutet.

Ein Erzieher mag noch so sehr motiviert sein, Kindern die Funktionsweise und Nützlichkeit von Computern zu erklären; wenn die Schule kein Budget hat, wenigstens einen Computer zu kaufen, hört der Spass auf, bevor er überhaupt erst begonnen hat.

Und ohne die Funktionsweise eines Computers zu verstehen, ist es heute fast unmöglich, als Jugendlicher in den gigantischen neuen Bereich der Internetberufe und verwandter Berufsstrukturen hineinzuwachsen.

Dazu gehört auch, Englisch zu sprechen, und das wiederum bedeutet in den meisten Entwicklungsländern, die traditionelle Weise, Sprachen zu unterrichten zu reformieren und der Funktionsweise des Gehirns anzupassen. Sprachen lernt man nun einmal nicht durch Grammatik, oder anders gesagt, keine Grammatik ist notwendig, um eine Sprache perfekt zu erlernen. Wir alle lernten unsere Muttersprache als Kind ohne Grammatik, und warum das so ist, wurde inzwischen weitgehend erforscht. Um also Anschluss an die technologische Revolution zu finden, ist in den meisten Entwicklungsländern meiner Erfahrung nach nicht nur Geld vonnöten, sondern auch ein totales Umdenken, das nicht selten einen gewissen Bruch mit der Tradition erfordert.

Das Internet hat traditionelle ökonomische Strukturen nachhaltig verändert; mit anderen Worten, es hat ein alternatives Wirtschaftskonzept eingeführt.

Parallel zur Kreation der Softwareindustrie, würde das Shareware Konzept eingeführt als eine neue, bislang unbekannte Weise, Handel zu treiben oder ein Produkt zu verkaufen. Das Neue besteht gerade darin, dass das Produkt nicht im herkömmlichen Sinne ‘verkauft’ wird. Rechtlich gesehen besteht der Verkauf eines Produkts nämlich daran, dass das Produkt erst nach Zahlung des Kaufpreises übergeht. Spätere Zahlung wird rechtlich als Kredit gewertet und fällt als solches nicht unter den ursprünglichen Kaufvertrag. Während im täglichen Leben nur ein Geschäft abgeschlossen wird, so sieht das Recht eine späte Zahlung als einen separaten Kreditvertrag an. Auf der Rechtsebene gibt es einen solchen Link zwischen beiden Verträgen also nicht.

Es ist wichtig, dies im Auge zu behalten, wenn man sich das Shareware Konzept näher ansieht. Der revolutionäre Unterschied besteht hier nämlich gerade in der Tatsache, dass der ‘Verkäufer’ darauf vertraut, der ‘Käufer’ werde den Kaufpreis guten Willens letztlich zahlen, indem der die Software registrieren lässt. Dass in der Praxis viele Menschen dies niemals tun, ist Teil dieser Konstruktion. Es ist gewissermassen einkalkuliert. Dies ist ein sehr menschliches System, weil es die menschliche Schwäche in Betracht zieht; alle die, die ihre Shareware niemals registrieren, tun dies sicher nicht aus Böswilligkeit, sondern einfach, weil sie es vergessen oder nicht für notwendig finden. Man sagt sich, andere werden es schon tun, sodass der ‘Verkäufer’ letztlich zu seinem Recht kommen wird. Im Regelfall ist das erstaunlicherweise auch wahr, jedenfalls dann, wenn die Software wirklich sehr gut ist und nützlich.


Bereich Schule und Erziehung

Das Internet hat auch im Bereich Schule und Erziehung wirkliche Neuerungen gebracht. Ich erwähnte bereits weiter oben, dass es heute für viele Entwicklungsländer zum vitalen Interesse gehört, vom Technologietransfer begünstigt zu werden, da die Berufswahl in den meisten Ländern entscheidend davon abhängt, wie gut man Englisch spricht und wie viel man am Computer zu tun in der Lage ist.

Das sind nun einmal die Dinge, um die es sich dreht bei fast jeder Büroarbeit heute, egal in welcher Branche. Natürlich klingt das, wenn man es so liest, ziemlich reduktionistisch. Als ob es sonst nichts gäbe, das man wissen müsste! Natürlich gehört viel mehr zu einer guten Erziehung, als tippen und Englisch sprechen zu können.

Wenn ich mit meinem Hopi–Freund rede, tauche ich in eine Welt ein, in der tatsächlich diese Qualitäten recht wenig bedeuten. Es geht da um soviel anderes in der Kindererziehung, von dem man in unserer westlichen Kultur kaum eine Ahnung hat, um Rituale, Feste und Zeremonien das ganze Jahr hindurch, um eine Vielzahl religiöser Vorschriften, Bräuche und Traditionen, um den Ahnenkult, die Haltung allem Leben gegenüber, und so fort. Sie sehen deswegen unsere ‘Maschinenkultur’ auch mit unverhöhltem Mitleid an; sie erachten uns als verarmt!

Es ist sicher so, wenn man die Mehrheit der Menschen ansieht, die dem Konsum verschrieben sind. Aber aufgepasst, das sind nicht alle, und wenn man sowohl die führenden Schichten anschaut, als auch die, die das meiste Geld haben, und natürlich auch die Intellektuellen und Künstler, die ja auch irgendwie die Kultur mit formen, dann sieht das Bild unserer Westkultur schon ganz anders aus. Denn wir haben auch Bräuche, wir haben auch religiöse Rituale, wir haben auch eine Tradition, wir haben auch Feste und Zeremonien, wir haben auch, und vielfältige kulturelle Veranstaltungen, Musik, Oper, Museen, Vernissagen, und wir haben die Kultur in die Medien hineingetragen, und damit potentiell in jedes Haus, und in jede Familie.

Und wenn wir schon bei der Minderheit sind, die nicht dem Bild des müden Konsumbürgers mit mediokren Interessen entspricht, so kann es uns nicht entgehen, dass wir bei dieser Schicht unserer Gesellschaft ein Interesse für eine alternative Erziehung der Kinder finden, das nicht zu übersehen ist. In diesen Familien werden Kinder gemeinhin in Privatschulen geschickt, wo man sich dem einzelnen Kind mehr widmen kann, als in öffentlichen Schulen, und wo neue Erkenntnisse der Pädagogik relativ leicht Eingang finden können.

In diesen Schichten wird das Internet weder verdammt, noch gepriesen, es wird einfach genutzt, und damit wird ihm dann letztlich doch Recht getan. Es wird genutzt für all das, was es leisten kann, auch und gerade bei der Erziehung der Kinder. Und wenn es nur der guten alten Provinzialität ein und für alle Mal den Laufpass gegeben hätte, dann wäre es schon die Mühe wert gewesen!

Es ist eben heute nicht mehr so einfach, Ohren, Augen, Nase und Mund zu schliessen und von allem und nichts wissen zu wollen, ob man nun Schüler ist oder Politiker. Es kann einer kaum glauben, ernst genommen zu werden, wenn er sagt, diese oder jene Information ‘habe doch nicht in der Morgenzeitung gestanden.’ Heute ist jeder, jederzeit, total informiert — dem Anspruch nach jedenfalls. Und das ist ganz klar ein grosses Verdienst des Internet.


Die politische Ebene

Wenn es möglich war, dass sich unser Wirtschaftssystem veränderte mit dem Internet, und wenn es noch dazu einen Einfluss hatte auf unsere Kindererziehung, warum sollte es dann nicht auch auf der politischen Ebene seinen Nutzen zeigen? Es ist dies vielleicht nicht gerade eine Idee, die morgen früh um acht Uhr realisiert werden wird, aber ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass progressiv denkende Politiker die Idee eines Tages, sagen wir im Laufe der nächsten zwanzig Jahre, aufgreifen werden.

Allein Youtube, ein Google–Unternehmen, hat eine Revolution im Publizieren begründet, weil die gesamte, aber wirklich die gesamte Industrie, die in irgendeiner Weise mit Publikation zu tun hat, sei es Text, Musik, Film oder Hörspiel/Hörbuch in einer Weise über den Kopf gehauen wird, die einfach historisch ohne Beispiel ist.

Da brauchen wir gar nicht einmal von den Autoren zu reden, an die wohl keiner denkt! Wenn es keine Tantiemen mehr gibt, und Verlage ihre gesamte Produktion morgen auf Youtube und ähnlichen Netzwerken kopiert sehen, dann können wir einen gigantischen Teil der Wirtschaft beerdigen. Und doch scheint es, dass diese Entwicklung gewissermassen ‘im System’ steckt. Man muss nicht spezialisierter Anwalt zu sein, um zu erkennen, dass das traditionelle Urheberrecht viele negative Auswirkungen hat.

Und dass ich hier keinen Teufel an die Wand male, oder ein juristischer Haarsplitter bin zeigt allein die Tatsache, dass Youtube nun fast eine Milliarde Besucher pro Tag verbucht, das ist ein Siebtel der Weltbevölkerung! Unter uns gesagt erscheint es unwahrscheinlich, dass, wie auch immer Google aus vielen angestrengten Urheberrechtsprozessen hervorgehen wird, Youtube wieder abgeschafft werden wird. Es ist einfach nicht mehr wegdenkbar. Hier ist die neueste Statistik:

  • YouTube hat mehr als eine Milliarde Benutzer;
  • Jeden Tag werden hunderte Millionen von Stunden damit verbracht, YouTube Videos anzuschauen, das sind Milliarden als Einschaltquote;
  • 300 Stunden Video werden jede Minute auf YouTube hochgeladen;
  • YouTube ist nun in 75 Ländern verfügbar und in 61 Sprachen.

Und wenn ich den Fall Youtube nun extrapoliere und als einen juristischen Präzedenzfall werten würde? Dann muss ich ehrlich feststellen, dass unser altvertrautes Urheberrecht im Kamin verbrannt wurde.

Und weiter könnte man schliessen, dass Youtube ein politischen Gewicht bekommen wird. Lassen Sie es mich salopp einmal so ausdrücken: ‘Wenn eine Milliarde Menschen etwas erschaffen wollen oder etwas abschaffen wollen, wird sie kein Politiker der Welt und keine Polizeimacht daran hindern können.’ Das bedeutet dann aber auch, dass diese Milliarde von Menschen effektive politische Macht haben, wenn sie sich auch zu diesem Zeitpunkt vielleicht dessen noch nicht bewusst sind …

Nur nebenbei möchte ich hier erwähnen, dass die amerikanische Regierung sich dieser Implikationen wohl im Klaren ist, und nicht erst, seit Obama Präsident ist. Bereits die Bush Administration hat eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um Youtube einmal näher unter die Lupe zu nehmen, und die Formulierung, die gebraucht war vom Regierungssprecher klang eigentlich ausnahmsweise einmal ziemlich positiv.

Es hiess, man wolle die persönliche Kreativität der Menschen, die auf Youtube publizieren, wenn möglich zu Rate ziehen in der Zukunft, wenn es um politische Entscheidungen ginge. Das war meines Erachtens eine gewichtige Äusserung, auch und gerade, weil sie von einer erzkonservativen Regierungsspitze kam.

Jetzt, unter Obama, sehen die Dinge ohnehin anders aus, als diese moderne, junge und intelligente Administration das Internet ganz bewusst und systematisch heranzieht zur Informationsfindung, und zur effektiven Propagation politischer Strategien und Entscheidungen.

Obama hat denn auch ein direktes Votieren eingeführt, das unter keinem seiner Amtsvorgänger je praktiziert worden war. Er legt eine Strategie dar in einem oder mehreren Videos, und Internetnutzer können dann ein direktes Feedback geben, indem sie ein einfach verständliches Formular ausfüllen, und ihre Meinung kundgeben.

All dies wird dann von Computern ausgewertet und dient nicht nur der Entscheidungsfindung, sondern, was vielleicht noch wichtiger ist, als Stimmungsbarometer.

Ich habe keine konkreten Plan hier anzubieten, wie es denn nun von Youtube zu den Vereinigten Staaten der Welt kommen wird, aber ich möchte den Leser bitten, dieses Thema ernst zu nehmen und selbst weiter zu forschen, um meine Idee entweder zu falsifizieren und als Utopie zu entlarven, oder aber zu sehen, wie und auf welchen Wegen sie sich langsam aber sicher realisiert.


Kritischer Rückblick

  • In diesem Artikel präsentierte und besprach ich eine Idee, die ich seit einigen Jahren untersuche, nachdem ich durch den Einmarsch der USA im Irak jede Hoffnung auf die Vereinten Nationen als Friedensbringer und Vorläufer einer Weltregierung aufgegeben hatte.
  • Die Evaluierung, die diese Militäraktion erfuhr vonseiten internationaler Anwälte und Professoren des Völkerrechts, war korrekt. Ich habe meine eigene Forschung vorgenommen, und die Fakten verifiziert. Es handelte sich bei dieser Aktion um eine klare und flagrante Verletzung von Artikel 2(4) UN Charter und anderer strategischer Bestimmungen der Verfassung der Vereinten Nationen.
  • Im übrigen wurde in der Folge im Kriegsverlauf den meisten internationalen Konventionen für die Sicherung von Menschenrechten, gegen Tortur und zum Schutze der Zivilbevölkerung in einer in der Neuzeit eigentlich einzigartig bösartigen, willentlichen und sorglosen Weise zuwider gehandelt. Die gleiche Strategie totalen Krieges hat die USA auch in Afghanistan angewandt und die Opfer und das Leid dieser beiden Kriege sind hinreichend bekannt.
  • Was Laien weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass all dies den Völkerrechtler in keiner Weise überraschte, denn es war lange vor der Zeit bekannt, welch eine Farce die Vereinten Nationen heute darstellen im Weltsicherheitsgefüge.
  • Bereits während meiner Studien des Völkerrechts und meiner Doktorarbeit in Genf, wo ich täglich in der Rechtsbibliothek der Vereinten Nationen arbeitete und mit vielen internationalen Anwälten und Funktionären der Vereinten Nationen zusammenkam, sammelte ich Indizien für meine Intuition, dass die diese Organisation ein riesiger Wasserkopf ist und dass ihre Effektivität sich um die Zero–Marge bewegt. Das ist nicht nur deswegen so, weil, wie man meinen könnte, dort schlechtes Management herrscht, sondern weil die Staaten, die diese und andere internationale Organisationen gründeten, dies taten mit der üblichen Hintertür der Sicherung ihrer ‘vitalen Interessen.’
  • Im Völkerrecht ist anerkannt, dass ein Staat, zu was er auch immer sein Einverständnis gab, welche Verträge er auch immer mit anderen Staaten, bilateral oder multilateral abschloss, morgen sein Veto einlegen kann dagegen, wenn nur seine ‘vitalen Interessen’ betroffen sind. Unter diese Generalklausel lässt sich ebenso viel subsumieren, wie unter die Klausel der ‘öffentlichen Ordnung,’ die im Staatsrecht, also innerstaatlich, dazu benutzt wird, dem Bürger letztlich doch seine Grundfreiheiten wieder einzuschränken, wenn nur ‘die öffentliche Ordnung’ in Frage steht. In beiden Fällen handelt es sich um Klauseln, die dem staatsrechtlichen Bestimmtheitsgrundsatz widersprechen, die aber dennoch aus historischen und politischen Gründen bisher von keinem Verfassungsgericht der Welt als rechtswidrig erklärt wurden. Es sind daher Klauseln, die geradezu dazu geschaffen sind, der Willkür faschistisch eingestellter Staaten Vorschub zu leisten.
  • Hinzu kommt in diesem bereits trüben Gemälde unseres Völkerrechts, dass der Einzelne, das Individuum, die natürliche Person, nur insoweit etwas zu sagen hat auf internationaler Ebene, als sie Backup und Stimme bekommt vonseiten des diplomatischen Dienstes ihres Landes, aber nicht als Mensch. Das Völkerrecht gewährt wohlgemerkt nur einen Minimalstandard für den Einzelnen, denn es wurde ursprünglich nicht für gemeine Menschen geschaffen, sondern für Fürsten und Barone, die Herrscher, und dann später Staaten, als sich die Wirtschaftsordnung vom feudalen zum industriellen Besitztum wandelte.
  • Wenn man all dies einmal unvoreingenommen betrachtet, so wird einem klar, dass wir vom Frieden recht weit entfernt sind, denn all diese Strukturen sind eher dafür geschaffen, mit Kriegen zurechtzukommen, weswegen Krieg als sehr gewinnträchtige menschliche Betätigung perpetuiert wird. Wenn also Frieden unser Ziel ist, so kann dies offen gestanden nicht im Rahmen des bisherigen ‘Systems’ realisiert werden. Dies brachte mich vor Jahren auf die Idee, dass eine ganz neue Ordnung dafür erschaffen werden müsste, und dass diese Ordnung nicht von den Staaten, nicht von den Regierungen und nicht vom Völkerrecht in seiner traditionellen Form geschaffen werden kann.
  • Der Völkerbund war eine rein zwischenstaatliche Zusammenarbeit auf höchster Ebene; die Vereinten Nationen als Nachfolger des Völkerbundes haben den gleichen Status. Sie und alle anderen internationalen Organisationen sind von den Staaten gegründet wurden, also gewissermassen ‘von oben nach unten’ und der Weltbürger hat darin nichts, aber auch gar nichts mit zu reden. Es kam mir daher der Gedanke, dass eine funktionale internationale Gemeinschaft umgekehrt wachsen müsse, nämlich ‘von unten nach oben’ und ich sah dann, dass das Internet eine einzigartige Möglichkeit darbietet, diesen internationalen Zusammenschluss der Völker über alle Landesgrenzen hinweg zu bilden.
  • Ich habe diesen Gedanken bisher nirgends gefunden, und so war denn das Schreiben dieses Kapitels wahrhaft Pionierarbeit! Es scheint auch, dass der Gedanke den meisten Menschen als Utopie erscheint, denn ich habe auf eine erste Veröffentlichung dieser Idee auf dem Internet vor einigen Jahren keinerlei Kommentar erhalten. Und dennoch, wenn dies eine utopische Idee ist, so war es ebenfalls eine utopische Idee, dass das Internet aus einem Experiment des amerikanischen Militärs erwuchs, und dass Bill Gates, nachdem er der reichste Mann der Welt war, über die Hälfte seines Vermögens an die Gates Foundation übertrug, die sich immunschwacher Kinder weltweit annimmt. Ich könnte hier eine ganze Listen von solchen ‘Utopien’ aufführen, die während der letzten zehn Jahre weltweit realisiert wurden. Wir leben in einer Zeit grosser Transformationen und nichts ist eigentlich unmöglich heute.
  • Wenn ich die Idee eines weltweiten Zusammenschlusses realistisch als Völkerrechtler evaluiere, dann muss ich sagen, dass der traditionelle Ansatz, wenn er auch historisch erklärbar ist, eine sehr grosse Augenwischerei war, denn was geleistet wurde, war gigantische Geldverschwendung, viel Getue um Nichts, und so gut wie totale Ineffizienz.
  • Wenn man sich demgegenüber eine Organisation wie Wikipedia anschaut, die ganz auf dem Willen und der Energie von Freiwilligen beruht, und was da in weniger als einem Jahrzehnt auf die Beine gestellt wurde, dann kann man eigentlich nur noch positiv und enthusiastisch sein und es erscheint einem dann die Idee einer ‘Weltvereinigung durch die Vereinigung der Völker’ weniger utopisch als dies noch vor etwa fünfzig Jahren geklungen hätte in unseren Ohren.

©2015 Peter Fritz Walter. Some rights reserved.
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