Eine Märchenanalyse


Inhalt

Einleitung
Grosse Stiche im Wams, Zeus und Zauberei
Eine Bauersfrau als Gegenpol und Päpstin
Siebene auf einen Streich und eine Kaiserin
Die Welt, ein Kaiser und ein alter Käse
Kampf mit dem Riesen, Sex und Papst
Ein Schlosshof, Beifall und tiefer Schlaf
Riesen–Wettbewerb um eine Königstochter
Spielerischer Sieg über ein Einhorn
Ein wildes Schwein kommt in die Kirche
Hellseherei gegen Gewalt
Nachtrag


Einleitung

Märchen zeichnen archetypische Handlungsabläufe nach, die im kollektiven Unterbewussten als Erfahrung menschlichen Seins und Treibens verewigt sind. Märchen bedienen sich, ähnlich wie divinatorische Techniken, der Symbolik des Unbewussten, um diese archetypischen Bewegungsabläufe nach außen in Erscheinung treten zu lassen und uns damit Aufschluss über die in unserem Innern verborgenen Triebkräfte allen Handelns zu geben.

Zu dem vorliegenden Vergleich wird uns vor allem eine mythologische Deutung des Tarot dienen, eines von Liz Greene erarbeiteten Tarot, das auf der Mythologie der griechischen Antike beruht.

Der Mythologie der griechischen Antike kommt in unserer Kultur eine besondere Bedeutung zu, da sie am Anfang der westeuropäischen Zivilisation stand und Archetypen unseres Handelns aufzeigt. Macht man sich nun auf die Suche, um eine dem Grimm Märchen vom Tapferen Schneiderlein adäquate mythologische Sage zu finden, so bietet sich dafür diejenige von Jason und den Argonauten in idealer Weise an. Das wird im Laufe der Untersuchung einsichtig werden.

Die Sage von Jason und dem Kampf ums goldene Vlies ist im Tarot in der Serie der Stäbe dargestellt. Dieses Tarot, dies muss zum Verständnis vorausgeschickt werden, ist nicht das klassische Tarot de Marseille, sondern ein neueres sozusagen psychologisches Tarot, The Mythic Tarot (1986/2001), worauf ich mich in diesem Text beziehe. Diesem Tarot kommt keine geringe Bedeutung zu, da es von der bekannten amerikanischen Astrologin und Esoterikerin Liz Greene, in Zusammenarbeit mit Juliet Scharman–Burke entwickelt wurde.

— Zum Mythos von Jason und dem goldenen Vlies, siehe Liz Greene, Juliet Sharman–Burke, The Mythic Tarot (1986/2001), pp. 117 ff. Es gibt von diesem Buch wohl eine französische, aber allem Anschein nach keine deutsche Übersetzung.

In diesem Tarot sind in den zehn Karten der Stäbe, zehn verschiedene archetypische Handlungsabläufe dargestellt, bei deren Untersuchung es nun gilt, sie im Märchen vom tapferen Schneiderlein wiederzufinden. Die Analyse wird zeigen, wie überraschend genau sich diese zehn Stufen in der Entwicklung des armen Schneiders zum König herausschälen lassen.

Grosse Stiche im Wams, Zeus und Zauberei

Da war ein fauler Schneider, der es offenbar mit Laotse hielt: Durch Nichtstun kann man alles tun.

— Siehe Carl–Heinz Mallet, Das Tapfere Schneiderlein (1982), in: Das Einhorn bin ich, Das Bild des Menschen im Märchen (1982/1985), Das tapfere Schneiderlein, p. 53.

Solche Lebensweisheit passte aber wohl nicht recht ins Grimmsche Biedermeiergemüt und so wurde denn die Urfassung von ihnen entsprechend abgeändert.

Dieser redaktionelle Handstreich der Gebrüder Grimm stellt eine der vielen Verfälschungen da, die sie der Volksweisheit antaten, um diese in das Prokrustesbett einer spätbourgeoisen Moral zu zwängen.

In Wahrheit ist es sehr wesentlich, dass es sich um einen faulen Schneider handelt, und nicht um einen fleißigen. Ohne hier das Lob der Faulheit singen zu wollen, muss dies deutlich gesagt werden. Denn es ist die reale Ausgangsposition der initiatorischen Reise des Schneiders. Keine Initiation ist möglich, ohne einen vorhergehenden initiatorischen Tod, das heißt ein Aufhören des Alten, ein Zusammenbruch bestehender Strukturen. Wäre der Schneider fleißig gewesen, wäre er ein Schneider geblieben bis an sein Lebensende.

Der Schneider ist nicht nur faul. Was er macht, ist fauler Zauber: er stückelt am Wams herum. Aber es ist dennoch Zauber. Die großen Stiche, die er nun macht, symbolisieren, dass er ein Gefühl seiner Größe entwickelt, dass eine kreative Energie ihn beseelt, eine Intuition oder Vorahnung seiner Entwicklung.

Das As der Stäbe, die erste Karte der Reihe der Stäbe, die im mythischen Tarot die Argonautensage einleitet, stellt Zeus dar, den Göttervater der griechischen Mythologie, den Erzeuger, Archetyp männlicher Zeugungskraft und Energie. Das mythische Tarot interpretiert diese Karte folgendermaßen:

Zeus symbolisiert die Fähigkeit, ein andersartiges künftiges Potential zu visualisieren, das die gegenwärtige Realität an Glanz übersteigt, ob dies nun ein Projekt ist, die Umwelt zu verändern oder die Konzeption einer neuen Arbeit.

— Liz Greene, Juliet Sharman–Burke, The Mythic Tarot (1986/2001), p. 119.

Noch ist sich der Schneider dieses Potentials nicht bewusst. Es ist gerade sein Nicht–Bewusstsein, das die Bildung des Potentials überhaupt ermöglicht hat. In diesem Sinne ist das taoistische Diktum non–action is action (Nichtstun ist Tun) zu verstehen. Nicht nur die Welt ist aus einem Traum geboren, sondern alle unsere Taten und Realisationen, denn sie sind nichts als Projektionen unserer inneren Formenwelt und ihre Handlungsenergie ist umgewandelte psychische Energie.

Wir kreieren unsere Umwelt, unsere Erlebnisse und Erfahrungen, unser Schicksal, wenn man so will, zuerst in unserem Innern: erst danach inkarnieren sich diese inneren Bilder zu äußerer Wirklichkeit.

Das ist das ganze Geheimnis aller Divinationen und auch der Zauberei. Denn was der Zauberer, nicht der Trickkünstler, sondern der wahre Magier tut, ist Einflussnahme auf Handlungsabläufe durch die gezielte Einsetzung von psychischer Energie. Er bedient sich eines sogenannten magischen Ersatzobjektes, um seine Imagination mit dessen Hilfe auf die wirkliche Person oder Sache zu lenken.

In diesem Sinne ist der Schneider ein Zauberer. Die erste Hauptarkane des Tarot ist Der Zauberer.

Sallie Nichols, in ihrem Buch über die psychologische Bedeutung der Hauptarkanen des Tarot von Marseille, führt dazu aus:

Wie der alchemistische Merkurius, der magische Kräfte besaß, kann der Magier den Prozess der Selbstverwirklichung initiieren, den Jung Individuation nannte, und er kann unsere Reise in die Unterwelt des tiefsten Selbst führen.

— Sallie Nichols, Die Psychologie des Tarot (1996), p. 65.

Es ist in der Tat eine Individuation als Auszeichnung und Hervorhebung aus der Masse, die der Schneider erreicht. Denn Schneider gibt es viele. Als solcher war er ein Mitglied der Masse. Ein Individuum wurde er erst durch seinen Schlag auf die Mücken. In diesem wahrhaft magischen Handstreich lag der erste Schritt der Realisierung seines Projekts. Es handelt sich hier, auch wenn dies dem Schneiderlein nicht bewusst war, um einen magischen Trick. Wer sieben Mücken erschlägt, erschlägt sieben Männer, löst sieben Probleme oder besteht sieben Proben und erlangt damit die Weisheit, welche traditionell durch die Zahl Sieben repräsentiert wird.

Für viele von uns ist der Schneider mit seinem Stolz und seiner Freude über den gelungenen Streich ganz einfach ein Narr. Ist er es aber wirklich? Auch das Tarot kennt den Narren. Er hat keine Nummer im Tarot, denn er kann sich hinter jeder Karte verstecken, er spukt bisweilen in jedem von uns herum, was übrigens nicht zu unserem Schlechtesten ist. Sallie Nichols unterscheidet ihn deutlich vom Magier:

Der Narr neckt uns und macht uns lachen; der Magier verzaubert uns und macht uns wundern.

— Id.

In der Tat lachten die Leute später nicht über den Schneider. Sie wunderten sich über ihn. So ist auch die Reaktion der meisten Kinder auf ihn.

Doch wir sind noch nicht bei der Tat angelangt. Noch ist alles Einheit, Energie und Plan. Der Schneider ist jedoch schon kein gewöhnlicher Schneider mehr. Er individuiert sich auch nach außen durch die großen Stiche, mit denen der das Wams näht und die sein Streben über sich selbst hinaus symbolisieren. Zur Ausführung des Projektes kann es jedoch erst kommen, nachdem eine Polarisierung der unitären Energie stattgefunden hat.

Eine Bauersfrau als Gegenpol und Päpstin

Noch schwebt der Schneider in den Wolken seines etwas aufgeblasenen Ich. Die Bauersfrau jedoch erdet ihn, verbindet ihn mit dem Element Erde. Um dies zu tun, musste sie mühsam zu dem Schneider hochsteigen, drei Treppen um genau zu sein. Die Bauersfrau, die drei Treppen, das Mus und die Töpfe, an denen der Schneider schnuppert, stellen alle Sexualsymbole dar und machen deutlich, dass der Schneider hier, offenbar zum ersten Mal, mit sexuellen Wünschen konfrontiert ist. Diese Polarisierung seiner Energie ist sehr wichtig, denn sie inspiriert ihn später zum Wunsch auf die Heirat mit der Königstochter.

Die Zwei der Stäbe ist im Tarot die Karte der Zweiheit, der Polarität, des ersten Hinaustretens aus der Kaverne des Ich. Im mythischen Tarot stellt sie Jason dar, der mit zwei Feuerstäben in der Hand vor der Kaverne Chirons steht, des Hierophanten und Lehrers der griechischen Sagenwelt. Jason tritt also aus seiner Kindheit heraus. Diese Karte kündet von der Formulierung eines Ziels, eines Wunsches, eines Verlangens oder eines Projekts.

Im Falle des Schneiders ist es das Musbrot, der sinnliche Genuss. Seine Libido wird hier erstmalig auf ein Objekt projiziert und ist der erste Schritt zur Materialisierung seines Projektes. Denn der materielle Gewinn schließt sich gerade an die sexuelle Erfüllung an: durch die Eroberung der Königstochter erbt er auch das Reich. Das Musbrot steht also für einen sowohl geistigen wie materiellen Anreiz.

Die Bauersfrau spielt eine große Rolle bei der Initiation des Schneiders. Leider hat Carl–Heinz Mallet dies völlig übersehen in seiner Interpretation des Märchens. Die Bauersfrau inkarniert Die Päpstin als zweite Hauptarkane des Tarot. Sie erdet den Schneider, der das Element Feuer repräsentiert. Dadurch polarisiert sie gewissermaßen die Ur–Energie, und materialisiert sie. Die Päpstin, im Tarot von Marseille, ist Initiatorin zu den höchsten Mysterien.

— Dicta et Françoise, Tarot de Marseille (1980), p. 45.

Die Päpstin entspricht der Mutter Natur, der Fruchtbarkeit. Sie steht im übrigen in einem engen Verhältnis zur Hellseherei, die der Schneider später noch gebrauchen wird, um sich die Königsherrschaft zu sichern. Dass unsere Bauersfrau–Päpstin es gerade mit Marmelade zu tun hat, klingt etwas prosaisch, ist aber durchaus kein Zufall. Denn die kabbalistische Lehre assoziiert die Tarotkarte der Päpstin mit Obstgärten.

Im Korb der Bauersfrau befindet sich in der Tat ein ganzer Obstgarten. Diese Karte ist auch die Karte derjenigen, die mit ihren Händen arbeiten.

— Id., pp. 46–47

Und zu denen gehört unser Schneider ganz gewiss.

Siebene auf einen Streich und eine Kaiserin

Erst jetzt kann es zur Ausführung einer ersten Tat kommen, wenn diese auch in unseren Augen einen etwas lächerlichen Beigeschmack hat. Warum eigentlich? Betrachtet man den magischen Streich des Schneiders als eine Allegorie — und darauf deutet schon die heilige Zahl Sieben hin, denn es waren sieben Mücken, nicht acht und nicht sechs –, so stellt diese Handlung sicherlich etwas anderes dar, als ein wütender Schlag auf irgendwelche Stubenfliegen.

Denn die Zahl Sieben stellte traditionell die Weisheit dar. Man spricht von den sieben Säulen der Weisheit, von den sieben Weltwundern und vom siebenarmigen Leuchter. Es geht hier um die wahre Weisheit, die Kenntnis des eigenen Selbst, des Kenne dich selbst!, wie es als spiritueller Ansporn auf dem Apollotempel in Delphi steht.

Der magische Streich des Schneiders symbolisiert also seine Innenschau, die Frucht seiner nicht nur sexuellen Initiation durch die Bauersfrau (Päpstin). Wir befinden uns hier auf der dritten Stufe der archetypischen Reise des Schneiders — die dritte Hauptarkane des Tarot ist Die Kaiserin.

Die Kaiserin repräsentiert die Erziehung, die Fortbildung, das Bewusstsein, die psychoanalytische Innenschau.

Der Schneider hat nun also alles geistige Rüstzeug für seinen Auszug in die Welt.

Die Welt, ein Kaiser und ein alter Käse

Nun zieht der Schneider voller Gottvertrauen in die Welt. Die Vier der Stäbe zeigt Jason im Kreise seiner Freunde (Theseus, Orpheus, Herkules und die Dioskuren). Es geht um die Taufe von Jasons Schiff Argo. Argo heisst griechisch weiß, die Farbe des Reinen und Göttlichen.

Des Schneiders Auszug aus dem Haus symbolisiert gleichzeitig die definitive Aufgabe seines Handwerks, also das Ende eines Lebensabschnitts. Das Schneiderhandwerk stand für ein zurückgezogenes Leben, ein Isoliertsein von der Welt, aber auch für ein Beschütztsein, denn es bot immerhin ein Dach über dem Kopfe. All das gibt der Schneider nun auf.

Im mythischen Tarot zeigt die Vier der Stäbe ein erstes Ausruhen nach gelungener Anstrengung an, ein Luftholen, ein neuer Aufbruch nach einer ersten erfolgreichen Probe. Diese Probe, wir sahen es, bestand in der Innenschau des Schneiders, seiner ersten Initiation in seine Individualität. Nun ist seine Aktion keine magische mehr, keine stellvertretende mehr, sondern ein erster Schritt in die Welt der äußeren Realität.

Diese äußere Realität wird in den Hauptarkanen des Tarot folgerichtig von der vierten Karte dargestellt, dem Kaiser. Der Kaiser symbolisiert die Aktion, die von Päpstin und Kaiserin psychisch vorbereitet wurde. Er steht für den weltlichen Bereich, für die irdischen Gesetze und moralischen Normen, er überwacht das Zur–Tat–Schreiten, die Ausführung eines Planes. Damit steht er, wie Zeus, für das patriarchalische Prinzip.

Doch der Schneider koppelt sich nicht völlig von seinem Hausstand ab und allem, was dieser ihm an Wohltätigem gebracht hat: er nimmt einen alten Käse mit auf die Reise. Käse ist weich und formbar, also gewissermaßen Yin, während der Kaiser das Yang–Prinzip verkörpert. Der Käse ist an den Hausstand geknüpft, er ist ein magisches Relikt der matriarchalischen Initiation des Schneiders und symbolisiert seine Anima, deren Inkarnation er erst nach Auseinandersetzung mit seiner Sexualität begegnen kann.

Kampf mit dem Riesen, Sex und Papst

In dem Kampf mit dem Riesen geht es um die innere, psychische Sexualität des Schneiders. Die Zahl Fünf, in der Numerologie, symbolisiert die männliche Sexualität. Die Karte der Fünf der Stäbe signalisiert den Kampf, die Auseinandersetzung in allen Bereichen. Die fünfte Hauptarkane ist Der Papst, das moralische Prinzip.

Im Kampf mit dem eigenen Riesen entwickelt der Schneider seine Moral und seine Affektivität, er ändert also sein Wesen. In der Tat symbolisiert die Zahl Fünf in der Numerologie auch den Wechsel, die Transformation. Das Ziel ist die zunächst innerliche Findung seiner Anima — bevor sie ihm in der Königstochter inkarniert begegnen kann. Jason, auf der Karte der Fünf der Stäbe, kämpft an der Seite Medeas gegen den Drachen. Medea repräsentiert seine Anima.

Die Interpretation Mallets sieht in dieser Episode des Märchens die Befreiung des Schneiders von seiner Vater–Imago. Dies ist in gewissem Sinne richtig, handelt es sich doch hier um die Überwindung seiner ödipalen Problematik und die damit verbundene psychische Homosexualität, die er überwinden muss, um seine Anima zu finden. Denn diese psychische Homosexualität ist nichts anderes als eine phallische Fixierung, ein Relikt aus seiner ödipal–phallischen Phase und steht damit reifer Sexualität im Wege.

Die Interpretation Mallets übergeht leider alle interessanten Details des Kampfes mit dem Riesen, die in sehr anschaulicher Form die verschiedenen sexuellen Fixierungen unseres Helden erläutern und gleichzeitig seine affektive Entwicklung darstellen. Dieser Prozess läuft in genau sechs Stufen ab. Auch dies ist kein Zufall, denn die sechs ist in der Numerologie die Zahl der Affektivität.

Zunächst einmal sucht der Schneider den Riesen mit seinem Gürtel als Penissymbol zu beeindrucken, auf dem steht: Siebene auf einen Streich. Er gibt also an mit seiner Potenz. Dieses hochstaplerische Verhalten des Schneiders steht auf einer ur–phallischen Stufe. Er ist hier ganz und gar der kleine Ödipus, der Mutter oder sich selbst mit einer stattlichen Erektion beeindrucken will.

In der Folge überlistet der Schneider den Riesen, indem er statt eines Steines den Käse zusammenpresst. Bei dieser List bedient er sich also seines Anima–Symbols, seiner Yin–Qualitäten, denn die Anima ist die weiche formbare Seite des Schneiders. Es ist die Seite, in der seine Intuition und seine Intelligenz (List) sitzen. Hier ist er also schon nicht mehr auf der phallischen Stufe, sondern hat bereits einen Teil seiner Anima entwickelt.

Als nächstes kommt die Wurfprobe. Statt eines Steines wirft er einen Vogel und überlistet solchermaßen wiederum den Riesen. Das Werfen mit dem Vogel ist äußerlich ebenfalls ein Zauberkunststück, denn es geht hier um eine Transformation von Materie.

Wo hatte nämlich der Schneider den Vogel her?

Man muss wohl hinzudenken, dass der Riese ihm einen Stein gab, den er in einen Vogel verwandelte; dafür spricht auch, dass der Riese gar nicht merkt, dass der Schneider nicht etwas wirft, was im allgemeinen nicht werfbar ist (man wirft eben nicht mit Vögeln, sondern mit Steinen).

Das ist das Element der Täuschung bei der Zauberei. Innerlich hier um die Kastrationsangst. Der Vogel stellt den Penis dar, allerdings nicht den phallischen, sondern den uneregierten, kindlichen, Penis. Nun macht es dem Schneider nichts aus, dass er davonfliegt. Das imponiert dem Riesen. Denn welcher Mann hat schon wirklich seine Kastrationsangst überwunden?

All dies gelingt dem Schneider letztlich durch ein Zauberkunststück, also durch okkulte Kräfte. Es ist seine wachsende Spiritualität, die die Angst, die mit der unbewussten Sexualität verbunden ist, überwindet.

Beim anschließenden Tragen des Baumstammes geht es unzweifelhaft um Masturbation. Es geht auch um Arbeit, denn die Vier, in der Numerologie, symbolisiert die Arbeit. Für den Riesen ist Sex Arbeit, für den Schneider ein Vergnügen. Er lässt sich tragen und profitiert von der Arbeit des Riesen. In dieser gemeinsamen Masturbation liegt ein erster Hinweis auf des Schneiders latente, psychische, Homosexualität. Er zeigt diese Homosexualität aber dem Riesen nicht, der natürlich sein alter ego ist, denn er vergnügt sich hinter dessen Rücken.

Er hat seine Homosexualität verdrängt, will sie nicht sehen. Dafür spricht auch, dass der Schneider nicht den Stamm tragen hilft, denn das Tragen symbolisiert gerade die offene Masturbation. Er führt sie nur im Geheimen, das heißt in seinem Unterbewusstsein, aus.

Diese Verdrängung löst der Schneider nun partiell und entwickelt sich damit weiter. Obwohl der Riese, also seine unbewusste Hälfte, annimmt, der habe nicht die Kraft, die schwache Gerte zu halten, also seinen Penis hochzuhalten, das heißt in Erektion zu bleiben, sagt er, er sei über den Baum gesprungen. Mit dieser Bewusstmachung überwindet er die ödipale Fixierung, denn der Baum als Symbol des Weiblichen symbolisiert die Mutter.

Er hat sie übersprungen, statt besprungen; der Riese jedoch bleibt darin hängen. In seinem Unterbewusstsein bleibt er also der Gleiche, aber sein Bewusstsein hat sich erweitert: er weiß um seine Fixierung. Und das ist letztlich alles, was wir tun können. Andernfalls würden wir den Trieb töten und die damit verbundene Energie verlieren. Durch die Bewusstmachung aber verwandeln wir sie in Kreativität.

Der Papst im Tarot gebietet gleichfalls nicht die Abtötung der Instinkte, sondern empfiehlt ihre Konservierung durch die Entwicklung der Herzenswärme.

Die letzte, sechste Stufe in der affektiven Entwicklung des Schneiders zeigt seine Auseinandersetzung mit seiner submissiv–päderastischen Sexualität, die die Folge seines Narzissmus ist.

Der Riese erkennt den Schneider nämlich nun als Seinesgleichen an und lädt ihn in seine Höhle ein. Dies ist der Beginn einer homosexuellen Verführung, was durch das Schlafen mit den Riesen im selben Raum symbolisiert wird. Riesen leben allein, also ohne Frauen.

Das Schlagen des Riesen mit der großen Eisenstange auf das Bett des Schneiders ist ein Akt homosexuell–phallischer Aggression, die Eisenstange ein klares Phallussymbol.

Der Schneider jedoch, dank seiner hellseherischen Fähigkeiten, bleibt in einer Ecke des Bettes — wie ein Mauerblümchen. Er ist reculé, wie man im Französischen sagt, wobei cul im Französischen Hintern bedeutet (auf den es der Riese gerade abgesehen hat) und re bedeutet zurück.

Er hat den Hintern zurückgezogen von dem Riesen, denn die Stange, der Phallus, war ihm zu groß. Er hat intuitiv vorausgesehen, dass es sich hier um faux amis, um falsche Freunde handelte, um falsche Affektivität, das heißt puren phallischen Sex. Diese Einsicht gelang ihm durch seine weibliche Intuition, seine Anima.

Der Schneider hat durch diese Probe bewiesen, dass er seine phallisch–homosexuellen Neigungen endgültig überwunden hat und damit Herr seiner ödipalen Fixierungen wurde. In dem Kampf mit dem Riesen, der im mythischen Tarot dem Kampf Jasons mit dem Drachen entspricht, hat das Märchen, viel weitergehend als im Mythos, den ganzen inneren, psychischen, Vorgang beschrieben, den der Schneider durchlebte. Die Begegnung mit dem eigenen Riesen ist für jedermann eine zunächst schockierende, aber letztlich sehr lehrreiche Erfahrung, die der Entwicklung der Seele dient.

Nur durch die Integration seiner Anima, das heißt seiner weiblich–intuitiven Seite, konnte der Schneider seine phallischen Fixierungen überwinden und damit reif werden für die Begegnung mit der Liebe in Form einer inkarnierten Anima: der Königstochter.

Ein Schlosshof, Beifall und tiefer Schlaf

Jetzt kann die erreichte innere Affektivität des Schneiders auch öffentlich empfunden werden. Die Karte Sechs der Stäbe steht im mythischen Tarot für den öffentlichen Beifall. Jason, auf dieser Karte, steht als Sieger da, das goldene Vlies hochzeigend und von seinen Freunden als Held gefeiert. Die Öffentlichkeit wird im Märchen durch das Symbol des Schlosshofes dargestellt. Das Schneiderlein erntet diesen öffentlichen Beifall während seines tiefen Schlafes im Schlosshof, wo ihn alle für einen großen Feldherrn halten und ihn im Innern dazu beglückwünschen.

Im Tarot de Marseille repräsentiert die sechste Hauptarkane den Liebhaber. Diese Karte stellt das Heraustreten aus dem inneren unbewussten Bereich der Archetypen dar, der Schritt ins Bewusstsein und damit in die äußere Realität. Dieses Bewusstsein erlangte der Schneider wohl tatsächlich im Schlaf, denn den seinen, so heißt es, hat es Gott im Schlafe gegeben. Die ganze fünfte Stufe, der Kampf mit dem Riesen, kann als ein Traum verstanden werden, eine Traumanalyse, eine innere Reise des Schneiders.

Der Liebende im Tarot weist auf eine Liebesbeziehung hin. Diese Arkane stellt nach der Tradition auch Castor und Pollux dar, die bekanntlich Reisegefährten Jasons waren.

Nun verwandelt sich die Liebe ohne Objekt des Papstes in die Liebe für andere.

Der Schneider wird in der Tat geliebt von den Leuten, die ihn ansehen. Sie empfinden viel Affektion für ihn.

Riesen–Wettbewerb um eine Königstochter

Der Königshof repräsentiert Welt und Gesellschaft, wie Mallet richtig feststellt. Bei den Sieben der Stäbe geht es im mythischen Tarot um den Kampf. Diesmal aber nicht um den Kampf gegen den Drachen, sondern den Kampf unter Seinesgleichen, den Wettbewerb, die Konkurrenz. Der Schneider ist ja nun auch ein Riese und kann den Kampf mit den zwei Konkurrenten oder Rivalen aufnehmen. Er tritt dabei aber nicht in die Fußstapfen der anderen, sondern geht eigene, originelle Wege: er geht nicht mit Schuhen ins Schloss, sondern barfuss, so wie er ist.

Er begegnet nun auch seiner Anima, der Königstochter.

Die phallisch fixierten Riesen–Konkurrenten schaltet er dadurch aus, dass er sie sich selbst zerfleischen lässt.

Das ist ein alter Trick im unternehmerischen Wettbewerb. Auch im Kinderspiel übrigens. Da heißt es Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.

Nun benutzt der Schneider keinen Käse, sondern wirkliche Steine, um die Riesen zu provozieren, er bedient sich also der Mittel des Marktes, der Welt, die männlich–patriarchalisch ist, und nicht mehr seiner eigenen intuitiv–femininen Mittel. Denn die brauchte er nur, um die phallische Seite in sich selbst zu überwinden.

Nach der Tat täuscht der Schneider darüber hinweg, wie er die Riesen getötet hat, er verheimlicht sein Erfolgsrezept, wie jeder gute Manager.

Er hatte sich zwar der Steine bedient, aber doch nicht selbst Gewalt angewendet. Er verzichtet aber darauf, der Welt einen Spiegel vor die Nase zu halten und lässt sie sich selbst zerfleischen mit ihrer Brutalität.

Er spielt also nicht den sozialen Ankläger, sondern tut so, als habe er sich typisch gesellschaftlicher Mittel bedient: Kampf mit dem Schwert, als phallischem Symbol.

Er dissimuliert also, dass er die phallische Stufe menschlichen Bewusstseins, auf der sich die Welt immer noch befindet, längst überwunden hat. Damit gibt er sich schlicht und einfach als Opportunist. Denn er will nicht die Welt ändern, sondern sich in ein bequemes Nest setzen, sexuell und materiell. Mit einem Wort: nach seiner Anpassung an das Spiel, spielt er es selbst. Die Königstochter wird ihn dafür zweifach entlohnen.

Die siebte Hauptarkane des Tarot de Marseille stellt den Prunkwagen dar. Dieser steht für die praktische, materielle und nicht sozialrevolutionär–utopische Aktion.

Die Herausforderung dieser Karte ist die Verantwortung.

Der Schneider hätte nicht verantworten können, dass die gewalttätigen Strukturen des Königsreichs, die durch die beiden Riesen symbolisiert werden, offengelegt würden. Das hätte nämlich zum Sturz des Königs und damit zu Bürgerkrieg führen können. Während die Riesen schlafen, sich also nicht bewusst sind, was sie tun, gehorchen sie blindlings ihren Trieben.

Der Schneider jedoch handelt bewusst, in voller Wachsamkeit und perfekt der Situation angepasst. Seine erhöhte Position symbolisiert, dass er bereits auf einem höheren Niveau war als die Riesen, bevor der Kampf begann — er hatte bereits eine höhere Entwicklungsstufe erreicht. Und damit war der Kampf mit den Riesen im Grunde ein Spiel für ihn.

Spielerischer Sieg über ein Einhorn

Bei der Karte Acht der Stäbe im mythischen Tarot geht es um die Auslösung kreativer Energie, ein im Sport bekanntes Phänomen. Der erste hart erkämpfte Erfolg im Kampf mit den Riesen, zieht einen weiteren spielend nach. In der Tat hat sich das Einhorn durch seine eigene männlich–phallische Kraft in den Baum gerannt. Der Schneider tat dabei nichts, als zur Seite zu springen und den Weg freizugeben.

Frei herumspringende Einhörner mag die Gesellschaft nicht besonders, denn sie verabscheut nun einmal die Promiskuität. Dies weiß der Schneider. Er weiß aber auch, dass er, würde er das Einhorn töten und seine Sexualität verdammen, damit auch seine kreative Energie blockieren würde. Dies lernte der Schneider bereits bei seiner Innenschau. So legt er denn die Sexualität nur in Bande: er bindet das Einhorn am Baum fest. Damit drückt er symbolisch aus, dass er die Institution der Ehe akzeptiert, denn durch das Anbinden ist dem Einhorn ein Anfallen anderer Bäume (Frauen) unmöglich. Hier ordnet der Schneider also die heterosexuelle Komponente seiner Sexualität freiwillig der Moralordnung der Gesellschaft unter.

Die achte Hauptarkane des Tarot de Marseille ist Die Justiz. Diese Karte betrifft gerade die rechtlichen Bindungen, die institutionalisierten Beziehungen zwischen Menschen, von denen wohl die klassischste die Ehe ist.

Ein wildes Schwein kommt in die Kirche

Bei der Episode vom wilden Schwein im Märchen geht es nicht, wie Mallet annimmt, um die weibliche Sexualität.

— Siehe Carl–Heinz Mallet, Das Tapfere Schneiderlein (1982), in: Das Einhorn bin ich, Das Bild des Menschen im Märchen (1982/1985), Das tapfere Schneiderlein, pp. 86 ff.

Denn warum sollte der Schneider damit zu tun haben?

Er ist selbst männlichen Geschlechts und es kann bei dieser Probe daher nur um seine eigene weibliche Sexualität gehen: um die homosexuelle Komponente seiner eigenen Bisexualität eben.

Nach den alten Mythen des klassischen Griechenland waren wir alle einmal androgyne Wesen in grauer Vorzeit. Doch die alten Griechen verdrängten in weitaus geringerem Masse die homosexuelle Komponente ihrer Sexualität, als wir dies — unter christlicher Vergangenheit — zu tun pflegen.

Auch das Tarot würdigt diese Tatsache: die Arkane Die Welt zeigt einen androgynen Menschen, einen Menschen also, der seine Anima integriert hat und daher ganz, heil und heilig ist.

Doch dem Schneider ist solche Ganzheit nicht erlaubt, denn er möchte den Weg des gesellschaftlichen Erfolges gehen. Auf Einheit mit der Schöpfung, auf spirituelle Ganzheit kommt es ihm kaum an. Er möchte sich dem System unterordnen, das zu seiner Zeit von der Kirche und ihren Dogmen regiert war. Und eines dieser Dogmen lautete: Homosexualität und Päderastie sind eine Todsünde. Die sogenannten Sodomiten wurden von der Kirche öffentlich gehängt.

Daher muss das Wildschwein in die Kappelle. Die Kirche ist der einzige Platz, wo es hingehört. Denn die Kirche wollte die Kontrolle darüber behalten, wer mit wem Sex hat, und auf welche Weise. Interessanterweise spielen denn auch in den Annalen der Kirche sogenannte Verfehlungen des Fleisches bei den Priestern, sprich Liebesbeziehungen mit Messknaben eine ziemlich große Rolle. Die weltlichen Herrscher hatten derzeit wenig gegen die Knabenliebe; sie genossen sie eher mit heimlichen Freuden.

Hier beruhte das Verbot einzig und allein auf der christlichen Kirche, die bereits kurz nach ihrem Entstehen wie ein Schlagbeil hauste und Tausende von Menschen hinrichtete wegen sogenannter widernatürlicher Unzucht, obwohl historisch diese Art der Liebe stark verwurzelt war, insbesondere im Entstehungsgebiet des Christentums, dem vorderen Orient und der latinischen Welt, und ganz besonders im römischen Imperium. Die weltlichen Instanzen konnten daher die wahrhaft fanatische und brutale Haltung der Kirche in dieser Frage lange nicht verstehen.

Der Schneider handelt brav und kirchenkonform. Er übergibt den homosexuellen Verführer, das Wildschwein, der Kontrolle der Kirche aus.

Dies wird im Märchen symbolisiert durch die Tatsache, dass er das Wildschwein in die Kappelle treibt. Warum sollte er, wie Mallet glaubt, die Frau besiegen, warum sollte er die weibliche Sexualität angreifen?

Die Frau ist toleriert nach christlichem Dogma, mehr leider auch nicht, als Ehefrau und Mutter. Das Eheproblem, die Einbindung der Sexualität in die Ehe als einzige von der Kirche akzeptierte Ausübung von Sexualität, wurde bereits in der vorigen Probe gelöst. Das Einhorn wurde gebunden, eingebunden, in die Ehe.

Dass es hier um Homosexualität geht, wird im Märchen auch durch die Soldaten angezeigt. Denn die Soldaten haben Angst vor dem Wildschwein.

Es ist wohl kaum glaublich, dass eine Hundertschaft Soldaten Angst vor einer Frau hat — wohl aber haben sie Angst vor ihrer eigenen innerlichen Frau, vor ihrer latenten Homosexualität, die sich in der Männergemeinschaft — wie jeder weiß, der in einem Internat war, oder beim Militär oder im Gefängnis — mehr oder weniger aktualisiert. Daher ließen sich die Soldaten auch so leicht und so oft vom Wildschwein auf den Boden werfen.

Dass es hier nicht um weibliche Sexualität geht, zeigt vor allem die entsprechende Hauptarkane des Tarot de Marseille an: Der Einsiedler.

Einsiedler, Mönche, ziehen sich gerade von Frauen zurück. Das schließt aber nicht ihre Anfälligkeit für Homosexualität aus, sondern verstärkt sie im Gegenteil.

Daher musste Homosexualität von der Kirche gesondert unter Tabu gestellt werden, weil sonst die Mönche ein vergnügtes Leben hätten.

Denn es geht beim Zölibat gerade nicht nur um einen Verzicht auf Sexualität mit Frauen, sondern auf einen kompletten Sexualverzicht. Daher mussten Homosexualität und Autoerotik in der Form von Masturbation konsequenterweise ebenfalls von der Kirche unter Verbot gestellt werden.

Dass diese Interpretation die einzig richtige ist, zeigt auch das Ergebnis: die Moral ist gewahrt, Masturbation und Homosexualität, sowie freie heterosexuelle Betätigung in Form von Promiskuität, symbolisiert durch das frei unter Bäumen herumspringende Einhorn, sind gebannt. Was bleibt: Sex in der Ehe, der einzige von der Kirche erlaubte Sex.

Bevor der Schneider die Königstochter bekommt, muss er sich also mit diesem Moralkodex einverstanden erklären. Er tut es durch die Ableistung der Proben, durch die Zurückweisung der Versuchungen.

Hellseherei gegen Gewalt

Die Karte der Zehn der Stäbe im mythischen Tarot zeigt Jason nach glücklicher Rückkehr von seiner aventure — aber er ist sehr unglücklich. Warum?

Warum sind wir unzufrieden, wenn wir erreicht haben, was wir suchten, wenn wir gesättigt sind und nichts mehr zu tun ist?

Wir alle kennen das Gefühl. Auch der Schneider.

Und daher besinnt er sich auf sein Schneiderhandwerk zurück, als alle Wünsche ihm erfüllt waren, sexuell wie materiell. Seine Frau ist mit dieser Rückbesinnung auf die Quellen nicht einverstanden, denn sie lebt nicht in seiner Haut, hat nie einen Werdegang wie den seinen mitgemacht, da sie schließlich als verwöhnte Königstochter aufwuchs. Der Schneider hat sie zwar sexuell erobert, aber ihr stolzes Herz hat er damit nicht gewonnen — für sie ist und bleibt er ein Schneider.

Es erwartet den Schneider also eine letzte Probe seiner wirklichen Größe und Originalität, seiner Individualität, seiner Einzigartigkeit. Er besteht diese Probe mit Hilfe seines in der Tat seltenen Talents: seiner Hellseherei.

Er setzt sein Hellsehen, seine intuitive Anima–Seite, gegen rohe männliche Brutalität ein und siegt über die Soldaten.

Das musste der Königstochter imponieren, zeigte es doch eine Stärke, die, der odyssischen gleich, über hehre Manneskraft weit hinausgeht. Durch das Bestehen seiner letzten Probe verwandelt er sich von einem Schneider in einen Listenreichen und verwandelt damit auch seine Frau von einer einfachen Königstochter in eine Penelope. Damit wurde er wahrhaft König, denn er war es, ohne von Reichtümern abhängig zu sein — einzig aufgrund seiner Auszeichnung.

Nachtrag

Sind Märchen Dressurmittel?

Stellt dieses Märchen vom tapferen Schneiderlein nun wirklich eine Initiation zur Weisheit dar, oder handelt es sich vielmehr um eine Initiation ins Durchschnittsleben, Dressur zu größtmöglicher Konformität mit den gesellschaftlichen Normen und Werten? — nach dem Motto: Pass’ dich an die Sozialnormen an, dann kannst du kreativ sein im sozialen Umfeld!

Oder noch schärfer formuliert: Sind Märchen Unterdrückungsmittel für Kinder? Oder, auf Erwachsene bezogen: ist die hier vorgestellte letzte Etappe in unserer initiatorischen Reise denn wirklich eine Form von kreativer Realisierung, oder ist sie eine »psychoanalytisch« verbrämte Form von Biedermeiertum?

— Siehe dazu die Lehrfabel von Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1996, ISBN 3518390457 und Friedrich Luft, zitiert von Hellmut Karasek, Biedermann und die Brandstifter, in: Über Max Frisch, S. 145 f.: Man kann die Moral dieses Lehrstücks ohne Lehre auf die jüngste Vergangenheit anlegen. Man kann bedeuten: Wir wussten ja, dass Hitler Krieg, Vorherrschaft, Brand und Ausrottung meinte. Er hat’s ja deutlich genug gesagt. Trotzdem hat man’s nicht recht geglaubt: Biedermann als Mitläufer. Oder man kann (und soll wohl) an die Brandstifter denken, die mit dem neuen großen Feuer, mit der Teufelsbombe kokeln. Wir dulden es. Wir sehen es mit an und finden viele Gründe, es zu tun. Aber die Lunte ist gelegt. Wehe! Oder man kann an die demokratische Duldsamkeit denken, mit der extreme Brandstifter biedermännisch von uns ausgehalten werden, ganz rechts und ganz links. […] Aus Gründen der öffentlichen Gemütlichkeit schieben wir die Regungen einer besseren Einsicht einfach weg: Ist ja alles nicht so schlimm…

Ja, der Schneider hat seinen sozialen Aufstieg realisiert. Wenn man in der Gesellschaft aufsteigen will, muss man sich deren Sozial– und Sittennormen unterordnen. Muss man wirklich? Ist dieser Schneider, dieser Opportunist, ein Vorbild? Soll er überhaupt ein Vorbild sein? Oder zeigt er einfach eine kausale Gesetzmäßigkeit auf: wenn du in der Gesellschaft etwas werden willst, so musst du eben dies und jenes unterlassen, verdrängen, unterdrücken.

Unterdrückte der Schneider aber, verdrängte er? Explorierte er nicht eher ungehindert in sein Inneres, in seine sexuellen und anderen Probleme? Stellt er damit nicht gerade ein freies Kind dar?

Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Schneider am Anfang der Geschichte, von seiner Reife her, gewissermaßen auf der Stufe eines Kindes stand. Er begegnete ja dem Riesen in ihm. Niemand hinderte ihn daran. Hätte er ihn verdrängen müssen unter dem Einfluss einer sexualfeindlichen Erziehung, wie hätte er ihm dann begegnen können? Wie hätte er dann die Proben bestehen können?

Die Anpassung kommt früh genug, so sagt das Märchen, nachher: im wirklichen Leben. Und es steht schließlich jedem frei, wie weit er sich anpassen will, wie weit er Opportunist sein will, wieviel er materiell von der Gesellschaft und ihren Institutionen profitieren will. Ohne gleich Anarchist oder Terrorist sein zu wollen, steht es ihm frei, auszusteigen, einen anderen, alternativen Weg zu gehen — ohne Königstöchter und Traumreiche und sogar ohne Hellseherei. Zufriedenheit kann weder mit zuviel noch mit zuwenig Anpassung erkauft werden, denn sie ist nicht käuflich. Ob man sie erlangt, hängt jedenfalls nicht von gesellschaftlichem Status ab, sondern von der Wahrhaftigkeit, die man sich selbst gegenüber entwickelt und gegenüber dem Weg, den man im Leben geht.

In diesem Sinne sind die Zehn Säulen der Weisheit als archetypische Reise zwar ein Gerüst, eine kausale Gesetzmäßigkeit im menschlichen Werden und Wollen — aber sie versprechen nichts. Kein Ziel. Keine Belohnung. Kein Leben nach dem Tod. Kein Glück. Sie sorgen nur für eins: Wahrheit.

Ich glaube, dass es hier einfach falsch ist, von richtig oder unrichtig überhaupt zu reden, sondern es geht letztlich um existenzielle Notwendigkeit.

Drei meiner besten Schulfreunde haben sich kurz nach ihrem Eintritt in die Universität das Leben genommen. Sollte ich denken, es sei unrichtig gewesen, ihre kreative Realisierung in dieser Inkarnierung solchermaßen zu unterbrechen? Was weiß ich? Wer kann mir sagen, welches die individuellen Optionen eines Wesens sind im Gefüge seiner totalen Evolution?

Petronius ist immerhin ein Beispiel für einen intelligenten Selbstmord, denn als er unter Nero als Dichter und Kritiker zu sehr hohen Würden gekommen war, sagte er eines Tages eben doch die ganze Wahrheit über den Tyrannen und Nero setzte ihn auf die Abschussliste. Und da war sein Selbstmord eine weise Handlung, denn sie versetzte Nero in eine Ohnmachtsposition, in ein Schachmatt ihm gegenüber.

Manchem wird der Schneider unsympathisch sein, ein kaum zu ertragender Opportunist und Streber, einer derer, die alles tun, um »anerkannt« zu werden. Und doch, wenn wir in unserem stillen Kämmerlein über die Frage ernsthaft nachdenken, wie wir und weshalb wir Erfolg und Anerkennung wünschen in diesem Dasein, müssen wir die Initiation und den Weg des Schneiderleins durchdenken, um zu unserem eigenen Mix aus Eigenständigkeit und Anpassung zu gelangen.

Freud sagte einmal, dass jeder soziale Erfolg ein Mittelweg sei zwischen totaler Anpassung an die Normen der Kultur und totalem Widerstand gegen sie. Ich bin nicht ganz einverstanden. Ich finde, dass es nicht immer die Mitte sein muss zwischen diesen beiden Extremen. Ich selbst bin hier alles andere als in der Mitte angesiedelt, aber wo du auch deine Position wählst, du musst letztlich immer etwas fremdes Salz in deiner Suppe in Kauf nehmen.

Und wenn du dich einmal evolutionshistorisch umschaust, so siehst du, dass es immer das fremde Körnchen war im homogenen Mix, das das Höchstmaß an Kreativität und Genie hervorbrachte. Denn es ist das Körnchen Yin im Yang, das am Kulminationspunkt entscheidend ist für die Erneuerung der Energie, für die Umpolung von Yang in Yin, und dann wieder in Yang.

Letztlich kann es nur darauf ankommen, flexibel zu bleiben, und dabei doch sich selbst, ohne im äußeren Dasein zuviel Rigidität zu zeigen. Dies hat nichts mit Opportunismus zu tun, sondern ist bioenergetisch intelligent und funktionell.

Schubert hat Beethoven viele Skizzen gesandt und Beethoven hat die meisten davon ungelesen dem Papierkorb überantwortet.

Heute fragt danach niemand mehr.

Und als Svjatoslav Richter in den letzten Jahren seines pianistischen Lebens nur noch Schubert–Sonaten spielte, wachten viele Leute auf und begannen festzustellen, dass manche der Sonaten Schuberts größer und wahrhaftiger sind als die Appassionata.

Gut, ohne Richters Genie wäre das Genie Schubert vielleicht niemals aus der seichten Salonblödheit der Biedermeierkultur getreten, die Schubert spielte wie einen impotenten Ödipus, aber andererseits ziehen wir nach dem Gesetz des Magnetismus der Energien immer das an, was wir brauchen für eine volle Realisierung. Die Zeit war nicht reif, einen Schubert zu verstehen vor Richter. So sei es denn. Nun wird sich jeder, der Schubert im Konzertsaal niedertingelt wie einen Kirmesromantiker ein für alle Mal die Finger verbrennen.

Schuberts kreative Energie hat denn sicher Richters Energie angezogen, und dabei spielt es keine Rolle, dass dies etliche Jahre nach seinem Tode war, denn die ätherischen Energien der Seele bleiben ewig erhalten.

Und so würde sich denn mancher wundern, der Selbstmord begangen hat oder seine Existenz als eine Form von »animalischem Existenzialismus« auffasste, was er, könnte er seinen energetischen Funken auf der kosmischen Timeline ausmachen, in hundert oder tausend Jahren erreicht hätte mit einem lebensfreundlicheren Glaubenssystem.

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