Ein Drehbuch in 11 Szenen


Vorspruch des Herausgebers

Dieser autobiografische Bericht ist all denen gewidmet, die in Gefängnissen sitzen, nicht nur den physischen, die, wenn man sie akzeptiert, manchmal den Vorteil bieten, uns bei mangelnder äußerer Freiheit die Bildung größerer innerer Freiheit ermöglichen, sondern vor allem den mentalen und emotionalen Gefängnissen, die unsere Wahrnehmung der Realität einschränken und verzerren.

Diese inneren Gefängnisse haben der Menschheit großen Schaden gebracht, weil nicht durchschaute Gedankensysteme, Glaubensüberzeugen und Ideologien unsere Perzeption in subtiler Weise manipulieren und verzerren.
Mögen alle die, die glauben, sie könnten an nichts glauben, einsehen, dass dies der größte Aberglaube ist — oder, anders gesagt, die größte Einbildung.

Wahre Bildung ist denn auch die, die sich befreit hat von Sinngebern und Glaubensschienen und die das Wahre und Gute, das unzeitlich ist, und gerade heute auch wieder recht unzeitgemäß ist, als seiend anerkennt und danach zu handeln trachtet.
Denn einer anderen Moral, als der, die der menschlichen Natur gemäss ist, bedarf es nicht.
Und letztere ist eben allzumenschlich, und das macht sie wiederum zu einem glücklichen Instrument des Wachstums, während alle strikten Moralismen den Menschen langfristig in Gewalt und Wahnsinn treiben.

Alle Menschen in diesem Bericht sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen beruht denn auch auf dem, was man Zufall, oder besser, Synchronizität nennt.
Wer immer sich in diesem Film wiedererkennt, der tut es aus gutem Grund.


Erste Szene

Offene Fragen

Ich möchte hier zu Anfang dieses Berichtes die folgenden offenen Fragen stellen:

— Bin ich ein Krimineller? Habe ich irgend jemandem schaden wollen in dem, was ich tat?

— Hat mein Erziehungsansatz, wenn er auch unzureichend ausgearbeitet und bekanntgegeben war, etwas bewirkt in den Familien, das auch nur annähernd so schlimm war, dass ich dafür eine Strafe von drei Jahren Gefängnis verdient hatte, davon eineinhalb Jahre auf der freiwilligen Isolation, weil man mich sonst vielleicht krankenhausreif geschlagen oder umgebracht hätte?

— Ist es das, was unsere Polizei und Justiz heute will, nämlich Menschen, die alles tun, um progressiv zu sein, um neue Verfahrensweisen in Gang zu bringen, die dem Menschen, der Menschheit, und vor allem den jungen Generationen wahrhaft dienen und nützlich sind?

— Ich überlasse die Antwort dem Leser. Die Antwort, die ich durch das ‘System’ eingebleut bekam, war ganz klar und eindeutig, dass ich ein Baby–Vergewaltiger, organisierter Kinderschänder und Predator sei, der als sozial gefährlich gebrandmarkt wurde.

— Im übrigen wurde durch meinen Fall klar ersichtlich dass es im Grunde garnicht einmal die Justiz ist, die Menschen wie mich aburteilt, sondern die Presse, und da die Presse frei ist und erfinden kann, was sie will, um dem perversen Geschmack des Mob dienstbar zu sein, kann einfach alles passieren. Ist das denn richtig, kann dies weiter geduldet werden? Haben nicht Journalisten eine Verantwortung für das, was sie so zusammenschmieren in ihren Blättern?

— Und warum, wenn dies wohl im Prinzip anerkannt sein mag, wird es nicht anerkannt und beachtet, wenn es um Fälle geht, wo es um sogenannten ‘Sex mit Minderjährigen’ geht? Und warum, darüber hinausgehend, kann diese Gesellschaft unter diesem Begriff von ‘Sex’ einfach all das subsumieren, was ihr genehm ist, und wenn es mit Sexualität im engeren Sinne nicht das geringste zu tun hat?

Diese Fragen stelle ich, weil niemand sie mir bis heute beantwortet hat. Sie sind in meinem Verfahren wirklich keiner Weise beantwortet wurden, weil man über sie einfach mit vorschnellen Antworten hinwegging. Aber ich finde diese Fragen wichtig genug, einmal sozusagen wissenschaftlich untersucht zu werden.

Ohne dies zu tun, wie ich die Dinge nun sehe, nach allem, was geschah, wird es nicht möglich sein, einen emotional gesunden und taktil nutritiven Ansatz für die Kleinkinderziehung zu entwickeln, und zwar genau in den Fällen, wo die Sorgetragung von anderen als den Eltern übernommen wird, einfach weil die Mutter anderes im Sinn hat, als für ihr Baby wirklich zu sorgen. Und das ist eben die Realität heute in vielen Fällen.

Um ein solch neues Konzept für die Kleinkinderziehung zu formulieren, welches adäquat genug ist, um die sensuelle Stimulation zu geben, die Kleinkinder nach allen Forschungen brauchen, um gesund aufzuwachsen, ist es nötig, genau zu definieren, was Sex eigentlich ist, und noch genauer, was alles eigentlich nicht Sex ist. Und das kann letztlich nur ein informiertes Volk tun, denn es ist eine parlamentarische Entscheidung nötig, die Gesetze insoweit zu ändern.

Und wenn das nicht geschieht, dann wird es eben überall nur schlimmer, und viele gute Erzieher mögen in die Falle laufen, in die ich lief, weil es nun einmal, ehrlich gesagt, so gut wie unvermeidbar ist, mit Kindern sexuell anzubändeln bei nicht repressiver Erziehung, wenn sich wahre Liebe bildet zwischen Kindern und ihren Erziehern.

Das ist ein Faktum des Lebens, das eine demokratische und freiheitliche Gesellschaft endlich einmal offen und ehrlich betrachten und anerkennen muss, wenn sie so erwachsen ist, dass die die Verantwortung für soziale und biologische Fakten übernehmen kann. Und als Folge davon muss sie die Liebe zwischen Erwachsenen und Kindern, und die zwischen Kindern und ihren Erziehern sozial kodieren für all die Fälle, dass diese Liebe frei ist von Gewalt und Zwang und dem Kind kein Schaden dadurch erwächst.

Denn ohne solche Kodierung wird die intergenerationelle Liebe immer ein Tabu bleiben, und Tabus bringen Chaos, und nicht Gesetzlichkeit, Unordnung und nicht Ordnung, Raub und Zerstörung, und nicht positives Wachstum.

Und für die Lehrer ist es insbesondere vonnöten, dass der Staat eine Art von emotionaler und sexueller Beratung zur Verfügung stellt, damit Männer und Frauen, die erzieherisch tätig sind, nicht in Situationen gelangen, die sie nicht handhaben können, so wie das bei mir geschah.

Zweite Szene

Die Vorgeschichte

Das Schicksal brach mit einem Mal über mich herein wie ein Damokles–Schwert, und aller Widerstand sollte sich alles zwecklos erweisen. Dabei war die Vorgeschichte so positiv, so glückverheißend, und das ist es letztlich auch, was mich so tief in die Depression trieb, wenn auch glücklicherweise nicht in den Selbstmord.

Ich habe wohl bereits Berichte über sexuelle Straftaten gegen Kinder gelesen und so manch eine grausame Lebensbeichte, aber was ich selbst erleben sollte, übertraf all das bei weitem. Ich hatte nicht die geringste Ahnung oder Vorahnung, abgesehen von einigen schlechten Träumen, dass so etwas jemals über mich hereinbrechen würde.

Im Dezember des Vorjahres legte ich mein Diplom ab als Kinderpsychologe, fand jedoch keine Arbeit in meinem Beruf. Auf einer Reise nach Italien besichtigte ich Schulen und Kindergärten in der norditalienischen Stadt Genova und bekam viele Komplimente nicht nur wegen meines guten Italienisch, sondern auch, weil ich offenbar sehr viel Talent habe zum Kindererzieher. Mein Diplom als Kinderpsychologe wurde als zusätzliche Qualifikation angesehen.

Ermutigt, blieb ich für länger als geplant und die Umstände zeigten, dass ich Pech hatte, Arbeit zu finden in meinem Beruf, geradeso, wie ich in meinem eigenen Land keine gefunden hatte.

Nun aber wurde ich von den Direktorinnen zweier international ausgerichteter Kindergärten ermutigt, einfach einen neuen Anfang zu wagen in Italien, und als Assistenzdirektor anzufangen.

Ich überlegte nicht lange, denn alles war irgendwie traumhaft, nicht nur das herrliche Wetter, sondern auch die entspannte Atmosphäre in den Kindergärten, und zudem war mir angetragen worden von einer der beiden Direktorinnen, die Gianna hiess und mit der ich mich näher anfreundete, dass ich nebenbei auch als Hauslehrer in Familien privat arbeiten könne, was mir mehrere Vorteile einbringe.

Ich fand die Idee zunächst abstrus und meinte, ich sei doch kein junges Au–Pair Mädchen, und was ich als Mann in den Dreißigern denn wohl als Babysitter solle, ob ich nicht etwa ausgelacht würde von den Kindern?

Gianna erwiderte, ich habe wohl einen riesigen Nachholbedarf an Wissen um das, was sie die sozialen Gegebenheiten nannte, und habe wohl zu lange im Elfenbeinturm gesessen?

Die Situation in Italien und vielen anderen industrialisierten Ländern sei die, dass immer mehr Eltern aus besseren Schichten einerseits ihren Kindern eine affektiv nutritive, emotional stimulierende und kreative Erziehung angedeihen lassen wollten, dass es aber dafür in jeder Hinsicht an Erziehern fehle. Der andere Punkt, den ich einmal bedenken solle, sei die Tatsache, dass die frühe Trennung zwischen Mutter und Kind ein Trauma sei, das immer wieder heruntergespielt würde, und dass man dieses Trauma relativ leicht vermeiden könne, indem man zurückkomme auf eine alte Institution, der des Hauslehrers.

Gespannt horchte ich auf. Das erschien mir neu, und interessant, und es war ein Gedanke, der mir selbst nie gekommen war, wiewohl ich in der Tat Forschungsberichte gelesen hatte, dass die heute so populär gewordene Vorschulerziehung, wenn sie zu früh statt hat, in der Tat ein erhebliches Maß an Trauma beim kleinen Kinde auslösen kann und dass man sich dessen erst in jüngster Zeit klar geworden sei.

Und das würde dann ganz einfach vermieden werden dadurch, dass nicht das Kind zu Schule gehe, sondern der Lehrer zum Kinde. Dadurch sei gewährleistet, dass das Kind die größtmögliche Zeit mit der Mutter sei, auch wenn diese in einem Arbeitsverhältnis stehe.

Denn das Kind bleibe immerhin in seiner gewohnten Umgebung, und könne es daher leichter ertragen, dass die Mutter für einige Stunden abwesend sei.

Wichtig sei dabei auch, dass die Mutter noch im Hause sei, wenn der Lehrer kommt, um die psychologisch wichtige Mittlerfunktion wahrnehmen zu können, die darin bestehe, den Lehrer dem Kinde vorzustellen und einige Zeit zusammen mit den beiden zu verbringen.

Dies, so habe man kinderpsychologisch festgestellt, sei für das Vertrauensband zwischen Kind und Erzieher von eminenter Wichtigkeit. Idealerweise sei es gar so, dass der Lehrer im Hause wohne und voll in die Familie integriert werde. Auf diese Weise könne ein Trennungstrauma mit Sicherheit vermieden werden.

Ich warf gleich ein, dass es doch reiner Luxus sei, ein Verhältnis ein Lehrer, ein Kind aufrechtzuerhalten, und Gianna hatte gelacht darüber und angemerkt, dass es eine Zahl von Familien geben in Italien, die sich diesen Luxus gewiss leisten könnten, jedoch auch bei langer Suche heute einfach keine passenden Hauserzieher finden könnten, ganz einfach weil Hauslehrertum heute so gut wie ausgestorben sei.

Worauf ich anmerkte, dass das Wort darauf hindeute, dass der Hauslehrer männlichen Geschlechts sei, was Gianna wiederum zum Lachen brachte. Sie meinte, es sei wohl wahr, dass die Institution des Hauslehrers ursprünglich vom päderastischen Griechenland stamme und dass der Hauslehrer meistenteils für Jungenerziehung eingestellt wurde. Dass dies aber letztlich von anekdotischer Bedeutung sei, da heute, ganz im Gegensatz zum Altertum das Mädchen weitgehend dem Jungen gleichgestellt sei, und daher eine solche Diskrimination einfach keinen Sinne mehr mache.

Nun, ich fand es ziemlich esoterisch, um ganz deutlich zu sein, was Gianna mir da erzählte, aber ich sollte eines besseren belehrt werden. Zwar wusste ich, dass alles, was sie mir erzählt hatte, psychologisch richtig war, so hatte ich doch keinerlei Erfahrung mit Kindererziehung, um sagen zu können, ob diese wohlklingenden Ideen auch praktisch realisierbar waren, oder nicht.

Ich begann also einfach mit der Arbeit in den zwei Kindergärten, was bedeutete, dass ich eine Arbeitsstelle hatte für morgens, und eine für nachmittags, und zusätzlich belegte ich auf Anraten Giannas einen Abendkurs in Kleinkinderziehung an der technischen Hochschule in Genova, denn mit dem Diplom konnte ich selbst einen Kindergarten eröffnen.

In der Zwischenzeit wurde ich mit Gianna intim, die eine sehr temperamentvolle und lebenslustige Italienerin war, und die mir sehr gefiel in ihrer Art. Nicht nur waren wir uns auf Anhieb sympathisch gewesen, war Gianna auch eine sehr intelligente Frau, mit der ich so ziemlich alles, was mir auf dem Herzen lag, besprechen konnte. Und da mir mein Beruf wirklich eine Passion war und mein Interesse an Kindern und Erziehung vordem nicht immer Anklang fand in Partnerbeziehungen, war es ein wirklicher Glücksfall, dass ich endlich eine Freundin gefunden hatte, die dieses Interesse voll und ganz teilte.

Gianna ging ihrerseits in ihrem Beruf als Kindererzieherin auf, und man brauchte sie nur täglich bei der Arbeit zu sehen, um zu wissen, dass sie Kinder liebte, und dass sie ihren Beruf als Berufung lebte, und nicht als Broterwerb.

Mit Gianna konnte ich alles besprechen, was mir am Herzen lag in meinen Beziehungen mit Kindern, obwohl sie nicht Psychologin war, akademisch gesehen.

Das war letztlich auch nicht wichtig, denn sie hatte alle psychologische Kenntnis, die man sich nur vorstellen kann, und einfach intuitiv, und stellte dies in ihrer Arbeit tag täglich unter Beweis. So war denn meine Liebe mit Gianna viel kompletter als all die Partnerschaften die ich, vornehmlich mit jungen deutschen Frauen, vordem gehabt hatte. Gianna fand es darüber hinaus ungewöhnlich, wie sie es oft anmerkte, dass ein Teutone so gut Italienisch spreche und so romanisch empfinde, wie ich, was ich natürlich als Kompliment ansah.

Nach etwa zwei Monaten sagte Gianna, sie habe über eine Freundin einen Kontakt zu einer ziemlich hochstehenden italienisch–englischen Familie aus Diplomatenkreisen erhalten, und die Mutter des Kindes wünsche sehr, mich kennen zu lernen. Sie habe die Idee, mich als Hauslehrer anzustellen für ihre zweijährige Tochter.

Gianna meinte, ich solle in jedem Falle hingehen. Ich widersprach gleich, ob sie denn vergessen habe, dass ich den Abendkurs absolviere und daher absolute keinen Platz in meinem Terminkalender habe für eine solche Arbeit, Gianna meinte jedoch, dass sei recht kurzsichtig argumentiert, da ich doch nicht ewig diesen Kurs am Halse habe, und der Familie eben sagen solle, von welchen Zeitpunkt ich verfügbar sei. Ich ging also hin, wenn auch mit einer Einstellung des Daraus–Wird–Ja–Doch–Nichts, aber reden kann man schliesslich immer über alles.

Der Abend kam ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Leute wohnten in einer Prachtvilla im feinsten Viertel von Genova, der Vater des Mädchens war Botschafter und seine Frau, eine Engländerin von London, führte eine bekannte Modeboutique im Zentrum der Stadt.

Was mich ziemlich überraschte gleich vorweg, als wir uns miteinander bekannt machten, war die Redegewandtheit und die unglaublich trockene und lakonische Art der Mutter. Sie sagte gleich, sie habe kein Zeit für ihr Kind, und sie sage das ganz offen und ohne Schuldgefühle. Was für sie zähle im Leben sei ihre Karriere und das bedeute, la moda, la moda e ancora volta la moda, und sonst so ziemlich garnichts.

Ihr Mann nähme sie glücklicherweise so, wie sie sei, wenn er auch etwas traurig sei, dass sie so wenig Muttergefühle habe. Auf meine Frage hin, wie das denn zugehe im Haushalt, wenn sie vollzeitig arbeite, und wer das Kind hüte, meinte sie, sie habe eine chilenische Haushälterin, die wohl gar so etwas wie eine Hausperle alter Art sei, und die sich sehr bemühe um ihre Tochter, dass es ihr aber höchst zuwider sei, dass Angela, ihr Kind, nun erst einmal ein schlechtes Spanisch lerne statt ein gutes Italienisch oder Englisch, und das könnte einfach nicht angehen.

Die Chilenin sei hervorragend als Haushälterin, aber es sei einfach falsch und unstandesgemäss, ihr Kind von einer low class maid erziehen zu lassen.

Auf meine Frage hin meinte ihr Mann, er nehme die Situation, wie sie nun einmal sei, wenn er auch etwas Gewissensbisse habe, wie einfach seine Frau es sich mache mit ihrer Mutterrolle, aber so sei sie nun einmal, und daran könne er recht wenig ändern.

Daher sei er eben auf die Idee gekommen, sich einmal herumzuhören nach einem Hauslehrer, falls es so etwas überhaupt noch gäbe …

Im übrigen war es interessant zu erfahren, dass sie bereits mehrmals junge Mädchen im Haus gehabt hätten, ein au pair von London und ein lokales, und dass dies jedes Mal einfach eine Katastrophe gewesen sei.

Auf meine erstaunte Frage hin bekam ich zu hören, die Mädchen seien einfach nur an Fernsehen und Videos interessiert gewesen, und hätten nicht das geringste Interesse gehabt, mit Angela zu spielen, oder mit ihr zu reden.

Angela sei ein sehr intelligentes Baby, und sie sei nicht sehr an Fernsehen interessiert, glücklicherweise, jedoch sehr an Basteln und Malen, und das hätten die Mädchen einfach blöd und langweilig gefunden, und so habe man sie schliesslich höflich aber bestimmt vor der Zeit entlassen.

Und leider sei die Suche nach einem Hauslehrer oder einer Hauslehrerin völlig erfolglos geblieben, bis gerade vor kurzem Elina, die Mutter Angelas, mit Gianna, ihrer alten Freundin gesprochen habe, und von ihr erfuhr über die Existenz eines jungen Kinderpsychologen von Deutschland, der auf Arbeitssuche sei … da habe man gleich zugegriffen, sozusagen …

Und ich sass da, ganz verlegen über so viel positive Energie und so viele Chancen, wo ich doch zuvor nur Absagen erhalten hatte. Und als ich fragte, was denn ihre Vorstellungen seien bezüglich Arbeitszeit und Gehalt, so war ich sehr überrascht, denn sie wollten mehr zahlen für weniger Arbeitszeit, als ich in den beiden Kindergärten ableistete, und zudem würde ich in einem schönen Apartment im Dachgeschoss der Villa wohnen und hätte also Wohnen und Essen völlig frei.

Und Elina hatte gleich hinzugefügt, dass Gianna natürlich jederzeit am Abend oder am Wochenende kommen könne, wenn ich dies wolle … und ich fand dies sehr einfühlsam von ihr, denn in der Tat hätte ich mir nicht vorstellen können, die intime Beziehung mit Gianna nun wieder abzubrechen, einfach wegen einer besseren Arbeit.

Paolo, der Vater Angelas, hatte dann eingeräumt, dass man auch nichts dagegen habe, wenn ich an Nachmittagen, wenn Angela ihren Mittagsschlaf halte, für zwei oder drei Stunden in Giannas Kindergarten aushelfen wolle, denn das sei doch durchaus arrangierbar, und daran solle es nicht scheitern …

Nun, ich war so gut wie fassungslos und dachte mir, es komme eigentlich auf eines an, was wir alle nicht beachtet hatten. Angela! Und so sagte ich denn, von mir aus sei dies ein lukratives und erwägenswertes Angebot, aber die Rechnung könne doch wohl nicht ohne den Wirt gemacht werden, und im Grunde habe Angela selbst darüber zu entscheiden, denn sie sei es schliesslich, die dann tag täglich mit mir zusammen sei, und wenn sie Schwierigkeiten habe, mich zu akzeptieren in ihrer Gegenwart, könne das ganze wohl nicht laufen …

Paulo sass einen Moment schweigend da und dann schaute er mir in die Augen und lächelte.

— Bravo, daran hatten wir garnicht gedacht, muss ich zu meiner Schande gestehen, und es ist sicher wahr, was Sie sagen, wir müssen Sie zusammenbringen mit ihr und erst einmal beobachten, wie sie auf Sie reagiert …

— Aber hör mal, Liebling, das geht doch wohl zu weit, warf seine Frau dann, offenbar gereizt ein, Angela ist gerade zwei Jahre alt, wie kann sie denn wissen, wer gut für sie ist oder nicht? Das müssen wir doch als ihre Eltern für sie tun, oder etwa nicht?

Daraufhin schaute sie mich an, und ich fühlte mich leicht unwohl. Sie hatte die Frage an ihren Mann gerichtet und doch schaute sie mich an, um eine Antwort zu erhalten. Das Ehepaar hatte keine gemeinsame Anschauung in dieser Frage, wie sollte ich reagieren?

Ich beschloss intuitiv, einfach das zu sagen, was ich wirklich dachte, auch wenn es letztlich nicht zu meinem Vorteil gereichen sollte, und gab zurück:

— Nun, ich denke, Paolo hat eine gute Idee …, hub ich an, und als ich ihn wieder lächeln sah, fuhr ich fort, ich fände die Idee sehr reizvoll, einen kleinen Test zu machen mit Angela, und sie einfach zu rufen … jetzt gleich … um zu sehen, wie sie auf die Bekanntschaft mit mir reagiere.

Paolo meinte, Angela schlafe bereits, aber am folgenden Tag sei dies durchaus realisierbar und eigentlich auch wünschenswert, und wir sollten es einfach tun. Elina merkte an, sie unterwerfe sich der Mehrheit von zwei Männern und es könne schliesslich nichts schaden.

Daraufhin verabschiedete ich mich und fuhr zu Gianna, die in keiner Weise überrascht war, als ich ihr den Verlauf des Abends mitgeteilt hatte. Sie sagte daraufhin nur:

— Ich sehe Dich dort wohnen und arbeiten, aber nicht für lange.

Auf meine erstaunte Frage hin, was sie damit meine, fügte sie hinzu:

— Ganz einfach, weil Du bald ein ganzes Bataillon von Familien am Halse haben wirst, denn diese Familie ist sehr bekannt, und sie sind einflussreich und haben viele Freunde. Das ganze wird sich einfach herumsprechen in der Oberklasse, und Du wirst in eine Zwickmühle geraten, weil Dir andere Familien mehr Gehalt und noch bessere Bedingungen bieten werden …

— Aber nein, gab ich Gianna zurück, ich bin doch kein Gigolo, und wenn ich mich für Angela entscheide, so heisst das, dass ich mich für Angela entscheide, und nicht für das Haus, oder die Arbeitsbedingungen …

Und Gianna meinte, ich sei eben ein wirklicher Idealist und ein anderer würde anders handeln an meiner Stelle. Und ich fragte sie, was sie damit meine? Und sie sagte:

— Na schau mal, ein anderer würde es professionell aufziehen und eine Organisation gründen, er würde sich duplizieren, sozusagen, er würde andere geeignete Erzieher wählen und sie ausbilden für den Job, und er würde eine Firma gründen und Hauslehrer ausbilden und vermitteln, um den Bedarf des Marktes zu decken … was dazu führen würde, dass er eine ganze Stange Geld verdienen würde.

Und ich hatte lakonisch geantwortet, dass es mir nicht ums Geld gehe, sondern um Erziehung, und Gianna hatte wiederum gelacht und gemeint, ich sei halt ein rettungsloser Idealist.

Am nächsten Tag lernte ich Angela kennen, und alles kam so, als es eine Fügung des Schicksals. Angela war mir zugetan auf den ersten Blick. Sie hüpfte vor Freude, als ihre Eltern ihr die Idee auseinandersetzten, sie hätten mich ausgewählt als ihren Hauslehrer, und ich werde im Hause wohnen, mit ihr spielen, sie unterrichten und gar mit ihr schlafen, wenn ich dies wolle, und sie solle mit mir Englisch und Italienisch lernen, und später auch Deutsch, und dass ihr all das Donna Anna, die Chilenin, nicht beibringen könne und man daher erwogen habe, Bernardo einzustellen dafür …

Angela nickte, kam auf mich zu und sagte entschieden, ich solle gerade nun mit ihr spielen! Dann gab sie mir eine kleine Stoffpuppe, die etwas zerrissen war, und fragte mich, ob ich die Puppe reparieren könne, damit sie wieder schön aussehe?

Geistesgegenwärtig bat ich Elina, mir Nadel und Faden zu holen, und als sie mit dem Verlangten zurück kam, zog ich mein Taschentuch aus der Hosentasche, das noch unbenutzt war, und das ich am Morgen parfümiert hatte, und nähte das Taschentuch mit ein paar Stichen um die Puppe herum, dass es wie ein Kleid wirkte. Dann gab ich Angela die Puppe zurück und sagte:

— Mein liebes Kind, hier hast Du eine neue Prinzessin!

Und Angela war auf ihre Mutter zugelaufen mit einem Schrei und rief, sie sei begeistert mit dem neuen Magier, und er dürfe nie mehr von ihr gehen …

Und die Eltern luden mich zum Essen ein und sagten, es sei wohl ohne Frage, dass ich den Test nicht nur bestanden habe, sondern dass ich einfach in jeder Hinsicht brillant sei und man dem Schicksal nur danken könne, solch eine Perle von Erzieher gefunden zu haben. Und nach dem Essen hatte ich etwas improvisiert auf dem schönen Steinway Flügel, und Angela warf mir liebevolle Blicke zu und die Eltern meinten, ich solle Angela doch Klavierspielen beibringen!

Nun also begann ich die Arbeit, kündigte in dem zweiten Kindergarten, behielt die Halbtagsstelle mit Giannas Vorschule, und zog in das schöne Haus ein. Und damit, ohne es zu wissen, hatte ich mich an den Abgrund gestürzt, denn hier fing alles an.

Ich hatte zwar wohl eine sexuelle Beziehung mit Gianna und war auch glücklich in dieser Liebe, obwohl ich Gianna ein wenig zu auftrumpfend fand in ihrem Gehabe, ein wenig zu diktatorisch manchmal auch, und ich hatte auch früher nie irgendetwas Sexuelles empfunden, wenn ich mit kleinen Kindern zusammen war.

Das ändere sich nun aber. Die kleine Angela war ein sehr erotisches kleines Engelchen, und sie gab dieser Erotik auch von Anfang an sehr offen Ausdruck. Die Eltern fanden das übrigens sehr lustig und sie sagten, das sei ein gutes Omen dafür, dass sie ihren neuen Hauslehrer sehr gern habe. Ich hatte auch allgemein den Eindruck, dass es eher freidenkerische Menschen waren, aber ich sollte mich da sehr getäuscht haben!

Nun die Dinge entwickelten sich in gewisser Weise aus meiner Hand, um es so zu sagen, denn die Beziehung mit Angela war nur ein Anfang. Es war ganz so, wie Gianna es vorausgesagt hatte, meine neue Berufung sollte doch grössere Kreise ziehen.

Bereits nach etwa einer Woche kam ein Anruf von einer Mutter, die eine Freundin von Elina war. Sie meinte, sie habe die Sache zwar noch nicht mit Angelas Mutter besprochen, denn sie wolle zunächst einmal mit mir selbst reden, aber ob es nicht möglich sei, dass ich ihren kleinen Sohn Giulio, der gerade drei Jahre alt geworden war, mit dazu nehmen könne in die Spielgruppe mit Angela?

Sie bot mir einen sehr lukrativen Lohn an, angesichts der Tatsache, dass ich ja kaum mehr Arbeit haben würde mit zweien statt einem Kind, dennoch aber mehr als das Doppelte verdiente. Gianna hat auch damit Recht behalten.

Ich antwortete jedoch sehr zögernd, war ich doch überzeugt, dass Angelas Mutter ihr Einverständnis verweigern würde, denn schliesslich hätte der kleine Giulio in ihr Haus kommen müssen. Doch ich sollte mich täuschen.

Angelas Eltern fanden die Idee ausgezeichnet und meinten, es sei einerseits gut, dass ihre Tochter einen kleinen Spielgefährten bekomme, zweitens sei er aus sehr guter Familie, da ihr Vater ein hoher Beamter bei der Regierung sei, und drittens sei es ideal, dass trotz mehr Geselligkeit Angela zuhause bleiben könne, also kein Trennungstrauma mit ihrer eigenen Mutter zu befürchten sei.

Nur Gianna hatte so ihre Bedenken. Sie meinte, alle Beamten seien Idioten und ich solle mich mit solchen Kindern nicht einlassen.

Ich fand ihre Bemerkung ziemlich übertrieben, und konnte nicht sehen, dass sie etwas anderes damit meinte.

Nur als es zu spät war, nachdem ich verhaftet worden war, leuchtete mir langsam ein, was Gianna hier eigentlich meinte.

Und der Untersuchungsrichter, der eigentlich ganz in Ordnung war als Mensch, sagte bei einem der Verhöre, ich solle im Verfahren so wenig als möglich sagen, weil ich zwei Umstände gegen mich habe: ich sei Ausländer und ich habe sehr hohen Leuten auf die Füsse getreten. Er hatte mich vorher gefragt, ob er mir einen Rat geben dürfe, obwohl das nicht seine Aufgabe sei? Ich hatte zugestimmt.

Und ich weiss nicht mehr recht, was eigentlich der Auslöser war unserer Spielchen, und ich möchte es nicht den Kindern gewissermassen in die Schuhe schieben.

Ich erinnere mich noch, dass ich zu anfangs keinerlei sexuelle Erregung spürte, wenn ich die Kinder nackt sah, und das kam oft vor, einmal weil zu meinen Aufgaben gehörte, Angela morgens und abends zu baden, und ihre Eltern hatten mir gesagt, es würde ihnen nichts ausmachen, wenn Giulio mit Angela zusammen bade, weil es mir weniger Arbeit mache und zum anderen sicher für Angela lustiger sei.

Nun, es war in der Tat lustig für Angela, so lustig, dass sie anfing, mit Giulios kleinem Penis zu spielen. Ich tat, als sähe ich es nicht und fand es übrigens normal und gut für beide Kinder. Nur dass es dabei nicht blieb. Die beiden begonnen sichtlich, sich zu mögen, und spielten den ganzen Tag zusammen.

Und einmal überraschte ich sie. Da lag der kleine Giulio doch tatsächlich auf Angela und liebte sie, wie man es sich echter nicht hätte vorstellen können.

Die Kinder bemerkten mich nicht und ich schaute ihnen eine Weile zu und musste dabei zu meiner Überraschung feststellen, dass ich eine starke Erektion bekommen hatte. Dann kam ich näher und die Kinder, zunächst erschrocken, wollte aufhören mit ihrem Spiel, ich machte aber eine Geste, die sie zum weitermachen aufforderte.

Ich kniete mich neben sie und begann über Giulios nackten Po zu streicheln, als er damit fortfuhr, die kleine Angela zu lieben.

Und ich konnte mir nicht verhehlen, dass ich sexuell erregt war, und sehr stark sogar. Es war wohl seit diesem Tag gewesen, obwohl ich mich nicht mehr genau daran erinnere, dass ich mit ihnen zusammen badete und sie nach dem Baden mit Körperlotion einrieb.

Sie liebten das sehr und am liebsten, wenn sie dabei entspannt auf dem Bett lagen und ich sie langsam und sinnlich mit der Creme massierte.

Und es ergab sich ganz von selbst, dass sie dann auch mich mit der Creme einrieben und ich fand das sehr entspannend. Und der kleine Giulio liebte es, mich spontan zu umarmen, wenn wir so nackt nebeneinander auf dem Bett lagen und ich spürte starke Erregung dabei jedesmal, und wenn ich seinen kleinen wunderbar zarten und schönen Körper gegen mich drückte und über seinen Rücken und Po streichelte. Da kam ich spontan zu einem himmlisch zarten, aber kräftigen Orgasmus und Giulio lachte über die weisse Suppe, die ich über ihn geschüttet habe, und leckte daran und bemerkte, dass die Suppe salzig schmecke.

Und später blieb Giulio auch bisweilen über Nacht und er kam zu mir ins Bett gekrochen, während Angela und ich bis dahin nie zusammen geschlafen hatten. Wohl war mein Zimmer gerade gegenüber des Kinderzimmers, aber Angela hatte nie den Wunsch geäussert, bei mir zu schlafen. Giulio hatte die Wahl, mit Angela zu schlafen oder mit mir und er genoss offenbar beides.

Wenn Giulio kam, kuschelten wir uns ganz nah beieinander, und ich weiss nicht mehr, wer damit anfing, jedenfalls zogen wir uns aus und zogen vor, nackt miteinander zu schlafen. Und eines Nachts, als ich nicht schlafen konnte, musste ich mich verwundern über meine Gefühlswelt. Ich musste mir zugestehen, dass ich mich in Giulio verliebt hatte und auch Angela liebte, mit Giulio jedoch auch die erotische Dimension vorhanden war in der Beziehung, und dass meine sexuelle Beziehung mit Gianna, die wohl weiterhin bestand, meilenweit dahinter kam, wenn es um die emotionale Komponente ging.

Ich fühlte mich wahrhaft symbiotisch verbunden mit Angela und Giulio, und das war ein einfach himmlisches Gefühl, das ich nie zuvor erlebt hatte, oder aber sehr früh im Leben, als ich eben im Alter von Angela und Giulio gewesen war.

Und da ich selbst sehr permissiv war mit ihnen, sie niemals strafte für etwas, und auch den Eltern in der Regel nicht erzählte, wenn sie sich ungezogen verhielten, so begannen die Kinder, sich vollkommen ohne Scham vor mir zu bewegen, wozu auch gehörte, dass sie in die Toilette kamen, wenn ich mein Geschäft machte, einfach um mir nahe zu sein.

Wir badeten und duschten zusammen, wir schliefen zusammen, und manchmal dachte ich, ich verhalte mich doch eigentlich wie ein richtiger, affektiv nutritiver Vater mit seinen Kindern. Ich hatte nicht die leiseste Idee, dass das, was ich tat, einmal als kriminell angesehen werde könne, und noch weniger, dass man auf die Idee kommen würde, mir zu unterstellen, ich habe Giulio sexuell penetriert, obwohl dafür jeder Beweis fehlte.

Im übrigen wäre es mir in der Tat als reprehensibles Verhalten vorgekommen, während ich davon ausging, dass ohne Penetration im Grunde kein sexueller Tatbestand vorlag.

Ein anderer Punkt, der später heftig debattiert wurde, war die These der Justiz, ich habe Fellatio mit Giulio praktiziert. Davon konnte keine Rede sein. Ich hatte seinen Penis niemals in den Mund genommen. Ich hatte beide Kinder nach dem Bad gewöhnlich auf ihre Genitalien und ihren Po geküsst, weil ich das als eine Geste sah, ihre Sexualität zu bejahen, und das auch offen der Justiz erzählt.

Aber es wurde einfach so ausgelegt, als habe ich die Kinder an den Genitalien geleckt, und auch noch mit der Intention, mich oder sie dabei sexuell zu stimulieren. Das war einfach dazu gedichtet worden. Ich hatte keine solche Intention.

Und das war eigentlich auch schon alles in meiner Beichte, denn mehr hat es nicht gegeben, obwohl die Presse dann eine ganze schöne Geschichte herumspann, offenbar, weil ihnen das nicht obszön genug war für ihr Schmierblatt. Da stand dann geschrieben, ich hätte Babys vergewaltigt und anderes mehr.

Sehr eigenartig war auch, dass ich festgenommen wurde, obwohl es keine Beweise gab, und obwohl ich bereits ein ganzes Jahr nicht mehr in der Familie gearbeitet hatte. Tatsache war nämlich, dass ich die Arbeit, obwohl sie mich so ausfüllte und ich die Kinder so sehr liebte, aufgab weil ich einen höheren akademischen Grad erreichen wollte.

Ich hatte ein Doktorat begonnen in Kinderpsychologie und hoffte, nach Abschluss denn doch eine Stelle zu finden in meinem Beruf. Ich promovierte über das Thema Taktile Stimulation, oder taktile Sexualität — wo ist der Unterschied?

Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass mein eigenes Leben mir eine Art Testforum für meine These zur Verfügung stellen würde.

Denn in meinem Verfahren spitzte sich die Diskussion und letztlich Verurteilung genau darauf zu: auf die Frage nämlich, inwieweit ich mich über die Grenzen von erlaubter taktiler Stimulation der Kleinkinder hinweggesetzt habe, und statt dessen mit ihnen strafbare taktile Sexualität erlebt habe.

Ich hatte, dem Rat des Untersuchungsrichters und meiner Amtsanwältin gemäss, nicht versucht, mich mit grossen Thesen zu verteidigen.

Ich hatte denn lediglich ausgesagt, es sei mir in keiner Weise auf sexuelle Befriedigung angekommen bei der Arbeit mit den Kindern und trat der These des Staatsanwaltes entgegen, ich habe die Arbeit mit den Kindern nur aufgenommen, um mich schweinig an den Kindern auszulassen.

Die Richter befragten Gianna, die klar aussagte, sie habe mit mir über die ganze Arbeitszeit hin ein sexuelles Verhältnis gehabt, und ich sei als Mann sexuell völlig normal, wenn man sie frage. Der Senatspräsident gab ihr lakonisch zurück, man frage sie aber nicht um ihre Meinung in der Sache, worauf die forensischen Ärzte und Kinderpsychiater zu Wort kamen.

Diese meinten klar und übereinstimmend, bei keinem der Kinder habe man irgendwelche Spuren von Penetration feststellen können; auch seien die Kinder psychisch als völlig gesund anzusehen.

Der Senatspräsident und der Staatsanwalt, offenbar unzufrieden mit der positiven Aussage, versuchten darauf hin, die Experten in die Enge zu treiben und in Widersprüche zu verwickeln, was ihnen jedoch nicht gelang.

Die Experten, offenbar erfahren in Gerichtsaussagen, blieben ganz klar und sachlich und wiederholten einfach ungestört ihre Aussagen, was den Senatspräsidenten schliesslich zu einem Räuspern brachte. Man sah ihm an, dass ihm nicht wohl war in seiner Haut. Daraufhin tuschelte er eine ganze Weile mit seinen Beisitzern, und das Gericht zog sich dann zur Beratung zurück.

Nach der Pause befragten die Richter die beiden Gerichtspsychiater über meinen psychischen Gesundheitszustand, und die meinten, ich habe eine symbiotische Fixierung, die auf frühkindliches Trauma Rückschluss gäbe, ich suche emotionale Sicherheit bei kleinen Kindern und meine Egobildung sei mangelhaft verlaufen. Dies nenne man präpsychotischen Gemütszustand in forensischer Psychiatrie, und eine solche Ätiologie gehe typischerweise einher mit schweren Depressionen und akuter Selbstmordgefahr.

Die Richter jedoch meinten, das sei nicht strafmildernd zu berücksichtigen, sondern eher strafverschärfend, denn als Kinderpsychologe hätte ich wissen und voraussehen müssen, dass ich für die Kleinkindbetreuung ungeeignet gewesen sei, und insofern habe ich die Eltern bewusst getäuscht.

Der Staatsanwalt, offenbar mehr unter dem Einfluss der Presseartikel, als der tatsächlichen Beweislage, hatte in seinem Plädoyer gebrüllt, ich habe die Heilige Familie geschändet und darauf stehe die höchste Strafe. Er verlangte denn auch die Höchststrafe, sechs Jahre Gefängnis mit Bewährung, da ich nicht vorbestraft sei, was bedeutete, dass ich ganze drei Jahre im Gefängnis zu bleiben hatte.

Meine Amtsanwältin, in Übereinstimmung dessen, was wir vordem besprochen hatten, argumentierte, dass es letztlich auf all das nicht ankäme, und obwohl keinerlei Beweis dafür erbracht sei, dass ich tatsächlich taktil sexuell gehandelt habe und nicht nur taktil stimulierend, da mir ein Unrechtsbewusstsein gänzlich gefehlt habe.

Sie führte das in ihrem Plädoyer ziemlich gut aus, aber das Gericht antwortete darauf nicht. Die Antwort war ganz einfach, dass sie nicht darauf antworteten. Sie verurteilten mich zur Höchststrafe, im Einklang mit der Staatsanwaltschaft, und in dem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass die Strategie meiner Anwältin von Anfang an völlig falsch gewesen war, und dass ich mich in der Sache sehr hart und sehr klar hätte verteidigen müssen, und dass ich lieber einen Kredit hätte aufnehmen sollen, um einen guten Anwalt zu finden, als mich solchermassen über den Kopf hauen zu lassen von einer total verrückten Justiz, die keine ist, weil sie einfach der öffentlichen Meinung folgte oder gewissen hochstehenden Eltern, die eine Wut auf jemanden haben, der ihre Kinder in einer Weise erzieht, die ihnen nicht genehm ist.

Das Interessanteste am Verfahren war denn auch die Reaktion der Eltern.

Elina antwortete dem Richter mit blankem Ärger. Sie fauchte, sie habe nicht angenommen, dass Italien ein Faschistenland sei, wo man Männer ins Gefängnis steckt, einfach weil sie gewissen hochstehenden Beamten im Lande ein Dorn im Auge seien.

Die hörten es sich an, der Staatsanwalt brüllte jedoch, die Eltern hätten in dem Verfahren nichts zu sagen, ausser eine Stellungnahme abzugeben, da in Sexualkriminalität das Untersuchungsprinzip herrsche, und daher von Amts wegen verfolgt würde.

Worauf Elina frech zurückgegeben habe, diese Antwort von staatlicher Seite bestätige nur was sie gerade gesagt habe. Der Vater Giulios, der eigentlich der Drahtzieher der ganzen Sache gewesen war, hatte sich natürlich nicht gezeigt. Die Mutter des Jungen war gekommen. Auf die Frage der Richter, was sie zu allem zu sagen habe, fiel sie in Tränen und sagte, das sei alles einfach zuviel für Giulio. Er sei vor der Eröffnung dieses sordiden Verfahrens ein sehr fröhlicher Junge gewesen, nun aber sei er scheu und kontaktarm, und auch habe er jetzt vor allem Angst. Und das Schlimmste sei, dass die Mutter Angelas und der Vater Giulios sich hassten seit der Sache und dass die Kinder daher nicht mehr zusammen spielen dürften, was sich sehr negativ auf Giulio ausgewirkt habe.

Dritte Szene

Verhaftung und Verhör

In der Folge sollte ich lernen, wie wichtig im Leben Details sind, welche die Verkettung menschlicher Geschicke mit transpersonalem Geschehen und mit der unsichtbaren Welt signalisieren. Darauf also soll sich meine Geschichte konzentrieren.

Die Einstellung, die ich heute angesichts meines Verfahrens, aber auch bezüglich meines früheren und heutigen Lebens im allgemeinen unterhalte, ist eine grundsätzlich andere, als die, die ich noch innehatte, als ich verhaftet wurde.

Das ist einer der Gründe warum die Ereignisse freundlicher oder friedvoller wirken in meinem Bericht, als sie mir damals erschienen, denn es ist eine Tatsache, dass dieses Ereignis überaus traumatisch war für mich und dass die Spuren, die all das gelassen hat in meinem Unterbewusstsein bis heute nicht geheilt sind.

Daher ist es wahrscheinlich, dass mein Bericht die Geschehnisse in einem friedlicheren Licht erscheinen lassen, als sie mir damals erschienen.

Indessen möchte ich hierzu bemerken, dass wir immer subjektiv beschränkt sind, ob wir nun die Realität wegen der im Augenblick des Ereignisses bestehenden Emotion verzerren oder aber im Nachhinein diese Verzerrung hineinbringen durch eine vielleicht zu große affektive Distanz zum Erlebten.

Dies vorausgeschickt, ziehe ich es vor, ein Zuviel an Pazifismus walten zu lassen, als ein zu hohes Maß an Revolte und kombativer Selbstgerechtigkeit.

Das war immer meine Art. Hingegen klingt Pazifismus ähnlich wie Fatalismus und wird im herrschenden aggressiv–kompetitiven Wertsystem wohl auch als damit synonym angesehen. Indessen wäre solches ein Fehlschluss. Frieden, ob innerer oder äußerer, ob im eigenen Hause oder auf globaler Ebene, ist niemals die Frucht von Nichtstun und Passivität, sondern erfordert wahrhafte Vigilanz, ein Tun, das man als rechtes Tun bezeichnet hat, oder, wie Laotse, als Nichtstun.

Ich weiß, dass ich in diesem Verfahren nicht kombativ war, jedenfalls nicht mehr ab einem gewissen Zeitpunkt. Aber es war gerade dieser Verzicht auf jeden Kampf, der mir einen ganz neuen Weg eröffnete. Genauer gesagt, nicht eigentlich mir als Person, sondern der Kraft, die durch mich wirkt …

Es war am dreißigsten Januar, als ich morgens gegen halb sieben erwachte und ein dringendes Bedürfnis mich ins Bad berief. Ich fühlte mich aus unerfindlichem Grunde traurig und ängstlich.

Kaum hatte ich mein Geschäft erledigt, noch im Bad befindlich, hörte ich die Türklingel. Wer mag das wohl sein, um diese frühe Zeit? fragte ich mich, mit einem plötzlich heißen Angstgefühl in den Därmen und Schweiß ausbrechend auf den Handflächen, so wie jetzt wieder durch die bloße Erinnerung an das traumatisches Vorgefühl eines schrecklich harten Schicksalsschlages.

Mit klopfendem Herzen ging ich leise zur Tür und schaute durch den Spion. Da sah ich zwei Männer in Anzügen und roten Krawatten. Rote Krawatten, dachte ich: das ist sehr seltsam! Als ich zögerte, die Tür zu öffnen, wurde das Klingeln und das laute Schlagen gegen die Tür immer eindringlicher.

— Polizia, Carabinieri, bitte öffnen sie! hieß es immer wieder.

Als ich öffnete, zeigte mir einer von ihnen eine Art von Ausweis und sagte, er sei von der Polizei. Ich solle mich gleich anziehen und mit ins Büro kommen. Sie hätten mit mir zu reden.

Als ich fragte, weswegen sie gekommen seien, antwortete der eine lakonisch, das werde man mir im Büro sagen. Ich merkte an, es sei rechtswidrig, sie hätten keinen Haftbefehl und müssten mir den Grund meiner Verhaftung bekannt geben. Sie antworteten darauf nur gelassen, in Italien sei das Verfahren vielleicht ein anderes, als in meinem Heimatland und ich müsse mich schon damit abfinden.

Die frühmorgendliche Fahrt war sehr unheimlich. Plötzlich wurde ich mir im klaren, dass es ungeheuer leichtsinnig gewesen war, mehrere Fotos in den Wänden meines Studios aufgehängt zu haben, die nackte Kinder zeigten. Ich hatte bemerkt, dass die Polizisten sie angeschaut und dann lächelnd miteinander darüber geredet hatten.

Das Büro war in der Altstadt von Genova. Aber es war kein Büro, sondern ein Gefängnis. Ich wurde einfach in eine Zelle gesperrt und es hieß, die Richterin werde mich später in ihr Zimmer rufen. Sie werde darüber entscheiden, ob ich inhaftiert oder wieder freigelassen würde.

Die Zelle war groß und kalt. Zwar sehr sauber und neu gestrichen, aber schlecht geheizt. Mein Durchfall hielt an und ich musste mehrere Male klingeln, um auf die Toilette zu gehen.

Den Anwalt bekam ich verweigert, jedoch nicht das Essen. Um etwa acht Uhr fragte mich der eine der Polizisten, ob ich ein Sandwich wolle und ich bejahte. Wenig später kam er mit einem mit Käse belegten Brötchen zurück und ich nutzte die Gelegenheit, ihn zu fragen, einen Anwalt anrufen zu können?

Doch ich bekam zu hören, das sei bei Pädophilieverdächtigen nicht üblich. Der Anwalt könne erst von einem bestimmten Zeitpunkt an in das Verfahren eingeschaltet werden. Im übrigen seien das rechtliche Fragen, die ich besser der Untersuchungsrichterin stellen solle. So wartete ich denn. Und sie liess mich warten!

Gegen elf Uhr endlich wurde ich gerufen. In dem heissen Büro saß an einem einfachen Schreibtisch eine dickliche junge Frau, die stark nach Schweiß roch und rote Pickeln im Gesicht hatte.

Sie wurde mir als Untersuchungsrichterin vorgestellt. Sie schaute mich mit unverhülltem Hass an und erkundigte sich nach meinen Personalien. Auf meine Frage, warum ich verhaftet worden sei, antwortete sie, das werde ich später erfahren. Zunächst einmal solle ich Auskunft darüber geben, von was ich denn meinen Lebensunterhalt bestreite? Ich antwortete, dass ich im Moment mit meiner Freundin lebe und ein Doktorat an der Universität aufgenommen habe, daher im Moment nicht arbeite. Meine Freundin verdiene gut und es reiche für uns beide.

— Ach …, Sie haben eine Freundin hier?

— Ja, warum?

— Oh …, das wussten wir nicht.

Sie schien irgend etwas in den vor ihr liegenden Papieren zu suchen, dann schaute sie wieder auf und fragte mich, in welchem Rahmen ich mit Kindern arbeite? Ich antwortete, ich habe vor einiger Zeit als Erzieher in verschiedenen Kindergärten gearbeitet und schliesslich in einer Familie als Hauslehrer, wo ich zwei Kinder betreut habe.

Sie wollte wissen, ob ich die dafür erforderliche Qualifikation habe? Ich informierte sie, dass ich diplomierter Kinderpsychologe sei, worauf sie mich fragte, ob ich auch für Kleinkinderziehung ein Diplom habe, was ich bejahte.

— Ich habe es in Genova in der technischen Hochschule in Abendkursen abgelegt.

Wieder schaute sie erstaunt in ihre Akten und murmelte.

— Auch dass Sie Kinderpsychologe sind, war uns nicht bekannt …

Dann schaute sie plötzlich auf und sah mir in die Augen.

— Welchem Erziehungsansatz folgen Sie? fragte sie aggressiv.

Ich fragte sie zurück, was sie damit meine?

— Montessori, Steiner, oder so etwas …

— Ich kenne diese Erziehungsansätze, antwortete ich ruhig, aber ich folge keinem dieser Systeme. Jedes System ist rigide und steif, Kinder aber sind beweglich und verändern sich rasch. Erziehung lässt sich nicht in Systeme pressen!

So lautete meine kurze und einfache Antwort und ich wunderte mich selbst, in wenigen Worten so treffend ausgedrückt zu haben, von dem ich im Herzen seit Jahren fest überzeugt war.

— Sicher, Pädophilie ist nach ihrer Meinung wohl der beste Erziehungsansatz! konterte sie.

Ich antwortete ruhig, dass ich nicht dieser Ansicht sei, worauf sie mich hasserfüllt ansah, mit plötzlich rotem Kopf und den Kopf hob:

— Dieser Mann ist nicht glaubwürdig! fauchte sie. Abführen!

Dann erklärte sie, sie habe meine Inhaftierung angeordnet.

Die Beamten fuhren mich zum Gefängnis. Im Auto fragte mich der eine, ob sie bei meiner Freundin vorbeifahren sollten, um das Notwendigste für mich dort für mich abzuholen und mir ins Gefängnis zu bringen? Ich entgegnete, es sei mir lieber, wenn ich einen Anwalt anrufen könne. Ich bekam jedoch zu hören, das sei nicht möglich. Ich könne zwar bereits einem Anwalt schreiben, wenn ich das wolle, aber er könne erst nach Abschluss der Ermittlungen ins Verfahren eingeschaltet werden. Auch meine Freundin könne mich erst nach Abschluss der Ermittlungen besuchen kommen. Hingegen würden sie gern dafür sorgen, mir das Notwendigste bei ihr zu besorgen. Das sei alles, was sie für mich tun könnten. Außerstande, meine Lage einzuschätzen, stimmte ich zu.

Vom Beginn meiner Verhaftung an fühlte ich mich wie ein Mondtänzer, im luftleeren Raum schwebend, wie in einem Alptraum, in denen man sich in eine Masse Kaugummi eingeklebt fühlt, die jede Bewegung als von vornherein zwecklos weil unmöglich erscheinen lässt.

Erst als der VW–Golf, in dessen Fond ich saß, sich einem festungsartigen Anwesen näherte, wurde mir klar, was mir bevorstand. Alles vorherige, dieser ganze Morgen, seit dem Klingeln der beiden Beamten an meiner Tür, so wurde mir nun schlagartig klar, war lediglich eine Art Kinderspiel gewesen gegenüber dem, was mir nun bevorstand.

Vierte Szene

Misshandlung und Transfer

Der Wagen hielt im Innenhof, vor einer großen Freitreppe, die zum Haupteingang des Gefängnisses führte. Ich ging jedoch, wie ich es in einem Traum zuvor gesehen hatte, nicht die Treppe nach oben, sondern zwischen den Beamten ein kleines Treppchen hinunter, linker Hand der Treppe, und wir traten von dort durch eine schmale Tür in das alte Bauwerk ein.

Die Zelle war sehr kalt. Es war wie in einem Bunker. Alles war alt, wenn auch sauber, doch sehr trostlos. Ich fror und verkroch mich zwischen den braunen Wolldecken, die auf dem Bett lagen, sobald der Wärter mich eingeschlossen hatte.

Da lag ich dann und versuchte, mir mit Autosuggestion den Körper zu erwärmen. Um mir etwas die Zeit zu vertreiben, fing ich an zu dichten. Da ich noch nichts zu schreiben bekommen hatte, formulierte ich die Gedichte in meinem Kopf und behielt sie im Gedächtnis, bis ich sie notieren konnte.

Die ersten Gedichte schrieb ich in Italienisch. Mit Wehmut dachte ich an meine schöne Zeit mit den Kindern zurück, die nun bereits seit einem Jahr vergangen war.

Wegen der Fertigstellung meiner Doktorarbeit hatte ich geraume Zeit vor meinem Endexamen alle Arbeitsstellen aufgegeben. Und die Zeit hatte ich auch wahrhaft gebraucht, da die Redaktion meiner Arbeit sich als ungenügend erwiesen hatte.

Ich war nun einmal besessen gewesen von der ambitiösen Idee, meine Doktorarbeit in italienischer Sprache zu schreiben, obwohl ich hätte beantragen können, sie entweder in Deutsch oder in Englisch zu redigieren.

Aber ich hatte mir selbst beweisen wollen, dass ich in der Lage war, nicht nur Gedichte, sondern auch eine wissenschaftliche Arbeit in Italienisch zu verfassen. Und ich hatte es geschafft — mit zwei Jahren Verspätung. Fünf Jahre hatte ich gearbeitet an dieser Arbeit, die nach ihrer Verfassung außer der Jury niemanden interessierte, ganz einfach, weil mangels Publizierung niemand davon erfuhr.

Ich schrieb ans Gericht, mir einen Anwalt zuzuerkennen, erhielt aber so bald keine Antwort. Einige Tage vergingen, während derer ich Gedichte schrieb und zuweilen verhört wurde von einem Untersuchungsrichter. Die hässliche und voreingenommene Richterin war durch einen jungen, und doch recht sympathischen und ziemlich sachlichen Richter ersetzt worden.

Er setzte mich in keiner Weise unter Druck und machte mir keine faulen Versprechungen, wie die Kommissare, die mich zum Reden bringen wollten.

Und das Ziel hatten sie leider auch erreicht. Ich legte ein Generalgeständnis ab. Im übrigen hatte die Polizei alle Fotos und Dias in meinem Studio beschlagnahmt. Darunter waren solche, die mich in nackter Umarmung mit einem kleinen Jungen zeigte, oder wo man die Genitalien der Kinder in Grossaufnahme sah.

Diese Fotos hatten die Kinder gemacht, und es war als Ulk gemeint gewesen, aber all das nahm man mir nicht ab. Angeblich habe ich pornographische Fotos von den Kindern gemacht, und so wurde das schwarz auf weiss später dann auch ins Urteil geschrieben.

Mir war mulmig zumute, wenn mir morgens für den Rundgang die Zelle geöffnet wurde. Ich hatte davon gehört, das sogenannte Pädophile im Gefängnis von Mitgefangenen zusammenschlagen oder gar vergewaltigt und getötet wurden.

Und mir sollte es nicht besser ergehen. An einem sehr kalten Wintermorgen wurde ich von einem Jugoslawen barsch angehalten, der mich fragte, ob ich der sei, der die Babys vergewaltigt habe? Die Antwort schien im voraus festzustehen, denn er begann ohne Vorwarnung auf mich einzuschlagen. Ich sah, dass zwei andere sich umsahen, ob keine Wärter zugegen waren, und ich hatte den Eindruck, dass ich einem Komplott zum Opfer gefallen war. An keinem der Vortage war es vorgekommen, dass im Hof absolut kein Wärter war.

So musste die ganze Sache wohl abgekatert worden sein zwischen den Gefangenen und den Wärtern. Nachdem er mir etwa zehn Minuten lang in die Eier getreten hatte, kam ein Wärter und sie gaben auf. Keiner der anderen Gefangenen auf dem Spaziergang machte Mine, etwas gesehen zu haben.

Schreiend vor Wut und Empörung über die Nachlässigkeit der Wärter verlangte ich ärztliche Behandlung. Ich wurde auf die Krankenstation geführt, wo kein Mensch mit mir sprach. Ich sah nur hasserfüllte Gesichter, die mir kurze und schroffe Antworten gaben, so als habe ich das alles wohl verdient. Der Arzt beschaute sich meine Eier, die grün und blau waren und meinte dann lakonisch nur:

— Da ist nichts zu machen. Das heilt von selber.

Ich wurde in die Zelle zurückgeführt. Nun hörte ich zum ersten Mal ein freundliches Wort:

— Das ist unerhört, sagte der Wärter. Diese verdammten Jugoslawen haben nicht das Recht, hier die Strafrichter zu spielen. Was bilden die sich überhaupt ein? Machen Sie sich keine Sorgen, ein solcher Vorfall kann nicht übersehen werden. Ich bin ziemlich sicher, dass man sie transferieren wird.

Und zum ersten Mal sah ich, dass ich lächelnd eingesperrt wurde. Der Wärter mag vielleicht etwas gesagt haben, oder ein anderer Umstand wirkte mit: ich wurde noch am gleichen Nachmittag transferiert und dieser Umzug sollte sich als in jeder Hinsicht wohltuend für mich erweisen.

Mein Untersuchungsrichter, den ich am nächsten Morgen sah, war ebenfalls empört.

— Den Kerl haben wir sicher gestellt, darauf können Sie sich verlassen. Der wird hier niemanden mehr verhauen. Der hat bereits unzählige Wärter angefallen, aber jetzt reicht es uns. Die Szene war wie im Film gewesen. Als er vom Spaziergang zurückkam, wollte er Sie nämlich gerade noch einmal erwischen, als Sie von der Krankenstation kamen. Wir mussten ihn mit fünf Mann in Schach halten! Der ist bärenstark und war in einer Rage, die ich noch bei keinem Gefangenen gesehen habe. Wir haben ihn nun als ganz besonders gefährlich eingestuft und der wird in die Isolation kommen.

— Wie heißt er eigentlich?

— Raiko.

— Wissen Sie, ich möchte Ihnen etwas sagen …

— Bitteschön …

— Der wahre Schuldige hier ist nicht dieser Gefangene, sondern der Dreckjournalist, der all die Lügen über mich in der Zeitung schrieb. Als Raiko mich verhaute, zitierte er Teile von den Artikeln. Es ist unglaublich, dass ein Zeitungsschmierer einfach alles erfinden kann, nur damit der Mob den perversen Dreck bekommt, den er lesen will!

— Ja, da haben sie Recht. Das ist leider so. Aber bitte vergessen Sie nicht, dass letztlich Sie es waren, der dieses traurige Inferno ausgelöst hat, oder nicht?

— Ja, das ist wahr.

Endlich bekam ich dann auch reinen Wein eingeschenkt.

— Bis heute hat mir die Polizei nicht gesagt, was eigentlich den Ausschlag gab für meine Verhaftung! insistierte ich. In der Zeitung stand, man habe mich über Monate hin beobachtet …

— Kein Wort wahr. Der kleine Junge, wie hieß er noch, Giulio, machte gegenüber einem Schulfreund eine Bemerkung über sie. Und das hörte die neue Babysitterin, eine Frau aus der Nachbarschaft. Der Junge soll gesagt haben, er habe es gern gehabt, wenn sie mit seinem Penis spielten … und das habe er mehr geliebt, als die Spiele der neuen Babysitterin. Und die Mutter hat gleich die Polizei alarmiert.

— Ach so war das …, eigentlich nicht viel, um eine Verhaftung einzuleiten …

— Die erste Untersuchungsrichterin fand, dass es genug war. Aber sie hat Fehler gemacht im Verfahren und deswegen bin ich eingesetzt worden.

— Wie geht es weiter? Die Polizisten sagten, ich könne vielleicht achtzehn Monate mit Bewährung erhalten. Das würde heißen, dass ich nach dem Urteil frei bin. Ist das richtig?

— Theoretisch wohl. Ich werde dies auch als Strafrahmen vorschlagen in meiner Entscheidung zur Schließung des Vorverfahrens. Aber was die Richter dann entscheiden, ist eine andere Frage. Die öffentliche Meinung ist sehr gegen Sie eingenommen …

— Aber das soll bekanntlich die Richter nicht interessieren — oder …?

— Ja, natürlich. Aber Sie wissen so gut wie ich, dass die Praxis anders aussieht. Ein Mensch ist auch nur ein Mensch, und Delikte, die die Familie berühren, wie hier in Ihrem Fall, sind sehr dazu geeignet, hohe Wellen zu schlagen im öffentlichen Bewusstsein. Davon kann kein Richter unaffektiert bleiben, so gut er es auch versucht.

— Denken Sie denn, wenn es grössere Kinder gewesen wären, würde die öffentliche Meinung das anders sehen, als bei so kleinen?

— Diese Konstellation sieht anders aus. Da reagiert die öffentliche Meinung auch anders. Bei Ihnen kommt sehr verschlimmernd hinzu, dass Sie das Vertrauen der Eltern ausgenutzt haben und dass man annimmt, Sie haben die Arbeit nur gesucht, um letztlich sexuell zum Ziel zu kommen. Sehen Sie, das hat auch die Presse so aufgebracht.

— Aber es war doch gerade, weil ich letztlich dagegen war, für die Kinder sexuelle Gefühle zu haben und das alles zu verdrängen suchte, dass es so … ausartete, am falschen Platz eben, sozusagen.

— Das mag wirklich tragisch sein in Ihrem Fall und sie bekommen vielleicht härter auf den Kopf gehauen, als Sie es verdient haben, aber wie ich bereits vorher sagte, Sie haben sich das alles selbst zugefügt, wenn Sie korrekt kausal denken.

— Das Leben ist aber nicht korrekt kausal …, sondern synchronistisch und spontan.

— Ich habe keine Zeit, mit Ihnen zu philosophieren. Ich werde jetzt das Vorverfahren schließen und Sie werden in den nächsten Tagen die Entscheidung erhalten. Dann sehen Sie, wie es weitergeht.

Am nächsten Morgen wurde ich überraschend wieder in sein Büro gerufen, aber er war nicht anwesend. Dafür setzte sich eine junge Frau mir gegenüber, die mich sympathisch anlächelte und meinte, sie sei von der Sitte und also recht gut im Bilde über Fälle wie dem meinen.

— Ich möchte einfach ein wenig plaudern mit Ihnen, meinte sie. Ich habe mit Ihrem Fall nichts zu tun, und habe Ihren Untersuchungsrichter aus reiner Neugierde um ein Gespräch mit Ihnen gebeten. Natürlich nur, wenn Sie einverstanden sind.

— Kein Problem. Wie Sie wissen, habe ich ein Generalgeständnis abgelegt, ansonsten habe ich hier, wie Sie sicher auch wissen, nicht viel zu lachen. Solche wie mich sieht man am Liebsten im Grab, habe ich den Eindruck.

— Das ist leider so. Die Menschen reagieren übertrieben emotional in solchen Fällen, weil sie Angst haben. Sie haben die Eltern wirklich schockiert. Ihr Richter sagte mir, dass die Mutter des Mädchens es nicht glauben konnte, als die Polizei kam. Sie hat denn die Polizei glattweg auch wieder weggeschickt, da sie überzeugt war, es müsse sich um einen Irrtum handeln. Sie sagte, Sie seien so etwas wie ein Freund der Familie? Wussten Sie das?

— Keine Ahnung. Niemand sagte mir das.

— Die Frau hat alles versucht, um das Verfahren zu blockieren angesichts der Tochter. Sie wollte es nicht glauben, dachte an eine böswillige Unterstellung anderer Eltern Ihnen gegenüber. Als nächstes zeigte man ihr einige Ihrer herrlichen Nacktfotos der Kinder, aber sie meinte nur, sie habe von Anfang an gewusst, dass Sie einen liberalen und körperfreundlichen Erziehungsansatz praktizierten. Sie hätte einmal etwas von Ihnen gelesen.

— Ja das ist richtig. Sie hatte mein Erziehungsprojekt gelesen.

— Und dann hatte sie gemeint, sie sei für taktile Stimulation von Kleinkindern und fände den Ansatz hier im Lande zu repressiv und im Gegenteil teile sie Ihren edukativen Ansatz und habe nichts dagegen, dass sie von kleinen Kindern Nacktfotos machten. Sie selbst und ihr Mann hätten unzählige Nacktfotos von ihrer Tochter gemacht. Die Polizei habe ihr dann zu bedenken gegeben, es sei ein Unterschied, ob die Eltern eines Kindes ihr Kind nackt fotografierten, oder ob ein Dritter dies tue. Da hatte sie aber vehement widersprochen. Erst, als sie erfuhr, dass ein Beweis gegen Sie vorlag, die Aussage von Giulio, hat sie eingelenkt — eine Strafanzeige hat sie jedoch nie erstattet.

— Es tut mir alles leid im Nachhinein, denn ich mochte die Leute sehr gern.

— Kann ich mir vorstellen. Ich kann mich gut in Sie versetzen und glauben sie mir, ich bin nicht auf der Seite derer, die Sie hassen oder verdammen. Ich finde darüber hinaus, dass Sie anders sind, als der typische Pädophile. Sie haben ein anderes Profil.

— Interessant, dass Sie das sagen. Wie meinen sie das?

— Sie haben gut entwickelte und lebhafte Emotionen. Das ist ein Zeichen von Gesundheit, nicht von Sadismus. Sie sind vom Profil her anders, als die Pädophilen, mit denen ich bei meiner Arbeit regelmäßig zu tun habe.

— Wollen Sie damit sagen, dass die meisten Pädophilen ihre Emotionen verdrängen?

— Genau das.

— Das ist sehr interessant, denn ich bin in meiner Doktorarbeit zum selben Schluss gelangt. Inzwischen sind Kinderpsychologen dann auch so weit, dies anzuerkennen.

— Hier im Lande jedoch nicht, glaube ich. Hier ist man sehr konservativ in der Kindererziehung und ein Erzieher wie Sie ist einfach so etwas wie revolutionär …

— Im psychiatrischen Gutachten stand übrigens, ich sei im höchsten Masse pervers und im übrigen präpsychotisch.

— Zerreißen Sie es. Wenn Sie mich fragen, ich glaube, sie haben lediglich einen Fehler …

— Und der wäre?

— Sie haben die Kinder zu sehr geliebt. Sie sind zu sehr emotional mit Kindern verhaftet. Geradezu symbiotisch, denke ich. Sie lieben Kinder über alles, aber die Arbeit war neu für Sie, und Sie waren darauf emotional nicht vorbereitet gewesen. Ich glaube, um adäquat reagieren zu können, hätten Sie das Szenario im Geiste durchspielen müssen. Es wäre Ihnen dann vielleicht als Möglichkeit erschienen, sexuell erregt zu reagieren in einem solch engen familiären Rahmen, wo Sie natürlich jeden Tag in eine enge und intime Beziehung mit den Kindern hatten. Und dann hätten Sie wohl im voraus die Konsequenzen bedenken können, anstatt voll ins Fettnäpfchen zu treten …

— Das haben Sie wirklich sehr gut gesehen! In der Tat befürworte ich als Lösung in meiner Doktorarbeit eine Art von Beratung für Erzieher, die genau darauf vorbereitet.

— Das ist eine sehr gute Idee. Ich wünsche Ihnen viel Glück!

— Danke, das kann ich wohl brauchen.

— Ja, ich habe ein wenig Angst wegen des Urteils.

— Ich auch. Und nicht nur ein wenig …

Fünfte Szene

C.R.D.D.

Zunächst einmal schien sich alles zum Besseren zu wenden. Ich bekam eine bessere Zelle in einem Neubau auf dem Lande, der Centro de Riabilitazione de Dipendenza della Droga hieß, den man aber nur C.R.D.D. nannte. Das war ursprünglich als Drogenrehabilitationszentrum gebaut worden, wurde aber nun als Untersuchungsgefängnis genutzt.

Abgesehen von den Eisenstangen vor den Fenstern, die man schließlich auch in Luxusvillen antrifft, war die Zelle eher ein Studio, mehr als zwanzig Quadratmeter groß, mit integriertem Bad, Einbauschränken aus hellem Holz, großen Fenstern, die auf eine herrliche Natur mit Obstplantagen hinausschauten, und auf dem Gelände keinerlei Stacheldraht.

Im übrigen waren die Wärter sehr freundlich, und derjenige, der mich auf die Zelle brachte, kannte meinen Fall aus der Presse, meinte jedoch lächelnd, es habe sich längst herumgesprochen, dass mein Fall riesig aufgebauscht worden war, offenbar um ein Exempel zu statuieren.

— Sie sind eigentlich ein moderner Erzieher, aber leider zu modern für die Mentalität hier im Lande! meinte er lächelnd.

Dann fragte er mich, ob er mir einen Rat geben dürfe? Ich bat darum und er fuhr fort:

— Sie haben wirklich Pech, denn zwei andere Fälle sind fast zu gleicher Zeit mit dem Ihren erschienen, und das wird sich schlecht auf Ihren Fall auswirken. Es ist fast so, als erschienen Sie dadurch schlechter, als sie sind …

— Welche Fälle?

— Ein junger Spanier, der ein kleines Mädchen in einem Aufzug erwürgte und vergewaltigte, und ein Italiener, der eine ganze Reihe von Burschen auf die schrecklichste Weise vergewaltigt, gefoltert und getötet hat.

— Wollen Sie damit etwa sagen, dass man mich in einen Topf wirft mit diesen Ungeheuern?

— Ob Sie es wollen oder nicht, mehr oder weniger wird es so sein, denn die öffentliche Meinung macht wenig Unterscheidungen. In diesen Fällen wird gleich in Bausch und Bogen verurteilt. Und der Rat, den ich Ihnen erteilen will ist der: hören Sie um Gottes Willen damit auf, sich so intellektuell zu verteidigen, wie Sie es bisher taten. Ihre Intellektualität fällt in solchen Fällen eher negativ ins Gewicht und man wird sagen, dass Sie sich rechtfertigen wollen. Das Schlimmste ist dann auch, wenn Sie versuchen, Pädophilie als solches akzeptabel erscheinen zu lassen. Wenn sie das tun, sind Sie verloren!

Dankbar akzeptierte ich den Rat des Wärters und erhielt wenig später Besuch der Amtsanwältin Gina, die ich hier nur dem Vornamen nach benenne, die mir eben das wiederholte, was der Wärter bereits angedeutet hatte. Sie fragte mich anständigerweise zunächst einmal, ob ich sie überhaupt akzeptieren wolle, denn ich hätte vielleicht einen wichtigen Grund, sie abzulehnen als Verteidigerin.

— Und weshalb? fragte ich, neugierig.

— Ich habe noch vor kurzer Zeit eine Familie in einem Zivilprozess gegen einen Pädophilen verteidigt. Denn abgesehen von der Strafklage kann eine Familie hier im Lande auch Schadensersatz verlangen in einem Fall von Kindesmissbrauch — natürlich nur wenn ‘was zu holen ist. Und der, um den es da ging, kam von wohlhabender Familie. Und ich gewann die Zivilklage gegen ihn und er musste zahlen. Sie könnten mich also als befangen ablehnen, wenn Sie wollen. Darüber hinaus sagen ich Ihnen offen, dass meine privaten Ansichten ganz und gar nicht pädophiliefreundlich sind.

— Ist schon in Ordnung. Ich bin überhaupt froh, dass mich jemand verteidigt. Die Selbstverteidigung ist mir nämlich nicht gelungen. Ich schrieb unzählige Briefe an den Untersuchungsrichter, erhielt aber nie eine Antwort. Und ich kann mir leider keinen Anwalt leisten.

— Glauben Sie mir, es ist nicht immer ein Vorteil, von einem Staranwalt verteidigt zu werden. Und dies gilt umso mehr hierzulande, weil man eine nüchterne Einstellung hat und sich Richter eher stemmen gegen einen harten Anwalt und dann umso weniger geneigt sind, etwas nachzulassen mit dem Strafmass. Ich persönlich, wenn Sie einverstanden sind, mich zu akzeptieren als Ihre Anwältin, werde eine ganz andere Strategie fahren. Ich denke, in Ihrem Fall ist eine konziliante und kommunikative Position die Beste. Je mehr Sie versuchen werden, sich zu verteidigen, umso schlimmer wird es für Sie ausgehen.

Als ich ihr sagte, dass alles, was Sie angeführt habe, mir wohl einleuchte und ich akzeptiere, dass Sie das Mandat übernehme, fuhr sie fort:

— Nun möchte ich Ihnen raten, an die betroffenen Eltern einen Brief zu schreiben, in welchem Sie sich formell entschuldigen einmal für den Stress und die Aufregung, die Sie ihnen zugefügt haben durch diese Sache und zum anderen für das, was Sie den Kindern angetan haben.

— In Ordnung, werde ich tun. Ich dachte bereits selbst daran, wusste aber nicht, ob es eine gute Idee sei.

— Als nächstes haben wir die Entscheidung des Untersuchungsrichters abzuwarten. Ich werde noch zuvor an ihn schreiben, dass ich Sie bereits gesprochen und das Mandat übernommen habe und dass Sie reumütig seien und man dies berücksichtigen solle beim Strafmass. Nun ja, ich möchte Ihnen wirklich nichts vorwerfen, aber der größte Fehler, den Sie gemacht haben, war ein Geständnis abzulegen. Sie hätten einfach nichts sagen sollen. Die Polizei, wie ich dies flüchtig aus den Akten ersah, hatte eigentlich so gut wie garnichts gegen Sie, abgesehen von der lächerlichen Aussage eines vierjährigen Jungen, den man ebenso gut als Witz eines Kindes hätte hinstellen können.

— Ich habe erst nach etwa zwei Monaten überhaupt erfahren, warum ich festgenommen worden war …

— Sie sind ihnen in die Falle gegangen. Die Kerle von der Sitte sind sehr gescheit. Es sind die besten Polizisten, und sie werden speziell auf die nicht sehr aggressive Mentalität von Pädophilen hin ausgebildet, denn Tatsache ist, dass viele Pädophile Akademiker sind wie Sie selbst. Diese Polizisten arbeiten viel mit Versprechungen, die natürlich niemals gehalten werden, und tun oft so, als hätten sie viel Verständnis. All das ist ein Spiel, aber ein gefährliches …

— Ich habe das inzwischen begriffen. Aber wohl zu spät…

In der Folge hatte ich sehr schlechte Träume, die mir einen weiteren Schlag des Schicksals anzuzeigen schienen. Ich konnte diese Träume einfach nicht verstehen und sie ängstigten mich sehr.

Rational besehen war meine Situation nicht so schlecht, denn das Strafmass war gesetzlich begrenzt auf zwei Jahre im Falle gewaltloser und nicht–penetratorischer sexueller Streicheleien mit Kindern. Und da ich Ersttäter war, waren die Polizei und auch die Anwältin davon ausgegangen, dass meine Strafe zur Bewährung ausgesetzt würde und dass ich also nach dem Urteil frei ausginge.

Meine Träume sprachen jedoch eine andere Sprache. Da wurde ein unvorhergesehenes und unvorhersehbares Ereignis angesagt.

Seit Beginn meiner Inhaftierung hatte sich etwas ereignet mit meiner spirituellen Entwicklung — aber all dies ist sehr schwer, in Worte zu fassen.

Nur ein oder zwei Tage vor meiner Inhaftierung hatte ich, einer Intuition folgend, in Genova in einem Esoterikladen ein Tarot Deck entdeckt, das ich spontan kaufte.

Ein oder zwei Tage später kehrte ich in denselben Laden zurück und kaufte Richard Wilhelms Übersetzung des I Ching, des fünftausend Jahre alten chinesischen Weisheits– und Orakelbuchs. Ein wenig herumspielend mit dem Tarot, hatte ich eine erste Ziehung unternommen und den Turm gezogen, die schlechteste Karte des Tarot, die ausnahmslos eine Prüfung des Schicksals anzeigt.

Und diese Karte war gefolgt von der Karte Tod, was auf eine Transformation hindeutete. Ich hatte dem nicht viel Bedeutung beigemessen, glaubte ich doch, mich aus dem Schneider gezogen zu haben durch die Aufgabe aller Beziehungen mit den Kindern und nun auf dem richtigen Weg zu sein.

Ich verbrachte einen herrlichen Sommer in C.R.D.D., sehr beschäftigt. Ich schrieb ein Theaterstück, das eine inzestuöse Liebe zwischen Vater und Sohn beschrieb. Es war eines meiner besten Werke. Und ich zerstörte es, wie so vieles, da ich einfach Angst hatte, die Wärter, wie es andere Gefangene behaupteten, durchsuchten regelmäßig die Zellen.

Ich hatte mir vorgestellt, sie läsen auch das, was ich auf meinen Disketten im Wordprozessor gespeichert hatte, obwohl mir dann nach meiner Entlassung klar geworden war, dass ich unter akuter Paranoia gelitten hatte und dass die Wärter mich eigentlich eher gemocht hatten.

Ich zerstörte so vieles! Hunderte von Zeichnungen, die die Besten waren, die ich in meinem Leben gemacht habe, und eine über tausendseitige detaillierte Analyse meiner Träume vom Zeitpunkt meiner Inhaftierung.

Und so ist denn dieser Bericht auch nur ein fader Abklatsch dessen, was ich ohne meine paranoischen Ängste und meine Überanpassung hätte zustande bringen können.

Dieser Sommer war herrlich. Am Nachmittag lag ich stundenlang nackt auf der Fensterbank und gab den Bienen Honig. Die Bienen schienen mich mehr und mehr zu mögen, und es kamen immer mehr.

Ich hatte aus einem Büchlein gelernt, wie man mit Bienen kommuniziert, und lud immer mehr Bienen ein, sich auf meinem Körper niederzulassen, den ich mit Honig einrieb.

Eines Nachmittags kam ein Wärter unerwartet in die Zelle und sah mich nackt auf der Fensterbank sitzen, in der prallen Sonne, während mein ganzer Körper überdeckt war von Bienen. Der Mann hat die Zelle sofort wieder verschlossen und später, als das Abendessen serviert wurde, hörte ich von seinem Kollegen, dass er fast einen Herzschlag bekommen habe, von dem, was er gesehen hatte …

Es kam nun vor, dass mich Wärter, die mich besonders gern mochten, aufsuchten, um mich um Rat zu fragen in Familienangelegenheiten oder in Fragen ihres Berufs, ganz speziell auch, wie sie mit dem einen oder anderen schwierigen Gefangenen umgehen sollten?

Es hatte sich herumgesprochen, dass ich Psychologe war. Einer der Wärter kam, um mir seine Träume zu erzählen und bat mich darum, ihm zu sagen, was sie bedeuteten.

Sie waren alle sehr offen mit mir, so offen, dass ich mich fragte, warum sie mich so sehr in ihr Herz geschlossen hatten?

Eine unausgesprochene Sympathie der meisten Wärter mir gegenüber war einfach nicht zu übersehen. Sie berichteten mir jede Bemerkung, die der Direktor des C.R.D.D. gemacht habe, der mich hasse, wie sie sagten.

Sie erzählten mir wahrheitsgemäss, er habe meinen Fall von Anfang an metikulös verfolgt und sei schließlich aufgefahren, als richterlich angeordnet worden sei, dass ich in die C.R.D.D. transferiert werden solle.

Er habe widersprochen, aber sein Widerspruch sei zwecklos gewesen. Er habe gesagt, ein Kerl wie ich solle doch nur verrotten in einer Uralt–Bastion wie dem Stadtgefängnis, wo die Wände verfault seien und wo man sich zu Tode friere. Die C.R.D.D. sei einfach zu gut für so einen …

Ich vermute, dass ich es meinem guten und ehrlichen Untersuchungsrichter zu verdanken hatte, dass ich dorthin transferiert worden war.

Und viele Freunde gewann ich während der Zeit, vor allem junge und ältere Drogenhändler von Marokko, Israel, Algerien und gar einige Jugoslawen. Ich war recht gut im Tischtennis und in der C.R.D.D. war man gut ausgerüstet in der Hinsicht.

So organisierte ich denn Tischtennisturniere für alle Gefangene und zu meiner wirklichen Überraschung schien der Direktor bald seine Ansicht über mich zu ändern und schlug mir vor, die Gefängnisbibliothek aufzuräumen und zu ordnen, was mir nicht nur etwas Geld einbrachte, sondern vor allem den Vorzug, für Stunden frei herumlaufen zu können im Gebäude und mit Wärtern und Gefangenen nette Gespräche zu führen über alle möglichen Themen.

Die Sonne schien in das Besprechungszimmer der C.R.D.D. und ich fand es großartig, dass keiner der Wärter, wie es eigentlich gesetzlich angeordnet war, zugegen war, wenn ich Besuche erhielt. Meine Freundin oder meine Anwältin hätten mir ungestraft Bomben, Zigaretten, Alkohol, Drogen, Waffen oder was auch immer zustecken können.

Die Sonne schien auf Gina, als sie sich eine Zigarette drehte und ihr Gesicht schien mit einem Mal viel mehr Falten aufzuweisen als sonst. Sie war nicht mehr die Jüngste.

— Ich bin wirklich sehr traurig! setzte sie fort.

— Warum? Sie sind doch gewiss nicht der Typ, Emotionen zu zeigen.

— Meinen Sie?

Aber das ist doch offensichtlich.

— Ich habe es eben nie zu tun gehabt mit einer Kartoffel wie Ihnen. Ich glaube, so ‘was wächst nicht in diesem Land!

— Das denke ich auch …, es wächst aber auch nicht in Deutschland. Sie müssen wissen, dass ich Franzose war, als ich geboren wurde, und erst später, aus historischen und politischen Gründen, Deutscher wurde.

— Das ist sehr eigenartig. Sie scheinen überhaupt in ihrem Leben auf der Grenze zu stehen, sozusagen. Ich meine, Sie scheinen von allem etwas zu haben, und die Menschen in Ihrer Umgebung haben vielleicht Probleme damit, Ihre Identität zu erfassen …

— Da haben Sie wohl Recht. Aber mein Hauptproblem war wohl, dass ich selbst nicht im Stande war, meine Identität zu festigen und zu affirmieren. Wie kann ich das von anderen erwarten, wenn ich schon selbst nicht dazu in der Lage war?

— Hat Ihr Psychiater Ihnen das klar gemacht?

— Ja, aber nicht nur er. Ich bin eigentlich selbst darauf gekommen. Ich arbeite an alledem seit Jahren.

— Ja, und was mich interessieren würde ist, was eigentlich Ihr beruflicher Werdegang war. Ich möchte gerne mehr darüber wissen, denn meine Strategie ist, Ihre Taten als Ausrutscher zu definieren, aber das kann ich nur dann, wenn Sie mitspielen und endlich damit aufhören, sich zu rechtfertigen.

— Okay, ich spiele mit.

— Also bitte, schreiben Sie mir in einem Brief, wie das lief in ihrer beruflichen Karriere. Ich werden versuchen, das in den Fall einzubauen, so gut es geht. Das war bisher ganz übersehen worden und wir können hier vielleicht eine Wende vorbereiten im Gesamteindruck, den man von Ihnen hat. Auch möchte ich Sie bitten, einmal zu überlegen, wer für sie positiv aussagen könnte. Ich dachte an Ihren Doktorvater …

— Oh, das ist eine gute Idee. Und da wären noch zwei Personen, die ich gern benennen würde …

— Ja …?

— Meine Freundin zunächst einmal, nicht in der Qualität als meine Partnerin, sondern für die Zeit, in der ich in ihrem Kindergarten arbeitete. Sie hat nämlich selbst eine Tagesstätte und es war durch meine Arbeitssuche, dass ich sie kennenlernte.

— Man wird sie aber wohl als befangen ablehnen … , und wer ist die andere Person?

— Die Direktorin eines anderen Kindergartens, wo ich gearbeitet habe, bevor ich die Stelle als Hauslehrer angenommen habe. Diese war sehr zufrieden mit meiner Arbeit gewesen.

— So, das ist sehr interessant! Sie meinen, Sie haben in einer Schule gearbeitet mit Kindern, wo es sicher nicht zu Sex gekommen war …

— Genauso. Ich sagte Ihnen bereits, dass ich ein ganzes Jahr vor meiner Verhaftung aufhörte mit alledem und an der Universität mit einem Doktorat in Kinderpsychologie begonnen hatte …

— Das ist sehr gut und wichtig. Das werde ich auf jeden Fall einbringen im Verfahren und ich hoffe, die Direktorin wird als Zeugin aussagen wollen …

Ich schickte meiner Anwältin den Bericht innerhalb weniger Tage. Ich hatte fast fieberhaft daran gearbeitet. Als sie das nächste Mal erschien, lächelte sie — zum ersten Mal.

— Es ist unglaublich, was Sie geleistet haben! begann sie. Ich bin noch nie in meinem Leben jemandem begegnet, der so viel getan hat beruflich mit so wenig Erfolg wie Sie. Sie sind einfach schmählich ausgenutzt worden auf den meisten Arbeitsstellen während Ihrer Studienzeit. Wo hatten Sie denn wirklich Erfolg beruflich?

— In Kanada. Da war es gänzlich anders. Da wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben respektiert, in dem, was ich kann und wozu ich intellektuell imstande bin. Ich hatte den Eindruck, dass man in Kanada honoriert wird nach dem, was man leistet und wie gut man ist, und in Europa danach, wie gut man sich anschmiert und durchs Leben faulenzt. In Genova sagte man mir auf der Uni, als ich mich um eine Stelle als Assistent bewarb, dass man für Deutsche keine Arbeit habe …

— Ich weiß. Übrigens waren sowohl die Kindergärtnerin als Ihr Doktorvater sehr beeindruckt von Ihnen. Sie konnten es nicht glauben, als ich ihnen von Ihrem Verfahren erzählte und sind bereit, für Sie auszusagen. Ihr Doktorvater auch. Er war schockiert.

— Das kann ich mir vorstellen …

— Haben Sie den Brief an die Eltern geschrieben?

— Ja, aber ich weiß nicht, ob das eine gute Idee war. Nur Giulios Eltern haben geantwortet, aber die Antwort war ein Angriff, ein Schlag ins Gesicht. Sie haben die Idee, Ihnen zu schreiben als unverschämt und frivol zurückgewiesen. Ich habe einen rotzfrechen Antwortbrief erhalten.

— Das tut mir leid …

Sechste Szene

Urteil und Folgen

Kurz nach der Entscheidung des Untersuchungsrichters, die so ausgefallen war wie vorausgesehen, geschah etwas völlig Unerwartetes.

Hohe Regierungsbeamte hatten sich in den Fall eingeschaltet und die Entscheidung des Untersuchungsrichters wurde glattweg als falsch und ungültig erklärt und vom Gericht formell aufgehoben.

In einer Weise, die meine Anwältin als unmöglich und verfassungswidrig ansah, wurde meine Ejakulation auf den Anus Giulios, die Teil des Geständnisses gewesen war und für die es sonst keinerlei Beweis gab, als Vergewaltigung gewertet, was dazu führte, dass mein Verfahren an ein höheres Gericht überwiesen wurde und der Strafrahmen nun maximal sechs Jahre Gefängnis war.

Ich wurde fast ohnmächtig, als ich den Schriftsatz erhielt. Nun war mir klar, dass die Strategie meiner Anwältin falsch war und dass nur ein bekannter und mutiger Anwalt mir hätte helfen können. Auch sah ich nun voraus, dass die Zeugenaussagen nichts nützen würden und dass überhaupt meine Anwältin nicht das Format hatte, einen solchen offenbar politischen Fall zu verteidigen. Ich hatte nun keinen Zweifel mehr an der Tatsache, dass ich nicht für Sex angeklagt wurde, sondern für meine Überzeugungen.

Rechtlich war die Argumentation des Gerichts unhaltbar, denn sie widersprach dem Verfassungsprinzip nulla poena sine lege.

Der Grund war einfach zu durchschauen: man wollte mich einfach länger im Gefängnis behalten und nur durch einen rechtlichen Klimmzug war das möglich. Da das Strafgesetz es nicht erlaubte, wurde das Strafgesetz eben so verbogen, dass es das gewünschte Resultat ermöglichte.

Als ich zum Gericht gefahren wurde, befand sich im Polizeiwagen noch ein anderer Gefangener, ein junger Mann, der mich sogleich sympathisch anlächelte. Er kannte mich und meinen Fall offenbar und sagte mir dies:

— Wenn Du rauskommst, fliege nach Nicaragua! Ich fühle wie Du, wenn ich es auch nicht an die große Glocke hänge. Ich hatte dort wunderbare kleine Freunde und Freundinnen. Nicaragua ist einzigartig. Dort kann man noch leben — und lieben!

Wir wünschten uns gegenseitig Glück für unsere Verfahren.

Die positiven Zeugenaussagen konnten nicht an gegen die Negativität des Staatsanwalts und der Richter. Der Staatsanwalt sprach davon, ich habe nicht nur Kinder und Familien, sondern auch den Staat, die Nation geschändet. Ich hätte die Institution Familie befleckt und das sei eine Kapitalsünde, die eine Kapitalstrafe nach sich ziehen müsse. Er endete sein lautstarkes, um nicht zu sagen gebrülltes Plädoyer dann auch mit der Forderung der Höchststrafe von sechs Jahren Freiheitsentzug.

Einer der Richter gefiel sich darin, aus meinem Tagebuch vorzulesen.

Es war ihm gelungen, meine Handschrift zu lesen, wenn er sich auch nicht ganz sicher war bisweilen.

Ich hatte in diesem Tagebuch keine realen Erfahrungen berichtet, sondern sexuelle Fantasien und Wünsche aufgeschrieben, und ich hatte das getan, um sie besser sublimieren zu können. Denn ich hatte mir Penetration immer verweigert, obwohl nun das Gericht offenbar davon ausging, dass ich, wenn auch jeder Beweis dafür fehlte, Kinder vergewaltigt habe.

Zudem hatte die Mutter Giulios gemeint, ich sei verantwortlich dafür, dass der Junge nun eine Psychotherapie mitmachen müsse, die ihm recht eigentlich nicht gut bekomme.

Dies war umso eigenartiger, als die Gerichtsmedizin eindeutig und wiederholt bezeugt hatte, dass es bei keinem der Kinder zu physischen oder psychischen Schäden irgendwelcher Art gekommen war.

Das Plädoyer meiner Anwältin überraschte mich. Sie begann mit diesen Worten:

— Hohes Gericht! Nichts ist schwieriger für einen Anwalt, als einen Angeklagten zu verteidigen, der ein Geständnis abgelegt hat.

Sie griff in keiner Weise die Verfassungswidrigkeit der Verfahrensweise des Gerichts an, noch hatte sie auch nur ein Wort übrig für die vielen Verfahrensfehler, die in meiner Sache begangen worden waren.

Schließlich war die erste Untersuchungsrichterin schon wegen Verfahrensfehlern abgesetzt worden, und dann wurde auch noch die Entscheidung des zweiten Untersuchungsrichters aufgehoben. Dass so etwas selten geschieht in der Strafjustiz und als sehr ungewöhnlich zu bezeichnen ist, hatte sie mit keinem Wort erwähnt.

Stattdessen kam sie an mit dem schwächsten Argument, das man in irgendeinem Strafverfahren als Verteidiger vorbringen kann und meinte, der Angeklagte habe doch im Bewusstsein der Richtigkeit seines Erziehungsansatzes gehandelt und es habe ihm daher am Bewusstsein der Rechtswidrigkeit gefehlt.

Wie unnütz ihr Plädoyer war, zeigte sich nachher im Urteil. Das Gericht war mit keinem Wort auf irgendeines ihrer Argumente eingegangen.

Im Urteil stand dann schwarz auf weiß, ich sei ein rechtsextremer Intellektueller und die Akte mit den Kindern habe ich pseudo–philosophisch mit nationalsozialistischem Gedankengut gerechtfertigt.

Die Masturbation wurde wegen der Nähe des Penis und der potentiellen Gefahr einer Penetration bereits als Vergewaltigung gewertet und damit sei der Strafrahmen dann offen für sechs Jahre.

Und das Gericht mache davon auch keine Abstriche, da der Angeklagte von Anfang an alles getan habe, um Polizei, Untersuchungsrichter und das Gericht zu täuschen. Er habe wiederholt gelogen und sein Verlangen, eine Traumanalyse einzubringen oder eine Psychotherapie zu fordern, habe nur dazu gedient, die Strafbehörden abzulenken von seinen reprehensiblen Akten.

Keine Rede war davon, dass ich gestanden hatte und überhaupt das ganze Verfahren auf meinem Geständnis aufbaute, weil nichts gegen mich vorgelegen hatte, als die lustige Bemerkung Giulios seinem Schulfreund gegenüber.

Und um die Inkongruenz ihrer Argumentation noch zu erhöhen, gaben die Richter doch meinem Verlangen nach, eine Psychotherapie zu erhalten, und sie ordneten sie im Urteil an.

Wie kann man jemandem etwas gewähren, was man im Satz zuvor als Täuschungsmanöver gebrandmarkt hat?

Aber das Tollste war denn doch, dass man in Italien nicht nur keine Arbeit für Deutsche hatte, sondern dass ich glattweg als Nazi bezeichnet wurde von der Richterbank. Das war ungeheuerlich und hätte einem guten Anwalt allein ausgereicht, um das Urteil vom Verfassungsgericht als null und nichtig erklären zu lassen.

Alles in allem habe ich kein Urteil gelesen, das so abstrus war und bar jeder Logik und kein Verfahren gesehen, das konstitutionell so angreifbar war.

Alles in allem denke ich heute, dass nur in einem erzkatholischen Land wie Italien solches möglich ist, und ich akzeptierte es denn auch, denn es blieb mir nichts anderes übrig. Ich war dem Rat der Wärter und der Anwältin gefolgt und hatte in keiner Weise mein Handeln zu rechtfertigen gesucht.

Im Gegenteil hatte ich in der Hauptverhandlung wiederum an die Eltern appelliert, die im Saal anwesend waren und sie nochmals um Verzeihung gebeten!

Nach alledem, und wie alles ausging, weiß ich heute, dass ich von Anfang an eine völlig andere Strategie hätte fahren müssen. Und ich kann jedem Angeklagten überhaupt nur empfehlen, niemals auch nur in der mindesten Weise zu kollaborieren mit der Strafjustiz, denn solches bringt absolut nichts ein.

Die einzig richtige Strategie ist totales Schweigen und totaler Widerstand. Sollen die doch sehen, wie sie ihre verdammten Beweise zusammen bekommen, denn dafür werden sie schliesslich bezahlt!

Am Tage nach dem Urteil wurde mir die Zelle wie gewöhnlich um etwa neun Uhr morgens für den Spaziergang geöffnet. Ich sagte dem sehr überraschten Wärter jedoch, er möge mich gleich wieder einschließen. Ich ginge nicht hinaus. Er schloss mich wieder ein und nur einige Minuten später brach das Inferno los.

Ich war vorgewarnt worden durch das Tarot. Nach der Misshandlung im Stadtgefängnis, bat ich das Tarot, mir eine Karte zu bezeichnen, die mich in Zukunft rechtzeitig warnen würde vor einer solchen Gefahr.

Ich zog daraufhin die Karte Fünf der Speere. An jedem Morgen hatte ich dann in der Frühe eine Ziehung der Tarot getan, aber niemals mehr diese Karte erhalten. Nun aber, am Tage nach dem Urteil, zog ich diese Karte.

Und das rettete mich, denn andernfalls wäre dieses Buch nie geschrieben worden. Die Misshandlung, die ich erlitten hatte war nichts gewesen gegen das, was mich nun erwartete. Es ging los mit einem so gewalttätigen Schlag gegen meine Zellentür, dass ich fast vom Stuhl fiel. Der Jugoslawe, mit dem ich über Monate jeden Morgen Tischtennis gespielt hatte, schrie wie ein Berserker:

— Warum, verdammtes Schwein, bist Du nicht herausgekommen? Wie hast Du nur gewusst davon, dass wir es auf Dich abgesehen hatten und dass Du in diesem Moment bereits tot wärest? Aber ich sage Dir, du wirst dieses Gefängnis nicht lebend verlassen! Wir haben die Zeitung gelesen heute morgen und wissen endlich, mit wem wir es zu tun haben, Du Dreckschwein!

Und ich war so naiv gewesen, dass ich diesen Blödmann als meinen Freund angesehen hatte. Ich dankte dem Tarot und fühlte mich erleichtert, aber meine Freude war verfrüht. Diese Gang von Albanern war zu allem entschlossen, was ich kurz darauf erfahren sollte.

Zunächst einmal kam ein wohlmeinender Wärter und zeigte mir das Morgenblatt.

— Das ist ja furchtbar, kommentierte er. Ich habe Angst um Sie. Wie gut, dass Sie nicht herauskamen für den Spaziergang. Die Gang hatte es auf Sie abgesehen. Aber ich verspreche Ihnen, dass wir alles tun werden, um Ihre Sicherheit zu garantieren. Unser Direktor mag sie nicht, um es ehrlich zu sagen, aber es ist dennoch unsere Pflicht, Sie vor Lynchjustiz zu schützen. Schließlich kann es nicht angehen, dass Jugoslawen und Albaner dieses Gefängnis leiten.

Ich dankte ihm und er fragte mich, ob ich wirklich Kinder vergewaltigt habe, wie es der Journalist schrieb? Ich antwortete, dass ich ihre Genitalien geküsst und gestreichelt habe, dass sie nackt posiert hätten für Fotos und dass ich einmal auf den Hintern eines der Jungen masturbiert habe.

Er konnte es offenbar nicht fassen und fragte mich, warum ich es als Akademiker zugelassen habe, dass man solche Lügen über mich verbreite? Ich sagte ihm, ich hätte alles versucht, aber es sei gänzlich zwecklos gewesen.

Ziemlich traurig schloss er mich wieder ein. Als ich den Artikel las, war ich wirklich schockiert. Er war verfasst von demselben Kerl, der von Anfang an über meinen Fall berichtet hatte. Das las sich wie eine Geschichte, die nichts mit mir zu tun hatte und wo man meinen Namen hineinkopiert hatte. Ich verstand nun, dass dieser Journalist sich offenbar als begabter Mythendichter verstand und seine Rolle auch so definierte. Er sorgte dafür, dass der Mob das bekam, wonach er lechzte.

Das Inferno brach etwa eine Stunde später los. Die Albaner versuchten, mit Tischen und Stühlen die Zellenwand einzubrechen. In einem Gespräch mit einem der Wärter hatte ich kurz zuvor erfahren, dass das Gebäude nicht den Anforderungen eines Gefängnisses entsprach und die Wände aus Gips waren.

Gemessen an der Wucht der Schläge gegen die Wand war ersichtlich, dass sie keine zehn Minuten halten würde. Gelähmt vor Angst drückte ich den Alarmknopf.

Einen Moment später rief mich der Direktor an und meinte, Eile sei geboten. Ich solle schnellstens meine Sachen packen. Er habe eine sichere Zelle für mich im Kellergeschoss.

Er fügte hinzu, er möge mich nicht sonderlich nach dem, was in der Zeitung gestanden habe, aber er dulde keine Lynchjustiz in seinem Gefängnis. Kurz darauf wurde ich in eine kalte unfreundliche Zelle im Keller gebracht. Sie hatte kein Fenster, aber sie war sauber und ich war in Sicherheit. Das war schließlich wichtiger, als Komfort. Ich war überrascht, dass der Direktor sich die Zeit nahm, zu reden mit mir. Er lächelte sogar.

Wo war sein Hass geblieben?

— Ich muss Sie nun ins regionale Gefängnis transferieren lassen. Dort gebe ich Ihnen genau eine Woche, bis sie tot sind.

Woraufhin er mir empfahl, sogleich einen Brief ans Gericht aufzusetzen und um freiwillige Isolierhaft zu bitten. Ich solle etwa sechs Monate auf der Isolierdivision verbleiben, so lange eben, bis man meinen Fall vergessen habe, und erst dann in den normalen Vollzug überwechseln.

Wenigstens werde ich in Sicherheit sein …, war denn auch der einzige Trost, den ich mir in meiner miserablen Lage zusprechen konnte.

Die zwei jungen Polizisten, die mich zum regionalen Gefängnis fuhren, redeten über mich während der Fahrt. Ich konnte trotz der Glasscheibe, die mich von ihnen trennte, Wort für Wort verstehen, was sie redeten. Derjenige auf dem Beifahrersitz sagte:

— Sein Fall ist ziemlich ungewöhnlich. Der hat doch nur kleine Streicheleien getan mit den Kindern, und ist doch verknackt worden wegen Vergewaltigung. Der muss wohl jemand an hoher Stelle auf die Füße getreten sein.

Der Fahrer meinte, er solle sich um seine Angelegenheiten kümmern und nicht um das Los anderer.

— Jeder hat nun mal seins! kommentierte er philosophisch.

Doch der jüngere auf der rechten Seite gab nicht nach und schloss:

— Nein, Du kannst sagen was Du willst, aber in dem Fall ist es nicht mit guten Dingen zugegangen. Und was ich absolut nicht verstehe ist, dass er keinen Anwalt hatte.

Als ich die Division betrat, die ein Bunker war aus Stein, blau gestrichenen Metalltüren und Neonlicht, war ein kleiner Wärter mit Schnurrbart gerade dabei, etwas zu suchen in einer Mülltonne. Er zog einen großen schwarzen Hut daraus hervor und murmelte:

— Wer zum Teufel hat diesen Hut weggeworfen …

Er begleitete mich zur Zelle, welche nicht so schön war wie die in der C.R.D.D., aber auch nicht so hässlich wie die im Stadtgefängnis. Das große Fenster konnte nicht geöffnet werden und eine Klimaanlage sorgte für Luft.

Der Wärter fragte mich lächelnd, wie lange ich hier auf der Isolier bleiben wolle? Ich sagte, ich habe eine Strafe von sechs Jahren erhalten, von denen drei zur Bewährung ausgesetzt worden seien. Fast ein Jahr habe ich bereits in U–Haft abgesessen, es blieben also etwas über zwei Jahre.

Er verlor schnell sein Lächeln, schaute besorgt drein und antwortete:

— Sie wollen mir doch nicht sagen, dass Sie zwei Jahre isoliert bleiben wollen. Das hält keiner aus, ohne verrückt zu werden!

Ich sagte, der Direktor der C.R.D.D. habe mir gesagt, er gäbe mir exakt eine Woche im normalen Vollzug. Er nickte.

— Ja, Leute wie Sie hatten wir mehrmals. Es ging immer sehr schlecht aus. Entweder Krankenhaus oder Friedhof.

Als er zurückkam, um mir Decken und Waschutensilien zu geben, schloss er:

— Nun, nehmen Sie es halt von der guten Seite und bleiben Sie mal sechs Monate hier. Dann werden wir weiter sehen. Später, wenn Sie sich stärker fühlen, können Sie es vielleicht schaffen dort bei den Löwen und Wölfen …

Siebte Szene

Freiwillige Isolierhaft

Es war eigentlich eine Ironie des Schicksals, dass ich nun auf der Isolier genau den Leuten begegnete, von denen ich mich als kindliebender Erzieher hatte distanzieren hatte wollen, Kindermörder.

Der Spanier Rudo war neben mir in der Zelle und der Italiener Mauro auf der anderen Seite. Man hatte mich in eine Linie mit ihnen gelegt, real auf der Division, und metaphorisch betrachtet.

Diese beiden Fälle hatten die öffentliche Meinung im Lande zu der Zeit so aufgebracht, dass mein Fall in Bausch und Bogen mit in die negative Spirale gezogen wurde.

Die Presse hatte mich sage und schreibe als kinderfressenden Wolf im Schafspelz hingestellt, und an einer tragikomischen Zeichnung hatte es nicht gefehlt. Meine Story wurde zu einer neuen Version von Rotkäppchen und dem bösen Wolf.

Dem gegenüber waren die Artikel über Rudo vergleichsweise milde ausgefallen und Mauro kam zugute, dass er Italiener war. Er wurde als Psychopath beschrieben und die Gerichtsmedizin streite sich darüber, ob er überhaupt zurechnungsfähig gewesen sei bei seinen Taten.

Der Journalist, der mich heruntergemacht hatte, schrieb ein Buch über ihn und ein bekannter Astrologe folgte mit einem Buch, das nachzuweisen suchte, dass bei alle den furchtbaren Taten, die Mauro beging, seine Sonne, sein Mars und sein Saturn in einer so gefährlichen Konstellation standen, dass er praktisch gar nicht anders handeln konnte.

Mauro wurde von einem sehr guten Anwalt verteidigt und trat stolz und selbstbewusst auf, und es war klar ersichtlich, dass er erwarte er, dass man ihm Respekt zolle. Darüber vergaß man dann geflissentlich, dass er zehn Jungen auf grausamste Art und Weise gefoltert, vergewaltigt, ermordet und zerstückelt hatte.

Der Divisionschef entschied, dass ich zusammen mit Rudo und Mauro im Atelier arbeiten solle und augenzwinkernd hatte der joviale Mann hinzugefügt, an Gesprächsthemen werde es uns ja sicherlich nicht fehlen.

Darin hatte er sich jedoch gewaltig geirrt. Eine normale Kommunikation war nicht möglich mit den beiden, da sie affektiv völlig blockiert waren.

Im übrigen hatte ich den Eindruck, dass sie mich entweder für einen Spion hielten, oder für einen naiven halbverrückten Akademiker. Keiner von ihnen redete jemals über ihren Fall und im Gegensatz zu anderen Gefangenen waren sie nicht neugierig zu erfahren, was ich denn nun wirklich mit den Kindern gemacht habe.

Ich spürte, dass sie zwei wandelte Geister waren, kalt und rational und emotional erstarrt. In ihrem Beisein war mir sehr unwohl. Sie behandelten sich mich wie ein unmündiges Kind.

Beide waren sie hervorragende Schachspieler und spielten denn auch jeden Tag stundenlang Schach, während ich nach fünf Minuten von ihnen mattgesetzt wurde.

Ich hatte keinerlei Vorurteile ihnen gegenüber, denn ich denke, dass im Krieg oder während Bürgerkriegen Soldaten und Milizen Schlimmeres mit Kindern tun, als sie taten.

Dennoch spürte ich intuitiv, dass sie mich nicht für voll nahmen, so als wollten sie mir sagen, dass ich kein Mann sei, sondern selbst noch ein Kind.

Mehr und mehr fand ich heraus, dass sie beide stark sadistisch fixiert waren und dass es ihnen sehr schwer fiel, sich gehen zu lassen, einfach los zu lassen und die Lust des Lebens zu erfahren.

Sie waren metikulös in allem, was sie taten, und bei der Arbeit sehr viel fleißiger, schneller und effektiver als ich. Unsere Arbeit bestand darin, elektrische Schalter zusammenzubasteln. Es war eine im Höchstmass manuelle und mechanische Tätigkeit, und vor allem Rudo brillierte geradezu darin, und er brachte es auf den Gefängnisrekord und hatte bereits ein stattliches Kapital auf seinem Gefängniskonto, von welchem er sich in der Folge eine teure Stereoanlage in Genova bestellte und in die Zelle liefern liess.

Ich erfuhr, dass Rudo sich gut stand mit dem Direktor, weil er so gut arbeitete. Als ich fragte, was der Direktor denn so über meine Wenigkeit denke, erfuhr ich, er hasse niemanden mehr im Gefängnis, als mich.

Der zweite Gefängnisdirektor, der mich hasst, dachte ich für mich, aber es konnte mich nicht mehr erschüttern. Soll er mich doch hassen, fuhr ich in Gedanken fort, wenn er nichts Besseres zu tun hat in seinem Büro!

Obwohl Rudo und Mauro noch sehr jung waren mit kaum über zwanzig, waren sie doch innerlich sehr alt. Ihre innere Elterninstanz war hypertrophiert und ihr inneres Kind kataleptisch. Sie frassen alle ihre Emotionen in sich hinein, statt ihnen Ausdruck zu geben. Mauro drückte dies symbolisch in Körpersprache dadurch aus, dass er die Zigarette mit dem glühenden Ende zum Inneren der Hand hin hielt.

Wenn man die Zigarette als symbolischen Penis wertet, so drückt diese Geste allein schon ein Höchstmass an Sadismus aus und liess vermuten auf eine tragische Form von Sexualität. Die Art, wie Mauro redete, sprach Bände. Er brach gleichsam Satzfetzen heraus, so als erbreche er Sprache. Ein Schwall und dann nichts, dann wieder ein Brocken, wieder ein Schwall.

Seine Art zu gehen war leblos, so als werfe er seinen schweren plumpen Babykörper von einem Fuß auf den anderen. Er hatte einen riesengroßen Kopf und war bereits fast glatzköpfig. Seine kleinen blauen Augen glitzerten unter einer Goliathstirn, die wie eine Mauer des Schweigens anmutete.

Ich hatte einen eigenartigen Traum, als ich mir die Suggestion erteilte, mehr über ihn zu erfahren. In dem Traum sah ich eine Farm auf dem Lande, ihn und seinen Vater. Und er hatte irgend eine kleine Jungendummheit begangen und sein Vater befahl ihm, die Hose herunterzulassen, was der Junge auch gehorsam tat. Woraufhin der Vater ihm die Mistgabel mit voller Wucht in den Hintern rannte …

Der Traum hatte mir wahrscheinlich den Grund von Mauros Perversität enthüllt: er war von seinem Vater als Jugendlicher vergewaltigt worden, oder hatte dies als symbolisch erlitten als entwürdigende Strafe, die nach dem Traum klar und deutlich mit seinem Analbereich in Zusammenhang gestanden hatte.

Und das war es auch, was er den Jugendlichen antat, die nach dem Traum in dem Alter gewesen waren, wie er selbst, als er die Grausamkeit erlitten hatte. Er sodomisierte sie brutal und tötete sie währenddessen oder danach. So wie sein Emotionalleben durch seinen Vater abgetötet worden war.

Die entsetzliche Angst, die Rudo und Mauro in sich trugen, übertrug sich mehr und mehr auf mich und dies fühlte sich an wie eine eiskalte Dusche, jedesmal, wenn ich mit ihnen zusammen war. Wenn ich einen Tag bei der Arbeit mit ihnen verbracht hatte, schauderte ich vor Kälte, wenn ich am Ende des Nachmittags in meine Zelle zurückkam, so als habe ich Schüttelfrost. Sie waren wie zwei Vampire, die meine Lebensenergie abzusaugen schienen.

Rudo erzählte mir bisweilen über seine Jugendzeit während des Franko–Regimes und die grausamen Strafen, die er in der Schule erleiden musste. Ein Lehrer hatte ihm fast das Ohr abgerissen und es musste daraufhin im Krankenhaus wieder angenäht werden.

Die meiste Zeit verbrachte ich denn auch mit Rudo, denn er war von der Gefängnisleitung ausdrücklich damit betraut worden, mich anzuleiten für die Arbeit auf der Division. Das tat Rudo auch sehr gut, denn er war von früh an körperliche Arbeit gewöhnt und verdiente sich mit vierzehn Jahren bereits sein Leben.

Er brachte mir zunächst bei, wie man die Elektroschalter so schnell und effektiv wie möglich zusammensteckte. Denn brachte er mir Putzen bei, wie man auch völlig verkackte und verkotzte Zellen reinigt, ohne dass man selbst zu kotzen anfängt vor Ekel, und wie man den Boden putzt, dass er blinkt wie nie zuvor, wie man Toiletten reinigt.

Und schließlich bekam ich noch eine zusätzliche Arbeit und war eigentlich erstaunt, dass man sie nicht Rudo angeboten hatte: die Essenverteilung auf der Division. Diese Arbeit gefiel mir ganz besonders.

Und obwohl ich wegen der Arbeit weit mehr Bewegungsfreiheit hatte, als die Terroristen und Polizeimörder auf der Isolier, wurden die Angstzustände immer schlimmer. Wenn ich Rudo davon berichtete, lachte er nur verständnislos.

— Was gibt’s denn hier zu fürchten? kommentierte er dann nur lakonisch.

— Es ist nicht Furcht, es ist Angst. Es ist nicht rational, sondern irrational, versuchte ich ihm klarzumachen. Ich habe keine Angst vor etwas Bestimmtem. Es ist ein Angstzustand, der sich unwillkürlich einstellt und anschwellt bis auf ein Höchstmass, und dann wieder abnimmt.

— Du wirst wohl langsam schizophren hier …, feixte er nur.

— Und wie lange bist du eigentlich bereits hier? fragte ich ihn neugierig.

— Fünf Jahre.

— Was? Um Gottes Willen, und du bist nicht verrückt geworden?

— Nein. Warum sollte ich? Mir geht’s doch gut. Ich habe meine Arbeit, gut zu essen und kann Schach spielen, wenn ich dazu Lust habe. Was brauche ich mehr — ich meine ausser Freiheit natürlich?

— Ist es deswegen, dass dich die Gefängnisleitung so sehr mag? Weil du immer lächelst und wohlgemut bist und gut arbeitest?

— Natürlich. Schau dir doch mal das Gros der Gefangenen an. Sie sind stinkfaul, verdrecken alles, wie sie nur können, und verlangen dann auch noch, vom Staat ernährt zu werden. Das sind doch Parasiten. Ich verlange von niemandem etwas. Ich arbeite mit meinen Händen. Und nach der Entlassung werd ich vom ersparten Geld die Gerichts– und Verfahrenskosten bezahlen. Das gehört sich so.

Wenn Rudo redete, hörte man einfach zu. Eine ruhige Autorität ging von ihm aus. Er war in allem zweihundert Prozent, und in seinen Ansichten ebenso. Unmöglich, ihm zu widersprechen. Er war wie eine Mauer, wenn es darum ging, einen Standpunkt zu verteidigen. Sein Weltbild war recht eigentlich faschistisch. Es ging um Ordnung und Sauberkeit, und das war denn auch das Wichtigste im Leben. Er sprach niemals über Gefühle, über Kunst, über Dinge, die ästhetisch sind, über Zustände, die nicht logisch erfassbar sind, über das, was intuitiv ist. Liebe war ein Schimpfwort für ihn, oder eine Manipulationsformel. Er war ein totaler und rettungsloser Realist, trocken durch und durch und durch nichts zu erschüttern, gewissermaßen stoisch. Oder einfach stur. Wie man’s nimmt.

Nach und nach wurde mir die Angst unerträglich. Während ich die Scham und die furchtbaren Schuldgefühle, die das Verfahren bei mir ausgelöst hatte, herunterzuschlucken suchte, nahm ich doch die besten Vorsätze zur Selbstentwicklung.

Aber die Angst nahm langsam aber sicher paranoische Formen an. Ich begann, selbstzerstörerisch zu denken und zu handeln. Im übrigen war ich nicht sicher, ob der Psychiater mir wirklich würden helfen würde oder ob er ein systemtreuer Manipulator und Umerzieher von Systemfeinden war. Da ich meine Lage nun einmal akzeptiert hatte, wollte ich einfach nützlich sein.

Ich sagte mir, es habe sicher einen Grund, warum das Schicksal mich an diesen eigenartigen Ort gebracht hatte. Und so bemühte ich mich, das Beste daraus machen.

Auf der Division war ein junger Mann von Tunesien, der jemanden umgebracht hatte, und dieser junge Mann war in einem furchtbaren Gemütszustand. Er war wirklich am Rande der Schizophrenie.

Mono schlief den ganzen Tag und wachte durch die Nacht und er wurde öfter zum Psychiater gerufen als ich. Der Divisionschef erlaubte es, dass ich mit Mono durch das Guckloch der Zellentür redete, aber er war strikt dagegen, mich in seine Zelle zu lassen.

— Der Junge ist höchstgefährlich! Das kann ich nicht verantworten. Er ist unberechenbar, waren seine Antworten auf meine Eingabe, Mono mehr Kommunikationsmöglichkeiten zu geben.

Und doch gelang es, mir durch mein Insistieren und der Mithilfe von Dr. Salinger, dem Psychiater, eine Änderung des Haftplans für Mono zu erwirken.

Salinger hatte meine Anstrengungen, Mono zu helfen ausdrücklich befürwortet und beim Divisionschef eine entsprechende Eingabe gemacht.

Im übrigen kam uns allen zugute, dass der Direktor des Gefängnisses wechselte. Ein neuer, junger und dynamischer Direktor trat bald die Arbeit bei der Leitung der Anstalt an, und wir alle profitierten davon. Dieser neue Chef war mir mehr geneigt, als der alte und ich sollte später von Salinger und dem sozialen Dienst erfahren, wie sehr ich mich, ohne es zu ahnen, verdient gemacht hatte mit meiner Sorge um Mitgefangene.

Endlich konnte ich nach Abschluss meiner Arbeit auf der Division und vor der Essenvergabe Mono in seiner Zelle aufsuchen, und er erzählte mir seine Geschichte. Er war von seinem Vater während seiner ganzen Kindheit und Jugendzeit gefoltert worden. Wegen der kleinsten Verfehlungen hatte sein Vater ihn nackt zwischen zwei starken Ästen eines Baumes aufgehängt, indem er ihm Hände und Füße mit Stricken an die Äste band. Dann peitschte er ihn mit einer Wucht, bis sein junges Blut nach und nach den Boden unter ihm bedeckte.

Dieser junge Araber hat mein Herz sehr bewegt. Er gestand mir, er sei entschlossen gewesen, sich das Leben zu nehmen, aber meine Intervention für ihn habe ihn nach und nach davon abgebracht. Er erzählte mir oft im Detail, wie die schreckliche Paranoia bei ihm wütete, wie er reagierte auf die furchtbare Angst und den Trieb zur Selbstzerstörung.

Dr. Salinger dankte mir später ausdrücklich für meine Arbeit mit Mono und gestand mir, er habe nicht viel für ihn tun können, da er sich vollkommen in sich verschlossen habe und ihm kaum Vertrauen entgegengebracht hatte.

Und da war ein anderer junger Mann, dem ich zu helfen suchte.

Er war zu uns transferiert worden und jedermann wusste, dass dies ein Fehler der Behörden gewesen war und dass er in eine psychiatrische Anstalt gehört hätte.

Die Wärter schüttelten den Kopf, als er gebracht wurde. Er hatte einen Mann getötet, aber niemand wusste warum. Er war sehr klein, ungefähr neunzehn Jahre alt, rund und schwer, babyhaft und mit einem stets lächelnden Gesichtchen und einer lustigen Art zu gehen. Er fiel eigentlich von einem Fuß auf den anderen, was zur Folge hatte, dass sein Gang sehr wacklig war, unsicher und langsam, und dabei hielt er den Kopf stets gesenkt und schaute auf seine Füße.

Mein erster Eindruck von ihm war denn auch, dass er nicht in der Lage sei, zur Welt aufzuschauen oder in die Welt hineinzublicken.

Mit seiner hohen Stimme wirkte er in jeder Hinsicht wie ein Kind. Er hieß Pablo und ich nannte ihn scherzhaft Pablito oder Kleiner Picasso, und er zeigte erstaunlich schnell Vertrauen zu mir. Der Divisionschef und die Wärter waren zufrieden, dass ich versuchte, mich etwas um Pablo zu kümmern.

— Der ist doch wie ein Kind. Der gehört nicht hierher. So eine Schweinerei! kommentierte der Chef.

Dr. Salinger meinte, der Haftplan für Pablo sei inadäquat, da er tägliche psychiatrische Hilfe benötige, und er dankte mir für die Zeit, die ich mir nahm, um Pablo den Aufenthalt auf der Division etwas zu erleichtern. Er sagte, er fühle sich sehr mulmig mit dem Fall, weil er kaum Informationen habe darüber und es ihm aus Zeitmangel unmöglich sei, Pablo eine adäquate psychiatrische Betreuung zu geben.

Auf der Isolier war es inzwischen zum Brauch geworden, dass Pablo meine Zelle aufsuchen konnte, wenn immer er danach verlangte. Das Ritual war immer gleich. Pablo kam herübergewatschelt, räderte ohne Gruß in meine Zelle und plumpste aufs Bett.

Dann lächelte er und ich gab ihm, was ich übrig hatte an Früchten, Joghurt, Schokolade oder Keksen. Er mochte Süßigkeiten. In der Regel sprach er nichts oder etwa einen Satzfetzen alle Viertelstunde. Dabei schaute er die meiste Zeit vor sich hin auf den Boden.

Sein Verlangen zu gehen war ebenso spontan wie sein Wunsch, zu kommen. Er stand einfach auf. Dann wusste ich, dass er gehen wollte, klingelte für einen Wärter, wartete an der Tür, bis aufgeschlossen wurde und watschelte ohne Gruß hinaus.

Pablo war akzeptiert, so wie er war, ohne große Haftpläne, ohne Sicherheitsmassnahmen und ohne Vorurteile. Niemand auf der Division mokierte sich über ihn und die Wärter entwickelten eine gewisse Zärtlichkeit ihm gegenüber. Er wurde sehr gut behandelt und der Chef begann, Pablo anzulächeln, wenn er ihm begegnete.

— Nun ja, der Pablo hat sich ja schon fast gewöhnt an alles hier. Aber der kann hier nicht bleiben auf Dauer. Das wäre ja noch schöner. Das ist doch kein Kindergarten hier, meinte er.

Niemand sah voraus, was sich bald darauf ereignen sollte.

Ich war dabei, das Mittagessen zu verteilen, und als der Wärter Pablos Zelle öffnete, sprang er mit einem Satz heraus, ein Küchenmesser in der Hand, und auf mich zu.

Der Wärter, geistesgegenwärtig und geschult, immobilisierte ihn sofort, und alle standen wir da einen Moment, erstarrt und ungläubig, das zu akzeptieren, was sich vor unseren Augen abgespielt hatte.

Pablo hatte mich töten wollen. Wie war das möglich?

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Gefängnis. So etwas war noch nicht vorgekommen. Pablo hatte erreicht, was er wollte, er wurde umgehend in eine psychiatrische Anstalt transferiert. Mein Psychiater war niedergeschlagen, aber er hatte eine Erklärung bereit:

— Ich glaube, Pablo war einfach überwältigt von Ihrer Güte. Sein Schuld–und–Scham Verhaltensmuster und die ständige Angst, unter der er leidet, haben ihn im Verhältnis zu Ihnen vor ein Rätsel gestellt. Es muss ihm an einer rationalen Einordnungsmöglichkeit für so viel menschliche Hingabe gefehlt haben; und das Resultat war, dass er glaubte, Sie hätten irgendwelche Hintergedanken, und er wollte vielleicht einer furchtbaren Enttäuschung mit Ihnen zuvorkommen, die er bereits früher in einer ähnlichen Situation erlebt hat …

Dieser Vorfall gab mir Klarheit über die bioenergetische Natur der Psychose, welches ich Jahre später in die Formulierung eines wissenschaftlichen Werkes über forensische Psychologie einfließen liess.

Psychose ist eine bioenergetische Blockade, die durch das Schuld–und–Scham Verhaltensmuster und die damit einhergehende Angst aufgebaut wird. Die Angst ist ganz einfach aufgestaute Lebensenergie, die im Aurakörper blockiert ist und die sich, mangels Entladung, mehr und mehr negativ polarisiert.

Diese negative bioenergetische Ladung ist das, was man im chinesischen Feng Shui unter Sha Energie versteht und was Wilhelm Reich in seiner Orgonomie tödliches Orgon nannte.

Dies ist der funktionale Ablauf, wie der Mordimpuls zustande kommt im Organismus, wie er energetisch aufgebaut wird und zu erklären ist. Dies hat absolut nichts zu tun mit Gutheit oder Schlechtheit. Es hat überhaupt mit Moralität nichts zu tun. Es ist die Folge eines gestörten Energiehaushalts im menschlichen Organismus.

In meiner Erfahrung mit Inhaftierten während meiner psychologischen Ausbildung, in der ich mich spezialisiert hatte auf Gefangenenbetreuung, lernte ich, dass viele Morde im Zustande einer temporären Psychose begangen werden, welche allerdings in den meisten Fällen psychiatrisch nicht diagnostiziert wird und daher auch im späteren Strafverfahren keine Berücksichtigung findet.

Während die meisten Menschen und gar viele Psychiater immer noch glauben, Psychose sei etwas Definitives und Irreversibles, ist es vielmehr so, dass es sich bei Psychose um ein Mehr–oder–Weniger, einen Dynamismus im Bereich bioenergetischer Blockaden handelt, und keinesfalls um etwas Fixes und Starres.

Kurz darauf sollte ich mehr erfahren über dieses energetische Muster in drei anderen Mordfällen.

Es kam mir fast magisch vor, als eines Tages jemand an meine Zellentür klopfte und durch das Guckloch mit mir zu sprechen wünschte.

Denn wer da stand war Raiko, der bärenstarke Jugoslawe, der mich im Untersuchungsgefängnis verhauen hatte. Er hatte sich nach meiner Einlieferung ins Gefängnis geschworen, kurzen Prozess zu machen mit dem Babyvergewaltiger, aber nun stand er da in reumütiger Verfassung und bat mich um Hilfe:

— Bitte hilf mir! Ich denke, Du wirst mich hassen für das, was ich Dir antat, aber ich bin in einer verdammt verzweifelten Lage. Es tut mir alles leid. Ich habe Dich ja gehasst wegen alledem, was sie mir erzählt hatten über Dich, obwohl ich nicht wusste, ob es wahr ist. Ich war so außer mir, dass ich nur noch rot sah. Jetzt haben sie mich in den Kerker geworfen, die Dunkelzelle hier, weil ich mehrmals die Wärter verprügelt habe. Du bist der einzige, der mir aus der Klemme helfen kann. Sie haben mir gesagt, wenn Du einverstanden bist, kann ich mit dir, nur mit dir, den Spaziergang machen am Morgen. Ich musste ihnen natürlich versprechen, Dir nichts mehr anzutun. Und vielleicht, wenn Du es willst, kannst Du mir Deine wahre Geschichte erzählen, denn ich weiß inzwischen, dass unglaublich viel gelogen wurde in der Presse in Deiner Sache, und ich werde Dir dann auch meine Geschichte erzählen …

Ich glaubte ihm und signalisierte dem Divisionschef mein Einverständnis. Daraufhin wurde Raikos Haftplan geändert, während er andernfalls wohl Monate im Dunkeln und ohne täglichen Spaziergang hätte verbringen müssen.

Wir wurden sehr früh morgens, bevor die anderen geweckt wurden, zum täglichen Spaziergang auf dem Dach des Gebäudes, einem Käfig aus Draht, gerufen. Und da dies während des Winters war, hatten wir uns ganz schön ‘was abzufrieren dabei!

Aber die Kälte war nur äusserlich, während wir innerlich alles gegenseitige Misstrauen schnell aufgaben und Freunde wurden. Und wir hatten uns wirklich viel zu erzählen. Er sprach oft über seine Kindheit, die eine Serie von Horrorgeschichten war. Er war seit dem zartesten Alter auf die schrecklichste Weise misshandelt und gedemütigt worden, und Grausamkeit war das tägliche Brot in seiner Familie. Und er fügte hinzu, ich sei der erste Mensch, dem er davon erzähle und es sei furchtbar gewesen, all das mit sich herumzutragen über die Jahre.

Er war erzogen worden in einem höchst patriarchalischen Milieu, in dem es Jungen nicht erlaubt war zu weinen oder Emotionen zu zeigen. Und eines Tages sagte er, er wolle mir ein Geheimnis sagen und begann:

— Weißt Du, wenn ich ehrlich bin mit mir selbst, so kann ich Dir eigentlich nicht böse sein, für das, was Du mit den Kindern tatest, denn ich tat es ebenfalls. Es war, als ich noch sehr jung war. Eines Tages zog meine Cousine, ein etwa zehnjähriges Mädchen, zu uns mit ihren Eltern, weil die Eltern Probleme hatten und eine Reise unternehmen mussten. Meine Mutter sagte, meine Cousine solle bei mir im Bett schlafen, weil wir so wenig Platz hatten in der Wohnung und niemand bereit war, den kärglichen Schlafplatz mit ihr zu teilen. Und obwohl ich niemals bewusst gewesen war, dass mich ein Kind sexuell reizen konnte, war ich eines Nachts, während sie schlief, einfach überwältigt von Verlangen für sie, zog sie aus und tat es mit ihr, und es war für sie sicher das erste Mal. Und am nächsten Morgen hatte ich sehr starke Schuldgefühle und schämte mich. Auch hatte ich starke Angst, weil so etwas in meiner Kultur die Todesstrafe verdient. Heute könnte ich mir vorstellen, dass all das eigentlich die Ursache ist, warum ich so gewalttätig bin. Ich wollte mir beweisen, dass ich ein starker Kerl bin, obwohl ich natürlich wusste, dass ich in dem Moment ein schwacher Kerl gewesen war!

Als ich antwortete, er sei lediglich menschlich gewesen in dem Augenblick, und nicht schwach, schien er überrascht. Ich fuhr fort, was er getan habe, hätten die meisten Männer getan in der Situation, wenn man alle Umstände mit berücksichtige. Ganz einfach weil die Gelegenheit gegeben worden sei, eine verbotene Frucht zu genießen und dass nicht viele Menschen, ob sie nun männlichen oder weiblichen Geschlechts seien, sich so etwas entgehen lassen würden.

Und dass wir nicht vergessen sollten dabei, dass schließlich seine eigene Mutter das Mädchen in sein Bett gelegt habe …

Er war so froh, dass er sich von seinem drückenden Geheimnis hatte befreien können, dass er mir wünschte, nach meiner Freilassung einen Jungen oder ein Mädchen zu finden, mit dem ich erfüllte Liebe genießen könne!

In der Folge erzählten mir die Wärter immer öfter, wie sehr sich Raiko verändert habe, und dass er einfach nicht mehr derselbe sei als zuvor. Und dass er sogar manchmal einen Wärter anlächle, etwas, das vorher undenkbar gewesen war bei ihm. Und so wurde denn Raiko auch bald von der Isolier in den normalen Vollzug überführt.

Das nächste Wunder geschah bei einem Terroristen, der die Division in Brand gesteckt hatte. Der junge schiitische Libanese namens Mohammed war mir bereits von den Zeitungen her bekannt und ich war eines Morgens direkt betroffen gewesen von seiner Flugzeugentführung, als nämlich der Weg zur Firma, wo ich in den Semesterferien arbeitete, versperrt war.

Das Flugzeug war in Genova gelandet, woraufhin der Terrorist einen Passagier in der Maschine nach der Landung kaltblütig erschoss. An dem Morgen war nicht nur der Flughafen, sondern eine weite Bannmeile drumherum polizeilich gesperrt und ich hatte zwei Stunden warten müssen, bis ich endlich zur Arbeit durch kam.

Mohammed hatte kurz nach der Ankunft auf der Isolier seine Zelle in Brand gesteckt und der Rauch wurde so erstickend, da er sich über die Klimaanlage verbreitete und Fenster nicht zu öffnen waren, dass wir für etwa zwei Wochen evakuiert werden mussten.

Zwei Gefangene hatten schwere Rauchvergiftungen erlitten und mussten ärztlich betreut werden. In der Folge wurde er natürlich in die Dunkelzelle gesperrt und wäre dort, was weiß ich, verrottet, hätte ich nicht interveniert.

Wir waren natürlich alle voller Ärger, aber ich fühlte, dass nur offene Kommunikation etwas positiv verändern konnte. Ich ging also an seine Zellentür, als wir alle wieder zurück waren auf der Isolier und sagte ihm durch das Guckloch, ich verzeihe ihm, wenn er sich bei mir und den anderen formell entschuldige für das, was er uns angetan habe durch den Divisionsbrand.

Mohammed sagte lange nichts. Dann gab er kleinlaut zu, und in der eher fragilen Stimme eines Intellektuellen, er schäme sich dafür, dass er uns in Lebensgefahr gebracht habe und dass er dies in keiner Weise beabsichtigt hatte, aber auch nicht daran dachte, dass ein Brand solche Folgen haben könne auf einer hermetischen Division wie der Isolier.

Er habe einfach Schluss machen wollen mit seinem Leben und sich, einer alten libanesischen Tradition gemäss, selbst verbrennen wollen. Er habe also seine Matratze in Brand gesteckt, aber sie habe einfach nicht richtig brennen wollen, und nur entsetzlich stinkenden und offenbar toxischen Rauch entwickelt. Als er mir versprach, solches nie wieder zu tun und bereit war, mit mir den Spaziergang zu machen, ging ich zum Chef, der sich überrascht zeigte.

— Was, so einem wollen Sie helfen? Jetzt hört’s aber auf, Junge! Der ist doch das gefährlichste Biest, das wir je im Laden hatten. Und überhaupt … so eine Entscheidung kann ich nicht treffen. Das kann, wenn überhaupt, nur der Direktor selbst entscheiden!

Der Chef versprach, die Sache dem Direktor vorzulegen, und Wunder geschah: der Direktor war einverstanden. So ging ich denn für die nächsten Monate morgens in der Früh mit Mohammed nach oben aufs Dach, statt mit Raiko, und sollte mit ihm eine nicht mindere Freundschaft entwickeln.

Mohammed erzählte mir in allen Details, wie er im Alter von nur vierzehn Jahren in den Krieg mit Israel einberufen worden war. Er sei ein ziemlich schwächlicher Junge gewesen und noch sehr kindlich zu der Zeit. Die schwere Kalaschnikoff, die man ihm in die Hand drückte, habe er kaum tragen können. Und so sei es angesichts seiner Unerfahrenheit und mangelnden Ausbildung als Soldat auch kein Wunder gewesen, dass die Israelis ihn schon bald gefangen und in ein Konzentrationslager gebracht hätten, wo er auf schlimmste Weise gefoltert worden sei.

Da habe er sich ewige Rache geschworen gegen Israel und dessen Helfershelfer, den Vereinigten Staaten, und überhaupt der westlichen Welt, da sie doch letztlich alle Israel unterstützten und sich gegen den muslimischen Glauben verschworen hätten. Ein ungeheurer Hass habe in ihm gebrannt und es sei wohl dieser Hass gewesen, der ihn die schreckliche Zeit im Lager habe überleben lassen, denn er habe ihm Energie verliehen, durchzuhalten bis zum Letzten.

Als er über seine Kindheit redete, wurde mir klar, dass auch bei ihm das Schuld–und–Scham Muster sehr ausgeprägt gewesen war und dass er eine Kindheit der Angst durchlebte. Er war so nervös, dass es ihm unmöglich war, eine Hand still zu halten. Er zitterte förmlich am ganzen Leib.

Er war überhaupt lediglich ein Strich in der Landschaft, ganz einfach, weil er nichts essen wollte und einen Hungerstreik nach dem anderen tat, was dann jedesmal in der Presse prompt kommentiert wurde. Sein Fall war sehr bekannt und wurde als ein Musterfall von islamisch motiviertem Terrorismus angesehen. Dementsprechend verhasst und gefürchtet war er denn auch, was ihm natürlich die Akzeptierung seines Mordes noch zusätzlich erschwerte.

Unsere Gespräche schienen einen beruhigenden Effekt auf ihn auszuüben. Er sagte eines morgens, er esse jetzt mehr als zuvor und habe gar etwas Gesicht gewonnen [der Schreifehler ist zu intelligent, als dass ich ihn verbessere: ich wollte natürlich schreiben, Gewicht gewonnen].

Nach einiger Zeit lächelte er mich an, wenn wir morgens die Treppen hochstiegen aufs Dach. Die Wärter konnten es nicht glauben. Sie sagten, sie hätten diesen Mann niemals lächeln sehen zuvor und hätten angenommen, er sei dazu nicht imstande.

Aber das war nicht das ganze Wunder, denn er begann, mich auszufragen über die beiden Gefängnisgeistlichen. Er meinte, wenn er sie so anschaue, so möge er intuitiv den katholischen mehr als den protestantischen, weil er ihm ehrlicher und mitfühlender erscheine, wohingegen der andere einen kalten und rechthaberischen Ausdruck im Gesicht habe.

Ich musste wirklich lächeln über seine Beobachtung, weil sie einfach der Wirklichkeit entsprach. Und ich war von dem Moment an überzeugt, dass ich es mit einem sehr intelligenten jungen Mann zu tun hatte, einem der sensibel war für die Details des Lebens, jemandem, der wirklich beobachtete!

Denn ich hatte mich angefreundet mit dem Priester, während ich den evangelischen Kerl mied, wie ich nur konnte. Ich hasste es, wenn er es war, der Sonntags die Predigt in der Kapelle hielt und nicht der Priester, denn er war von einer nicht zu überbietenden patriarchalischen Arroganz und Rechthaberei. Er glaubte wirklich, die Weisheit mit dem Schaumlöffel gefressen zu haben, wie man das bei uns zu Hause ausdrückt.

Der Priester hingegen kam zu mir, um psychologischen Rat zu erfragen, wenn er Probleme hatte, sei es in seiner Gemeinde, sei es bezüglich seiner Gefängnisarbeit, seien es private Probleme, wie zum Beispiel die Frage sexueller Enthaltsamkeit, die sein Amt als Priester ihm gebot.

Die Wärter waren immer sehr besorgt, unsere Privatsphäre so gut als möglich zu schützen und sie schlossen ihn auf seine Anweisung hin tatsächlich ein mit mir, etwas, das normalerweise nicht vorkam, da man Zellentüren nur anlehnte bei amtlichen Besuchen, aber nicht zuschloss.

Aber der Priester war selbst besorgt, es könne etwas von den Geheimnissen, die er mit mir teilte, nach außen dringen. Und was wir besprachen, kann ich in diesem Bericht denn auch nicht erwähnen, weil es strikter Vertraulichkeit unterliegt!

Obwohl ich nie etwas übrig hatte für die Kirche, war ich nun voller Bewunderung angesichts der Bescheidenheit und der Ehrlichkeit dieses Priesters und er gab mir seinerseits eine wirklich bedingungslose Unterstützung.

Hinsichtlich meines Verfahrens sagte er wieder und wieder, ich sei viel zu bescheiden und ich müsse meine Taten akzeptieren, so wie sie nun einmal gewesen seien, weil ich sonst niemals die fressenden Schuldgefühle überwinden könne.

Er war psychologisch geschult, aber bei ihm war ein Schmerz zu spüren. Seine Probleme waren virulent. Er war nicht einer von denen, die glaubten, der Weisheit letzter Schluss gefunden zu haben.

Er war ein Sucher, ein wahrer Philosoph, und er hatte den ganzen Jung gelesen und hätte Psychoanalytiker werden können.

Er hatte keinesfalls die Ansicht, in irgendeiner Weise höher zu stehen als, sagen wir, ein Mörder. Er hatte das Evangelium wirklich verstanden. Er wusste, dass er von einem Mörder lernen konnte, und auch von einem Pädophilen oder einem, wie ich, der keiner war, den aber jeder dafür hielt.

Und er war deswegen fasziniert von den Geschichten, die ich ihm erzählte aus meinem Leben und meiner Erfahrung nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Gefangenen. Er war ein wirklich großer Mensch.

Am Ende, als ich ihm alles erzählt hatte, sagte er einfach und schlicht, für Menschen wie mich müssten die Gesetze geändert werden und dass ich keinesfalls etwas Schlechtes getan habe. Mein Erziehungsansatz sei revolutionär und es sei im Grunde gut, Nacktheit, Körperfreude und Lust zu teilen mit Kindern jeder Altersgruppe, denn sie brauchten dies dringend, um zu lernen, selbst mit ihren Emotionen zu Rande zu kommen.

So konnte ich Mohammed ganzen Herzens den Priester ans Herz legen, und sagte ihm, er sei ein wirklicher Freund und großartiger Mensch, und dass er andererseits gut beraten sei, den protestantischen Geistlichen zu meiden.

Nachdem mir Mohammed bereits mehrmals gestanden hatte, er bereue nach unseren Gesprächen und langer Überlegung in der Tiefe seines Herzens, was er anderen Menschen angetan habe, verlangte er, den Priester zu sehen.

Die Information verbreitete sich wie ein Sturm im Land und die Zeitungen berichteten darüber, wie über ein Weltwunder. Es klang einfach unglaublich.

Etwa zwei Monate später reichte dieser schiitische Terrorist eine offizielle Eingabe bei den Behörden ein, zum katholischen Glauben überzuwechseln. Viele glaubten, er habe dies nur aus taktischen Gründen getan, aber ich wusste, vielleicht als einziger, dass dieser noble junge Libanese aus Überzeugung gehandelt hatte. Ich weiß nicht, wie es weiter ging mit ihm, denn er wurde in ein anderes Gefängnis transferiert.

Und ein anderer Mohammed wurde eingeliefert und als er hörte über meine positive Arbeit mit Raiko und seinem Namensvetter, fragte er beim Chef an, den Spaziergang mit mir zu machen.

Auch er war auf totalem Isolationsplan, eingestuft als höchst gefährlich. Er hatte seine Familie, Ehefrau und zwei kleine Töchter, in einem entsetzlichen Blutbad umgebracht. Der Chef war einverstanden und so begannen wir, früh morgens unsere Runden zu drehen auf dem Dach und ich hörte mir seine Lebensgeschichte an, und er die meine.

Ich erfuhr, dass er von einer iranischen Familie der Oberklasse stammte, seine Eltern reiche Kaufleute seien und er, der persischen Tradition gemäss, im Westen in einem exklusiven Internat erzogen werden sollte. In diesem Internat in Belgien, wo er fast seine ganze Jugendzeit verbrachte, wurde er regelmäßig von den Priestern zu sexuellen Spielen eingeladen.

Seinem Bericht zufolge wurden die schönen Knaben, zu welchen er zählte, dazu angehalten, die privaten Gemächer der Priester zu frequentieren und dort zu übernachten.

Er machte mir klar, dass er den physischen Aspekt der Angelegenheit relativ problemlos hingenommen habe, dass ihm jedoch der psychische Aspekt Probleme bereitet habe, denn er sei fast gestorben vor Scham und Schuldgefühlen, weil in seiner Kultur, das, was allgemein pauschal als Homosexualität abqualifiziert werde, zum Schlimmsten gehöre, wessen sich ein Junge oder ein Mann schuldig machen könne. Im orthodoxen Islam sei Homosexualität schlimmer als Mord.

Später dann, als er geheiratet habe, habe er die demütigende Erfahrung verdrängt und geglaubt, einfach so zu einem normalen Leben mit Frau und Kind überwechseln zu können.

Und dann, ganz unerwartet, sei er von schrecklichen Rachegefühlen und einem unaussprechlichen Hass überwältigt worden, als er einen Disput mit seiner Frau gehabt habe. Und er sei, obwohl er wohl glaubte, dass solche Dispute normal seien in einer Ehe, von einem unkontrollierbaren Impuls überwältigt worden, sich seiner Frau und Töchter ein für alle Mal zu entledigen!

Mohammed war bereits in psychotherapeutischer Betreuung, aber ich war nicht so sicher wie sein Psychiater, dass der dreifache Mord eine direkte Folge der päderastischen Erfahrungen in seiner Kindheit darstellte. Ich versuchte ihm vorsichtig und respektvoll klarzumachen, dass es nicht die frühe sexuelle Erfahrung gewesen war, die bei ihm den mörderischen Impuls auslöste, sondern die Tatsache, dass er diese Erfahrung, wie immer man sie werten wolle, nicht als simples Faktum des Lebens akzeptiert hatte.

Mohammed war jedoch im Höchstmasse aufgebracht über meine Weise, seinen Fall zu betrachten. Er war unfähig, das Leben funktional und dynamisch zu sehen, so wie es eben war; stattdessen urteilte er alles moralistisch ab.

Er und sein Namensvetter hatten dies mit den meisten gläubigen Moslems gemein, dass sie absolut unfähig sind, das Leben von einem energetischen, funktionalen und dynamischen Standpunkt aus zu beurteilen, statt es statischen und moralistischen Kategorien zu unterwerfen.

Und im Gegensatz zu seinem Namensvetter war er weniger kommunikativ. Er äußerte also einfach störrisch, meine Weise, seinen Fall zu sehen, sei absolut inakzeptabel für ihn, was mich natürlich in keiner Weise aus der Fassung brachte, denn ich erwartete keine Affirmation.

Was ich wollte, war ihn zum selbständigen Denken anzuregen und in Stand zu setzen, endlich und endgültig mit der verdammten neunmalklugen Religion Schluss zu machen!

Und übrigens, wenn man seine Körpersprache aufmerksam beobachtete, wurde einem klar, dass dieser Mann wie die lebende Inkarnation des Leidens daherkam, während der andere Mohammed doch Züge von Serenität in seinem Gesicht trug, ganz ähnlich wie sein Leidensgefährte Osama Ben Laden in seinen jungen Jahren. Meine Bemerkung hatte ihn in eine schreckliche Konfusion versetzt und er zitterte fast.

Daraufhin lachte er zynisch und brummte, eine solche Betrachtungsweise sei natürlich verständlich sei aus dem Munde eines eingefleischten Pädophilen.

Das war seine Art. Jedes meiner Worte legte er auf die Goldwaage.

Doch ich liess nicht locker und insistierte, die Einzelheiten der sexuellen Beziehungen zwischen Schülern und Erziehern des Klosters zu erfahren.

Es war sehr interessant zu sehen, wie er die Formulierungen änderte, in die er seine Geschichte kleidete. Während die erste Version von einem Sensationsblatt zu kommen schien, mit all der child abuse hysteria, die heute so sehr Mode ist, war er nach und nach in der Lage, die Erfahrung in seine eigenen Worte zu fassen.

Während die erste Version noch lautete, die Kinder seien gezwungen worden zu Analsex, räumte die folgende Version ein, jeder Priester habe eine Reihe von bevorzugten Knaben gehabt und dass in den meisten Fällen die Anziehung gegenseitig gewesen sei.

Während zunächst die Geschichte so lautete, dass die Priester die Jungen rekrutierten für Sex, räumte die zweite Version ein, dass die ganze Sache im Grunde abhing vom Ausgang der Verhandlungen zwischen Priestern und Jungen.

Während es zunächst hieß, dass ein Junge unmöglich den erotischen Avancen eines Erziehers entgehen konnte, räumte die zweite Version ein, dass, wenn ein Junge wirklich ablehnte, mit einem Priester zu schlafen, er dies wohl durchsetzte und frei war, zu gehen und alleine zu schlafen.

Während die erste und sozusagen ‘offizielle’ Version seiner Story davon ausging, dass alles eine einseitige Angelegenheit war, wo die Priester Vorteile einkassierten und die Jungen Nachteile hatten, erhellte die sozusagen ‘private’ Version, dass Priester, die Jungen gern mochten und sexuell von ihnen beschenkt wurden, ihre Freude und Dankbarkeit offen zeigten und ihren Lieblingen zahlreiche Vergünstigungen zukommen ließen.

Alles in allem wechselte das Kloster sein Gesicht von einem Torturseminar in der offiziellen Version zu einer Art von Exklusivbordell in der privaten Version, wo eine Anzahl von Männern und eine Anzahl von Jungen sich körperlich miteinander vergnügten, wobei die Körperfreude auf beiden Seiten Wohltat bereitete.

Dann gab Mohammed auch endlich zu, dass es nicht die Erfahrung selbst gewesen war, die in ihm den immensen Hass hervorgerufen hatte, sondern die Tatsache, dass er unfähig gewesen war, sie mit seinem strikten Moslemglauben in Einklang zu bringen.

Daraufhin legte ich ihm eine letzte und für ihn wohl revoltierende Frage vor:

— Und Du glaubst also wirklich, dass Du in dieser Welt so weiterleben kannst, und friedlich weiterleben kannst, wenn Du damit fortfährst, Alles–Was–Ist abzuurteilen, als seist Du die Schöpferkraft in Person?

Er wurde sehr nachdenklich. Lange sprach er nichts und wir drehten schweigend unsere Runden in der eisigen Kälte vor Sonnenaufgang. Endlich nickte er und sagte, ich habe eine gute Frage gestellt und er wolle sie ganz und gar durchdenken.

Am nächsten Morgen gab er zu, ich habe in Worte gefasst, was er fühle, sein Psychiater denke über ihn, ohne zu wagen, es zu äußern. Und dass er, hätte sein Psychiater es gesagt, er ihn gehasst habe deswegen und er die Therapie abgebrochen hatte. Weil sein Psychiater eben ein Feigling sei.

Und dass er sich seine positive Reaktion mir gegenüber nur so erklären könne, dass ich eben kein Feigling sei, sondern alles einfach beim Namen nenne.

Und dass das, was ich ihm geantwortet habe, für Stunden in seinem Herzen nachgeklungen sei wie ein Refrain, und dass es im Grunde mit seiner eigenen Intuition übereinstimme.

Er schien diese Frage für Tage mit sich herumzutragen und schien schließlich wohlgemuter als je zuvor, und lächelte gar zuweilen. Eines Morgens sagte er:

— Jetzt kann ich endlich begreifen, was Du meinst, auch mit Bezug auf Kindersex. Es ist sehr eigenartig, aber jetzt kann ich es schlagartig fassen, während mir vordem all dies wie eine perverse Lebensart erschien. Ich konnte es nicht akzeptieren, weil ich glaubte, es sei im Gegensatz zur Religion, wohingegen ich nun einsehe, dass es nicht zwangsläufig der Natur widerspricht. Ich denke jetzt, im Gegensatz zu früher, dass Religion keinen Anspruch erheben kann, die Natur zu ändern und zu dominieren und dass sie, wenn sie es tut, ein künstliches Konzept wird, das im Leben selbst keine Wurzeln mehr hat. Ich kann jetzt auch sehen, dass ich es hätte verhindern können, mit den Priestern Sex zu haben, wenn ich es wirklich gewollt hätte. Ich hasste mich selbst, weil ich dabei ein wenig Vergnügen fand zuweilen mit einigen der Priestern und das machte es nur noch schlimmer, denn ich begann, mich als moralisch schwach abzuurteilen. Und moralische Schwäche ist so ziemlich das Schlimmste für einen gläubigen Moslem. Nun endlich kann ich begreifen, dass ich mir selbst viel mehr Freiheit hätte geben sollen, anstatt mich einsperren zu lassen in ein Moralgefängnis und mir von der Religion sagen zu lassen, was ich zu denken habe, was ich zu tun habe und was ich gefälligst zu unterlassen habe. Und ich sehe nun, dass ich mit einer permissiven Einstellung diese Kindheitserfahrung wohl gemeistert und vielleicht gar davon profitiert hätte.

Das nächste Mal erschien Mohammed mit breitem Lächeln und sagte mir, er könne nun besser verstehen, warum sein Psychiater ihm gesagt habe, sein Superego sei zu stark.

Ich nickte und antwortete, ich habe auf psychoanalytisches Vokabular bewusst verzichtet in meiner Analyse seines Falles und habe mich stattdessen bemüht, mit einfachen Worten auszudrücken, was sein Psychiater in Fachterminologie formuliert hatte.

Er schien vergnügter als je zuvor und begann endlich, über tägliche Ereignisse zu reden statt über seine Vergangenheit oder über moralische Prinzipien oder Religion. Nun endlich äußerte er Hoffnung, dass nach einer erfolgreichen Psychotherapie sein lebenslängliches Strafmass herabgesetzt würde, und ich hoffte es ganz herzlich für ihn.

Achte Szene

Gefährlicher Übergang

Aber die letztendliche Prüfung stand mir noch bevor. Ich spürte, dass ich es nicht mehr lange auf der Isolierdivision aushalten würde, ohne einen wohl irreversiblen psychischen Schaden davonzutragen.

Nach etwa einem Jahr freiwilliger Isolierhaft, während des Sommers, als mein Psychiater im Urlaub war, sah ich den richtigen Zeitpunkt gekommen.

Ich wusste, Dr. Salinger wäre keinesfalls einverstanden und würde mir gar durch seine angstvollen Überlegungen die Entscheidung so schwer machen, dass ich sie letztlich nicht durchzusetzen imstande wäre.

Es war einfach ein Sprung ins kalte Wasser und ich musste die Augen dabei für einen Moment schließen, sonst war es nicht möglich. Ich musste für einen Moment totales Vertrauen ins Leben und in mein Schicksal haben, denn es war überlebenswichtig.

Wenn ich daran dachte, was man mir über gewisse Vorgänger erzählte, so musste ich mir klar und deutlich sagen, dass ich keine Vorgänger habe, weil ich nun einmal einzigartig bin. Wenn es also wahr war, dass andere vor mir zurückgewiesen, misshandelt oder gar totgeschlagen worden waren im normalen Vollzug, so musste ich mir deutlich vor Augen halten, dass mein Fall mit keinem anderen vergleichbar war.

Hatte nicht der Staatsanwalt in seinem Plädoyer geschrien, mein Fall sei einzig in den Annalen der Justizgeschichte? Wenn dem also so war, warum sollte ich mir dann Sorgen machen, was anderen vor mir zugestoßen war?

Und hatte ich nicht bereits beachtliche Erfolge erzielt und war es nicht fast wunderbar gewesen, dass ich einen meinen größten Feinde, jemand der entschlossen war, mich zu ermorden, zu meinem Freunde machen konnte?

Als habe es der Wärter, der mich auf der Isolier empfing, vorausgesehen, so hatte ich nach einem Jahr wirklich mehr Kraft als zuvor und war vor allem innerlich herangereift. Wozu hatte ich jeden Tag ein eineinhalbstündiges Morgenprogramm absolviert, das ich mir aus T’ai Chi und Meditation zusammengebastelt hatte? Wozu hatte ich während dieses Jahres die erste Hälfte einer zweijährigen Hypnotherapie absolviert, wenn mich dies nicht hatte wachsen lassen?

— Als Sie zum ersten Mal zu mir hochkamen, sahen Sie aus wie ein erschrecktes Kind, hatte Dr. Salinger es formuliert.

Und doch, all diesen wohl rechten Überlegungen zum Trotz, hatte ich Angst.

Aber da war etwas in mir, das stärker war, als die Angst. Es war Neugierde. Und ich spürte, dass diese Neugierde ihrerseits gekoppelt war an etwas fundamental Kraftvolles in mir; es war das Leben selbst. Ich hatte wieder Lust zu leben. Ich war nicht mehr suizidär, wie es die Gerichtspsychiater in ihrer Expertise diagnostiziert hatten. Ich hatte mich endlich selbst akzeptiert, und damit das Leben und das Verlangen in mir.

Der Priester riet mir weder zu noch ab. Er gestand mir offen ein, er habe Angst um mich, wolle mich aber weder in der einen, noch der anderen Weise beeinflussen. Er sagte, er bete für mich jeden Tag. Implizit und ohne mir Rat zu geben in dieser heiklen Angelegenheit, hatte er durch sein Vertrauen und sein guten Worte dem Leben in mir zur Blüte verholfen.

Auch ihm hatte ich es zu verdanken, dass ich gewissermassen über mich hinausgewachsen war und mein Schicksal mit einer gewissen männlich–stoischen Haltung begegnen konnte.

Letztlich spürte ich, dass meine Mission auf der Isolierstation ihrem Ende entgegen ging. Außer den vorerwähnten Leidensgenossen, hatte ich auch zwei anderen Gefangenen auf der Division Support gegeben, einem jungen Deutschen und einem älteren Spanier, die beide Polizisten umgebracht hatten.

Aber beide, sowie auch Mono, wurden schließlich in andere Anstalten verlegt und mit Rudo und Mauro war ich an einem toten Punkt angelangt.

Dr. Salinger hatte mich gebeten, ihn ein wenig zu unterstützen und ein wenig Vorarbeit zu leisten mit den beiden, aber wir mussten uns schließlich geschlagen erklären. Mauro nahm sich einen anderen Psychiater, da er Geld genug hatte, sich einen privat zu leisten, oder weil er gar vom Staat unterstützt wurde finanziell, und Rudo liess den Psychiater mehrmals so eiskalt abfahren, dass er es aufgegeben hatte mit ihm.

— Was will dieser Doktor nur? fragte er mich oft während der Arbeit, und nicht ohne ein gewisses Grinsen. Ich bin doch nicht verrückt. Und ich frage mich, warum Du da überhaupt hingehst. Psychotherapie — so ein hirnloser Quatsch! Ich habe einen Fehler gemacht und bezahle dafür. Punktum.

Es kam mir eigenartig vor, das Erwürgen eines Kindes in einem Aufzug als Fehler zu bezeichnen. Einmal fragte ich ihn rundweg, warum er es getan habe, und er antwortete:

— Die hat mich nervös gemacht mit ihrer Art.

— Welcher Art?

— Die war frech und provokant.

Mauro allerdings war verschieden von Rudo darin, dass er neugierig war.

Einmal, beim Spaziergang, blieb er plötzlich stehen, und hielt die Zigarette, wie er es immer tat, mit dem brennenden Ende zur Handfläche hin, während ich sah, dass er eigentümlich zitterte:

— Weißt Du, ich bin einfach neugierig darauf, was die Psychoheinis so denken in meinem Fall. Ich weiß, dass bei mir was nicht stimmt, denn wenn’s mich überkam, war ich nicht zu bremsen. Es war total zwanghaft. Ich will mal wissen, warum ich so wurde und wer weiß, vielleicht kann man doch was dran rütteln, obwohl ich es nicht glaube. Aber warum nicht einfach ‘mal versuchen. Zeit hab’ ich doch genug …

Ich fand seine Einstellung gut und vernünftig, und sie rief bei den Behörden auch ein positives Echo hervor.

Die Wärter ermutigten mich mehr oder weniger, den Schritt zu tun, obwohl sie keinen Zweifel daran ließen, dass ich im Falle eines Unglücks allein stünde und sie mich kaum schützen könnten.

Ganz besonders Enrico vom sozialen Dienst freute sich darüber, dass ich rüber käme, weil er ein psychologisches Projekt hatte, und mich um Mitarbeit darin bat.

Ich schwitzte schrecklich, als ich den kleinen Karren drückte, der hochbeladen war mit Sachen. So viel Zeug hatte ich angesammelt während der fast zwei Jahre meiner Inhaftierung!?

Der Wärter, der mich begleitete, drückte zwei weitere Karren vor sich her, und als wir ankamen auf der anderen Seite und vor der Zelle standen, war ich in Schweiß gebadet.

Es war heißer Sommer, und es wurde mir nun klar, warum ich mich fast tot gefroren hatte auf der Isolier: es war wegen der Klimaanlage gewesen. Der normale Vollzug war nicht klimatisiert, weil man die Fenster in den Zellen öffnen konnte, aber in den Gängen herrschte eine brütende Hitze.

Hitze steht für Emotionen, Kälte für deren Tod, dachte ich für mich und sandte ein Stossgebet zum Himmel. Doch als ich in der Zelle war und der Wärter sich anschickte zu gehen, bat ich ihn darum, mich einzuschließen. Und er antwortete sehr ruhig:

— Das wäre der größte Fehler jetzt in Ihrer Lage. Wenn Sie das wollen, so ist es besser, ich bringe Sie gleich wieder zurück auf die Isolierdivision. Denn wenn Sie hier Angst zeigen, machen Sie es von vornherein unmöglich, akzeptiert zu werden im Löwenkäfig. Das bedeutet zuallererst, dass Sie die Regeln hier akzeptieren, wie jeder andere auch und keine Sonderbehandlung bekommen, denn das erzeugt zuviel Eifersucht. Hier ist die Regel, dass die Zellentüren tagsüber offen sind und nur für die Nacht geschlossen werden. Sie können sich frei bewegen im Gebäude und außerhalb im Bereich der Ateliers, wenn Workshops angesagt sind, oder Sie können gar in der Gruppe mitarbeiten, die einen gefängnisinternen Fernsehkanal aufbauen und betreiben. Wir haben Sie auf die Division gelegt, wo Sie die größte Chance haben, akzeptiert zu werden. Sie sind hier inmitten der Gefängnismafia, den Bankräubern und solchen Mördern, die sich als soziale Umwälzer verstehen. Ihre größten Feinde sind die kleinen Diebe, wie Jugoslawen und Albaner, denn die glauben, für nichts hier zu sein, und sie sind eine große und starke Gang. Versuchen Sie, mit denen hier auf der Division gut auszukommen. Die meisten sind Italiener und sie sind als Gruppe ebenfalls sehr stark und von den albanischen law makers sehr respektiert. Während sie sehr stolz auftreten, sind es doch intelligente Männer, und die haben Ihren Fall wahrscheinlich längst durchschaut und wissen, dass Sie nicht hier sind für das, was in den Zeitungen stand. Die sind nicht auf den Kopf gefallen und haben ihre eigenen Informationsquellen. Versuchen Sie also ihr Glück und, vor allem, zeigen Sie keinesfalls Angst … viel Glück!

Ich schluckte, liess mir aber mein inneres Zittern nicht anmerken und danke ihm, still vor mich hin betend.

Kurz nachdem er gegangen war, klopfte es an meine Zelle und ein kleiner Alter mit faltigem Gesicht, intelligenten blauen Augen und gutem Italienisch drückte die Tür auf und fragte, ob er hereinkommen könne? Ich lud ihn ein, lächelnd so gut ich konnte und er kam schnell auf mich zu, ohne mir die Hand zu geben:

— Wir kennen Dich seit langem, begann er. Wir wissen, wofür Du hier bist. Du kannst nicht viel von uns erwarten, aber was mich persönlich anbetrifft, so respektiere ich Dich. Ich weiß, dass Du nicht wie die zwei anderen dort bist. Wenn einer von denen hierher kommt, wird er die erste Stunde seines Hierseins nicht überleben. Wir wissen, dass Du anders bist als sie. Wir wissen, was in den Zeitungen stand über Deinen Fall und was davon wahr ist und was nicht. Du hast keine Kinder umgebracht und Du hast sie auch nicht vergewaltigt, aber wir können dennoch Deinen Erziehungsansatz nicht akzeptieren. Für uns Italiener sind Kinder heilig und unberührbar, und wir sind nicht dafür, dass man sie zu früh in Sexualität einweiht. Wir finden, dass das Kinder moralisch korrumpiert und zu schlechten Menschen werden lässt. Ich habe Deinen Fall gründlich studiert, denn ich fand ihn interessant. Ich werde versuchen, meine Gruppe hinter mich zu bekommen, um Dich etwas zu schützen, aber bitte erwarte keine Wunder von mir. Ich kann nicht das ganze Gefängnis in Schach halten und wenn Du die Albaner gegen Dich aufbringst, bist du tot. Zeige auf keinen Fall Angst und sei nicht zu nett zu den Leuten …

Ich dankte ihm und fühlte, dass das, was er sagte, von Herzen kam. Ich mochte Angelo auf Anhieb. Seine Augen drückten zwar eine gewisse Härte aus, aber auch sehr tiefe Menschlichkeit und Verständnis. Und sein Name war wirklich Omen: er war ein Engel für mich und ohne ihn hätte ich meinen kühnen Sprung in die tiefen Gewässer vielleicht nicht überlebt. Angelo und Angela, dachte ich, wenn das nicht schicksalhaft war!

In der Folge sollte ich mehr über ihn und sein Leben erfahren, und das meiste davon erzählte er mir selbst, wenn ich zuweilen nachmittags in seiner Zelle einen Espresso trank mit ihm.

Er war ein erfolgreicher Maler geworden und sogar außer Landes, nachdem er in seiner vorigen Laufbahn als Bankräuber einige niedergemäht hatte. Er machte das Beste aus seiner lebenslänglichen Strafe und begann zu malen. Und er war so erfolgreich, dass er im ganzen Lande bekannt wurde und seine bizarren Gemälde in den besten Galerien Genovas ausgestellt und zu hohen Preisen verkauft wurden.

Von seiner Kindheit hatte er nichts Gutes zu erzählen. Es war die Geschichte eines Kindes der Armut in Rom, eines kleinen Jungen, der durch alle möglichen Grausamkeiten des Lebens ging und ständig verprügelt wurde, eines Jungen auch, der sehr früh lernte zu stehlen und sich sein tägliches Brot auf mehr oder weniger gewalttätige Art zu ergattern.

Angelo war ein reicher Mann und hatte sein eigenes Atelier auf der Division, ein recht großer Raum, den man dadurch erstellt hatte, dass man eine Wand aus zwei Zellen herausgebrochen hatte. Sein Atelier war gegenüber seiner Zelle, und also bewohnte Angelo eigentlich drei Zellen statt einer.

Sein Einfluss im Gefängnis war erstaunlich, sein Name allen und jedem bekannt.

Er war eine Art grauer Eminenz unter den Gefangenen und was er anordnete, wurde ohne Verzug ausgeführt. Wie machtvoll dieser ältliche Italiener jedoch wirklich war, sollte ich jedoch erst später erfahren.

Die ersten Tage verliefen ohne Zwischenfall und dies rief in mir ein verfrühtes Gefühl des Sieges hervor. Dazu kam, dass Dr. Salinger mich rufen liess und mit Worten der Bewunderung nicht sparte:

— Ich habe in meiner ganzen Laufbahn als Gefängnispsychiater keinen Mann wie Sie getroffen! Ich hätte niemals auch nur im Traum gedacht, dass Sie das tun würden, dass Sie das tun könnten. Und Sie haben mir bewiesen, dass ich Sie von Anfang an gewaltig unterschätzt habe, denn Sie sind viel stärker, als ich angenommen hatte. Aber vielleicht habe ich nur einen Teil Ihrer multiplen Persönlichkeit kennengelernt…?

Ich bestätigte ihm, dass er Recht habe, räumte jedoch ein, dass ich die Stärke sicherlich auch unserer Therapie zu verdanken habe und dass es ohne seinen wunderbaren und konstanten Support undenkbar gewesen sei.

Er schien freudig und dankbar über meine Anerkennung seiner Arbeit und antwortete schlicht, von nun an seien wir Kollegen, einfach das. Dann fügte er hinzu, dass mein Fall in der Tat ganz anders gelagert sei, als der der beiden anderen auf der Isolier und dass die intelligenteren Insassen im normalen Vollzug dies auch wüssten und würdigten.

Von dem Moment wurde unsere Arbeit noch konstruktiver als zuvor, weil ich sehr viel offener und freier war für Diskussion, denn mein Angstniveau war fast auf Null abgesunken.

Die außergewöhnliche Erfahrung hatte mich in der Tat erwachsen werden lassen. Peter Pan war tot, und der Sprung in die Hölle hatte sich als Pforte zum Himmel erwiesen.

Und doch, das Jahr war noch nicht zu Ende, und es sollte nicht nur eitel Sonnenschein für mich übrig haben. Ich sollte in meinen einsamen Abenden mehr Tränen vergießen, als nie zuvor in meinem ganzen Leben.

Angelo konnte in der Tat nicht alles in Schach halten, wie er es so weise vorausgesehen hatte. Ich hatte mehrere Attacken auf mein Leben zu durchstehen, aber wie das alles geschah, und wie ich jedesmal vorgewarnt wurde, war ein wahres Wunder.

Doch zunächst einmal sah alles eher sonnig aus und der Chefwärter, der unter dem alten Direktor klar gegen mich gewesen war, änderte seine Meinung jetzt unter dem neuen Chef.

Hinzu kam, dass er meinen Übergang in den normalen Vollzug unterstützt hatte und natürlich Stolz war, Recht gehabt zu haben, dass ich dazu in der Lage gewesen war. (Er hatte insoweit, wie ich später erfuhr, mehrere Dispute gehabt mit meinem Psychiater). Er bot mir daher ohne zu zögern eine durchaus interessante Arbeit in der Gefängnisbibliothek an. Ich wurde Bibliotheksdirektor.

Das rief natürlich Eifersucht hervor bei einer Anzahl von Gefangenen, die lange auf diesen Posten spekuliert hatten. Da kam einer von der Isolier und erhielt sofort diesen begehrten Job, der es ermöglichte, praktisch den ganzen Tag in der angenehmen großen Bibliothek zu sitzen, den Computer auch für private Arbeit zu nutzen, jede Menge Bücher zu lesen und mit den intelligenteren und beleseneren Gefangenen Freundschaften zu knüpfen und Diskussionen zu führen.

Und da auch die Mitglieder des sozialen Dienstes öfter in die Bibliothek kamen, um neu erworbene Bücher zu durchstöbern, war der Job auch dazu geeignet, sehr nützliche Kontakte mit Entscheidungsgremien aufzunehmen und zu pflegen.

Kurz nach Aufnahme meiner Arbeit in der Bibliothek lernte ich Enrico dann persönlich kennen. Er war ein junger, intelligenter und charmanter Italiener, der sehr gute Arbeit leistete im sozialen Dienst und für die Gefangenen wirklich ein Herz hatte.

Er war eigentlich Psychologe wie ich, hatte jedoch aus rein finanziellen Gründen die sichere Stelle beim Staat angenommen.

Und so lebte er im Grunde zwei Leben, eines als Gefangenenbetreuer und ein anderes als privater Psychologe und Lebensberater.

Enrico war ein interessanter junger Mann, groß, schlank und blond, gutaussehend und voller Ideen, Kreativität und Enthusiasmus. Er hatte die Idee, eine psychologische Beratungsstelle zu errichten für das Gefängnis, die es jedem Gefangenen ermöglichen sollte, kostenlose und nicht systemkonforme Lebensberatung zu erhalten. Darüber hinaus wollte er die Datenbank auch für seine privaten Konsultationen verwenden.

Ich sicherte ihm volle Mitarbeit zu, und war überzeugt, in der Lage zu sein, die ungeheure Menge an Information einzutippen, aber wie das alles digitalisiert werden solle, blieb mir ein Rätsel zu dem Zeitpunkt.

Ich war noch nicht mit Computern bekannt und nahm die Gelegenheit wahr, einen für das nächste Halbjahr angebotenen Informatikkursus zu besuchen.

Dabei erfuhr ich von einem Russischkurs und schrieb mich auch dafür gleich ein, sowie für einen Abendkursus in Töpferei und einen anderen in Zeichnen.

Bald darauf lernte ich beim Spaziergang Bankier Soldanski kennen, einen bejahrten und weißhaarigen Polen mit italienischer Staatsangehörigkeit und einigen Millionen auf dem Konto, und wir freundeten uns gleich an. Er war wegen einer dubiosen Finanzangelegenheit im relativ hohen Alter ins Gefängnis gekommen.

— Wegen einer Million mehr habe ich eine Dummheit gemacht, wie ein Schuljunge wegen eines gestohlenen Bonbons, pflegte er zu sagen.

Dabei, so erzählte er mir, habe er als Direktor einer Bank in den Vereinigten Staaten vierunddreißig Milliarden Dollar verwaltet, und einer seiner Kunden sei der junge Bill Clinton gewesen, der spätere Präsident.

Clinton, wie andere Politiker, habe durch teilweise illegale Spekulationen seinen Reichtum erworben — und ohne immens reich zu sein, könne man in Amerika nicht Präsident werden.

Soldanski hatte ein Finanzberatungsinstitut in Genova, eine große Ranch in Ohio und eine Farm in Sizilien. Er war intelligent, humorvoll, schlagfertig. Aber er konnte auch ungeheuer herabsetzend sein. Unsere Freundschaft war zunächst sehr intensiv, kühlte dann aber mehr und mehr ab, als ich fühlte, dass er meine Supportarbeit für andere Gefangene in den Dreck zog.

Seine kargen Bemerkungen über meine Affäre waren aggressiv grinsend hingeworfene Behauptungen, die jeder Grundlage entbehrten, und er war zu arrogant, einfach zu fragen, wie es wirklich war, statt mir die Suppe zu servieren, die man ihm durch Hörensagen aufgetischt hatte.

Aber seine beißende Art war nicht gegen mich persönlich gerichtet; er war allen gegenüber so, nicht imstande, sein Leben zu akzeptieren, wie es war, und sich selbst, mit der Fehlspekulation, die ihm die kurze Freiheitsstrafe einbrachte.

Soldanski, wie so viele Menschen, die intelligent und hocheffektiv sind im Beruf, war sich selbst sein größter Feind. Er war zu perfektionistisch in allem und erwartete von sich selbst im Grunde dasselbe, was er von einem Computer erwartete: absolute Perfektion.

Daher war Soldanski ständig unzufrieden und bisweilen launig und grimmig. In seiner Zelle sah man ihn am Laptop sitzen, an einer Finanzsoftware arbeitend, nachdem ein Buch über Kapitalanlage, das er veröffentlicht hatte, bereits vor seiner Inhaftierung ein großer Erfolg geworden war.

Nun wollte er ein E–Buch erstellen, das die neue Kapitalmarkt–Software als CD mit enthielt. Der Preis war sehr hoch für Buch, aber dafür bekam man die Software beim Kauf dazu geschenkt.

Ich lernte sehr viel von dem älteren Mann und bewunderte ihn sicher. Sein Werdegang war sehr interessant. Er war Finanzkaufmann und seit Jahrzehnten tätig als Bankier, hatte aber eigentlich erst im Alter gelernt, mit Computern umzugehen. Und wie er es gelernt hatte!

Er war ein fantastisch begabter Programmierer und wenn man ihn am Computer sah, hätte man nie angenommen, dass der Mann jemals etwas anderes wusste als Programmieren. Auch im Russischkurs war er fleißig und hatte von uns allen die beste Aussprache. Und mit seiner eleganten und mondänen Art, war der weißhaarige Greis auch der beste Kavalier gegenüber der recht gutaussehenden jungen Russischlehrerin.

Ich war Soldanski dankbar für die intelligenten und geistreichen Unterhaltungen, die wir täglich hatten beim Spaziergang. Erst, als ich von anderen, mit denen ich mich angefreundet hatte, erfuhr, was er hinter meinem Rücken über mich redete, zog ich mich von ihm zurück. Nach meiner Entlassung schrieb ich ihm und erhielt folgende Antwort:

— Bitte sehe hinfort von Briefen an mich ab. Ich habe allgemein schlechte Erfahrungen gemacht mit Gefängnisfreunden und habe alle solche Kontakte abgebrochen.

Ich fand nun sehr viel mehr Freunde, auch durch meine Arbeit in der Bibliothek, wo die intelligenteren Häftlinge immer mal wieder hineinschauten.

Ich gewann Freunde unter den Iranern und Irakern, den Israelis, den Pakistani, den Brasilianern und Portugiesen, und den Südamerikanern.

Die Italiener auf meiner Division duldeten mich wohl, aber außer Angelo konnte ich keinen von ihnen zum Freunde gewinnen. Es gab immer wieder Diskussionen, vor allem abends, wenn sie ihre Pasta kochten und sich gegenseitig besuchten oder in Angelos Atelier am großen Tisch zusammen dinierten. Da wurden dann alle Neuigkeiten besprochen, Gefängnistratsch ausgetauscht oder auch Pläne gemacht, von deren Art ich erst viel später erfahren sollte. Und oft erhaschte ich Wortfetzen, wenn sie über mich diskutierten und erfuhr, dass Angelo sich regelmäßig einschaltete und das Wort nahm zu meiner Verteidigung und dass man seine Position nicht kritiklos hinnahm.

Nur ein einziges Mal, an Angelos Geburtstag, wurde ich eingeladen zu einem ihrer gemeinsamen Abendessen und ich war über alle Massen erstaunt, was da alles aufgetischt wurde. Es gab einfach alles, was es in einem Gefängnis eigentlich nicht geben durfte.

— Wir haben alles hier, Waffen, Wein und Weiber! feixte Angelo, und ich hielt es für ein Bonmot.

Erst später sollte ich erfahren, dass Angelo damit durchaus nicht übertrieben hatte.

Nicht überall war ich akzeptiert. Im Atelier Töpferei musste ich einstecken, dass man sich mehr und mehr von mir wegdrehte, wegen einem oder zwei Italienerquerköpfen, die etwas gegen mich hatten.

Ich weinte einen ganzen Abend und ging dann nicht mehr hin.

Im Computerraum hätte sich beinahe das Gleiche ereignet, aber Enrico intervenierte entschieden zu meinen Gunsten, und erst als er für mich offen Partei ergriff, war auch Bankier Soldanski, als Leiter des Ateliers, bereit, für mich ein gutes Wort einzulegen, und die Störenfriede wurden hinausgeworfen.

Aber die schwerste Prüfung war die im Fernsehstudio, wo man mich wegen meiner unbestreitbaren Qualifikationen in der Sache jedenfalls haben wollte.

Das Gerangel und die sordiden Anfeindungen wurden so schlimm, dass erst, als die beiden Animateure von RAI, die das Studio aufbauten, für mich offiziell eine Eingabe beim Direktor machte, sich die Lage etwas verbesserte.

Und hier fiel mir Angelo leider in den Rücken. Ich hatte mit Vorschlägen zur Programmverbesserung den Respekt der Fernsehprofis gewonnen und Angelo, der so etwas wie die graue Eminenz im Fernsehkanal war, fühlte sich im Hintertreffen.

Nach einem der ersten Arbeitstage im Studio hatte ich einen Traum, der alles klar voraussagte. In dem Traum saß ich vor einem Fernseher, der den Logo des Kanals zeigte und die Maskotte, die ich dafür entworfen hatte und die man neben all meinen anderen kreativen Ideen ohne Begründung abgelehnt hatte.

Und mit einem Mal erlosch das Fernsehen und ich wusste nicht, wie ich es wieder andrehen konnte. Und ebenso ereignete es sich.

Ich hielt es so lange aus, wie ich es eben aushalten konnte. Aber eines Tages war es eben zuviel, nach einer ekelhaften Diskussion, in der ich formell sozusagen hinausgeworfen wurde, da man Kinderschänder nicht in einem Publikationsinstrument dulde, das auch für die Öffentlichkeit bestimmt sei.

Die beiden Professionellen vom RAI Sender waren empört und der ältere von ihnen drohte, seine Gefängnisarbeit einzustellen und machte eine weitere Eingabe beim Direktor, die jedoch auf taube Ohren fiel.

Ich hatte den Kanal zu verlassen und damit Punkt. Meine Domäne blieb die Bibliothek und weder Angelo noch einer der anderen von der Division liess sich auch nur ein einziges Mal dort blicken.

Dafür erhielt ich regelmäßigen Besuch von einem israelischen jungen Mann, der jahrelang als Spion für den CIA gearbeitet hatte und viel Interessantes zu erzählen wusste, sowie von einem kolumbianischen Indio, der mir Dinge aus der Welt der Eingeborenen enthüllte, die er vordem noch niemandem offenbart hatte.

Nachdem er nach einer Weile täglich in der Bibliothek ein– und ausging, nicht etwa wegen der Bücher, sondern um mit mir zu reden, wusste jeder, was Sache war und man erzählte offen herum, es sei ein Wunder geschehen, denn der misstrauischste und verschrobenste Einzelgänger des ganzen Gefängnisses habe sich gerade den als Freund ausgesucht, der der Verschmähteste war: mich.

Ich mochte den kleinen braunhäutigen Mann sehr.

Er hatte etwas Jungenhaftes um sich, etwas sehr Vitales, etwas, das in unserer westlichen Zivilisation seit langem nicht mehr existiert. Er war der wahrhafte Don Juan aus Castanedas Büchern. Wenn ich ihm von meinen paranormalen Träumen erzählte oder über meine Konsultationen des I Ging und des Tarot und wie sie mir mehrmals das Leben gerettet hatten, nickte er nur und sagte leise:

— Bernardo, tu es un indígeno blanco …

Er, wie so viele andere, hatte mir Geheimnisse anvertraut, die ich in diesem Buch nicht wiedergeben kann, und ich konnte einfach nicht begreifen, warum er mir vertraute, wo er doch nicht ein einziges Mal mit einem anderen Gefangenen auch nur den Spaziergang zusammen machte, keine Ateliers besuchte und dem Sozialdienst nur harte Absagen erteilte.

Niemand wusste, woran man war mit ihm und so begann Enrico mich zu fragen, wenn es um ihn ging oder irgendeinen der anderen Südamerikaner.

Bald wurde ich, wie es schon auf der C.R.D.D. der Fall gewesen war, als Übersetzer gerufen, wenn Italienisch nicht ausreichte mit einem der Südamerikaner.

Interessant waren die Kommentare über Kindliebe in ihren vielen Arten, die ich nun mehr und mehr zu hören bekam. Während das Thema für Rudo und Mauro einfach tabu gewesen war, so sah ich nun, dass es durchaus nicht unüblich ist in Männerfreundschaften über Sex mit Kindern offen zu reden.

Und das Interessante war die Varietät der Geschichten.

Keine glich einer anderen und so etwas wie ein Standardpattern konnte man nicht ausmachen dabei.

Der junge Israeli fand Sex mit Kindern als eine Verführung zu sündhaftem Tun, aber dennoch von großem Reiz. Er habe einmal mit angesehen, wie ein Mann mit einem kleinen Kind Sex gehabt habe, und was ihm dabei Angst gemacht habe, sei die harte und fast gewalttätige Art, wie der Mann das Kind an sich gepresst habe. Er hatte dies erzählt, da wir ausdrücklich über nicht–penetratorischen Sex mit eher kleinen Kindern redeten, so wie es eben auch Gegenstand meines Verfahrens gewesen war.

— Auch wenn nicht penetriert wird, so kann es doch für das Kind ein Schock sein, meinte er, und fügte hinzu, dass dies ganz besonders der Fall sei, wenn es so barsch vonstatten ginge.

Er fand es unerhört, dass der Mann sich mit seinem ganzen Gewicht auf ein kleines Kind lege, wenn er auch seinen Penis nur außen zwischen den Beinen des kleinen Mädchens gerieben habe. Aber er habe dabei doch ganz schön gebumst, bis er zum Orgasmus gekommen sei.

Ich erklärte ihm, dass ich bei keinem einzigen Kinde eine Abwehr gegen die beim Sex so typische Schaukelbewegung erlebt habe, da Kinder allgemein, und ganz besonders kleinere Kinder nichts mehr liebten, als geschaukelt zu werden.

Hinsichtlich des Gewichts, so erklärte ich ihm, sei es eine Frage der Technik, den Oberkörper so abzustützen, dass das Hauptgewicht auf den Lenden liege und nicht auf dem Oberkörper, wo es den Brustkasten des Kindes verengen könne. Im Lendenbereich, so schloss ich, kann sogar ein kleines Kind ohne weiteres das Gewicht eines Mannes ertragen und gleichermaßen die eher heftigen Stossbewegungen unmittelbar vor dem Orgasmus.

Wichtig sei bei dieser Art von Sex lediglich, dass das Kind die Beine geschlossen habe und der Mann seine Oberschenkel etwas spreize, um die des Kindes dazwischen zu nehmen und ein wenig zusammenzudrücken, da dies, wenn der Penis solchermaßen zwischen den weichen Oberschenkeln des Kindes eingepresst sei, die fast perfekte Illusion einer Penetration hervorrufe und sehr starke Orgasmen ermögliche, für das Kind jedoch vergnüglich und keineswegs schmerzhaft sei.

Mein junger Spion antwortete feixend, solches habe er beim CIA nicht gelernt, aber es leuchte ihm ein, dass Sex mit kleinen Kindern nicht immer traumatisch sein müsse für diese, wie man dies weithin annähme.

— Aber vielleicht bist Du auch eine Ausnahme? räumte er dennoch ein. Du nimmst auf all das Rücksicht und gehst vorsichtig zu Werke, denke ich mir, so wie ich Dich nun kenne. Aber das machen sicher nicht alle Männer so, die Sex mit Kindern wollen.

— Es ist eine Frage der Erfahrung, gab ich schlicht zurück. Oder glaubst du, dass einer, der zum ersten Mal eine Frau fickt, dabei wie Casanova vonstatten geht?

Daraufhin lachte er und meinte, es sei gut, dieses Angstthema scherzhaft abzuhandeln. Das erleichtere das Verständnis sehr, denn die öffentliche Debatte sei so voller Angst, dass es eigentlich unmöglich sei für die meisten Menschen, sich hier ein klares Bild zu machen und die Spreu vom Weizen zu trennen. Da musste ich ihm voll und ganz Recht geben.

Hinsichtlich meines Verfahrens war er empört über das, was ich erlitten hatte und warf mir mehrmals Defaitismus vor.

— Deine Strategie war völlig falsch! Du hättest angreifen müssen, statt dich zu verteidigen. Angriff ist die beste Verteidigung. Du hättest aggressiv reagieren sollen, und keinesfalls pazifistisch. Dein Pazifismus wurde als Perversität abqualifiziert, nicht wahr?

Wiederum musste ich ihm Recht geben. Wie klug war doch dieser junge Mann, der in seinem eigenen Leben jedoch nicht aus noch ein wusste und einen Selbstmordversuch nach dem anderen beging. Wie gut, wie wunderbar scharf hatte er die Logik meines Falles durchschaut und mir meine Schwächen vor Augen geführt.

— Deine Anwältin bekam doch ihr Geld vom Staat und es konnte ihr daher völlig egal sein, was sie daherfaselt. Sie haben Dich alle hereingelegt. Und Du hast es mit Dir machen lassen, wie ein Schaf! So bringst Du Deine Sache doch nicht voran. Wem hast Du denn einen Dienst erwiesen mit Deinem verdammten Defaitismus?

Letzteres hatte er fast geschrieen, so aufgebracht war er.

Was er sagte, stimmte mich sehr nachdenklich und ich hatte es ihm zu verdanken, zum ersten Mal in ganz anderer Weise über meinen Fall zu denken. Ich sah nun, dass man wahrhaft geteilter Meinung sein konnte in meiner Affäre und dass alles bei weitem nicht so schwarz–weiß war, wie man es immer wieder dargestellt hatte.

Endlich bekam ich nun auch Post und Besuche.

Ein befreundeter Jurist und forensischer Experte schrieb mir nun und stimmte zu, dass die Qualifizierung einer Masturbation auf den Hintern eines dreijährigen Jungen keinesfalls eine anale Vergewaltigung darstelle und unter keinen Umständen und in keiner Jurisdiktion als solche interpretiert werden könne, da dies den Grundsatz der Tatbestandsgenauigkeit im Strafrecht, also des nulla poena sine lege offensichtlich verletze. Die Richter hätten in meinem Fall insoweit eine unzulässige Tatbestandserweiterung vorgenommen, die vor dem Verfassungshof angreifbar gewesen wäre, hätte ich das Verfahren bis zum höchsten Gericht geführt.

Meine andere Argumentation im Verfahren jedoch, dass es ohnehin nicht möglich sei, ein dreijähriges Kind anal zu penetrieren, sei unrichtig, da in mehreren klinischen Untersuchungen festgestellt worden sei, dass auch sehr kleine Kinder anal penetriert werden können und bei etwas Vorbereitung und genügend Vaseline, sogar weitgehend schmerzlos. Ich konnte darauf nichts antworten, weil es mir an praktischer Erfahrung insoweit mangelte. Ich wusste es einfach nicht.

Auch ein Soziologe von der Universität Rom hatte von meinem Fall erfahren und war sehr interessiert in mehr Information. Er schreibe ein Buch über gewaltlose Pädophilie und ich könne ihm gutes Material liefern dafür. Auf den Rat des I Ging verzichtete ich jedoch geflissentlich darauf, ihm zu antworten.

Nun kamen auch meine Eltern zu Besuch, zunächst mein Vater, und sagte:

— In gewisser Weise bewundere ich Dich! Ich hätte mich umgebracht schon während der ersten Tage. Ich habe niemals von einem ähnlichen Skandal gehört, der so wenig auf Tatsachen beruhte, wie der Deine.

Meine Mutter und ihr Lebensgefährte waren entsetzt und sprachlos, als ich ihnen Einzelheiten des Verfahrens erzählte. Sie hatten fast nichts erfahren, da meine Anwältin angeblich aus Zeitmangel so gut wie nichts an sie berichtet hatte.

Meine Mutter wollte sogleich finanziell helfen, aber die Gefängnisleitung untersagte es ihr ausdrücklich. Ich verdiene mein eigenes Geld, und könne mir davon das in Geschäften in Genova und Firenze bestellen, was ich neben dem (recht guten) Essen benötige, aber es sei ihr erlaubt, nicht–pekuniäre Geschenke zu machen. Sie kaufte mir also einen Computer und ich freute mich wie ein Kind, als er mir in die Zelle geliefert wurde.

Ich erhielt nun auch regelmäßig Besuche von Gil, einem Arzt, der homosexuell war und der mir über Gianna bekannt gemacht worden war.

Dr. Gil liebte es, lange Briefe zu schreiben und ich las seinen recht literarischen Stil mit großem Vergnügen. Unsere Gespräche bereicherten mein Leben ungemein.

Gil hatte selbst eine böse Affäre hinter sich, wo man ihn wegen angeblicher Vergewaltigung von Jugendlichen angeklagt, aber letztlich freigesprochen hatte.

Er und Gianna drängten in mich, ein Buch über meinen Fall zu schreiben und sie würden dafür sorgen, dass es veröffentlicht werde, aber ich tat es nicht, wiederum auf Rat des I Ging.

Ich hatte nun einmal den pazifistischen Weg gewählt und wollte ihm treu bleiben, ganz einfach, weil er mehr meiner Natur entsprach.

Gil fand, ich solle jedenfalls so bleiben, wie ich sei und weder auf Gianna noch meine Mutter, noch andere hören, die mich dazu ermutigten, gegen meine Intuition zu handeln und doch den juristischen Beruf fortzusetzen.

— Bei mir ist es ähnlich, kommentierte er. Ich fühle mich wohl in jeder Art von sozialer Arbeit, sei es mit Jugendlichen, sei es Gefangenenbetreuung, oder ich könnte mir vorstellen, mit behinderten Kindern zu arbeiten. Aber der Arztberuf ist für mich ein reiner Brotberuf und ich finde daran nichts, was mich wirklich erfüllt.

Er meinte, ich sei der ideale Erzieher und solle vielleicht nach meiner Freilassung zunächst in der Erwachsenenbildung arbeiten und erst nachdem meine Eintragung im Strafregister erloschen sei, wieder mit Kindern.

Über Gil lernte ich Carlo und Pierre kennen, die wie Gil zu einer Gruppe von spirituell orientierten Menschen gehörten, die regelmäßig Gefangene betreuten.

Es waren zwei sehr interessante Männer. Carlo hatte fast die ganze Welt bereist und unglaubliche Dinge erlebt. Wenn Carlo zu Besuch kam, konnte ich für zwei Stunden meinen Gefängnisalltag für einen Moment völlig vergessen, so faszinierend war es, ihm zuzuhören.

Carlo war durch weit Schlimmeres gegangen als ich in meiner Affäre und seine Präsenz füllte mich mit wahrer Demut.

Dieser Mann hatte Unglaubliches geleistet! Und dabei hatte er die Passion fürs Leben nicht verloren, und niemals den arroganten Hass entwickelt, mit dem sich viele gegen das Leben blockieren, die oft auf die Nase gefallen sind.

Pierre war Ernährungsberater und Ökologe und hatte immenses Wissen um die Natur und holistische Ernährung und gesunde Lebensweise. Er strahlte einen Frieden aus, den ich noch selten in der Präsenz einer Person gefühlt hatte.

Und zwei bekannten Buchautoren hatte ich geschrieben, Alice Miller und einer bekannten Astrologin. Alice Miller antwortete mir nicht, aber die Astrologin zeigte sich interessiert an meinem Fall und ich war bereit, ihr hohes Honorar zu zahlen für eine astrologische Beratung. Sie kam mit ihrem Mann und ihre ersten Worte waren:

— Sie haben das Horoskop eines Terroristen!

Als ihr Mann sie errötend darauf hinwies, sie irre sich in meiner Person, verbesserte sie sich:

— Ich meine natürlich, sie haben das Horoskop eines Pädophilen, der wie ein Terrorist der Moral angesehen wird!

Dann schluckte sie und meinte fast zitternd, mein Horoskop strotze geradezu von Gewalt, aber ihr Mann, der ebenfalls Astrologe war, widersprach ihr vehement und die beiden gerieten in ein Wortgefecht und diskutierten so heftig, dass die Wärter grinsend zu unserem Tisch blickten.

Schließlich sagte ihr Mann:

— Meine Frau, wenn sie meint, Sie seien extrem als Mensch, sollte zugeben, dass sie gerade so extrem ist wie sie. Sie isst nur kalt und Rohkost und bezeichnet jeden als Schwein, der warmes Essen bevorzugt und Fleisch isst. Deswegen bin ich eben ein Schwein …

Woraufhin sie meinte, er verstehe von all diesen spirituellen Dingen nichts. Sie fühle schließlich von Kindesbeinen an die Energien und spüre in der Präsenz einer Person schon fast sein Horoskop. Sie sei eine paranormale Astrologin.

Ich fand sie zu Tode langweilig und dazu kalt und arrogant, und voller Angst, und war froh, als sie weg waren. Das horrende Honorar bereute ich bitter, da ich es hart verdient hatte. Doch ihren Mann behielt ich in guter und warmer Erinnerung!

Die letzten acht Monate verbrachte ich in einem Wechselbad von harmonischen Freundschaften, vielfältigem Austausch und Privilegien einerseits, und den größten und gefährlichsten Anfeindungen andererseits.

Enrico hatte es sage und schreibe durchgesetzt, dass die Behörden einen Yamaha–Flügel für den Musikraum kauften und ich wurde offiziell als Leiter des Musikateliers ernannt.

Nun war ich Direktor der Bibliothek und Leiter des Musikateliers und hatte eine eigene Band, und wir traten bisweilen auf für den Fernsehkanal und spielten Schlager. Die beiden Geistlichen kamen ihrerseits auf mich zu und baten mich, die Orgel für die Sonntagsmesse zu spielen, wenn der Organist erkrankt war.

Zweimal die Woche konnte ich abends stundenlang auf dem Flügel spielen, oder auf der Orgel, und man gab mir sogar einen Klavierschüler, einen jungen Iraner, mit dem ich mich lange zuvor angefreundet hatte, da die Gruppe der Iraner zu meinen besten Freunden überhaupt gehörte.

Neunte Szene

Missglückter Anschlag

Eines Tages jedoch hatte ich ein mulmiges Gefühl, als ein relativ junger Italiener die Bibliothek betrat und mir eigenartige Fragen stellte, die meinen Fall und meine Person betrafen. Bevor er ging, sagte er klar und deutlich:

— Die Zeit ist reif, dass dir eine Lektion erteilt wird, aber diesmal eine, die du nicht vergessen wirst!

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich fühlte, dass der Kerl nicht gespaßt hatte, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich mich schützen konnte. Und so betete ich und affirmierte, dass ich geschützt sei und mir nichts geschehen könne, das nicht mit den Prinzipien der Liebe und Harmonie vereinbar sei.

Ich hatte den Vorfall fast vergessen, da betrat derselbe Gefangene eines morgens die Bibliothek, beide Arme in Gips vor sich hinhaltend.

— Was ist dir denn zugestoßen? fragte ich naiv, und stellte fest, dass sein Gesichtsausdruck sich total verändert hatte, so als sei er nicht mehr dieselbe Person, die er vordem gewesen war. So etwas wie Licht stand auf seiner Stirn und seine Augen strahlten.

— Ich … werde Dir alles erklären, sagte er leise, aber Du musst mir hoch und heilig versprechen, dass Du niemandem, absolut niemandem hier mitteilst, was ich Dir jetzt sage.

Ich nickte und er fuhr nach kurzer Pause fort:

— Wir … hatten Dir eine Falle gestellt. Alles war metikulös vorbereitet. Ich weiß, Du wirst mich hassen für all das, aber es ist die Wahrheit. Wir hatten Dich umbringen wollen. Denn Du hast hier viel mehr Feinde, als Du wohl ahnst. Und ich hatte alles organisiert. Ich war gewissermaßen der, der alles organisierte. Ich schäme mich furchtbar für all das, aber ich muss es mir von der Seele reden.

Er hielt inne und wartete offenbar, dass ich etwas entgegne, aber als er wahrnahm, dass ich schwieg und ihn nur mit großen Augen ansah, fuhr er fort:

— Es klingt unglaublich, aber es ist wahr. Wir hatten alles bis ins Detail geplant, aber an dem Tag, den wir festgesetzt hatten, kamst Du nicht in die Bibliothek. Meine Freunde sagten aufgeschoben ist nicht aufgehoben und wir planten einen neuen Holdup.

Aber den nächsten Tag hatte ich Urlaub, denn wie Du weißt, bin ich bereits im erleichterten Vollzug. Und da brach ich mir beide Arme in einem Unfall mit dem Motorroller.

Ich wurde ins Krankenhaus gebracht und aus unerfindlichem Grund musste ich diesen Tag ständig an Dich denken. Und in der folgenden Nacht hatte ich einen sehr klaren Traum.

Es war eigentlich kein Traum, sondern eine Art von Vision. Ein Engel begegnete mir in diesem Traum und warf mir vor, gegen Dich etwas Böses unternehmen zu wollen. Er sagte, Du seist ein Prophet und unter dem Schutz des Höchsten und ich hätte mir beide Arme gebrochen als Warnung, eine Missetat gegen Dich zu unternehmen.

Ich konnte eine Weile nichts reden. Ich glaubte zu träumen. Ich konnte es nicht glauben. Dieser junge Mann war nicht der Typ, etwas daherzufaseln und er war auch kein Angeber, und schon gar kein religiöser Spinner. Er war Atheist. Und umso mehr hatte der Traum ihn durchgerüttelt.

Als er sah, dass ich nichts antwortete, sagte er leise:

— Bitte verzeih mir!

Ich nickte und er drehte sich schnell um und verließ die Bibliothek. Ich habe ihn niemals wiedergesehen.

Zehnte Szene

Die Ermordung des Abdul A.

Bald darauf wurde ein Nigerianer namens Abdul A. eingeliefert, der einiges Aufsehen erregte, da er fast zwei Meter groß, bärenstark und von nobler Abkunft war in seinem Lande und verlangte, dass man ihm einen gewissen Respekt bezeugte.

Ich hatte mich auf der Stelle angefreundet mit ihm und widmete ihm soviel Zeit und Interesse, wie ich konnte, weil er intelligent war und ein sehr kultiviertes Italienisch sprach.

Es war offensichtlich, dass er aus gutem Hause kam und eine sorgsame Erziehung genossen hatte.

Doch hatte ich von Anfang an ein mulmiges Gefühl wegen seiner stolzen und bisweilen herrischen Art, die mich selbst nicht störte, aber die gewissen anderen Insassen bös aufstoßen könnte.

Ich warnte ihn deswegen in vorsichtiger und höflicher Weise, aber er lächelte nur und meinte, ich sei zu rührend besorgt um ihn und er habe das nicht nötig. Er könne sich schon selbst verteidigen, wenn es notwendig sei.

Es war dies während der heißesten Periode des Sommers. Ich spürte mit jedem Tag, dass etwas Unerwartetes geschehen würde. Ich hatte eigenartige Träume und mein Angstgefühl nahm täglich zu.

Die Spannung stieg unter den Häftlingen, aber ich verstand nicht warum. Jeder war gereizt und die Hitze fast unerträglich. Und eines Nachmittags war mein Unwohlsein auf dem Höhepunkt und blieb, entgegen meiner Gewohnheit in der Zelle und verzichtete auf den Spaziergang.

In Gedanken am Fenster stehend und mich geradezu erstaunend über die Wellen von Hitze, die über den Rasen liefen, wurde ich Zeuge einer Szene, die sich mir unvergesslich eingeprägt hat.

Ich sah die fußballspielenden Gefangen plötzlich auf einen zuströmen, der offenbar größer war als sie und ich sah mehrere Messer aufblitzen in der Sonne und mit einem Male fiel der große Körper hin und die Meute, wie eine Horde von Tieren, stürzte auf ihn ein und stach und stach, bis ein Schuss in die Luft, offenbar abgegeben von einem der Wärter, alle zerstieben liess.

Ich stand da wie betäubt und wusste immer noch nicht recht, was eigentlich geschehen war. Die Alarmglocken dröhnten nun durch die Hallen und jedermann schien zu rennen.

Aber den wirklichen Schock erlitt ich, als ich nach einigen Minuten die Zellentür öffnete. Da lag vor mir ein stark blutender Leichnam. Die Blutlache, in der er lag, umfasste fast zwei Meter und ich stand wie angenagelt in der Türöffnung.

— Das hatte eigentlich Dir gegolten, presste ein Gefangener nervös hervor, aber er hat ihnen als Blitzableiter gedient!

Abdul A. war ermordet worden durch vierzehn Messerhiebe.

Eine Schar von Wärtern, unterstützt von einer nationalen Elitetruppe in speziellen Anzügen stürmten das Gefängnis und wir wurden brutal in unsere Zellen gestoßen und die Türen umgehend verschlossen. Wir blieben etwa eine Woche eingesperrt.

Es war das härteste Regime, das ich erlebt habe. Wir bekamen lediglich unser Essen, aber das Gefängnis war wie tot. Noch nicht einmal der tägliche einstündige Spaziergang, wie auf der Isolier, war erlaubt.

Währenddessen wurden Zellen systematisch links gemacht.

Eigenartigerweise begannen sie auf unserer Division, aber ich sollte den Grund bald erfahren.

Abdul A. war von einer vornehmlich aus Albanern zusammengesetzten Schar von Häftlingen ermordet worden, aber es waren auch einige Italiener dabei gewesen. Und bei Angelo war die Polizei wahrhaft fündig geworden.

Angeblich wurden bei ihm Messer, Waffen und gar Bomben gefunden, die er aus Farbe und Terpentin hergestellt hatte. Ich begann zu zittern, weil ich fürchtete, dass auch meine Zelle durchsucht würde, und deswegen zerstörte ich umgehend eine Reihe von Zeichnungen, wo ich nackte kleine Mädchen in die Motive mit einzeichnete, die vor allem mit der Stadt Jerusalem zu tun hatten.

Die Serie war Der Sieg Jerusalems betitelt und es waren Szenen aus dem täglichen Leben zionistischer Israelis stilisiert dargestellt.

Ich hatte im Zeichenkurs ganz erheblich dazugelernt und war endlich in der Lage, meiner Fantasie zeichnerisch Gestalt zu verleihen. Niemand, auch nicht mein Zeichenlehrer, konnte mir erklären, warum seit dem Beginn meiner zeichnerischen Kreativität immer wieder Szenen aus dem Leben der Juden spontan vor meinen Augen entstanden.

Vor allem Rabbis und kleine nackte Mädchen waren die Themen gewesen. Leider fiel diese herrliche Kollektion meiner Angst zum Opfer.

Und das war leider nicht alles, was ich vernichtete an Werken.

Auch ein Theaterstück zerriss ich und zerstörte die Disketten, das von einer inzestuösen sexuellen Liebe zwischen einem Vater und seinem Sohn handelte und das ich in der ersten Woche meines Aufenthalts in der C.R.D.D. geschrieben hatte.

Schließlich wurde meine Angst so stark, dass ich gar ein über tausendseitiges Traumjournal dem Müll anvertraute. Hätte ich dieses Journal behalten, so wäre dieses Buch dreimal so dick und hätte vielleicht wohl höheren dokumentarischen Wert.

Der Witz war, dass meine Zelle nicht durchsucht wurde und ich alle Vorsichtsmassnahmen umsonst getroffen hatte.

Als wir nach einer Woche endlich unseren ersten Spaziergang machen konnten, atmeten wir alle auf und meine Freunde konnten es nicht glauben, wenn ich ihnen sagte, dass meine Zelle nicht durchsucht worden war.

Es schien, ich war der einzige im ganzen Gefängnis, dessen Zelle in keiner Weise berührt worden war.

In der Tat war bekannt gewesen, dass ich Abduls bester Freund gewesen war in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes, und ich fasste denn auch recht wagemutig den Entschluss, einen Nachruf auf ihn am schwarzen Brett auszuhängen, nachdem mir Angelo lakonisch bedeutet hatte, dass der Fernsehkanal die ganze Angelegenheit Abdul A. mit keinem Wort erwähnen würde.

Ich war mir der Gefahr einer solchen Handlungsweise bewusst, aber das I Ging riet mir dazu und sagte, ich würde beschützt werden. Ich vertraute darauf.

Ermutigt durch das I Ging und innerlich revoltiert über den Mord, schrieb ich nicht nur einen Nachruf, sondern rat den Tätern offen, sich bei der Justiz zu bekennen, damit nicht durch ihr Schweigen viele unschuldige Gefangene unter einem repressiveren Strafvollzug während der nächsten Monate zu leiden hätten.

Morgens früh während des Spaziergangs hängte ich den Anschlag aus, den ich mit meinem Namen und Zellennummer gezeichnet hatte. Ich hatte nichts erwartet und ausschließlich meinem Gewissen nach gehandelt. Aber was ich auslöste, war ein Sturm. Zunächst kam Angelo, sehr in Sorge:

— Ich muss wirklich sagen, dass ich Dich bewundere. Du hast einen Höllenmut, den ich nie vermutet hätte in Dir. Aber auf der anderen Seite muss ich Dir sagen, dass Du ein Wahnsinniger bist. Du wirst die Albaner gegen Dich haben und das wirst du sicher nicht überleben …

Von Angelo erfuhr ich denn auch alle Einzelheiten der Tat, die ich hier aus Vertraulichkeitsgründen nicht wiedergeben kann. Angelo war gebeten worden, an dem Holdup teilzunehmen, aber er hatte abgelehnt.

— Die italienische Gang und die albanische Gang sind immer recht gut ausgekommen miteinander. Aber hier ist eine Grenze erreicht. Ich habe mich herausgehalten, aber einige von meiner Gruppe haben doch mitgemacht. Und denen geht’s jetzt verdammt dreckig! Denn die Sache hat einen riesigen Wirbel gemacht im Land und der Direktor hat totale Repression angekündigt.

Auf meine Frage, was denn überhaupt der Grund gewesen sei für den Mord, hörte ich, dass es ein sehr banaler Anlass gewesen sei. Abdul A. sei etwas rüde angefasst worden von einem kleinen Albaner beim Fußball, und er habe lautstark den Albaner als Schwein bezeichnet. Das habe genügt

Elfte Szene

Triumph und Freilassung

Als ich am Nachmittag von der Bibliothek zurückkam, fand ich den Brief des Direktors, in welchem er mir ausdrücklich dankte für meine Aktion und mich zu meinem Mut beglückwünschte. Er schloss die kleine Note mit der Bemerkung, ich habe es jetzt wohl geschafft, in der Anstalt respektiert zu werden.

Und er, nicht Angelo, sollte Recht behalten. Zunächst einmal rief der Direktor beim Fernsehkanal an und befahl, den Nachruf im Programm abzubilden und Wort für Wort vorlesen zu lassen. Und gegen diese Anordnung von oben konnte Angelo natürlich nichts ausrichten.

Dann liess mich Dr. Salinger rufen am nächsten Morgen und überschüttete mich geradezu mit Komplimenten. Er lud mich zum Kaffee ein, was er vordem noch niemals getan hatte und sagte, die Therapie sei abgeschlossen und er sei dabei, eine besondere Eingabe an die Behörden zu formulieren, um sicherzustellen, dass ich nach Abschluss der drei Jahre ohne jede Behinderung zurück reisen könne, und er im Gutachten ausdrücklich betonen werde, dass keinerlei Nachfolgebehandlung notwendig sei.

Aber die größte Veränderung hatte stattgefunden bei der schweigenden Mehrheit der Häftlinge, die nicht direkte Freunde waren, denn letztere fanden meine Handlungsweise keineswegs überraschend, da sie mich kannten. Ich sah an den Blicken vieler, dass ich Achtung und gar eine gewisse Popularität erlangt hatte.

Aber die größte Überraschung bereitete mir Angelo.

Nicht nur lud er mich zum Kaffee ein in seine Zelle und liess keinen der anderen Italiener hinein, was er noch niemals vorher getan hatte. Er bat mich danach auch ins Atelier zu kommen und drückte mir ein Gemälde in die Hand:

— Das ist für Dich, Bernardo. Mein Abschiedsgeschenk! Es soll Dir Glück bringen.

Auf die Rückseite des Gemäldes hatte er eine Widmung geschrieben.

Ich wusste nicht, was ich sagen wollte vor Rührung, denn dies war ein außergewöhnliches Geschenk. Keinem anderen hatte er je ein Bild geschenkt, noch nicht mal seinen engsten Freunden.

— Du hast meine Kunst von Anfang an verstanden, erklärte er. Ich möchte Dir etwas sagen, was Dich vielleicht überraschen wird: wenn man so etwas wie ein Bandenführer ist, eine Rolle, die ich mein ganzes Leben lang spielte, so heißt das noch lange nicht, dass man Freunde hat. Es gibt Komplizenschaft und es gibt Freundschaft. Ich habe viele Komplizen, aber sehr wenige Freunde. Und zu den wenigen gehörst Du!

Als ich aus dem Atelier kam, erntete ich neidvolle Blicke auf der Division und die Wärter machten große Gesichter. Es kam allen unerhört war, dass Angelo, der kleine harte grausame Bankräuber aus Rom, den man nur als Mafiachef bezeichnete, zu solcher Rührung fähig war.

Manche Wärter meinten, Angelo habe den Albanern mit dieser Geste eine subtile Warnung erteilt, denn schließlich habe der Mord an einem Mitgefangenen die Komplizenschaft Italienergang–Albanergang doch empfindlich gestört und die Italienergang habe ihre Chance erblickt, wieder Oberhand zu gewinnen im gefängnisinternen Machtkampf.

Bei den Italienern hörte ich munkeln, dass es gegen Bandenmoral sei, einen Mitgefangenen zu ermorden, welcher Rasse er auch angehöre und welche Hautfarbe er auch habe. Es sei weitaus richtiger, einen Bullen umzunieten.

Und der Leiter der Albanergang, den ich nur vom Hörensagen kannte, soll schließlich zugegeben haben, man habe einen strategischen Fehler begangen mit der Tat, denn damit sei die Albanergang im Grunde gestorben.

In der Tat hatten die Wärter von da an ein sehr wachsames Auge auf sie und vieles, was vorher durchgegangen war, wurde einfach nicht mehr geduldet.

Und da der Disput mit Abdul A. beim Fußball begonnen hatte, reagierten manche Wärter allergisch, wenn in der Folge Unstimmigkeiten während des Sportes auftraten. Da wurde dann einfach die Alarmglocke geläutet und alle Mann wurden in die Zellen beordert.

Ich für meinen Teil hatte jedoch nur Vorteile von dem Moment an und fühlte keine Bedrohung mehr.

Die wenigen Albaner, die noch im Gefängnis blieben, denn die meisten hatte man transferiert oder sie waren wegen Beteiligung an dem Mord in den Dunkelzellen auf der Isolier, waren eher unscheinbar und kleinlaut, und es kam gar vor, dass mich einer von ihnen beim Spaziergang anlächelte oder um eine Zigarette bat, denn sie waren durchweg sehr arm und auch ärmlich gekleidet.

Die Italiener, obwohl ich fühlte, dass sie mich nach wie vor nicht mochten, wagten es nicht, mit der Wimper zu zucken, da Angelos Geschenk einen nachhaltigen Eindruck auf sie gemacht hatte, und keiner von ihnen es sich erlauben konnte, die Gunst ihres Rädelsführers zu verlieren. Denn so stark und arrogant sie auch in der Gruppe auftraten, so ängstlich, scheu und unsicher waren sie als Einzelne.

Fast alle meine Freunde waren Drogenhändler, außer einem jungen Schlagersänger, der wegen einer Unterschlagung ins Gefängnis kam.

Dieser war ein sehr interessanter Mann. Er war groß und dick und alle nannten ihn den Dicken. Er war Sänger von Beruf und hatte eine Reihe von Singles gemacht mit Schlagern, in denen er die Liebe mit kleinen Mädchen besang.

Zu meinem großen Erstaunen hatte dieser junge Mann niemals Probleme gehabt mit seiner Liebe und er konnte nicht verstehen, wie ich mir eine solche Suppe hatte einbrocken können.

Seiner Meinung nach war Gianna an allem Schuld gewesen und sie habe wahrscheinlich auch für meine Inhaftierung gesorgt, und der zweite Teufel sei meine Mutter gewesen. Ich widersprach ihm vehement, aber er lachte nur und schalt mich naiv.

Er hatte ein herrliches Roland Klavier in seiner Zelle, auf dem ich sehr gerne spielte, wenn ich ihn besuchen kam. Er sagte, seine Mutter habe ihn immer voll unterstützt in seiner Liebe und sie sei sehr zärtlich zu seinen kleinen Freundinnen.

Im Moment habe er eine kleine Thai von viereinhalb Jahren, die ihm alles gebe und er habe nie Probleme gehabt wegen ihr. Sie und ihre Familie seien einfach mitgekommen und wohnten in seinem Haus.

Nach und nach wurde mir klar, dass er aus reicher Familie kam und ich dachte für mich, dass es wohl doch leichter sei im Leben, wenn man ein wenig Geld auf der Kante habe.

Doch das Tollste war, als ich eines Nachmittags in die große Halle mit ihm zum Telefonieren ging und er seine kleine Freundin anrief und mit ihr allerlei Obszönitäten austauschte und schließlich erst nach mindestens zehn lautstarken Küssen einhängte.

Ich war dem Schicksal dankbar für die Gelegenheit, diesen jungen Mann kennengelernt zu haben, denn diese Begegnung, über die ich noch Monate später nachdachte, änderte einen Schaltkreis in meinem inneren Computer.

Ich hatte einfach etwas begriffen. Ich hatte begriffen, dass alles im Leben erreichbar ist, wenn man es ruhig, positiv, gelassen und freudig in Angriff nimmt, und in der Tiefe seines Herzens davon überzeugt ist. Endlich wurde mir klar, wie sehr ich selbst mein eigener Feind gewesen war über all die Jahre, wie sehr ich gerade das, was ich am meisten begehrte und am meisten liebte zurückwies, weil ich mir selbst und meinen Wünschen keinen Wert beimaß.

Die Unterhaltungen mit Ruben, meinem Freund von Paraguay, der mich oft in der Bibliothek besuchen kam, bestätigten mich voll in dieser neuen Auffassung.

Ruben war ein leicht hinkender korpulenter Weißer, dessen Vater Spanier und dessen Mutter Indianerin waren und der nun in Cochabamba, Bolivien, lebte. Er kümmerte sich um einen Stamm der Guarani Indianer, der im Aussterben begriffen war.

Von Ruben lernte ich viel über die Realität der Eingeborenen in Südamerika. Seiner Meinung nach waren die Guarani sehr viel schlechter dran als die weitaus populäreren Kechua Indianer, über die mir mein ein polnischer Freund viel erzählt hatte.

Die Guarani würden wahrhaft dahingerafft von Krankheiten, die ihnen von Weißen übertragen würden, vor allem Grippe.

Ruben riet mir an, nach meiner Freilassung in Bolivien zu leben. Er selbst liebe kleine Mädchen und lebe zusammen mit einem achtjährigen Eingeborenenmädchen, das er spaßhaft nur Mulatta nannte.

In Bolivien und Paraguay sei die Liebe mit Kindern Gang und Gäbe und es geschehe täglich, dass Eingeborenenmädchen in den Strassen vergewaltigt würden. Sie hätten niemanden, der sie schütze davor und el sexo sei eben das Wichtigste in Südamerika. Je kleiner und wehrloser eine Frau sei, umso besser.

Er selbst lehne sexuelle Gewalt ab und Mulatta liebe ihn; er habe mit ihr nur einverständliche Beziehungen, aber das sei die Ausnahme in seinem Land, wo die sexuelle Befriedigung des Mannes an erster Stelle stehe im Wertsystem und die Frau, wie alt oder jung sie auch sei, sich damit abzufinden haben, ob sie nun wolle oder nicht.

Bereits auf der Isolier war ich einem jungen Italiener begegnet, der wegen Alkoholbrennerei eine Woche in die Dunkelzelle gesperrt worden war. Er war spontan auf mich zugekommen, da er meinen Fall kannte und er mich sympathisch fand. Er sagte:

— Ich bin heterosexuell, habe aber oft sexuelle Beziehungen mit kleinen Mädchen gehabt. Es ist das Schönste, was es gibt im Leben.

Als ich ihn fragte, ob er denn nicht glaube, er sei pädophil, entgegnete er:

— Aber das sind doch idiotische Schablonen und Begriffe, die keinerlei Substanz haben! Ich liebe normalerweise erwachsene Mädchen, aber wenn ich mich verliebe in eine Kleine, so akzeptiere ich das, und wenn es gegenseitig ist, dann steht Sex nichts im Wege. Warum auch? Die Moralbegriffe der Gesellschaft sind doch wertlos, denn Liebe hat ihre eigene Moral.

Dieser junge Mann hatte mir aus dem Herzen gesprochen. Was die Liebe mit Jungen angeht, so fand ich gleichermaßen Beispiel und Belehrung, und dies durch einen weißhaarigen Iraker von Bagdad, der in Delhi lebte und aristokratischer Abstammung war.

— Die Liebe mit Jungen war in Persien immer Tradition, führte er aus in der ruhigen und sicheren Art, die ihm eigen war. Ich habe kleine Jungen geliebt seit meiner Jugendzeit und damit niemals Probleme gehabt.

Er gehörte zum Kreis meiner besten Freunde und hatte zusammen mit den anderen Irakern, Iranern und Pakistanis alles getan, um mich zu schützen vor den Albanern.

Auch mit einer anderen Gruppe von Drogenhändlern hatte ich gute Beziehungen, die mir zeigten, dass die Animosität gegenüber der Liebe mit Kindern typischerweise der westlichen Zivilisation angehört. Es war die Gruppe der Brasilianer.

Diese Männer hatten immer guten Humor und drehten meist singend und tanzend ihre Runden beim Spaziergang. Sie gingen niemals allein, denn sie hatten eine sehr starke Gruppenbindung.

Mit diesen Männern diskutierte ich nicht, da sie sehr schlecht Italienisch sprachen und ich damals noch kein Wort Brasilianisch verstand.

Aber sie signalisierten mir ihre Freundschaft und ihr Verständnis unmissverständlich durch Blicke und Körpersprache.

Auch von einem älteren Häftling von Venezuela, mit dem ich mich angefreundet hatte, erfuhr ich, dass die Liebe mit Kindern in Südamerika auf keine großen Hindernisse stoße, obwohl sie vom offiziellen Moralsystem natürlich verpönt sei, da dieses auf der christlichen Religion beruhe. Aber in ganz Lateinamerika sei die offizielle Moral ganz klar getrennt von dem, was sozusagen unterm Tisch Sache und tägliche Realität sei.

– — Bernardo, viene a Caracas … sagte er immer wieder und empfahl mir auch, Trinidad und Tobago zu besuchen.

Während der letzten drei Monate meiner Haft erlebte ich einen Gipfel schriftstellerischer und musikalischer Kreativität. Ich schrieb fieberhaft und die leichtgängige Tastatur meines neuen Computers half mir, die Texte wahrhaft aus den Fingern fließen zu lassen. Daneben pflegte ich reiche Korrespondenz.

Nun kamen mehrere Gefangene mehr oder weniger regelmäßig, um mich in Lebensfragen zu konsultieren. Ich war zu einer Art von gefängnisinternem Lebensberater geworden. Einer von den Gefangenen, die immer wieder kamen und mich um Rat fragten, war Tony, von Lissabon. Ich freundete mich an mit ihm und erhielt von ihm meine ersten Lektionen in Portugiesisch.

Tony war im Gefängnis wegen einer kleinen Diebstahlssache und hatte lediglich eine kurze Strafe von einigen Monaten abzusitzen, aber er litt unter dem Freiheitsentzug weit mehr als ich, vor allem, weil er kaum verstand, mit seinen Emotionen umzugehen.

Er meinte, Portugal sei sicher besser als Italien oder Deutschland für Kindliebe, und er gab mir seine Adresse in Lissabon.

Ein anderer, der immer wieder kam und mit dem ich oft den Spaziergang zusammen machte, war ein nicht mehr ganz junger Pakistani, der mich seinerseits einlud nach Pakistan.

Er meinte, mit kleinen Mädchen anzubändeln sei wohl recht schwierig in der islamischen Kultur, nicht jedoch mit kleinen Jungen. In Pakistan seien Besucher aus dem Westen sehr willkommen und die Kultur sei allgemein gastfrei und Eltern sähen keinerlei Inkonvenienz darin, ihre Kinder mit einem Gast vom Westen schlafen zu lassen. Alles weitere sei Sache von Diskretion und Takt.

In den letzten Wochen vor meiner Freilassung zog ich mich von Aktivitäten ausserhalb meiner Bibliotheksarbeit mehr und mehr zurück, so intensiv war ich mit der Redaktion meiner Schriften befasst.

Nach Abschluss eines sechsmonatigen Kurses in Informatik, hatte ich es gelernt, mit Turbo Pascal zu programmieren und bastelte nach erfolgreichem Abschluss der Psychologie–Software für Enrico an anderen kleinen Programmen. Innerlich bereitete ich mich auf meine Haftentlassung vor.

Meine Familie zahlte alle Verfahrenskosten und Gefängnistarif ohne Verzögerung, was bei den Behörden so etwas wie Überraschung auslöste.

Enrico meinte anerkennend, ein solches Verhalten sei sehr selten im Strafvollzug und werde sicher positiv gewertet werden.

Aber trotz alledem, während ich im Urteil eine Landesverweisung von fünfzehn Jahren erhielt, war die Polizei nicht bereit, ihre eigene Landesverweisung auf Lebenszeit entsprechend anzupassen. Meine Anwältin fragte mich, ob sie dagegen vorgehen solle, aber ich lehnte ab:

— Ich werde dieses Land nicht mehr betreten! schloss ich unsere letzte Unterredung und sie nickte nur schweigend und dankte für die Begleichung der Gebührenrechnung.

Auch meine Fotos und Dias, die mir, wie im Urteil ausdrücklich bestimmt, hätten zurückerstattet werden müssen, sah ich nie mehr wieder und verzichtete auch diesbezüglich auf eine Klage gegen die Justizbehörden.

Am Tage meiner Haftentlassung feierte das ganze Gefängnis und als wir meine Kisten und Kasten in den weissen Mercedes Kombi luden, sahen wir an vielen Fenstern Köpfe herausschauen und Arme winken. Beste Grüße gemischt mit Obszönitäten wurden uns nachgerufen, als wir abfuhren in eine neue Zukunft.

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