Ein Leitfaden zur Selbstbildung


Inhalt

Einleitung

Die Stimme des Kindes

  • Das innere Kind
  • Die inneren Eltern
  • Der Innere Erwachsene

Das Kind will Gehör


Einleitung

Was heißt Erwachsensein? Heißt es, alles besser zu wissen, als Kinder? Heißt es, überhaupt etwas zu wissen? Oder ist es einfach ein Ende — das Ende der Kindheit? Wenn es so wäre, so bedeutete Erwachsensein das Ende aller Kreativität.

Leider ist dies tatsächlich der Fall bei vielen Menschen. Vielleicht aber kann der Weg der Selbstfindung, den ich in dieser Anleitung zum inneren Dialog nachgezeichnet möchte, manch einem dabei helfen, diesen Tod der Kreativität, diese Stagnation in einem falsch verstandenen Erwachsensein, zu verhindern oder rückgängig zu machen.

Wirkliches Erwachsensein ist nur möglich, wenn wir das Kind in uns erhören und anerkennen, wenn wir ihm einen Lebensraum geben, eine Möglichkeit, sich auszudrücken und zu entfalten. Nur dadurch können wir die Verantwortung für dieses Kind, das wir alle mit uns herumtragen, übernehmen. Es ist dies die Verantwortung für alles, was uns human macht, für unsere Emotionen, unsere Intuition, unsere Gefühle, unsere Spontaneität.

Erst wenn wir dem Kind in uns Leben und Ausdruck geben, sind wir in der Lage, integrierte und nicht schizoide Erwachsene zu sein und unser ganzes Selbst, und nicht nur einen davon abgespaltenen Teil, kreativ zu realisieren.

Der innere Dialog kann uns dabei helfen, ganzheitlicher zu leben, zu denken, zu handeln — zu sein. Auch wenn man nicht die Weisheit und überragende Gelehrtheit eines Erasmus von Rotterdam besitzt, der mit seinem Lob der Torheit eine Tür zu unserem Inneren öffnete, die aller Klugheit und Gelehrsamkeit verschlossen bleibt — so kann man dennoch die Pforte öffnen, die zu unserer eigenen individuellen Weisheit führt. Denn wir alle besitzen den Führer, der die Pforte kennt und den Schlüssel zu ihr hat: es ist das Kind in uns.

Doch viele von uns sind solchermaßen von Kategorien der sogenannten Vernunft und eines vermeintlichen normalen Verhaltens bestimmt, dass sie sich dem Fluss der inneren Energie, die uns immer wieder zu unserem Zentrum führt, entgegenstellen.

Lasst uns denn von Plato und Aristoteles Abschied nehmen, alle Ideale in den Wind streuen und uns dem Heraklit’schen Alles fließt zuwenden. Lasst uns dem inneren Strömen, der Torheit uns öffnen, dem Kinde, dem Kindlichen in uns, der Musik, die uns auf ihren Flügeln in das Reich führt, das nur uns allein angehört: unserem inneren Selbst.

Die Stimme des Kindes

Müssen wir Experten der Psychologie oder der Kinderpsychologie sein, um unseren Kindern dabei zu helfen, zu glücklichen und kreativen Menschen heranzuwachsen? Müssen wir Freud gelesen haben oder Bettelheim oder sollten wir Kurse in Pädagogik absolvieren? Wir können dies alles natürlich tun, aber wird uns das zu besseren, liebevolleren Eltern machen? Oder sollten wir gar eine Psychotherapie durchlaufen, um uns von jeder Neurose zu befreien (sofern dies überhaupt möglich ist), bevor wir uns der Betreuung von Kindern widmen? Müssen wir erst bessere Menschen werden, um gute Eltern sein zu können?

Jeder weiß in seinem Inneren wohl, warum er sich ein Kind wünscht. Und jeder, der sich der professionellen Kinderbetreuung widmen will, hat eine Stimme in sich, die ihm sagt, weshalb er gerade dies tun will — und nicht etwa sein Brot als Buchhalter oder Kinodirektor verdienen will.

Der vorliegende Artikel richtet sich an jeden, der diese innere Stimme in sich verspürt und erhört, diese Stimme, die vielleicht die des Kindes in uns selbst ist, das erhört werden will, das sich Liebe wünscht und Fürsorge. Dieses Essay ist nicht ein praktischer Leitfaden für Kindererziehung. Es möchte vielmehr die Erkenntnis vermitteln, dass wir Kinder, seien es unsere eigenen oder fremde, uns anvertraute Kinder, nur so gut, oder so schlecht, behandeln können, wie wir das Kind in uns selbst behandeln.

Wissen um psychologische Zusammenhänge ist sicherlich wichtig und es wird in diesem Bändchen auch darum gehen, aber alles Wissen um die Psychologie des Kindes und seine Entwicklung nützt uns wenig, wenn wir mit dem Kind in uns selbst in Konflikt stehen, wenn wir es in uns unterdrücken, ihm die Sprache verwehren, es also mundtot machen, oder ihm seine Emotionen verbieten.

Ich möchte in diesem Essay eine Art Anleitung geben, mit dem Kind in uns selbst in einen lebendigen, kreativen Kontakt zu treten. Ich stütze mich dabei auf meine eigene Arbeit mit dem inneren Dialog als Methode. Unsere Arbeit geht von der Erkenntnis aus, dass jedes Drama in unserem äußeren Leben die Spiegelung eines inneren Dramas ist.

Jede Person, mit der wir äußerlich in Interaktion treten, symbolisiert energetische Zusammenhänge in unserem Innern, in unserer Psyche.

Wenn wir also mit Kindern in einen konstruktiven und für diese heilsamen oder erzieherisch wertvollen Dialog treten wollen, ob diese Kinder nun unsere eigenen sind oder die Kinder anderer Eltern, so müssen wir mit dem Kinde in uns selbst in einem solchen konstruktiven Dialog stehen. Wissen, in dem Sinne wir es hier gebrauchen oder anwenden, ist also vielmehr eine Form der Selbstkenntnis.

Das Wissen um die Vorgänge in unserer Psyche ist wohl die unmittelbarste Form von Wissen. Ich würde es primäres Wissen nennen. Wir benötigen dazu keine Bücher, keine Studien, keine Hilfsmittel — außer einem ruhigen Platz, an dem wir uns wohlfühlen, wo wir ungestört sind und an dem wir, vielleicht mit Hilfe entspannender Musik, uns in eine Art meditativer Innenschau versetzen.

Der Platz kann auch einfach an einer Schreibmaschine sein, wo der innere Dialog, so wie er uns im entspannten Zustand einfließt, einfach durch die Finger aufs Papier weiterfließt. Diese Form des inneren Dialogs, so wie wir ihn hier verstehen, ist nicht zu verwechseln mit Arten der Meditation, die oft religiös motiviert sind und bei denen wir das Ich zu überwinden suchen. Hier geht es vielmehr darum, das Ich kennen zu lernen und seine verschiedenen Energien zu erkennen und zu integrieren.

In diesem Dialog sind im wesentlichen drei Personen im Spiel: das Kind in uns, die Elterninstanz und die Erwachseneninstanz.

So jedenfalls wurde dies von der sogenannten transaktionellen Analyse definiert, die Eric Berne 1950 in den USA gründete und die erstmals in der Geschichte der Psychoanalyse eine Methode inneren Dialogs propagierte, um damit Heilzwecken zu dienen.

Heute sind wir allerdings weiter und wissen, dass das Ich sich aus viel mehr Entitäten, Einheiten, oder psychischen Energien zusammensetzt. Durch die Analyse von Fällen der Persönlichkeitsspaltung wurde klar, dass das individuelle Ich sich aus verschiedenen Teilpersönlichkeiten zusammensetzt, die man auch Energien nennen könnte.

Im Falle der Persönlichkeitsspaltung geschieht es, dass eine oder mehrere solche Teilpersönlichkeiten abgespalten werden und gesondert auftreten. Wir haben es dann mit den bekannten Dr. Jeckyll und Mr. Hyde — Fällen zu tun, die jeder aus dem Gruselkintopp her kennt.

Jedes Ich, auch das gesunde, setzt sich aus solchen Teil–Ichs zusammen. Das gesunde Ich zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass alle Teil–Ichs zu einem harmonischen Ich zusammengeschweißt sind, darin integriert sind — dass also alle Teilenergien sich zu einer Energie vereinen, einer Energie, die konstruktiv ist und den sozialen Austausch mit der Außenwelt begünstigt. Dazu korrespondiert ein Ich–Gefühl oder Ich–Bewusstsein, das wir alle haben, wenn wir nicht hochgradig schizophren sind oder mit halluzinogenen Drogen unser Ich zeitweise außer kraft gesetzt haben.

Was sind nun die einzelnen Instanzen, aus denen sich unser Ich zusammensetzt? Es sind: inneres Kind, innere Eltern und innerer Erwachsener.

Das innere Kind

Das Kind in uns sind wir selbst, als wir Kind waren. In dieser Energie liegt unsere Vergangenheit gespeichert, so wie wir sie als Kind erfuhren, erfühlten, erlebten. Dieses Kind, mit all seinen Gefühlen, mit seinen Frustrationen, seinem Schmerz oder seiner Freude, seiner Verspieltheit, seinem oft überraschenden Wissen auch, hat überlebt in unserer Psyche. Seine Energie steht uns zur Verfügung in dem Masse, wie wir es anhören, ihm Freiheit und Gelegenheit geben, sich auszudrücken, seine Bedürfnisse kundzugeben, sich kreativ zu entfalten.

Bei vielen von uns ist die Instanz des Kindes entweder unterentwickelt oder überentwickelt. Ein unterentwickeltes inneres Kind äußert sich darin, dass wir unter affektiver Karenz leiden, Mangel an Fantasie haben, ziemlich unkreativ sind, dass wir verlernt haben zu spielen, dass wir ziemlich rigide sind in allem, eher hart oder streng und wenig flexibel, dass wir in Routinen oder Gewohnheiten erstarrt sind, und dass es uns sehr schwer fällt, Änderungen, selbst wenn sie notwendig sind, in unserem Leben zu bewirken.

Ein hypertrophiertes inneres Kind zeigt sich daran, dass unser Verhalten eher unreif oder infantil ist, dass wir stark abhängig sind von Menschen oder Situationen, von Drogen auch, dass es uns am Organisationstalent fehlt, dass wir eher chaotisch leben, in chronischer Unordnung sozusagen, dass wir oft zerfahren und unkonzentriert sind, und dass es uns an einer gehörigen Portion von Selbstdisziplin fehlt.

Es kommt nun nicht so sehr darauf an, wie die Instanzen, die unser Ich bilden, im einzelnen entwickelt sind. Viel wichtiger ist ihre Beziehung zueinander, ihre Organisation sozusagen, ihr Zusammenspiel, ihre Interaktion innerhalb unserer Psyche.

Die inneren Eltern

Die Elterninstanz repräsentiert unsere eigenen Eltern, so wie wir sie erlebt und internalisiert haben. Diese Energie gibt uns den moralischen Sinn; in ihr sind kollektive Wertmaßstäbe und Tabus enthalten. Die Elterninstanz manifestiert sich im Handeln durch das Übernehmen von Verantwortung, den Willen zu schützen und zu beschützen, negativ durch Bevormundung und die Etablierung von Abhängigkeitsverhältnissen.

Der innere Erwachsene

Die Erwachseneninstanz ist das, was man unseren rationalen Verstand nennen könnte; es ist der objektive Beobachter, der wägende und ausgleichende Geist, die reife Persönlichkeit. Negativ läuft der Erwachsene, nimmt er überhand, die Gefahr, das Kind zu vergessen und in intellektuellen Schemata zu erstarren. In Beziehungen ist diese Energie darum bemüht, die Dinge rationell oder realistisch zu sehen, auch Gefühlsangelegenheiten. Es ist evident, dass ein zu starker innerer Erwachsener, der nicht durch das innere Kind ausbalanciert wird, Gefühlskälte und Unverständnis für Gefühle in seine Beziehungen bringen wird und dadurch Vereinsamung erlangen mag.

Im nächsten Kapitel werden wir sehen, wie wir in einen kreativen Kontakt zu dem Kind in uns selbst treten können. Doch zunächst müssen wir eines vorweg tun: wir müssen dem Kinde in uns das Wort erteilen! Wie können wir den Kindern, unseren eigenen oder uns zur Betreuung anvertrauten, Gehör schenken, wenn wir dem Kind in uns selbst dieses Gehör versagen?

Das Kind will Gehör

Wollen wir nicht alle erhört werden, uns ausdrücken, Wünsche, Verlangen, Freude, Schmerz formulieren, in Worte fassen oder in einer anderen Sprache zum Ausdruck bringen, durch Bilder, Farben, Zeichnungen, oder gar durch unseren Körper? Körpersprache ist oft ein sehr lebendiger Ausdruck unserer Emotionen.

Was geschieht, wenn wir am konstruktiven Ausdruck unserer inneren Vorgänge, unserer Emotionen, inneren Bilder, Gedanken und Konflikte gehindert sind? Was geschieht, wenn wir keine Sprache zum Ausdruck haben oder durch Sprachverbote, Sprach–Tabus, uns dieser Ausdruck verboten wird? Ist nicht jeder Akt der Gewalt eine symbolische Befreiung aus dem Gefängnis der Sprachlosigkeit? Ist der Mensch nicht gerade dadurch humanisiert, dass er eine Sprache besitzt, dass er Verlangen, Bedürfnisse, Emotionen und Bewusstseinszustände kommunizieren, verbalisieren, formulieren kann?

Kultur ist Verleihung von Sprache.

Daher sind Tabus, die die Sprache behindern, nicht nur Feinde der Kommunikation, sondern auch kulturzerstörend. Das Verbot von Sprache bringt sprachlose Menschen hervor, Menschen, die sich anderer Ausdrucksformen bedienen, um ihre Emotionen mitzuteilen: Gewalt ist das Resultat von Redeverboten.

Stammeskulturen mit ihrer aus der Natur selbst inspirierten Weisheit, sind sich der Bedeutung der Sprache bewusst. Tabus, wie vor allem das Inzesttabu, aber auch Tabus, die den Umgang mit der Geisterwelt betreffen, sind reine Tat–Tabus, Tat–Verbote, keineswegs aber Rede–Verbote. Im Gegenteil. Bei Feierlichkeiten wird das Tabu der humanisierenden sprachlichen Kommunikation zugeführt. Man redet über das, was man nicht tun darf.

Sprache humanisiert das Tabu und integriert es in die Psyche nicht nur der Individuen, sondern des ganzen Kollektivs.

Die Spiritualität des Menschen ist in erster Linie seine Fähigkeit, unerwünschte soziale Verhaltensweisen durch Versprachlichung zu humanisieren und damit in Kultur zu verwandeln. Ein Tabu hingegen, das der Sprache entkleidet ist, wirkt destruktiv und kulturzerstörend. Denn das tabuisierte Verhalten kann nicht begriffen werden, es steht außerhalb jeder Kommunikationsmöglichkeit, weil es an der Sprache fehlt, es zu beschreiben.

Sprachtabus sind Heuchelei und dienen unterbewusst der Unterhöhlung und Vertuschung dessen was man heimlich tut, obwohl man es offen denunziert. Sie dienen der Aufrechterhaltung einer doppelten Moral, das heisst einer solchen, die einen doppelten Boden hat. Unnötig hervorzuheben, dass Demokratie nur möglich ist, wenn man über alles miteinander reden kann — auch und gerade über das Unerwünschte.

Daher kommt der Spracherziehung, dem Heranbilden des Ausdrucks und der Ausdrucksfähigkeit des jungen Menschen eine hohe Bedeutung zu bei jeder wahren Bildung. Dies war tatsächlich auch der Fall bei der sogenannten humanistischen Bildung, die auf der Lehre der alten Sprachen und der hellenisch–römischen Philosophie beruhte.

Diese antiken Kulturen waren nämlich in noch viel geringerem Masse von Sprachtabus berührt, wie unsere heutigen Massenkulturen. Später, in der moralischen Epoche der Menschheit (Nietzsche), unter dem Einfluss spätplatonisch–christlichen Denkens, wurde Sprache immer mehr tabuisiert, und die Möglichkeit grenzenlosen sprachlichen Dialogs sehr eingeengt. Kulturen jedoch, die Sprache verbieten, sind eigentlich Un–Kulturen; sie sind im Keim nicht nur freiheitsfeindlich, sondern im wahren Sinne kulturfeindlich — und daher, mit einem Wort: faschistisch. Es sind autoritäre Regime, auch wenn sie sich hinter schön klingenden demokratischen Verfassungen verbergen.

Der Weg zu persönlicher Freiheit und Kreativität, zu Autonomie und Loslösung von schablonenhaftem Kollektivdenken führt daher über die Kultur der Sprache, die Kultivierung des persönlichen Ausdrucks. Nur auf dieser individuellen Ebene lässt sich auch kollektiv Kultur aufbauen. Mit sprachlichem Ausdruck ist dabei jede Form von Kreativität gemeint, also nicht nur freie Rede und schriftstellerische Betätigung, sondern jede Form von Kunst, von Ausdruck, der einer Kommunikation dient.

Jeder Mensch muss seine asozialen Triebe und Neigungen durch den Sprachprozess humanisieren und sublimieren können. Ohne Sprache ist Sublimation jedoch unmöglich. Fehlt einer Kultur die Sprache für asoziale Verhaltensweisen, so findet Verdrängung statt.

Was aber nur verdrängt ist, ist nicht verarbeitet; es ist sozusagen unter den Teppich gekehrt. Alle Kollektivdramen der Menschheit waren und sind von kollektiver Psychose begleitet, einem Prozess, der das fragile Gleichgewicht der Verdrängung aufhebt und damit archaische Verhaltensmuster wieder zu Tage fördert. Und dann fragt man sich, wie das denn möglich war?

Auf individueller Ebene ist es natürlich ebenso. Ein Ich ohne Sprache ist ein psychotisches Ich und der Weg der Sprachlosigkeit ist der Weg in die individuelle und kollektive Psychose.

Der Weg psychischer Gesundheit, nicht nur des Einzelnen, sondern von ganzen Kulturen, ist der Weg der Sprache, der Kommunikation und der Freiheit von Kommunikation, die aktive Verteidigung der freien Rede und Schrift. Es genügt dazu nicht, Garantien in Verfassungen zu schreiben und ansonsten den Mund zu halten.

Was waren unsere Empfindungen als Kind, als man uns kein Gehör schenkte? Ist es nicht ein dumpfes Gefühl gewesen, etwas in sich zu behalten, behalten zu müssen, das man eigentlich los werden wollte?

War es nicht ein Gefühl der Ohnmacht, der Bedeutungslosigkeit, der Minderwertigkeit, das mit diesem Nicht–Angehörtwerden einherging?

War es nicht von Depression begleitet oder kam etwa Wut auf, als Rebellion gegen diese als Demütigung empfundene Nichtachtung unserer Person seitens derer, mit denen wir in einer engen affektiven Bindung standen?

Und war es schließlich nicht so, dass mangels Formulierung unserer eigenen Bedürfnisse und Anliegen durch die Sprache, wir diese Sprache, weil sie nicht erhört wurde, verloren?

War es nicht so, dass die Bereiche unseres kindlichen Lebens, wo wir am häufigsten auf eine Ablehnung des Angehörtwerdens stießen, auch die sind, in denen wir die Sprache, die Möglichkeit der Verbalisierung, des Ausdrucks unserer Empfindungen, weitgehend verloren?

Ist nicht die Sexualität einer der Bereiche, wenn nicht der Bereich unseres kindlichen Lebens überhaupt, in dem wir auf die stärksten Sprach–Tabus in unserer erwachsenen Umgebung stießen?

Oder sollten wir ein noch weitergehendes Wort gebrauchen und statt Sexualität Affektivität sagen oder Gefühlsbereich? Wurde nicht vielen von uns, vor allem uns Männern, als Kind der Ausdruck von Gefühlen oft als unmännlich versagt?

Und führte dies nicht bei vielen von uns zu einer Verarmung im Ausdruck von Gefühlen, von Affektion? Führte es nicht, darüber hinausgehend, zu einer fatalen Verwechslung von Sexualität und Affektivität, von sexuellem Trieb einerseits und Bedürfnis nach Zärtlichkeit, andererseits?

Was ist ein Tabu? Ist es ein Verbot des Handelns oder ein Redeverbot? Das Tabu dient der Vermeidung einer sozial unerwünschten Handlungsweise. Das universell verbreitetste Tabu ist das Inzesttabu. Ist dieses Tabu aber auch ein Sprachtabu? Ist es tabuisiert, von Inzest zu reden? Doch ganz offensichtlich nicht.

Es ist vielmehr so, dass, damit das Tabu wirksam bleibt, die sprachliche Formulierung des Tabus notwendig erscheint. Dies kommt in allen naturnahen Völkern und Volksstämmen zum Ausdruck an Festen, die oft religiösen Zeremonien dienen, bei denen der Inzest sprachlich oder bildlich dargestellt wird, also zum Objekt der Sprache wird. Es scheint, dass die Triebenergie, die zu inzestuösem Verhalten führen könnte, durch die Versprachlichung sublimiert wird.

Wie steht es aber damit in unserer zivilisierten Kultur des Okzidents? Hat die Zivilisation nicht dazu geführt, das Inzesttabu zu einem Sprachtabu umzuwandeln, es auf die Sprache auszudehnen?

Advertisements