Ein Essay über Dr. Wilhelm Reich und seine Forschung


Inhalt

Danksagungen
Einleitung
Zur Natur der Orgonenergie
Reichs Pionierarbeit
Reichs Wichtigste Entdeckungen
Reichs Faschismusforschung
Nachwort


Danksagungen

Für anregende und konstruktive Kritik an der ursprünglichen Version dieses Manuskripts danke ich Herrn Professor Bernd Senf, Schriftsteller, Volkswissenschaftler und Lebensenergieforscher in Berlin.

Professor Senf nahm sich die Mühe, das Manuskript zu lesen und zu korrigieren, und mich auf kleine und große Irrtümer hinzuweisen. Ich habe denn auch die Schrift von Grund auf überarbeitet und neu verfasst.

Auch danke ich Frau Mary Boyd Higgins, Direktorin und Kuratorin des Wilhelm Reich Infant Trust, mir in der wichtigen Frage Orgonenergie, eine Form der Bioelektrizität oder Energie eigener Art? konstruktiv weitergeholfen zu haben.


Einleitung

Orgonforschung oder Orgonomie sind wissenschaftliche Begriffe, die Wilhelm Reich selbst geprägt hat. Es geht um die Erforschung und wissenschaftliche Erklärung der kosmischen Lebensenergie.

In der westlichen Wissenschaftstradition wurden Wissenschaftler und bioenergetisch arbeitende Heiler wie Paracelsus, Emanuel Swedenborg, oder Franz Anton Mesmer, welche den Äther und die Existenz der Bioenergie beobachtet haben, von der offiziellen Wissenschaft geächtet oder ignoriert.

— Philippus Aureolus Theophrastus Bombast von Hohenheim, welcher unter dem Pseudonym Paracelsus (1493–1541) schrieb, war einer der bedeutendsten Vertreter der vorkartesianischen holistischen Wissenschaftstradition, und gleichzeitig ein phänomenal erfolgreicher Heiler und Alchimist. Er nannte die Bioenergie vis vitalis oder munia. Emanuel Swedenborg (1688–1772), bekannt für seine Forschungen über Spiritismus, nannte die Bioenergie geistige Energie. Franz–Anton Mesmer (1734–1815) hatte eine subtile Energie entdeckt, die er animalischen Magnetismus nannte.

Paracelsus musste sich mehrmals gerichtlich verantworten für seine spektakulären Heilerfolge, die man schwarzer Magie zuschrieb. Nach Auffassung der Kirche hatten nur offiziell anerkannte Heilige das Recht, Wunder zu wirken. Demzufolge schrieb die Inquisition der Kirche in allen anderen Fällen die Existenz von sogenannten Wundern oder Heilwundern schwarzer Magie zu. Mesmer war zeit seines Lebens verschmäht und verfolgt und Reich endete seine Tage im Gefängnis.

Und doch scheinen diese mutigen Männer etwas entdeckt zu haben für die westliche Kultur, was in der asiatischen Kultur seit Urzeiten als unstrittig gilt: die Existenz einer kosmischen, alles penetrierenden und erfüllenden vitalen Energie, auf der das Leben im Kosmos beruht.

Die Chinesen sprechen von ch’i, die Japaner von ki, die Deutschen von Lebensenergie oder Vitalkraft, die Franzosen von élan vital oder force nerveuse, die Angelsachsen von bioenergy, die Inder von kundalini oder prana und die meisten der Eingeborenenvölker von mana. Auch die alten Ägypter kannten die Vitalenergie.

Wir können vermuten, dass das altägyptische ka als die Energie angesehen wurde, die das Leben bringt und unterhält.

— Siehe Erman/Ranke, Ägypten und Ägyptisches Leben im Altertum (1981), p. 345.

Im Westen waren es vor Wilhelm Reich zum Beispiel Paracelsus und Mesmer, denen das Verdienst zukommt, in das mechanistische Konzept der Medizin eingebrochen zu sein und einen ganzheitlichen energetischen Ansatz zur Heilung zu erforschen und anzuwenden.

Bereits im Altertum, etwa bei Hippokrates, findet man übrigens Ansätze dazu. Abgesehen davon, haben die Esoteriker, die Magier, immer um diese Energie gewusst. Ganz besonders intensiv studierten die Kahuna Eingeborenen von Hawaii die Lehre vom Mana, und diese Lehre ist ein integraler Bestandteil ihrer Huna Religion und ihres Weltbildes.

— Siehe z.B. Max Long, Geheimes Wissen hinter Wundern (1953/2006), sowie Erika Nau, Selbstbewusst durch Huna (1989).

Dementsprechend ist die Anschauung, die die orientalische Wissenschaftstradition und die meisten tribalen Kulturen vom Leben haben, eine dynamisch–energetische. Das Paradigma jedoch nicht nur der kartesianischen westlichen Wissenschaft und Forschung, sondern bereits das aristotelische Wissenschaftsbild noch im Altertum waren statisch–materiell, versehen mit einem geistig–moralischen Überbau.

— Ich gebrauche bewusst den von Karl Marx geprägten Begriff des Überbaus, da er funktionell stimmig ist. Es handelt sich um einen Überbau nämlich deswegen, weil das sogenannte geistige oder spirituelle niemals wirklich in die offizielle westliche Philosophie und Wissenschaftstradition integriert waren. Heraklit und Demokrit waren hier die Ausnahmen und sozusagen die Gegenpole zu Aristoteles und dem theologischen Wissenschaftstheorem, das sich über Jahrhunderte auf Aristoteles berief. Erst jetzt beginnt der Hauptstrom der westlichen Wissenschaft, die integrative Intelligenz eines Heraklit zu verstehen, der in mancher Hinsicht mit Laotse im Osten verglichen werden kann.

Es ist dabei wohl offensichtlich, dass die unterschiedlichen Paradigmen der beiden Wissenschaftstraditionen verschiedene Forschungsresultate in jeder der beiden Traditionen gezeitigt haben. Der orientalische Wissenschaftler sieht das Leben durch eine dynamisch–energetische Brille, während der westliche Wissenschaftler es durch eine statisch–materielle betrachtet.

Das hatte vor langer Zeit bereits die Folge, dass die orientalische Wissenschaftstradition das Universum als erfüllt ansah, während die westliche Wissenschaft auch heute noch, unter Ausnahme da, wo Materie tatsächlich nachweisbar ist, von einem grundsätzlichen Vakuum ausgeht.

So konnte die westliche Tradition dahin gelangen, die Bioenergie zu leugnen, indem sie vehement die Existenz des Äthers in Abrede stellte. Das tat bekanntlich auch Einstein noch, während die Dinge sich unter der Quantenphysik offenbar nicht mehr so eindeutig darstellen. Von der Leugnung des Äthers ausgehend, war es folgerichtig für die reduktionistische westliche Wissenschaft, die Existenz der Aura abzustreiten.

Umso störender war dann für das wissenschaftliche Establishment im Westen die Tatsache, dass in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts der russische Arzt Dr. Kirlian die Aura von Pflanzen, Tieren und Menschen zum ersten Male fotografierte.

Danach mussten systemkonforme Wissenschaftler doch etwas mehr Klimmzüge machen, um am Weltbild der Ausblendung festhalten zu können.

Da nun Paracelsus, Swedenborg, Mesmer und Reich sicher nicht die einzigen waren, die die Geheimnisse des Lebens erforscht hatten und gegenüber einer kirchlich manipulierten öffentlichen Meinung vertraten, und auch weil sich die Erkenntnis um den Äther in den sogenannten esoterischen Wissenschaften wie zum Beispiel der Parapsychologie und auch in der Naturheilkunde als ungebrochene alternative Tradition erhalten hat, haben sich im Westen, ganz ähnlich wie im Osten, effektive Heilmethoden wie Phytotherapie und Homöopathie entwickelt, sogar bevor die Akupunktur bekannt war.

In den asiatischen Ländern, demgegenüber, und hier vor allem in China und Japan, brauchte sich die Wahrheit nicht zu verstecken, weil es ein religionsbedingtes Dogma der Wissensausblendung im Orient niemals gegeben hat. Von daher entdeckte die orientalische Wissenschaft schon sehr früh die Meridiane oder Energiebahnen im Körper und entwickelte darauf basierend ein sehr effektives Heilsystem: Akupunktur und Akupressur.

Bis heute lehnt es der Hauptstrom der westlichen Wissenschaft ab, den Äther anzuerkennen. Diese Ausblendung ist umso eigentümlicher, als die Akupunktur inzwischen von der westlichen Medizin anerkannt ist, wenn sie auch bis heute, mangels Verständnis ihrer Wirkungsweise, nicht wirklich in die westliche Medizin integriert wurde. Die Wissenschaftstheorie ist dem leider nicht gefolgt, was die abnorme Situation hervorgerufen hat, dass man etwas anwendet, was man im Prinzip nicht erklären kann.

— Desgleichen, wenn es um magnetische Heilung geht. Da schreibt ein Arzt auf der Beratungswebseite von Fernsehstation Sat 3 über den Magnetismus: ‘Mit den modernen Möglichkeiten der Medizin und Physik ist es Forschern nunmehr gelungen, die Magnetfeldtherapie auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen. Noch sind nicht alle Fragen geklärt, doch findet die Bio–Elektro–Magnetische–Energie–Regulation (BEMER) immer öfter Eingang in die Therapie verschiedenster Krankheitsbilder.’


Zur Natur der Orgonenergie

Nun stellt sich natürlich gleich zu anfangs die Frage, um was für eine Energie es sich handelt bei der Orgonenergie oder der kosmischen Lebensenergie? Ist es etwa eine Form von Elektrizität, oder eine Bioelektrizität, oder etwa eine Spielart des Elektromagnetismus?

Wilhelm Reich hatte sich diese Frage mehrfach gestellt in seinem Leben und präzisierte nach und nach seine wissenschaftliche Terminologie. Während er vor der Formulierung der Orgonomie in der Tat noch von Bioelektrizität sprach, so revidierte er die frühe Terminologie später ausdrücklich, indem er betonte, dass die Orgonenergie wohl elektrische und thermische Phänomene hervorbringe, nicht aber mit ihnen identisch sei.

— Diese Erkenntnis verdanke ich Bernd Senf, Autor und Lebensenergetiker, Berlin und Frau Mary Boyd Higgins, Direktorin und Kuratorin des Wilhelm Reich Infant Trust, Rangeley, Maine, USA.

Demzufolge beruht Magnetismus vermutlich nicht auf Elektrizität oder statischer Elektrizität, wie es die westliche Wissenschaft annimmt, sondern auf Orgonenergie.

Nach den Erkenntnissen von Reich und der Bewusstseinsöffnung, die seine bioenergetische Forschung hervorgebracht hat, beginnt man zu verstehen, warum die moderne Physik alles tut, um die mechanistische Betrachtungsweise der Realität so weit als möglich hinüberzuretten in die Quantenphysik, welche mit ihren Teilchenbeschleunigern jedes Jahr Millionen verschlingt, statt sich einmal zu überlegen, wie sie die Existenz der Orgonenergie konstruktiv in ihre bestehenden mathematisch–physikalischen Modelle einbinden könnte, oder aber diese Modelle abändern müsste, um sie an ein erweitertes Verständnis der Realität anzupassen.

Dennoch scheint bis heute die westliche Wissenschaft an der Leugnung der Existenz einer kosmischen Lebensenergie festhalten zu wollen. So schreibt der bekannte Atomphysiker und Buchautor Fritjof Capra, der als einer der wenigen die Orgonforschung Wilhelm Reichs als interessant und konstruktiv würdigte:

Von Anfang seiner medizinischen Forschungen war Reich sehr interessiert zu erfahren, welche Rolle der Energie in der Funktionalität lebender Organismen zukommt, und eines seiner Hauptziele in seiner psychoanalytischen Arbeit war es, den Sexualtrieb, oder Libido, welche Freud als abstrakte psychologische Kraft ansah, mit dem konkreten Energiefluss im physischen Organismus in Zusammenhang zu bringen. Dieser Ansatz führte Reich zum Konzept der Bioenergie, einer wesentlichen Energie, welche den gesamten Organismus erfüllt und durchdringt, und die sowohl in den Emotionen, als durch den Fluss der Körpersäfte und anderen biophysikalische Bewegungen ihren Ausdruck findet. Bioenergie fließt Reich zufolge in wellenartiger Weise und ihre grundlegende dynamische Charakteristik ist Pulsation.’

— Fritjof Capra, The Turning Point (1987), p. 377 (Übersetzung meine). Das Buch ist in deutscher Sprache bei Droemer/Knaur unter dem Titel Wendezeit (2004) erschienen.

Dann schreibt Capra jedoch, dass trotz der Verdienste der Orgonforschung die Annahme des Äthers ein Irrtum sei, ‘wie schon Albert Einstein nachgewiesen habe.’

Eine dieser Entwicklungen des 19. Jahrhunderts war die Entdeckung und Untersuchung elektrischer und magnetischer Phänomene, die einen neuen Typus von Kraft zum Inhalt hatten und die mit dem mechanistischen Modell nicht akkurat beschrieben werden konnten. Der wichtige Schritt war eingeleitet von Michael Faraday und zu Ende geführt von Clark Maxwell — der erste von ihnen einer der großen Experimentatoren der Wissenschaftsgeschichte, der zweite ein brillanter Theoretiker. Faraday und Maxwell haben nicht nur die Effekte der elektrischen und magnetischen Kräfte studiert, sondern richteten ihre Aufmerksamkeit in ihrer Untersuchung direkt auf diese Kräfte. Indem sie das Konzept der Kraft durch das viel subtilere Konzept des Kraftfeldes ersetzten, waren sie die ersten, die die Newtonsche Physik überwunden haben, indem sie zeigten, dass die Kraftfelder ihre eigene Realität hatten und ohne jede Referenz zu materiellen Körper studiert werden konnten. Diese Theorie, Elektrodynamik genannt, kulminierte in der Entdeckung, dass das Licht eigentlich ein schnell alternierendes elektromagnetisches Kraftfeld darstellt, das in Form von Wellen durch den Raum sich bewegt. Trotz dieser weitreichenden Veränderungen, behielt die Newtonsche Mechanik weiterhin ihre Position als die Grundlage aller Physik. Maxwell selbst versuchte seine Resultate in mechanistischen Ausdrücken zu formulieren, indem er Kraftfelder ansah als Zustände mechanischer Spannung innerhalb eines sehr leichten und alles durchdringenden Mediums, welches er Äther nannte, und die elektromagnetischen Wellen als elastische Wellen dieses Äthers ansah. Allerdings gebrauchte er zu gleicher Zeit mehrere mechanistische Interpretationen dieser Theorie und nahm augenscheinlich keine davon wirklich ernst, weil er intuitiv wusste, dass die grundlegenden Bestandteile seiner Theorie die Felder waren und nicht die mechanischen Modelle. Es war dann Einstein, der klar diese Tatsache für unser Jahrhundert erkannte, als er erklärte, dass der Äther nicht existiere, und dass die elektromagnetischen Felder physikalische Gegebenheiten eigener Art seien, die durch leeren Raum drängten und mechanisch nicht erklärt werden könnten.

— Fritjof Capra, The Turning Point (1987), p. 57 (Übersetzung meine).

Nach diesen spärlichen Ausführungen Capras zu der letztlich einzig erheblichen Frage, wie denn nun Albert Einstein zur Existenz des Äthers stand, sehe ich einen Nachweis, Einstein habe die Existenz des Äthers wissenschaftlich widerlegt, als nicht erbracht an!

Dass Einstein den Äther nicht anerkannte, steht wohl ausser Frage, aber ob seine Auffassung hier wissenschaftlich exakt war, ist sehr zweifelhaft, wie neuere Evaluationen des sogenannten Michelson–Morley Experimentes, auf das sich Einstein vornehmlich stützte bei seiner Argumentation, ergeben haben. Immerhin hat Einstein in den 20er Jahren immer wieder öffentlich vertreten, die Existenz des Äthers als eine Art von Konduktorsubstanz für das Licht sei nicht wegzudenken, wenn man die Relativitätstheorie ernst nehme.

Im übrigen ist es wissenschaftsmethodisch ein Unterschied, ob ein Forscher ein bestimmtes Phänomen oder eine bestimmte Theorie nicht anerkennt, oder ob er das Phänomen oder die Theorie mit wissenschaftlicher Methodik widerlegt hat. Und letzteres hat Einstein ganz klar nicht getan, und damit hängt Capras Argumentation bezüglich des Äthers in der Luft!

Darüber hinaus ist ein sehr interessanter Streitpunkt, welcher Gegenstand der sogenannten Reich–Einstein Affäre war; doch bis heute ist er offen geblieben. In dieser historisch belegten wissenschaftlichen Korrespondenz zwischen Wilhelm Reich und Albert Einstein ging es um eine verblüffende Temperaturdifferenz am Orgonakkumulator, die dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, sogenanntes Entropiegesetz, widersprach.

Die Webseite des Wilhelm Reich Trusts in Rangeley, Maine führt dazu aus:

Am 30. Dezember 1940 schrieb Reich einen Brief an Albert Einstein, in welchem er ihn darum bat, mit ihm eine schwierige und dringende wissenschaftliche Angelegenheit zu besprechen. Es ginge namentlich um die Entdeckung einer spezifisch biologisch wirkenden Energie, die in vielerlei Hinsicht verschieden reagiere verglichen mit dem, was man über elektromagnetische Energie wisse. Sie trafen sich bald darauf und dieser Dokumentarband veröffentlicht ihre darauf folgende Korrespondenz, ganz besonders im Hinblick auf das Temperaturdifferenz–Experiment am Orgonakkumulator.

Diese Quelle genügt eigentlich bereits, um die Ausführungen Capras als neben der Sache zu erklären, denn bei der Orgonenergie handelt es sich Reich zufolge eben nicht um elektromagnetische Felder.

Die Begebenheit verlief so, dass, obwohl Einstein sich verblüfft zeigte, als er die Temperaturdifferenz am oberen Ende des Akkumulators konstatierte, die dem Entropiegesetz widersprach, er ‘methodologische Einwände’ gegen den Versuchsaufbau vorbrachte. Reich antwortete ihm daraufhin, erhielt jedoch von Einstein keine Erwiderung mehr.


Reichs Pionierarbeit

Ich möchte zunächst einige Studien erwähnen, welche die zum Teil schwer verständlichen Erkenntnisse Reichs im einzelnen nachzeichnen. Aus einer Fülle von Publikationen in deutscher Sprache habe ich diejenigen ausgewählt, die ich selbst kenne und gelesen habe.

  • Bernd Senf, Die Wiederentdeckung des Lebendigen (1996/2003);
  • Bernd Senf, in: Nach Reich: Neue Forschungen zur Orgonomie (1997);
  • David Boadalla, Wilhelm Reich: Leben und Werk (1980);
  • Myron Sharaf, Wilhelm Reich (1994);
  • Ola Raknes, Wilhelm Reich und die Orgonomie (1983).

Ein neues globales Bewusstsein ist im Wachsen und ganzheitliches Denken wird immer gefragter, umso mehr als stringente globale Probleme auch globale Lösungen verlangen.

Das ist jedermann inzwischen bekannt hinsichtlich der Umweltprobleme, die in der Regel Landesgrenzen überschreiten und deren Komplexität die Intelligenz und das Wissen einzelner Fachleute bei weitem überfordert. Nur eine neue Art von Denken, von Verstehen ganzheitlicher oder holistischer Zusammenhänge kann zu vitalen und in der Tat überlebenswichtigen Lösungsansätzen führen. Man spricht hier auch von ökologischem Denken oder Bewusstsein.

Wilhelm Reich war ein Pionier auf diesem Gebiet, zu einer Zeit, als noch niemand von interdisziplinärer Forschung sprach und ein holistisches Bewusstsein für die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler ein Fremdwort war. Wilhelm Reich kann daher als eine Art von Mittelsmann zwischen Ost und West angesehen werden. Denn seine Entdeckung und wissenschaftliche Erforschung der Bioenergie war kein neues und gelobtes Land, sondern reihte sich ein in eine alte Tradition, welche, obwohl sie im Westen als ketzerisch verschrieen war, doch wohl existiert hat.

Allerdings muss auch gesehen werden, dass schon lange vor Wilhelm Reich geniale Geister lebten und Gelehrte des antiken Indien, China, Babylon, Ägypten, Kreta und anderer Hochkulturen über diese Kraft wussten, die am Ursprung allen Lebens ist. Allein Reich tendierte dazu, diese Schriften, ganz im Zuge der positivistischen Wissenschaftsära, der er erspross, als unwissenschaftlich oder als rein philosophisch zu betrachten.

In den Archiven von Reichs Orgonon Institut in Maine wurde die folgende autobiographische Notiz von Wilhelm Reich gefunden:

Ich bin mir wohl bewusst der Tatsache, dass die Menschheit über Jahrhunderte von der Existenz einer universalen, auf lebende Vorgänge bezogenen Energie, gewusst hat. Die grundlegende Aufgabe der Naturwissenschaft war es jedoch, diese Energie nutzbar zu machen. Das ist der einzige Unterschied zwischen meiner Arbeit und allem Wissen, das ihr vorausging.

Diese Blickverengung Reichs, die offenbar nur der Naturwissenschaft zugestand, praktisch nutzbare wissenschaftliche Erkenntnisse zutage zu fördern, mag ein Grund für seine spätere Vereinsamung gewesen sein.

Aus den Zirkeln seiner Standesgenossen und der Naturwissenschaftler verbannt, ermangelte es ihm an Toleranz und Offenheit im Verständnis von Erkenntnisquellen, die außerhalb der damaligen Wissenschaft lagen. Ich meine hiermit Esoteriker, Paranormale, Clairvoyants, Naturheiler, Lebensberater, Geistheiler, Reikimeister, Zenmeister oder Akupunkteure und Yogis — denn sie alle wissen das, was Reich angeblich als neu entdeckte, seit Urzeiten.

Und nicht nur wissen sie es, sie arbeiten tagtäglich mit dieser Energie, die die Wissenschaft hehr und heilig ableugnet wie den biblischen Teufel! Wäre Reich weniger Mediziner und mehr Heiler gewesen, so hätte er diese Quellen nicht verschmäht. Mit anderen Worten, für Parapsychologen war und ist die Existenz des Äthers und der Lebensenergie, die Reich wissenschaftlich zu beweisen und anwendbar zu machen suchte, denn auch ein undiskutables Faktum.

Indessen mag es sein, dass Reich sich von solchen Erkenntnisquellen bewusst fern hielt im Glauben, dass damit die Reinheit seiner Forschungen beeinträchtigt und er als Spiritist abgetan werden würde.

Viele Klimmzüge indessen, die er in seinen Forschungen machte, wären ihm erspart geblieben, hätte er nicht so sehr um seinen Ruf als integrer Naturwissenschaftler gefürchtet. Reich wollte letztlich als seriöser Forscher angesehen werden unter seinesgleichen, und wurde doch und dennoch von vielen seiner Standesgenossen als Paranoiker abgetan.

So blieb denn letztlich seine Bemühung, von Seiten seiner wissenschaftlichen Zeitgenossen Anerkennung zu finden, fruchtlos, während er sicher Anerkennung von wahrhaft holistisch denkenden Forschern und Heilern mit grossem wissenschaftlichem und menschlichem Gewinn hätte erhalten können.

Ärzte waren in der gesamten westlichen Wissenschaftstradition notorisch die härtesten Gegner der Wahrheit, und sie haben alles getan, um die Beschränktheit der westlichen Medizin als reduktionistisches Weltbild par excellence aufrechtzuerhalten! Als alternativer Forscher von diesem erzkonservativen Establishment Anerkennung zu erwarten, grenzt an Naivität.

Was die Abgrenzung von Wissenschaft von Philosophie anbetrifft, so ist anzumerken, dass im Altertum die Philosophie als die Königin der Wissenschaften angesehen wurde; sie umfasste daher namentlich auch die Naturwissenschaft, auf die allein die meisten modernen Wissenschaftler scheuklappenartig fixiert sind. Das ursprüngliche antike Konzept von philos sophia umfasste neben der Naturwissenschaft auch die Astrologie, die Numerologie, die Magie und überhaupt alle Wissensbereiche, die wir heute der hermetischen Wissenschaft zuordnen. Daher war der antike Weise ein ganzheitlich orientierter Forscher, wie es Reich auch war, und nicht ein fragmentierter Spezialist. Daher mutet es eigenartig an, dass Reich der holistischen Wissenschaftstradition zu keinem Zeitpunkt ein seriöses Interesse entgegenbrachte.

Zwar beauftragte er seinen Assistenten Arthur Hahn damit, ihm eine Übersicht zu erstellen über die wie er es nannte, philosophischen Konzepte der Lebensenergie, was in einem Rapport resultierte, der in Originalfassung in Die Bione abgedruckt war und den ich in englischer Übersetzung beim Wilhelm Reich Trust in Maine bezog, zitierte jedoch in keiner seiner Schriften aus dieser Untersuchung.

Dieser Forschungsbericht, der mit A Review of the Theories, dating from the 17th Century, on the Origin of Organic Life betitelt ist, und der nicht einmal ein Inhaltsverzeichnis enthält, ist ein einfach unglaubliches Dokument. Da heißt es auf der ersten Seite, Aristoteles habe unterrichtet, dass irgendein stofflich trockener Gegenstand, der feucht werde, Tiere erzeuge. Rezepte zur Erzeugung von Mäusen und Fröschen aus Schlamm seien noch im 16. und 17. Jahrhundert publiziert worden, zum Beispiel von dem Forscher van Helmont.

Ähnliche Anweisungen fänden sich in den Epistola, 75, 1692, von Leeuwenhoek und die naturstudierenden Theologen des 17. Jahrhunderts, Kircher und Bonnani, hätten unterrichtet, dass die Natur niedrige Tiere spontan habe hervorbringen müssen, da die Bibel keines dieser Tiere erwähne in der göttlichen Anweisung an Noah zu ihrer Rettung vor der Sintflut. Die Bibel berichte im übrigen die Geschichte eines Bienenschwarms, der aus einem toten Löwen hervorgegangen sei.

Inzwischen hat die moderne Biologie zugegeben, dass die ursprüngliche strikte Abgrenzung zwischen nichtlebender und lebender Materie unhaltbar sei und dass der Übergang, wie schon in den alten Dokumenten berichtet, von nichtlebender zu lebender Materie eine wissenschaftliche Konstante sei, die die moderne Systemtheorie voll und ganz anerkenne. Aber zu Reichs Lebenszeit war dies noch sehr umstritten.


Reichs Wichtigste Entdeckungen

Was waren nun die wesentlichen Entdeckungen, die Wilhelm Reich hinsichtlich unserer Lebensfunktionen machte, und wie kam er dazu?

Reich wandte sich nach abgeschlossenem Medizinstudium zunächst der Psychoanalyse zu und wurde einer der, wie es vielfach geschrieben wird, brillantesten Schüler von Sigmund Freud. Jedoch trat Reich schon bald in offenen Gegensatz zu Freud, indem er die psychoanalytische Methode in hohem Masse unbegreifbar, mythisch und wissenschaftlich kaum verifizierbar fand.

Reich war viel weniger an Psychologie, als an Sexologie interessiert, und sein Ansatz der Heilung basierte auf der psychosomatischen Einheit in der Ätiologie aller Krankheiten, die er denn auch folgerichtig als Störungen der Vitalenergie diagnostizierte.

Zwanzig Jahre vor Masters & Johnson untersuchte Reich mit modernen wissenschaftlichen Methoden das Phänomen der sexuellen Klimax. Ausgangspunkt, bereits bei Freud, war, dass alle Neurosen ihre Ursache letztlich in einer blockierten Sexualfunktion haben.

Reich ging jedoch weiter in seinen Schlussfolgerungen, als die damalige psychoanalytische Schule: er sah den kollektiven Aspekt der Neurose als Kulturerscheinung, und definierte die ersten Umrisse dessen, was andere Autoren nach ihm als die kranke Gesellschaft bezeichneten. Freud soll diesem eher soziologischen Ansatz Reichs einmal autoritativ entgegengetreten sein mit dem kurzen Ausspruch: Die Kultur geht vor!

So war es denn auch nicht verwunderlich, dass Reich, der zeitweilig Mitglied der KPD war, als Bilderstürmer, Kulturfeind oder gar Kommunist abgestempelt wurde. Die Diskussion um ihn wurde in hohem Masse emotional und irrational. Tatsächlich hatte Reich sich eine zeitlang politisch engagiert, vor allem innerhalb der von ihm ins Leben gerufenen Sexpol–Bewegung. Diese Aktivitäten, die er später einstellte, gereichten seinem wissenschaftlichen Ruf zum Nachteil, ändern jedoch nichts an der Brillanz seiner Tätigkeit als Wissenschaftler.

Reichs vielleicht größtes Verdienst liegt im Erkennen und der wissenschaftlichen Ausarbeitung des Prinzips der Sexualökonomie (sex economy), welches eine grundlegende Organisationsstruktur des Lebens, seiner Erschaffung und seiner Erhaltung, darstellt. Darüber hinaus definierte Reich diesen Begriff als eine Art Programm zur Reintegration der Sexualität in eine geordnete individuelle und kollektive Lebensweise, die Gesundheit und Wachstum fördert.

Wichtigster Bestandteil dieses Prinzips ist der Grundsatz der Selbstregulierung. Reich fand dies durch schlichte Naturbeobachtung heraus.

Die Natur organisiert sich anders als die traditionelle menschliche Gesellschaft in einem freien Spiel der Kräfte. Das Wetter, alle Zyklen des Lebens von seiner Entstehung bis zu seinem Ende, der Prozess von Gesundheit und Krankheit, alles das unterliegt der Selbstregulierung.

Diese Prozesse laufen von selbst ab, nach einer Art Programm, das die Natur dafür vorsieht und das gleichzeitig sehr einfach und sehr komplex ist.

Aus der Beobachtung dieser Grundmechanismen der Natur leitete Reich Heilmethoden ab für Neurosen und sexuelle Anomalien, bis hin zu Besserungsmöglichkeiten von Paranoia, Schizophrenie und den sogenannten Zivilisationskrankheiten, Krebs, Rheuma, Herzkrankheit, Asthma, Arthritis und Sichtproblemen. Selbstregulierung wurde von Reich angestrebt, um die Pulsation des Bioplasmas, die bei all diesen Erkrankungen typischerweise verlangsamt oder blockiert ist, wieder in Gang zu bringen.

Reich beobachtete namentlich in seiner Erforschung des Orgasmus, dass es sich hierbei um einen bioenergetischen Spannungs–Entladungsprozess handelt, der das Bioplasma erregt und in eine rhythmische Pulsation bringt.

Dabei, so stellte er fest, laufen energetische Prozesse in der Zelle ab, die den Zellmetabolismus positiv beeinflussen.

So kam er, durch die wissenschaftliche Erforschung des Orgasmus als einer Plasmazuckung zu der Entdeckung dessen, was er Orgon nannte. Orgon, oder Orgonenergie war der Begriff, den Reich gebrauchte, um die spezifisch bioplasmatische Energie terminologisch zu beschreiben, deren Existenz und Wirkungsweise er in all seinen Untersuchungen beobachten konnte.

Reich fand somit eine biologische Untermauerung der psychoanalytischen Neurosenlehre. Er konnte den Schluss ziehen, dass eine ungehinderte Sexualfunktion conditio sine qua non für den Orgonmetabolismus in der Zelle und damit für emotionale, sexuelle und körperliche Gesundheit ist. Ob Reich dies wusste oder nicht, so bestätigte er hiermit durch okzidentale Wissenschaftsmethodologie und Beobachtung die alte chinesische Medizin und Grundlehre der Akupunktur.

— Siehe hierzu Bernd Senfs Untersuchung Wilhelm Reich — Entdecker der Akupunkturenergie?, veröffentlicht in der Zeitschrift Emotion, auch einzusehen auf der bereits zitierten Bernd Senf Webseite, www.berndsenf.de.

Als eine für die damalige Zeit revolutionäre Folgerung dieser Erkenntnis, fand Reich empirische Beweise für die These, dass bei Zivilisationserkrankungen Störungen der bioplasmatischen Energiezirkulation einen wichtigen Faktor in der Ätiologie dieser Krankheiten bilden.

Die Entwicklung dieser Hypothese Reichs, bis hin zu ihrer wissenschaftlichen Verifizierung in vielen verschiedenen Untersuchungen und Fallberichten, und dem nüchternen Aufzählen von zum Teil spektakulären Behandlungserfolgen bei hoffnungslosen Krebsfällen, macht den Inhalt von Reichs vielleicht wichtigstem Werk, der Krebsbiopathie (cancer biopathy), aus.

— Siehe Wilhelm Reich, Die Entdeckung des Orgons II, Der Krebs, Originalausgabe The Cancer Biopathy (1948/1974). Bernd Senf verdanke ich den Hinweis, dass bestimmte Probleme auch bei Reichs Krebsbehandlungen noch ungelöst blieben, und zwar die Entsorgung der aufgelösten Tumormasse und die Wiederkehr von Angstneurosen bei Zufuhr von Orgonenergie.

Die Fachwelt nahm jedoch kaum Notiz von Reichs Lebenswerk und eine negativ gestimmte öffentliche Meinung machte seine Arbeit zeitweise zu einer Qual, ähnlich wie dies zuvor Anton Mesmer erging.

— Siehe Carl Kiesewetter, Franz Anton Mesmer’s Leben und Lehre (1893), Justinus Kerner, F.A. Mesmer aus Schwaben (1856), Rudolf Tischner, F.A. Mesmer (1928), Stefan Zweig, Die Heilung durch den Geist (1931), Maria M. Tatar, Spellbound, Studies on Mesmerism and Literature (1978), Franklin Rausky, Mesmer ou la révolution thérapeutique (1977), Franz Anton Mesmer und die Geschichte des Mesmerismus (1985).

Im übrigen wusste Reich, dass Otto Fenichel, ehemaliger Studienkollege von ihm, Urheber der Gerüchte war, Reich sei paranoid.

Von verschiedenen glaubwürdigen Quellen ist bezeugt, dass es sich bei diesen Gerüchten um schlichte Verleumdung handelte, die darauf abzielte, Reich als Wissenschaftler unglaubwürdig zu machen und seine Erkenntnisse, die den kommerziellen Interessen mancher Leute oder ganzer Industrien zuwiderliefen, totzuschweigen.

— Siehe Wilhelm Reich, Menschen im Staat (1982), p. 227. Ebenso die Biographie Reichs, geschrieben von seiner zweiten Frau, Ilse Ollendorf–Reich, Wilhelm Reich (1975), p. 56. Auch Alexander Sutherland Neill, der Gründer der Summerhill Schule in England, Reichs langjähriger Freund, schrieb im Vorwort zu Frau Reichs Biographie, dass die angebliche Geisteskrankheit Reichs eine infame Verleumdung seiner Gegner war. Siehe dazu auch allgemein die vorerwähnte Biographie von Myron Sharaf, Wilhelm Reich (1983) p. 9: ‘Seit 1934 kursiert in aller Welt ein Gerücht, Reich sei geisteskrank, schizophren oder paranoid gewesen. Es taucht in den verschiedensten Variationen immer wieder auf und hat sogar in Lexika Eingang gefunden. Es handelt sich dabei um Rufmord und Verleumdung: Reich war nie geisteskrank.’

Nachdem Reich Deutschland wegen der aufkeimenden nationalsozialistischen Bewegung verlassen hatte und in Dänemark seine wissenschaftlichen Forschungen fortsetzte, wurde er 1934 aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen und siedelte sich dann in Schweden und danach in Oslo, Norwegen an. Aber auch da ging schon bald darauf eine infame Pressekampagne auf ihn nieder, während doch einige Mitarbeiter wie Ola Raknes treu zu ihm hielten.

Und es klingt unglaublich, aber es geschah: ein grosser Teil von Reichs Büchern, nachdem er von den Amerikanern zu Unrecht ins Gefängnis geworfen wurde und dort verstarb, wurde auf gerichtlichen Beschluss hin öffentlich verbrannt! Es waren einige Tonnen von Büchern …

— Der Gerichtsbeschluss und Reichs Verteidigungsschrift sind abgedruckt in: Selected Writings, An Introduction to Orgonomy (1973), Appendix. Eine detaillierte Schilderung von Reichs Leben und seinem tragischen Ende bietet die vorzitierte Biographie Reichs von Myron Sharaf.

Erst in den 70er Jahren konnten Reichs Werke im Trend der allgemeinen Liberalisierung der Sexualität und der Aufhebung des Redetabus über sexuelle Dinge wiedererscheinen. Doch sogar in unseren Tagen werden Reichs Werke vielfach totgeschwiegen, übersehen oder einfach stillschweigend plagiiert.

Es fällt auf, dass Reich kollektive Phänomene, wie sie uns heute im allgemeinen Bewusstsein sind, bereits im Jahre 1942 mit frappierender Klarheit gesehen und analysiert hatte. Vor allem ist erstaunlich, inwieweit der Arzt Reich politische oder, wie wir heute sagen würden, ökologische Zusammenhänge synthetisch erfasste und in holistischer Sicht offen legte.

Nur ein Genie war dazu fähig, jemand, der weit über seinem eigentlichen Fachgebiet stand und der in der Lage war, die pathologische Charakterstruktur des Menschentieres zu erkennen und zu analysieren.

— Letztlich können viele der Erkenntnisse der heutigen Autoritäten wie Alexander Lowen, Alice Miller, Ashley Montagu, James W. Prescott, Michel Odent, Frederick Leboyer, und vielen weniger bekannten bereits bei Reich gefunden werden.

Dies ist nicht der Ort, um Freuds psychoanalytische Methode zu diskutieren. Naturwissenschaftler und klinische Psychologen neigen zu der Behauptung, es handele sich hierbei mehr um ein System von Mythen, als um eine verifizierbare Theorie.

Allerdings ist die moderne Tendenz, vor allem in populärwissenschaftlichen Publikationen in Deutschland, Freuds Methode in Bausch und Bogen als falsch abzutun, sicher auch fehlgeleitet und beruht bisweilen auf ungenügender Kenntnis seiner Lehre oder auf emotionaler Voreingenommenheit gegenüber der Psychoanalyse als solcher.

Obwohl im Grundsatz der frühe Freud und Reich übereinstimmten in der Annahme, dass alle Neurosen ihren Urgrund in einer Blockierung der Sexualfunktion haben, ging Reich weiter in der Beobachtung der somatischen Auswirkungen von Neurosen.

Wo Freud noch Symptome konstatierte, fand Reich, dass der Neurotiker ganz allgemein unfähig ist, sich unwillkürlich der orgastischen Konvulsion und Relaxation zu überlassen und dass dies wiederum in einer ständigen Spannung der Körpermuskulatur oder einzelner Muskelkomplexe seine Ursache hat.

— Spätere Forschungen bestätigten Reichs diagnostischen Ansatz. Auch Alexander Lowen, ein Schüler Reichs, der sich jedoch später von ihm abwandte und seinen eigenen bioenergetischen Ansatz entwickelte und in New York praktizierte, konstatierte chronische Muskelverspannungen bei sexuell gehemmten Personen. Siehe Alexander Lowen, Liebe und Orgasmus (1985).

Seine psychoanalytische Erfahrung bestätigte Reich in seiner Vermutung, dass die überwiegende Anzahl aller Menschen in unserer Zivilisation in der einen oder anderen Weise unter Orgasmusschwierigkeiten leiden, was zur Folge hat, dass Bioenergie aufgestaut wird und irrationales Denken und Handeln dadurch verursacht wird.

Die Persönlichkeitsstruktur des Massenmenschen in der patriarchalischen Kultur ist, so fand Reich weiter heraus, gekennzeichnet durch einen Mangel an Identität und Persönlichkeit, welcher heute durch die generelle Infiltrierung der Massenmedien und materieller Besitztümer mit all ihren Statusversprechungen noch verstärkt und gleichzeitig kompensiert wird. Dieser Aspekt von Reichs gleichsam kollektivem psychoanalytischem Ansatz wurde besonders studiert und vertieft von Erich Fromm, einem Kollegen Reichs und Freud–Schüler gleich ihm.

— Siehe Erich Fromm, Haben oder Sein (1980/1981), pp. 269–414. Fromm gab allerdings der Bedeutung der Sexualunterdrückung in der Ätiologie menschlichen Leides und der Gewaltstrukturen im Patriarchat nur ungenügende Beachtung.

Reichs Verdienst bestand daran, dass er, weit über die Psychoanalyse hinausgehend, zu einer Synthese analytischer Erkenntnisse gelangte, zu einer Art Gesamtschau, die es auch Nicht–Analytikern möglich macht, die grundlegenden pathologischen Erscheinungen unserer modernen Zivilisation deutlich zu erkennen und individuell mögliche andere Wege einzuschlagen.

Und er gelangte insbesondere zu der Erkenntnis, dass es einen grundlegenden Zusammenhang gibt zwischen orgastischer Potenz, persönlicher Unabhängigkeit, Aktivität und Kreativität, politischer und religiöser Toleranz, Rationalität, Anerkennung der Rechte der Frauen und Kinder und, auf der anderen Seite, orgastischer Blockierung, sexuellen Dysfunktionen, Lustangst, Autoritätshörigkeit, Passivität und Unkreativität, Intoleranz, Irrationalität, Fanatismus und Mystizismus, sexueller Unterdrückung von Frauen und Kindern und der Akzeptierung von autoritären und totalitären Formen von Erziehung und Regierung.

So erklärte Reich den direkten Zusammenhang zwischen psychologischen und politischen Faktoren, wie es später, aus anderem Blickwinkel, nur große Weise wie Krishnamurti taten.

— Allerdings muss man Krishnamurti, wie so vielen aus der ‘spirituellen’ Welt kommenden Persönlichkeiten vorwerfen, dass sie in der einen oder anderen Wiese die Rolle der Sexualität im menschlichen Dasein herunterspielen oder gar behaupten, wie es Krishnamurti tat, sie selbst hätten niemals sexuelle Regungen verspürt. Krishnamurti bekannte sich zwar in seinem Erziehungskonzept zum freien Ausdruck der Emotionen und der Sexualität des Kindes, aber de facto, wie ich in Begegnungen mit Lehrern von Krishnamurti Schulen in England und Indien erfuhr, wird dieser freiheitliche Ansatz ‘aus Gründen politischer Korrektheit’ heute in Krishnamurti Schulen nicht wirklich in die Praxis umgesetzt.

Bereits 1942 schrieb Reich in seinem Buch Die Funktion des Orgasmus, dass Menschen, die mit einer negativen Haltung gegenüber dem Leben und der Sexualität aufwachsen, eine Art Lustangst entwickeln, die physiologisch in chronischen Muskelverspannungen verankert ist und charakterologisch der Nährboden für das Gedeihen von lebensfeindlichen und diktaturbegründenden Lebensphilosophien ist.

— Wilhelm Reich, Function of the Orgasm (1942), p. 7, und Die Funktion des Orgasmus (1971).

Darüber hinaus fand Reich Freudsche Hypothesen durch klinische Untersuchungen widerlegt. So schrieb er in Bezug auf den sogenannten Todestrieb, bekanntlich einer der Grundformeln der späten Freudschen Analyse, dass er einen solchen Trieb als Willen zum Tode niemals in klinischen Untersuchungen habe belegen können und daher zu vermuten sei, dass es ein sekundärer Trieb sei, der Folge von vorangegangener Unterdrückung des Lebens– und Liebestriebs sei. Psychische Manifestationen, die auf einen solchen Trieb hindeuten könnten, seien einfach Folgeerscheinungen der Sexualunterdrückung.

— Wilhelm Reich, Function of the Orgasm (1942), pp. 154, 155.

Im weiteren Gegensatz zu Freud, der die Kultur an die Spitze seines in der psychoanalytischen Methode impliziten Wertsystems stellte, hinterfragte Reich die Zwangsmoral als solche und sah die soziobiologische Selbstregulation als einzig positiven und evolutionsbegründenden Faktor an.

Das Prinzip der natürlichen Selbstregulierung der vitalen Energien, das grundlegend ist für Reichs ganze Forschung, unterscheidet diese ganz besonders und entschieden von den Kulturmoralismen Freuds, baut sie doch auf biologischer und nicht auf mythischer Grundlage auf. Dementsprechend erklärt Reich denn auch antisoziale Handlungen als Ausdruck von sekundären Trieben, welche nicht etwa Ausdruck eines dubiosen Todestriebes sind, sondern einfach Folgeerscheinungen der Repression natürlichen Lebens und natürlicher Sexualität darstellen.

— Id., p. 7. Übrigens stellt das Prinzip der Selbstregulierung nach herrschender Meinung auch die Grundlage der sogenannten freien Marktwirtschaft dar, denn dieses Prinzip ist nicht nur im biologischen, sondern auch im sozial–merkantilen Bereich gültig und darüber hinaus eigentlich ein Charaktermerkmal der freien menschlichen Gesellschaft. Die Selbstregulierungsfunktion der freien Marktwirtschaft wird jedoch heute mehr und mehr in Frage gestellt. Der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Senf spricht hier von einer Herrschaftsideologie, da die freie Marktwirtschaft in vieler Hinsicht verheerende Fehlentwicklungen hervorrufe, und zwar sozial, ökologisch und emotional. Ich bin jedoch dennoch der Meinung, dass diese unerwünschten Folgen behoben werden können durch vernünftige Wirtschaftsgesetzgebung, denn die Erfahrung mit Kommunismus und Planwirtschaft hat klar gezeigt, dass es keine Alternative zum selbstregulierten Marktgeschehen gibt.

Diese Erkenntnisse stellen Reichs ganze Forschung auf ein Niveau, das dem der orientalischen, vor allem der chinesischen Medizin, die den Organismus energetisch erklärt und nicht somatisch–symptomatisch, viel näher als der westlichen, sieht man einmal von Vorläufern wie Paracelsus ab, die letztlich in unserem Kulturkreis kaum ernstgenommen wurden.

Reich griff Freuds Hypothese an, alle Kultur beruhe auf der Sublimierung der Instinkte. Obwohl Freud unter Sublimierung nicht die Repression der Triebe verstand, sondern deren bewusste Integration, sah Reich in der Differenzierung zwischen Sublimierung und Repression keinen bedeutenden Unterschied.

Reich überprüfte, wie später Masters & Johnson, rein klinisch und nicht nur mythologisch–theoretisch seine Theorie, dass sexuelle Befriedigung, und nicht etwa sexuelle Repression oder Sublimation, die Quelle aller Kreativität ist.

— Id., p. 223. Andere Hypothesen Freuds wurden durch andere Forscher später widerlegt. So beobachteten amerikanische Psychologen bei freiheitlich aufgezogenen Kindern keinerlei Anzeichen einer sexuellen Latenzperiode, wie Freud sie in der kindlichen Entwicklung etwa vom siebenten Lebensjahr bis zur Pubertät annahm.

Man kann hier jedoch einwenden, dass es bestimmte Formen von Kreativität gibt, die gerade als Folge von Sexualunterdrückung und emotionaler Vereinsamung hervorquellen.

— Diesen wichtigen Hinweis habe ich von Dr. Bernd Senf erhalten.

In der Tat, wenn wir zum Beispiel an den russischen Schriftsteller und Romanautor Fjodor Dostojewski denken, so erscheint evident, dass es bei ihm eher der Mangel an Lust und Gesellschaftsleben war, die sein literarisches Genie zumindest doch unterstützten, wenn sie nicht eigentlich die Quelle davon waren. So handeln denn seine Werke meist auch von nichtgelösten oder nichtlösbaren emotionalen Konflikten der Romanhelden mit anderen oder mit dem Kollektiv.

Es mag sehr wohl hier gewesen sein, wo die beiden, Reich und Freud, letztlich in eine Art von wissenschaftlicher Feindschaft gerieten. Reich suchte nachzuweisen, dass sexuelle Repression keine biologische Basis hatte, sondern vielmehr ein soziales und historisches Relikt der sogenannten Zivilisation darstellt — und dass diese Entwicklung daher in der Zukunft veränderbar ist.

— Hier dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass es auch nicht–patriarchalische Hochkulturen gab wie zum Beispiel die minoische Kultur (Kreta) oder Anatolien, ein Hinweis, den ich Bernd Senf verdanke.

Indizien für die Richtigkeit seiner Thesen liefern anthropologische Feldforschungen von Bronislaw Malinowski und Margaret Mead bei den matriarchalischen Trobriandern, auf die ich in anderem Zusammenhang ausführlich eingegangen bin.

Autoritäre Gesellschaftssysteme sind vor allem gekennzeichnet durch entweder sadistische oder masochistische Tendenzen in der Sexualität und dem sozialen Leben, denn, so fand Reich heraus, wenn genitale Energien frustriert werden, nehmen sie destruktive Züge an.

— Wilhelm Reich, Function of the Orgasm (1942), p. 159.

In seinen jungen Jahren setzte sich Reich denn auch offen ein für die sexuelle Liberalisierung der Kinder, obwohl er später seinem Freund A.S. Neill, Gründer der Summerhill Schule, gegenüber gestand, dass er nicht ganz sicher sei, wie er seine Orgasmus–Theorie auf ganz junge Kinder und Babys anwenden sollte.

— Siehe Record of a Friendship: The Correspondence between Wilhelm Reich and A.S. Neill (1981), pp. 326, 327; Zeugnisse einer Freundschaft, Der Briefwechsel zwischen Wilhelm Reich und A.S. Neill (1986).

Später jedoch bestätigten Masters & Johnson und der Kinsey Report Reichs mutigen Einsatz für die Sexualität von Kindern. In seinem letzten und unvollendeten Buch Children of the Future zeichnete Wilhelm Reich die Grundlagen einer zukünftigen Gesellschaft auf, die auf die sexuell freie Kindererziehung gegründet ist.

— Wilhelm Reich, Children of the Future (1983), Leidenschaften der Jugend (1994).

In diesem Fragment diskutierte Reich in genialer Voraussicht das, was erst Jahrzehnte später durch die Studien der Wissenschaftler Prescott, Montagu, Odent oder Leboyer bestätigt wurde: die Wiederentdeckung der taktilen Bedürfnisse des Kleinkindes, dessen eminentes Verlangen nach sensueller Stimulation (body pleasure) und die Torturen, die von einer entmenschlichten Geburtshilfe und Pädiatrie auf das Neugeborene nach der Geburt ausgeübt werden.


Reichs Faschismusforschung

Reichs Forschung war lange verunglimpft als Mystik oder paranoide Obsession, aber inzwischen ist dieser grosse und genial intuitive Arzt und phänomenale Wissenschaftler glücklicherweise weitgehend rehabilitiert.

— Vgl. die Biographie Reichs, verfasst von einem seiner engsten Mitarbeiter, Ola Raknes, Wilhelm Reich und die Orgonomie (1983). Die Schriften Reichs sind in Deutschland veröffentlicht von Kiepenheuer & Witsch (Auswahl), beim Nexus Verlag (Auswahl) und in kompletter Form in der Reihe Bücher des Wissens des Fischer Taschenbuch Verlages. Darüber hinaus sind bemerkenswert die Bände Wilhelm Reich, Ausgewählte Schriften, Eine Einführung in die Orgonomie (1976) und Nach Reich: Neue Forschungen zur Orgonenergie, Frankfurt/M: Zweitausendeins Verlag, 1997.

Es ist eine Tatsache, die ich immer wieder bestätigt fand, dass die, welche Reich mit einem Handstreich abtun, keines seiner Bücher wirklich gelesen haben und daher überhaupt nicht wissen, worüber sie reden und vor–urteilen. Wilhelm Reich hat die neue Art von Denken, von Verstehen ganzheitlicher, funktionell–dynamischer, systemischer und holistischer Zusammenhänge, die die heutige Wissenschaft nach und nach anerkennt, mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor bereits selbstverständlich angewandt.

Reich war ein Pionier auf diesem Gebiet, zu einer Zeit, als noch niemand von interdisziplinären Forschungen sprach und ein holistisches Bewusstsein für die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler ein Fremdwort war.

Reichs Verdienst bestand in einer Synthese analytischer Erkenntnisse, einer Art Gesamtschau, die es auch Nicht–Analytikern möglich macht, die grundlegenden pathologischen Erscheinungen unserer modernen Zivilisation deutlich zu erkennen und individuell einen anderen Weg einzuschlagen.

Gerade da zeigt sich nämlich deutlich, dass Reich der erste wahre Vorläufer und Begründer des New Age war, derjenige, der die mechanistischen Limitierungen einer Leichenschaumedizin überwunden hatte, bevor nämlich andere (viel später) damit begannen, die Weisheit der östlichen Medizin, wie zum Beispiel die Akupunktur, ins westliche System zu integrieren.

Eine der wichtigsten Aspekte von Reichs Forschungen ist seine Erklärung des Phänomens Faschismus.

Reich stellte fest, dass sadistische Brutalität plus Mystizismus faschistische Mentalität produziert. Er untersuchte Diffamationsschriften der Nazis gegen die Juden, die im Jahre 1934 im Stürmer, dem Propagandaorgan der NSDAP, von Streicher, einem Mitglied der Hitler–Regierung, publiziert worden waren, und legte ein typisches Vorgehen der Nazis gegenüber den Juden im Anfangsstadium des Holocaust offen, der öffentlichen Diffamation der Juden als angebliche Sexualmonster.

Es ist daher auch kein angeblicher Todestrieb, der die Menschheit heute der sich anbahnenden ökologischen und militärischen Katastrophe globalen Ausmasses passiv zusehen lässt, sondern die Tatsache, dass der depersonalisierte Massenmensch als Folge seines Verlusts der Lebenslust annimmt, Leben sei Leiden und destruktive kollektive Entwicklungen stillschweigend als unveränderbar postuliert.

Reich war missverstanden worden auch hinsichtlich seines Einsatzes für eine freie Sexualität der Kinder. Er machte sich die Kirchen und die Konservativen zum Feind, die wenig wissen wollten vom Sexualleben des jungen Kindes, obwohl sie davon andererseits obsediert waren. Denn in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts blühten antimasturbatorische Methoden und Brutalitäten gegenüber Kindern, die vor allem von Vertretern der Kirchen verordnet und verabreicht wurden. Es war gerade dieser schizophrene Ansatz der restaurativen Elemente, die sich gegen ihn wandten, den Reich zum Beweis nahm für die Richtigkeit seiner Charakterologie des modernen Menschen.


Nachwort

Reich war ein Pionier in der Analyse und synthetischen Voraussicht dessen, was eine freiheitliche und tolerante, oder ganz einfach menschliche Gesellschaft der Zukunft in ihren biologischen und soziokulturellen Wurzeln erfordert!

Wir können an der energetischen Natur der Erscheinungen nicht vorbeigehen und müssen endlich verstehen lernen, dass die alte Kontroverse, ob die Schöpfung nun letztlich einen ‘geistigen’ oder ‘materiellen’ Ursprung habe, eine kartesianische Falle darstellt.

Diese Antinomie, wie so viele im westlich–zivilisatorischen Gedankengebäude, ist artifiziell und hat in der Natur keine Grundlage.

Die Natur ist. Die Schöpfung ist. Diese existenzielle Realität ist energetisch, und reicht vom ätherisch feinstofflichen bis zum dichten und hartstofflichen, das wir Materie nennen.

— Der alte Begriff des Äthers, den ich oben bereits mehrmals erwähnte, ist so gesehen ein ziemlich treffender Ausdruck für etwas, was nicht direkt stofflich ist, das aber feinstofflich genug ist, um wirklich alles auszufüllen. Es ist offensichtlich, dass das Adjektiv ätherisch, das zum Beispiel in dem Begriff des ätherischen Öls gebraucht wird, auf die gleiche Wurzel zurückgeht, als das Substantiv Äther. Interessanterweise gebrauchte man früher umgangssprachlich den Ausdruck Äther oder Spiritus für flüssigen Ammoniak. Beide Ausdrücke bedeuten assoziativ das gleiche, denn der Ausdruck Spiritus kommt vom Lateinischen und bedeutet Geist. So könnte man in der Tat die Antinomie zwischen ‘geistiger’ und ‘materieller’ Welt erklären als einen Unterschied im Dichtegrad von Materie. Swedenborg, der die Lebensenergie als geistige Energie bezeichnete, meinte damit in der Tat das, was wir heute feinstoffliche Dichte nennen. Das ‘spaltende’ kartesianische Denken hat viel an Problemen hinzugedichtet, die es ursprünglich nicht gibt, wenn man ganzheitlich, also intuitiv–intelligent oder emotional intelligent denkt. Goethe, und seine Farbenlehre, zeigen dies sehr anschaulich.

Das Universum ist wahrscheinlich nicht leer, wie es die moderne Physik postuliert. Wahrscheinlicher ist, dass der Kosmos durch und durch erfüll ist von vitaler Energie. Reichs Forschung wurde in der Hinsicht, wie es Bernd Senf in Die Wiederentdeckung des Lebendigen (1996/2003) anschaulich macht, von anderen Wissenschaftlern bestätigt. So hat Georges Lakhovsky (1870–1942) bereits 1927 Studien veröffentlicht, in welchen er die Lebensenergie und den Äther, den er Universion nannte, mit wissenschaftlicher Methode nachwies und erfolgreich in der Behandlung von Krebstumoren einsetzte.

— Siehe Georges Lakhovsky, Le Secret de la Vie (1927), L’Universion (1927), L’Étiologie du Cancer (1927) und La Science du Bonheur (1930).

Die erste Konsequenz, die man aus der offiziellen Anerkennung der Lebensenergie ziehen müsste, wäre eine allgemein positive Haltung gegenüber humaner Sexualität und sexuellem Verhalten, und man müsste dann gar zugeben, dass Sexualität im Gegenteil heilig ist, weil sie nämlich selbst die Schöpferkraft darstellt. Und daraus folgt, dass sich soziale Paradigmen unweigerlich ändern müssten, zum Beispiel, wie ich es gezeigt habe in anderen Publikationen, für den Bereich der allgemeinen Sexualgesetzgebung, wie besonders für die sogenannten Schutzgesetze.

Und hier, und nicht im Wissenschaftsgebäude selbst, ist der Hemmpunkt zu sehen, warum sich die wirklich komplett funktionelle und emotionell intelligente Wissenschaft des einundzwanzigsten Jahrhunderts noch nicht durchgesetzt hat, in welcher die Lebensenergieforschung sicherlich der Grundbaustein sein wird.

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