Ausweg aus der Deprivation

Analyse ist bekanntlich nur der erste Schritt von zweien, die da sind Analyse–Synthese. Synthese und Analyse sind Gegenpole. Sie sind gleichermaßen involviert bei der Wahrheitsfindung. Aber wenn es bei der Analyse bleibt und die Synthese gewissermaßen unter den Tisch fällt, haben wir es mit einer Form von Kernspaltung zu tun.

Diese Art von intellektueller Kernspaltung führt zu Abstraktionen, die sehr schön klingen, und auch einigermaßen gegenständlich erscheinen, die aber in der gelebten Realität eigentlich nicht, oder nicht in der vermuteten Reinheit, anzutreffen sind. Das gilt gleichermaßen für die gerade Linie, die nirgends in der Natur zu finden ist, wie für gewisse Denkschablonen, die abstrahierend–analytisches Denken geschaffen haben.

Solche Denkschablonen können wir auch als Kategorien bezeichnen, als fest umrissene Begriffsräume. Und ein Denken, das ausschließlich von solchen Kategorien bestimmt ist, müssen wir logischerweise als kategorisches Denken definieren. Nach der Analyse, wenn wir alles haarfein zerlegt und zerspalten haben, müssen wir gleichsam wieder aufräumen, wieder Weitblick erlangen, und das Puzzle wieder zusammenfügen…

Einer der wichtigsten Punkte auf der Agenda einer neuen Gesellschaft, und wo wir wieder zurück sollen in den Zustand, der vor der Industrialisierung bestand, ist die Rückgängigmachung früher Geschlechtsspaltung in der Kindererziehung.

Wir alle tragen in uns Charakteristiken beider Geschlechter und es kann für manch eine(n) verwirrend sein, dass unsere Kultur uns auf ganz bestimmte Merkmale und Verhaltenswiesen des einen oder anderen Geschlechts hin festlegen will.

Es gehört Persönlichkeit, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein dazu, dieser zivilisatorischen Schablonisierung individuell die kalte Schulter zu weisen und das eigene So–Sein als richtig und gesund zu akzeptieren. Es ist unzweifelhaft, dass in der Praxis derartigen Zuordnungen eine Label–Funktion zukommt. Das hat positive und negative Folgen.

Positiv gesehen, geben Gruppenzuordnungen Individuen, die sich zugehörig fühlen, emotionale Sicherheit, den Eindruck, sich in seinem Sosein irgendwo zuhause zu fühlen, akzeptiert, so wie man ist in seiner bestimmten Art.

Negativ kann damit Angst erzeugt werden, weil man sich niemals so sicher sein kann, ob man nun wirklich so und so ist, und nicht anders. Zum anderen fällt auf, dass man Sexualität auch ganz anders betrachten kann. Es ist nämlich nicht erforderlich für die Lustempfindung, Sexualität als Bereicherung einer Partnerbeziehung anzusehen, sondern man kann sie voll und ganz autoerotisch leben.

Und über die genitale Stimulation hinaus, ist der Lustbereich viel weiter. Er erstreckt sich, um genau zu sein, auf den gesamten Bereich unserer Haut. Hier einengend von sogenannter taktiler Sexualität zu reden und nicht von Sexualität an sich macht keinen Sinn. Denn jede Form von Sexualität ist taktil. Ohne Taktilität keine Sexualität.

Die Frage nach der Existenz einer Taktilsexualität oder Streichelsexualität ist eigentlich auch eine ziemlich neuzeitliche. Sie ist Teil des New Age und ging ursprünglich von der Intention aus, aktfixierte Sexualauffassungen der Vergangenheit als ungültig und willkürlich zu erklären. Denn Sexualität in bestimmte Akte einschränken zu wollen und nur innerhalb bestimmter Akte anzuerkennen, ist Teil des kartesianisch–mechanistischen Weltbildes des Fische–Zeitalters. Heute wird eine solche Auffassung von Sexualität sogar im konservativeren Teil des Fachschrifttums als überholt angesehen.

Allerdings werden oft nicht alle sozialethischen Konsequenzen aus diesem Paradigmenwechsel gezogen. Hier geht es mir wohlgemerkt nicht darum, ob es eine Streichelsexualität gibt oder nicht.

Meine Ansicht hier ist, dass die umfassendste Form von Sexualität überhaupt Taktilsexualität ist, also unsere natürliche Hautsexualität und dass es daher grundfalsch ist, von einer taktilen Sexualität so zu reden oder zu schreiben, als sei es eine eigene Form oder Kategorie von Sexualität. Denn das ist es eben nicht. Jede Sexualität ist taktil, und vor allem taktil.

Es geht immer um Hautstimulation, es geht immer um Reiben, auch bei der Penetration, bei der es letztlich, abgesehen von den Fantasien, die dabei im Spiele sind, darum geht, die Haut der Eichel so lange im inneren des Sphinkter zu reiben, bis die orgastische Entladung eintritt. Daher kommt es dabei auch nicht darauf an, welcher Art dieser Sphinkter ist, Vagina, Anus oder Hals. Diese Unterscheidungen wurden, wie so viele, künstlich geschaffen durch Sexualfeindlichkeit, und weil man alles, was nicht vaginal–prokreativ war, auf den Index setzte.

Heute jedoch würden in unserer Kultur viele es als unüblich angesehen, Kinder sich nackt gegeneinander kuscheln zu lassen, oder dass sich gar Kinder und Erwachsene gemischt in einem Bett oder auf einer Matte tummeln. Und dies, obwohl wir nun auch von der Wissenschaft her die Bestätigung erhielten, dass Hautkontakt, Wärme, Zusammensein, Zärtlichkeit, Nacktheit, Streicheln und Massage für Menschen aller Altersgruppen gleichermaßen wichtig und lebensnotwendig sind.

Wie bereits eingangs erwähnt, haben verschiedene Forscher die Folgen einer Deprivation von Liebesnahrung näher untersucht und kamen zu überraschenden und eigentlich alarmierenden Folgerungen.

Leider waren solche Forschungen häufig auf die Affenwelt bezogen, obwohl man aus Gründen genetischer Ähnlichkeiten solchen Untersuchungen ihren Wert nicht gänzlich absprechen kann. Aber dennoch scheint es naheliegend, gleich beim Menschen solche Phänomene zu beobachten.

Die Pädiatrie und vor allem die neuere Kinderpsychologie haben uns hier gute Dienste erwiesen. Denn alle diejenigen Fachleute, die sich mit Kindern beschäftigen, sind sich einig, dass Kinder, die lieblos aufwachsen, größere Anpassungsprobleme und Lernschwierigkeiten aufweisen, als solche, die mit Liebe und Wärme, und vor allem mit Hautkontakt während ihrer jungen Jahre, aufgewachsen sind.

Erstere Gruppe von Kindern sind insbesondere diejenigen, die man als zappelig bezeichnet, die durch schwaches Konzentrationsvermögen auffallen und die relativ kontaktarm sind, oder aber sich durch aggressiv–unkooperatives Verhalten leicht von der Gruppe ausschließen lassen. Sie werden meist als schwierige Kinder oder als Problemkinder abgetan oder gar als delinquent herabgewürdigt.

Beim Kleinkind ist man sich heute einig, dass die taktile Stimulation essentiell ist für seine physische und psychische Gesundheit und sein gesundes Wachstum und es ist bewiesen worden, dass enger und langandauernder Hautkontakt des Babys mit Mutter oder Vater oder anderen taktilnutritiven Personen sein Immunsystem entscheidend stärkt und das Kind krankheitsunanfälliger macht.

Der amerikanische Neuropsychologe James W. Prescott herausgefunden, dass bestimmte Kulturen, fahren sie weiterhin damit fort, Kinder in einer liebesarmen, taktilnutritiv deprivierten Umgebung und Moral aufzuziehen und voreheliche Sexualität zu verbieten, in einem wahren Chaos von Gewalt ertrinken werden. Denn Gewalt, so stellte Prescott wissenschaftlich fest, entsteht durch eine Kompensationsreaktion des Gehirns für mangelnde (taktile) Lust.

Unsere Betrachtung kann insoweit nur Denkanstösse geben. Das Problem der heutigen Debatte ist, dass sie steif wurde, rigide und mit Angstklischees durchsetzt. Der böse Mann von nebenan geistert nicht nur in amerikanischen Talk–Shows herum und die allgemeine Hysterie bezüglich kindlicher Erotik und ihrer Lusterzeugung beim Erwachsenen kommt dem taktilbedürftigen Kind nicht gerade zugute. Babymassage, wie Frederick Leboyer sie in Indien kennen lernte und im Westen propagierte, ist denn auch nur eine mögliche Form von taktiler Stimulation, von Hautkontakt.

In diesem Sinne können wir sagen, dass Liebe sprichwörtlich durch die Haut geht. Hautkontakt ist uns ein spontanes Verhalten, um Liebe mitzuteilen.

Die Eltern streicheln ihr Baby und küssen es. Liebende umarmen sich. Kleine Kinder wollen mit den Eltern schlafen und Geschwister teilen ganz natürlich ihr Bett, jedenfalls bis zu einem gewissen Alter. Hier spielen gesellschaftliche Erwartungen eine die Natur überlagernde Rolle.

Historisch war es so, dass Hautkontakt als völlig natürlich anerkannt war und dass auch sexuelle Kontakte in bestimmten institutionalisierten Formen bis zu den ersten Zeugnissen menschlichen Lebens zurückzuverfolgen sind.

Darüber hinaus, so berichtet zum Beispiel Françoise Dolto in ihrem Buch La Cause des Enfants (1985), waren noch im siebzehnten Jahrhundert Liebes– und Sexualkontakte zwischen Frauen und kleinen Jungen keine Seltenheit.

Die Aufteilung von Liebe und Erotik in verschiedene sexuelle Gruppen oder Ordnungen erscheint denn auch nach allem ein wenig mechanistisch. Solche Sexualmathematik mag gewissen Kategorisierungsbedürfnissen entsprechen. Dem Leben sind sie nicht gerade entnommen. Denn in der Praxis sind die Übergänge meistens fließend. Bereits zu babylonischen oder biblischen Zeiten gab es Menschen, die auf Liebe paranoisch reagierten. Die Schriften nicht nur unserer eigenen Kultur sind voll von Zeugnissen dieser Tatsache.

In ihrem historischen Verlauf, ihrer sogenannten Evolution, die meiner Ansicht nach eher eine Devolution seit der Minoischen Zivilisation ist, hat die Menschheit nicht mehr Toleranz gelernt. Die menschliche Geschichte ist vielmehr ein Wechselspiel von Zeiten oder Kulturen größerer und geringerer Toleranz. Augenscheinlich ist, dass alle moderne Wissenschaft, alle Aufklärung und aller guter Wille nicht verhindern konnten, dass heute wieder, in sensiblen Bereichen des Lebens, eine Art dunkles Mittelalter angebrochen ist, eine Zeit paranoischer Ängste und abergläubischer, zum Teil abstrus lebensfremder Vorstellungen.

Meine Auffassung ist, dass Wissenschaft uns nicht lehren kann, was Liebe ist. Nur die Liebe selbst kann es. Mit anderen Worten: wer selbst als Kind Liebe, Wärme und Hautkontakt erfahren hat, wird solchen Erfahrungen auch später, und auch bezüglich seiner eigenen Kinder oder allgemein Kindern gegenüber, offen und positiv gegenüberstehen.

Das Problem, so scheint es, ist nicht, dass die meisten Menschen nicht genügend informiert oder nicht wissenschaftlich interessiert sind, sondern dass sie sich im Gegenteil bei ihren Werturteilen zuviel auf das stützen, was sie von anderen hören oder von gewissen als Autorität angesehenen Instanzen erfahren, als auf ihren eigenen Körper zu hören, auf ihren eigenen Tastsinn, auf ihre eigene Haut!

Alle wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigen, dass in aller Regel diejenigen, die selbst als Kind ihre Sexualität positiv erleben durften, sei es in Kontakten mit Gleichaltrigen oder Älteren, sei es mit ihrem eigenen oder dem anderen Geschlecht, solche Kontakte und die Möglichkeiten dazu auch später bejahen und positiv bewerten werden. Dies einmal vorausgesetzt, ist es jedoch nicht unmöglich, sich gegen allergische Reaktionen der Umwelt und eigene Sexualängste gleichermaßen zu wappnen. Dies erfordert allerdings ein klein wenig Glauben an das Gute, das in uns allen ist, das Gute, das in jeder Liebesbeziehung, in jeder Anziehung, auch sexueller Art, überhaupt verborgen ist.

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